Tischlermeister Michael Steinbacher gilt als Experte für...
31.01.2006
Domherren zur Erbauung, Zechern zur Freude

Zur Tischlerei ist er gekommen wie die Jungfrau zum Kind, der Bauingenieur Friedrich Michael Steinbacher aus Hollenstein an der Ybbs im südwestlichen Niederösterreich. Aber mit seinen übrigen Fachrichtungen – Bauunternehmer, Zimmerer und Säger – passt die Tischlerei sehr gut zusammen.
Es war Ende der 80er Jahre: Dipl.-Ing. Friedrich Michael Steinbacher, in den Fußstapfen von Vater, Großvater und Urgroßvater erfolgreicher Zimmermann, Sägewerksbesitzer und Bauingenieur, muss miterleben, wie ein vielversprechender Zimmererlehrling einen schweren Mopedunfall erleidet; für den Zimmererberuf ist der Lehrling aufgrund einer zurückbleibenden Behinderung ungeeignet. Steinbacher will dem Lehrling, der ihm ans Herz gewachsen ist, dennoch eine Zukunftschance in seinem Betrieb bieten: 1990 eröffnet Steinbacher als Ergänzung zu seinen schon bestehenden Gewerben eine Tischlerei und stellt den ehemaligen Zimmererlehrling als Tischler ein.
Die meisten Aufträge in Wien
Mittlerweile beschäftigt Steinbacher in seiner Tischlerei und Zimmerei 25 Mitarbeiter, die im Vorjahr einen Umsatz von zwei Millionen Euro erwirtschaftet haben. Rund 40 Prozent des Umsatzes erzielt die Tischlerei, rund 60 Prozent die Zimmerei. 70 Prozent seines Umsatzes erwirtschaftet Steinbacher in Wien.
Als Arbeitgeber in Hollenstein hat das Familienunternehmen mittlerweile eine mehr als hundertjährige Tradition. Begonnen hat alles im Jahr 1894. Damals ließ sich der gebürtige Grestener Michael Steinbacher, Urgroßvater des jetzigen Firmeninhabers, als Zimmerermeister in Hollenstein nieder. Der Bau der Ybbstalbahn verschaffte dem jungen Unternehmer damals zahlreiche Aufträge und gute Zukunftsaussichten. Um die Jahrhundertwende nahm Michael Steinbacher ein Dampf-Sägewerk in Betrieb, und ab 1907 lieferte ein kleines Kraftwerk in der Säge elektrischen Strom an die Hollensteiner Haushalte und Betriebe. Fünf Monate vor Ausbruch des I. Weltkrieges traten die beiden Söhne Friedrich und Anton in den väterlichen Betrieb ein, der sich von nun an „Michael Steinbacher & Söhne“ nannte. Die gemeinsame Arbeit von Vater und Söhnen währte allerdings nicht lange, weil Friedrich und Anton in den Krieg ziehen mussten. Einen weiteren Rückschlag erlitt der Familienbetrieb im Jahr 1928, als Säge und Elektrizitätswerk bei einem Brand vernichtet wurden. Die Säge konnte zwar nach wenigen Wochen ihren Betrieb wieder aufnehmen, das familieneigene Elektrizitätswerk aber stellte seinen Betrieb ein.
Nach dem Tod von Michael Steinbacher übernahm 1931 der gelernte Baumeister Friedrich Steinbacher Zimmerei und Säge. Während der 30er Jahre und auch noch im II. Weltkrieg gelang es dem Unternehmer, den Betrieb aufrechtzuerhalten. Erst das Jahr 1945 hätte beinahe das Aus gebracht: In den letzten Kriegswochen legten Bomben den Bahnhof Amstetten in Schutt und Asche. Damit wurde es Steinbacher unmöglich, seine Güter auf der Bahn zu befördern. Im Mai 1945 beschlagnahmte die Rote Armee 48 LKW-Ladungen und 143 Pferdewagen mit Baumaterial, Schnitt- und Rundholz, sowie Werkzeug aus dem Betrieb der Familie Steinbacher.
Doch das Wirtschaftswunder half auch dem solcherart angeschlagenen Unternehmen wieder auf die Beine. 1949 trat der gleichnamige Sohn in den Betrieb von Friedrich Steinbacher ein. Als Friedrich Steinbacher sen. im Jahr 1962 in den Ruhestand trat, übernahm Friedrich Steinbacher jun. das Unternehmen. Im Jahr 1988 übergab er einen wohlgeordneten Betrieb an seinen Sohn Friedrich Michael.
Handwerk und Studium – gelungene Symbiose
Der mittlerweile 53jährige dreifache Familienvater hatte an der HTL Mödling gelernt und anschließend an der Technischen Universität Wien Bauingenieurswesen studiert. Ehe er 1983 in den Familienbetrieb eintrat, arbeitete er als Zivilingenieur.
„Mich interessieren ungewöhnliche und nicht alltägliche Aufgaben“, beweist Friedrich Michael Steinbacher seinen Instinkt für Geschäftsnischen. „Meine Liebe gilt dem einheimischen Holz“, bekennt der Mostviertler. „Mein Spezialgebiet sind historische Holzkonstruktionen, alte Dachkonstruktionen, vor allem in Kirchen. Tatsächlich gehören die Restaurierung alter Kirchen und der Bau neuer Kirchen zu Steinbachers Hauptaufgaben. Bisher hat er in rund 50 Kirchen in Wien und im Waldviertel gearbeitet und sieben neu konstruiert. Sein nobelster „Patient“ ist kein Geringerer als der ehrwürdige Stephansdom in Wien. Vor drei Jahren war Steinbacher an der Renovierung der Bartholomäuskapelle beteiligt, die über der Eligiuskapelle liegt und die Sitz des von Rudolf dem Stifter gegründeten Allerheiligenkapitels war, aus dem nach der Erhebung Wiens zum Bischofssitz im Jahr 1469 das Wiener Domkapitel hervorgegangen ist. Jüngst war Steinbacher an der Erweiterung des in die Vorhalle des Bischofstores eingebauten Domshops beteiligt. In der Russisch-Orthodoxen Kathedrale in Wien hat Steinbacher die alte Ikonostase versetzt. Eine besondere Herausforderung war die Errichtung einer dreißig Meter hohen Turmzwiebel für den Kirchturm in Knittelfeld.
Aber natürlich ist Steinbacher nicht nur in Kirchen tätig: Für die Ausstellung „Medienwelten“ im Wiener Technischen Museum schuf er die Einrichtung. Auch am Umbau des altehrwürdigen Café Grillparzer am Wiener Gürtel zum Inlokal „Blaustern“ war Steinbacher beteiligt: Von ihm stammen Wandverkleidungen, Tische und die Bar. Zur großen Freude der Wiener Weinfreunde wird Steinbacher im eben angebrochenen Jahr die Einrichtung des seit Jahren geschlossenen Urbanikellers in der Wiener Innenstadt Am Hof renovieren. Bis das Mobiliar wieder manch stillem (oder weniger stillem) Zecher zur Verfügung steht, wird allerdings noch etwas Wasser die Donau hinunterrinnen: Erst müssen die schon einigermaßen altersschwachen Kellergewölbe aus dem Spätmittelalter ausgebessert werden.
Im Baubereich setzt der erklärte Freund heimischer Hölzer vor allem Lärche und Buche ein. „Die Lärche hat eine wunderbare Farbe“, kommt Steinbacher ins Schwärmen, „und ist vor allem für Holzfassaden gut geeignet, weil sie witterungsbeständig ist.“ Seine Lärchen bezieht er übrigens aus der Steiermark. Bei den Buchen zeigt er sich lokalpatriotisch: Sie kommen aus dem Mostviertel.
Guter Kontakt zu Architekten
Wie es mit seinem Unternehmen weitergehen soll? „Ich will weiter meine interessanten Spezialarbeiten machen und den Namen unseres Betriebes bekannter machen“, erklärt Steinbacher. Ein besonderer Schwerpunkt seiner Unternehmenspolitik ist die Architektenbetreuung. Seiner engen Zusammenarbeit mit Architekten hat er schon manchen interessanten Auftrag zu verdanken gehabt.
Schwerpunkt seiner Tischlerarbeit sind die Sonderanfertigung von Fenstern und Türen für denkmalgeschützte Objekte und ganze Objekteinrichtungen, sowie Holzböden. Und weil Steinbacher nicht nur in Wien, sondern auch in seiner engeren niederösterreichischen Heimat tätig ist, hat er kürzlich das abgebrannte Steinbach-Schloss, ein ehemals im Besitz der Familie Rothschild befindliches Jagdschloss in Göstling an der Ybbs revitalisiert, das knapp zuvor einem Brand zum Opfer gefallen war. Für das Steinbach-Schloss lieferte Steinbacher Fenster, Türen und die Holzfassade. Ein weiteres Objekt aus Steinbachers jüngster Schaffenszeit ist das Weingut Arachon im burgenländischen Horitschon. Weniger glücklich verlief Steinbachers Engagement im Safaripark Gänserndorf vor zwei Jahren: Aufgrund der Pleite des Safariparks blieb Steinbacher auf unbezahlten Rechnungen für von ihm gelieferten Leistungen in Höhe von 175.000.- Euro sitzen – selbst für einen Betrieb seiner Größe keine Kleinigkeit. „Das Jahr 2004 war wegen der Safaripark-Pleite ein Krisenjahr“, bekennt Steinbacher. Das hindert ihn nicht, optimistisch in die Zukunft zu blicken.
„Die Zukunft der Branche wird im Baubereich immer schwieriger“, analysiert der vielseitige Unternehmer, „deshalb bewege ich mich in Nischen und Spezialbereichen – auch wenn das bedeutet, dass ich 200 Kilometer von meinem Unternehmensstandort arbeiten muss.“ Die Geschäftslage für Tischler hängt eben stark von der Baukonjunktur ab, weiß Steinbacher, deren Bewegungen mit angemessener Verzögerung für Tischler spürbar werden.
Optimismus versprüht Steinbacher auch, wenn es um den Nachwuchs der Branche angeht: „Wir haben sechs Lehrlinge im Betrieb.“ Bei der Suche nach guten Lehrlingen sieht er sich vor allem einem Konkurrenzkampf mit den höheren Schulen ausgesetzt. „Die Schulen werben ganz massiv, weil sie um ihre Schülerzahlen raufen. Es wird immer schwieriger. Früher haben sich die Lehrstellenbewerber angestellt, heute muss ich um Lehrlinge werben. Es zeichnet sich ein Engpass bei qualifiziertem Personal ab.“ Bei der „Amstettner Bildungsmeile“ wirbt Steinbacher für eine Karriere mit Lehre. Heuer haben 70 Jugendliche die Chance genutzt, seinen Betrieb zu besuchen und sich ein Bild davon zu machen, ob eine Ausbildung zum Tischler für sie in Frage kommt. Und dass Friedrich Michael Steinbacher ein Lehrherr ist, der sich um seine Lehrlinge kümmert, hat er schon unter Beweis gestellt: Sonst wäre er niemals Tischler geworden.

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