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Marta Pelegrín und Fernando Pérez: Warum weniger nicht genug ist

28.11.2016

Prozesshaftes Handeln, kollaborative Ergebnisse, Nutzerperspektive und Nachhaltigkeit mit gesundem und wirtschaftlichem Denken zeichnen das architektonische Schaffen von Marta Pelegrín und Fernando Pérez aus. Sie handeln mit einem erweiterten Verständnis von Architektur in ihrer kulturellen und gesellschaftspolitischen Dimension, poetisch und pragmatisch zugleich.

Gabriele Reiterer im Gespräch mit Marta Pelegrín und Fernando Pérez
 

Wir glauben, dass sich die Architektur als Disziplin im Laufe der Geschichte wenig verändert hat, im Gegensatz zum Beruf des Architekten, der sich in einem immer changierenden kulturellen, ökonomischen und geopolitischen gesellschaftlichen Umfeld ständig neu definieren muss.

Inmitten der Kremser Landschaft, mit herrlichem Blick auf die terrassierten Weingärten sitzen und über Architektur sprechen: Was führt Marta Pelegrín aus Sevilla und Fernando Pérez aus Durazno, Uruguay, die Gründer von ­Mediomundo arquitectos nach Österreich und vor allem nach Krems?

Für unseren Bau der Fakultät für Gesundheitswissenschaften der Universität Granada haben wir, neben zahlreichen anderen Preisen, den Daylight Space Award der Donau-Universität Krems gewonnen. Dieser Preis ist mit einem Artist in Residence Aufenthalt verbunden, den ich (Marta Pelegrin) für zwei Monate in Anspruch genommen habe. 

Das war ein Wettbewerbssieg? 
Ja, eines internationalen zweistufigen Wettbewerbs, David Chipperfield, Abalos y Herreros und andere prominente Architektenteams waren unsere Mitstreiter. Der erste Preis bedeutete, den Masterplan des Campus und den Bau der Hauptgebäude (Cruz y Ortiz Architekten) zu realisieren, die weiteren Preise umfassten die Umsetzung der Fakultät. Parallel zur Entwicklung des Masterplans haben wir als dritte Preisträger unsere Idee dieser Fakultät entwickelt. Wir waren jung, hatten noch nicht so viel gebaut. Ich erinnere mich gut, wir sind im Café vor dem Bauplatz gesessen und haben erste Skizzen gefertigt – und geredet. Die Umsetzung war ein langer Prozess. Bereits im Vorfeld führten wir ausgiebige Gespräche mit den zukünftigen Nutzern und untersuchten auch die lokalen Hersteller. Wir wollten genau wissen, was sie brauchen und was lokal produziert wird. Mittlerweile ist das Gebäude ein bekanntes Bauwerk, es ist also ein doppelt schöner Anlass, jetzt hier gemeinsam zu sitzen.

Der Daylight Award hat mir den hiesigen Aufenthalt möglich gemacht. Er kommt unserer großen architektonischen und emotionalen Affinität dem deutschsprachigen Raum gegenüber entgegen, wir haben uns ja auch an mehreren Wettbewerben in Deutschland beteiligt. (Anm.der Red.: Marta Pelegrín spricht sehr gut deutsch, im englisch geführten Interview erweisen sich beide als perfekt aufeinander eingespielte Gesprächspartner und antworten fast unisono.) Der Preis ist eine wunderbare Möglichkeit, hier zu sein und eine Anerkennung unserer Arbeitsweise, pragmatisch aber poetisch zu entwerfen. Trace­ability, also Rückverfolgbarkeit beim Bauen und Nachhaltigkeit durch gesunden und wirtschaftlichen Sachverstand, auch bei unserem Umgang mit Materialien, die so unbehandelt und rein wie möglich Verwendung finden sollen. Auch versuchen wir immer, ein Verhältnis von eins zu drei zwischen verbautem und öffentlichem Raum zu wahren. In der Fakultät gibt es großzügige Atrien zur Begegnung und Unterhaltung und einen großen Dachgarten, der mit Kräutern bepflanzt ist.

Wie lassen sich der eigene Zeit- und Ressourcenaufwand mit ausgedehntem, prozesshaftem Arbeiten verbinden? Architekten arbeiten doch unter großem zeitlichen und ökonomischen Druck?
Du musst Freude an deinem Tun haben. Das ist der Grund, warum wir so arbeiten. Das ermutigt alle Beteiligten und fließt wieder zurück. Aber natürlich gibt es generell eine prekäre Lage unter den Architekturschaffenden, und dass muss sich dringend ändern. Es darf auch keine Ausnahme, sondern es sollte eine Selbstverständlichkeit sein, einen Architekten zu engagieren. Wir lieben einen Begriff, der aus Uruguay kommt, Stadtviertelarchitekt, d. h. jedes Stadtviertel sollte nicht nur seinen Hausarzt, sondern auch seinen eigenen Architekten haben. Der kümmert sich um alle Belange. Das wäre schön. Wir planen in verschiedenen europäischen Ländern, da heißt es auch global zu agieren. Gleichzeitig ist es aber genauso wichtig, immer im Auge zu behalten, was lokal geschieht.

Ihr schreibt: „We understand architecture as a production instead as a product.“ Architektur ist mehr eine Produktion als ein Produkt? Was ist damit gemeint? Eine neue Architektengeneration? 
War es denn nicht schon immer so? 

Ich denke nicht. Der Persönlichkeitskult in der Architektur ist doch von jeher ein großes, nicht unproblematisches Thema.
Die Vision des gebauten Ergebnisses ist vielleicht eine andere. Wir sind sehr offen und haben Verständnis für ein kollaboratives Resultat, nicht nur für das einer einzigen – alles steuernden – Person. Wir alle wissen, dass es im Arbeitsprozess einfach Menschen gibt, die es besser können als man selbst. Und dass dies manchmal auch Leute sind, die nicht unbedingt selbst aus der Architektur kommen. So gesehen haben wir es durchaus mit einer neuen Architektengeneration zu tun. Die Praxis bleibt aber immer dieselbe. Wir glauben, dass sich die Architektur als Disziplin im Laufe der Geschichte wenig verändert hat, im Gegensatz zum Beruf des Architekten, der sich in einem immer changierenden kulturellen, ökonomischen und geo­politischen gesellschaftlichen Umfeld ständig neu definieren muss.

Die Cañada Rosal Bibliothek in Sevilla ist ein weiteres realisiertes Projekt?
Auch diesem Projekt liegt ein Wettbewerb zugrunde. Und auch hier sind wir zuallererst auf die Menschen zugegangen, haben im Vorfeld viele Informationen gesammelt, mit Leuten gesprochen und uns umfassend über die Anforderungen dieser Bibliothek informiert. Der Bürgermeister ist übrigens unglaublich stolz auf diese Bibliothek. Sie wurde so etwas wie eine identitätsstiftende Institution. Das ist unsere Art zu arbeiten: Wir stellen eine Vertrautheit mit dem Ort her und versuchen, die unterschiedlichsten Ebenen zu erspüren und zu erfassen. Wir arbeiten mit den zukünftigen Nutzern und berücksichtigen ihre Anforderungen und Bedürfnisse: Was die Menschen bewegt, wie sie agieren, jede Facette ist uns dabei wichtig. Dieser Prozess bildet im Vorfeld einen immens wichtigen Teil unserer Arbeit, aus dem sich der eigentliche Entwurf als logische Folge fließend entwickelt. Jedoch können wir vorher nie genau wissen, wie das zukünftige Leben dieses Gebäudes aussehen wird. Architektur fängt dann an, wenn das Bauwerk bewohnt wird.

Im San Francisco Movie Theater (Vejer de la Frontera, Cádiz) etwa hat sich nach einiger Zeit eine Radiostation eingemietet?
Der Anlass war, dass die Nutzer befanden, dass derart gute Räume nicht exklusiv nur für die Dauer der Veranstaltungen genutzt werden sollten und darüber hinaus eine Zwölf-Stunden-Nutzung vorschlugen.

Spielt etwa beim sozialen Wohnbau die Nutzerperspektive eine besondere Rolle?
Einen sozialen Wohnbau in Conil (Cádiz) haben wir auf ähnliche Art realisiert. Hier war die besondere Ausgangsituation, dass die Stadt am Meer liegt, wir aber ein Grundstück zu beplanen hatten, das ins Landesinnere schaut. Also schon einmal eine etwas verquere Voraussetzung. Es ist nicht ganz einfach, wenn man einen Wettbewerb gewinnt, denn man weiß so gut wie nichts über die zukünftigen Bewohner und ihre persönlichen Umstände. mWir haben die Bewohner dann interviewt und mit ihnen diskutiert. Dabei fanden wir zum Beispiel heraus, dass sie gerne viel draußen sitzen, vor dem Haus, auf der Straße. Jeden Morgen kommt ein Mann mit einem kleinen Lieferwagen, der Fisch verkauft. Dann kommt ein Händler mit Brot. Das heißt, es gibt so etwas wie einen Raum der Bewohner zwischen ihrem Haus und der Straße, einen halböffentlichen Raum, auf dem ein Austausch stattfindet. Dann gibt es – Kleinigkeiten vielleicht – Kinder, die draußen spielen, also viele Räume, die im täglichen Leben bedeutsam sind. Darauf wollten wir eingehen. Auch die einzelnen individuellen Wünsche haben wir versucht, so gut es ging, zu berücksichtigen. So haben wir Grundformen bereitgestellt: Gartenhäuser und Terrassen, welche die Bewohner selber weiterbauen konnten. 

Wenn Ihr Euer Entwurfsdenken beschreibt, kommen gerne Metaphern zum Einsatz. Eine leere Schublade, die gefüllt werden kann, ein Blumenkistchen, in dem man etwas zum Wachsen und Blühen bringt. Eine Banknote in ein Buch gepresst ... Woher kommt die Metaphorik? 
So arbeiten wir. Wir finden den alltäglichen Moment reizvoll und wertschätzen die kleinen Gesten, die Details, die Schönheit in den Alltag bringen. Und was macht das Alltagsleben schön? Leere Schubladen sind nichts Besonderes, aber man kann sie befüllen, dann wird es interessant. Und das mit den Geldscheinen im Buch ist eine ganz persönliche Sache. Ich habe immer gerne, um ihrer Ästhetik willen, Banknoten in den verschiedenen Währungen weltweiter Länder gesammelt und sie zwischen Buchseiten gelegt. 

Ihr zeichnet auch für das Konzept der Ausstellung „Arquitectura Dispuesta: Preposiciones Cotidianas, Architecture Set: everyday life prepositions“, im Centro Andaluz de Arte Contemporáneo C.A.A.C., dem Zentrum für Gegenwartskunst in Sevilla, verantwortlich? 
Das Zentrum befindet sich in den Räumen einer ehemaligen Kartause, später eine Keramikfabrik, die auch Walter Gropius um die Jahrhundertwende einmal besuchte. Aus dem Wunsch des Direktors nach einer Ausstellung entstand 2014 ein Veranstaltungsprogramm: Dieses Programm zeigt die Art und Weise, die Praxis des Arbeitens: Wie denkt ein Architekt, wie handelt ein Architekt, wie baut ein Architekt und last but not least, wie wird die Architektur genutzt? Wir gaben den Teilnehmern einen Tisch, ein Video, Workshops und ließen sie machen. Wir befassen uns mit dem Ort, der Umgebung, den Menschen, denn Architektur ist Hintergrund für andere Dinge, für das Leben.

Der österreichische Architekt Hermann Czech hat es einmal genauso formuliert – Architektur ist Hintergrund, alles andere ist nicht Architektur. 
Als uns der Direktor fragte, befand sich Spanien mitten in der Wirtschaftskrise. Spaniens Aufschwung in den Jahren davor war vor allem der Bau- und Immobilienwirtschaft zu verdanken. Die Preise stiegen schneller und höher, die Häuser und Wohnungen, zumindest jene, die für die Spekulation vorgesehen waren, wurden zum Teil bewusst leer gelassen, damit man sie später besser verkaufen konnte. So entstand das Phänomen der leerstehenden Spekulationsobjekte. Die Preise stiegen immer weiter, Wohnen wurde nicht mehr leistbar. Immobilienentwickler agierten weiter und Millionen Wohnungen stehen inzwischen leer.

Es gibt ganze Geisterstädte. Immobilienentwickler schulden den Banken Milliarden Euro, die wiederum mit Immobilien gesichert sind, die täglich an Wert verlieren. Wir dachten, das ist kein guter Moment, um Architektur in einer Ausstellung zu präsentieren. Architektur ist natürlich Raum und Material, aber sie hat auch eine politische, wirtschaftliche und industrielle Dimension. Die Ausstellung war übrigens auch in der ­Escola das Artes Universidad de Évora, 2015 und 2016 im Centro ­Cibeles in Madrid zu sehen.

Wie sieht es in Spanien nach der Krise aus?
Leerstehende Häuser sind in Städten und Dörfern Spaniens nach wie vor ein großes Thema. Teils sind es Zweitwohnsitze, die nur sehr wenig Zeit im Jahr bewohnt werden. Eine weitere typische Situation ist, dass viele Bauherren zu bauen beginnen, aber dann feststellen, dass sie die Wohnungen wegen der hohen Preise nicht werden verkaufen können. Sie sind fast fertiggestellt und stehen dann leer. Das ist ein Problem – es gibt ganze Städte, die gespenstisch dahindämmern. Einer unserer Workshops des Programms hat sich mit dieser Thematik befasst.

Wie ist, ganz allgemein gesprochen, die Lage für Architekten in Spanien? 
Was wir an Österreich so schätzen, ist, dass es, so anders als in Spanien, ein Bewusstsein über die kulturelle Dimension von Architektur und eine wirkliche Baukultur gibt. Viele Institutionen, Vereinigungen und Aktivitäten verbreiten und kommunizieren den Wert von Architektur. Diese Unterstützung kennen wir in Spanien nicht. 

Da war doch noch Deine Affinität zu Adolf Loos? 
Ja, definitiv. Die österreichische Architektur ist in jedem Fall vielschichtiger und detailbezogener. Interessant ist der Umgang mit (öffentlichem) Raum, der in Österreich fast mediterran ist. 

Das zu lesen, wird die österreichischen Architekten freuen. Diese Differenzierung und der elaboriert sensitive räumliche Umgang hat sicherlich mit einer Kulturgeschichte der Moderne zu tun, die in Wien und Österreich hochstehend und hochdifferenziert war. Die österreichische Moderne war weit individualistischer als etwa in Deutschland.
Was ich wirklich, nicht nur bei Adolf Loos, aber auch bei weiteren Architekten der Moderne, liebe, ist die Wertschätzung des Materials und die Fähigkeit, genuin zu denken. Loos’ Faszination für alltägliche Objekte – wunderbar sein „Lob des Salzstreuers“. Ich fand diesen Text und war davon begeistert. Loos schreibt, wie sehr er sich täglich wünscht, dass seine Speise zu wenig gesalzen ist, damit er den kleinen schlichten Salzstreuer aus Holz in die Hand nehmen und benutzen kann, um nachzusalzen.

Welches Buch liegt derzeit auf eurem Tisch?

Da gibt es Einige. Pier Vittoria Aureli, „Less ist Enough“. Besonders beschäftigt uns im Moment auch Julio Cortázar, „Clases de Literatura von 1980“. Cortázar’s Buch versammelt seine Vorträge in Berkeley von 1980. Cortazar schreibt poetisch, zugleich aber direkt und sachlich über die Konzeption seiner Texte. Für uns klingt es, als ob er nicht nur über Literatur, sondern über architektonisches Entwerfen spricht.

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