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Harry Glück

Harry Glück (1925-2016): Ein Lebenswerk als Appell

27.02.2017

Ende 2016 verstarb 91-jährig Harry Glück. Während sechs Jahrzehnten schuf er neben Büro-, Geschäfts-, Bank- und Verwaltungsbauten, Forschungsstätten, Schulen und Kindergärten, Heimen, Hotels und Feriensiedlungen vor allem 18.000 Wohnungen – und setzte mit ihnen bleibende Maßstäbe im sozialen Wohnbau.

Er war der meistbauende Architekt Österreichs – und fühlte sich Zeit seines Lebens doch nie so richtig diesem Stand zugehörig. Während die Formkünstler, wie er sie nannte, mit den jeweiligen Moden – ob Postmoderne, ob Dekonstruktivismus – kamen und gingen, sah er sich lieber als Sozialingenieur und blieb bei seinem seit den 60er Jahren entwickelten Wohnbaukonzept. Dieses leitete der 1925 in Wien geborenen und ursprünglich als Bühnenbildner tätige Harry Glück von den kommunalen Wohnhöfen der 20er und 30er Jahre ab – und sah die Großform als Schlüssel zur Lösung der Wohnungsfrage, zumal sie leistbare Mieten für viele, zusammenhängende Grünräume sowie eine reichhaltige soziale, kulturelle und kommerzielle Ausstattung erlaubt. Dafür erfand er den verrufenen Typus der Großsiedlung quasi neu.

Die Idee des Terrassenhauses

Zum einen entwickelte er die Idee des Terrassenhauses zur Serienreife und setzte sein Modell – allen voran im 90 Meter hohen Wohnpark Alt Erlaa im Süden Wiens – mustergültig um. Dabei stapelte er bis zu zwölf Geschoße so übereinander, dass jede Wohnung eine große bepflanzbare Terrasse unter freiem Himmel erhielt. Trotz hoher städtebaulicher Dichte entstand damit eine Wohnqualität, die jener im Reihenhaus mit Garten um nichts nachsteht – und den Traum vieler Städter nach dem Eigenheim im Grünen samt zweier Autos obsolet macht. Glücks ebenso effiziente wie hochwertige Bauten zeichnen sich durch eine, von der lokalen Kollegenschaft oft angefeindete Kompaktheit aus – die freilich Platz für großzügige, verkehrslose Freiräume ließ, deren Nutzbarkeit sich augenfällig vom Standard städtischer Grünhöfe abhebt.

Zufriedene Bewohner

Zum anderen nutzte Glück das Volumen seiner Bauten, um im Gebäudeinneren viele Freizeit- und Gemeinschaftseinrichtungen – und auf den Dächern geradezu luxuriöse Schwimmbäder zu verwirklichen: eine Weltneuheit im sozialen Wohnbau, die sich durch Einsparungen insbesondere in der Gebäudekonstruktion finanzierte. Damit ermöglichte der Architekt selbst in Anlagen für mehrere Tausend Menschen eine fast dörfliche Nachbarschaftlichkeit. So stehen nicht nur der niedrige Bodenverbrauch, der geringe Mobilitätsbedarf sowie die hohe Energieeffizienz selbst älterer Bauten für die Nachhaltigkeit seiner Anlagen, sondern auch das soziale Klima. Studien zufolge ist die Zufriedenheit im Wiener Wohnbau nirgends so groß wie in Häusern von Harry Glück.

Keineswegs war Glücks ganzheitliches Konzept auf Großsiedlungen beschränkt. Er übertrug seine Prinzipien des kommunikativen und freiraumbezogenen Wohnens genauso auf verdichtete Flachbausiedlungen – und bewies damit, dass nicht Größe, Höhe, Struktur oder Form einer Anlage über ein zufriedenstellendes Wohnen entscheiden, sondern die dezidierte Orientierung an den Bedürfnissen der Menschen. Diese Gesinnung scheint bei jüngeren Architekten Anklang zu finden, die den jahrzehntelang Verfemten wieder für sich entdeckten – und damit Glücks Auffassung, dass sozialer Wohnbau zuvorderst eine gesellschaftspolitische Aufgabe sei.

Autor  Reinhard Seiß

Autor:
Redaktion Architektur & Bau Forum
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