Besser gemeinsam überleben als einsam untergehen – nach diesem...
07.06.2006
Besser gemeinsam, als einsam

Wir haben nachgefragt, welche Erfahrungen sie dabei bisher gemacht haben, was sie ihren Kollegen empfehlen und wovor man sich hüten sollte.
„Kooperationen spielen für kleine und mittelständische Unternehmen künftig eine steigende Rolle“ ist folglich die wenig überraschende Einschätzung von Mag. Gernot Kammerhofer vom oberösterreichischen Möbel- und Holzbaucluster (MHC). „Seit sechs Jahren orientiert sich der MHC an den Bedürfnissen der mitwirkenden Firmen und stellt sich auf die aktuelle Situation der Branche ein. Der wesentliche Unterschied zu anderen Holz-Cluster-Initiativen in Österreich ist die Konzentration auf das Ende der Wertschöpfungskette.“
Erfolgreiche Nischenanbieter
Die aktuelle Situation der Tischlerbranche analysiert Kammerhofer so: „Nischenanbieter mit klarer Fokussierung sind sehr erfolgreich; Innovationen spielen eine entscheidende Rolle. Betriebe, die in Kooperation Zuliefer- und Handelsfunktionen übernehmen, erwirtschaften überdurchschnittliche Margen.
Die Marktsituation wird durch hohen Konkurrenzdruck und viele Mitbewerber immer schwieriger. Bei Tischlern die sich nicht klar positionieren, steigt die Vergleichbarkeit durch austauschbare Produkte. Der Verlust der Mitte führt zu einer Preisspirale nach unten. Der Kunde hat sich gewandelt, er ist erlebnisorientierter und bindungsloser als früher. Qualität ist Standard, der Kunde erwartet einen Zusatznutzen und fordert ihn auch ein. Die Schnellebigkeit nimmt zu, das führt zum Kundenwunsch nach einem raschen Genusserlebnis.“
Kooperationsprojekte sind das Kernstück der MHC-Aktivitäten. „Wie wichtig und erfolgreich diese Kompetenzbündelung für die Betriebe ist, zeigen einige gute Beispiele aus der aktuellen Clusterarbeit“, ist Kammerhofer überzeugt. „Markant ist die Anzahl der MHC-Partnerbetriebe, die in Kooperationsprojekten mitarbeiten: 270 Firmen in 64 Projekten! Mehrere designorientierte Möbellinien mit innovativen Funktionalitäten sind das Ergebnis im Möbelsektor.“ Neben den Kooperationen bemüht sich der MHC um bessere Qualifizierung und den Know-how-Transfer.
Und das Erfolgsrezept des MHC? „Es gibt kein Erfolgsrezept und keine starren Strukturen“, unterstreicht Kammerhofer, „Jede Kooperation muss sich eigenständig entwickeln. Unerlässliche Faktoren des Erfolges sind aber Kooperationsbereitschaft, Ehrlichkeit und Offenheit. Wer in einer Kooperation Erfolg haben will, muss sich dessen klar sein, dass Kooperation Partnerschaft, Ausdauer und Geduld bedeutet, Investitionsbereitschaft – und zwar sowohl, was Zeit als auch was Geld anlangt – klare Ressourcenplanung, klare Zeitplanung und Aufgabenverteilung, klare Einzelzieldefinition für die Erwartungen an die Kooperation, klare Zieldefinition für die Gruppe und klare Kommunikations- und Führungsstruktur innerhalb der Kooperationsgruppe, nicht zu vergessen eine funktionierende Selbstkontrolle.“
Erhöhte Wertschöpfung
Ähnliche Aktivitäten wie der oberösterreichische Möbel- und Holzcluster setzt die Initiative „Baumstark“ im Rahmen des Tiroler Holzclusters. „Die Gründung der Kooperation im Rahmen des Holzclusters hat sich als sehr vorteilhaft erwiesen“, zeigt sich Dipl.-Ing. Wolfram Allinger-Csollich optimistisch. „Dabei ergibt sich eine Win-Win-Situation, die zum einen aus den vorhandenen Strukturen des Holzclusters resultiert, die von der Kooperationsgruppe genutzt werden können, zum anderen aber auch daraus, dass die Gründung von Kooperationen zur Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit sowie zur Erhöhung der Wertschöpfung in Tirol ein vorrangiges Ziel des Clusters darstellt.“
Eine Besonderheit der Tiroler Initiative ist die gezielte Bearbeitung eines überschaubaren Auslandsmarktes. „Baumstark bearbeitet intensiv den englischen Markt. Der Großteil aller Aktivitäten ist derzeit darauf ausgerichtet. Es konnte bereits ein sehr gutes Kontaktnetz aufgebaut werden, welches ständig erweitert wird. Erste konkrete Projekte wurden bereits umgesetzt bzw. befinden sich gerade in der Umsetzungsphase“, resümiert Allinger-Csollich.
„Der größte Vorteil der Kooperation besteht darin, die als Gruppe definierten Ziele gemeinsam bearbeiten zu können. Insbesondere gilt dies für die Bearbeitung des Zielmarktes England, der als Einzelbetrieb aufgrund des relativ hohen finanziellen Einsatzes sowie des sehr hohen Zeitaufwandes alleine nur schwer bearbeitbar wäre. Die Kooperation Baumstark, bestehend aus 10 Mitgliedsbetrieben, schafft durch ihr gemeinsames Auftreten hierbei einen Ressourcenausgleich. Ein weiterer Vorteil der Kooperation ist auch eine nicht auf Fördergelder aufgebaute Finanzierungsstruktur. Fördergelder werden genutzt, wo es möglich ist, bilden aber nicht die Grundlage der Kooperation. Ein hoher Eigenfinanzierungsanteil ermöglicht auch einen hohen Grad an Verbindlichkeit und Motivation der Mitglieder gegenüber den Tätigkeit der Kooperation.“
Offene Gesprächsbasis
Ebenfalls in Tirol – allerdings in Osttirol – ist die Initiative „COOP/Holz“ beheimatet. Ihr Sprecher ist der Lienzer Tischlermeister Ing. Karl Pochendorfer. Für ihn ist die Ähnlichkeit der kooperierenden Unternehmer ein Schlüssel zum Erfolg: „Dadurch, dass alle beteiligten Betriebe einen ähnlichen Hintergrund haben und wir etwa alle in der gleichen ‚Altersklasse’ zwischen 30 und 40 sind, kennen wir unsere gegenseitigen Möglichkeiten sehr genau und kommunizieren direkt auf ‚gleicher Augenhöhe’.“ Aber auch Offenheit und Engagement gehören zu den Erfolgsfaktoren, unterstreicht Pochendorfer: „Sämtliche wesentliche Zahlen der Betriebe wurden offen gelegt, um ein Maximum an Vertrauen zu erreichen – die Basis schlechthin! In der ‚COOP/Holz’ sind keine Jammerer, sondern nur Kümmerer zu finden, und das erleichtert die Zusammenarbeit ungemein. Ein weiterer Aspekt ist der, dass wir auch privat einen guten Kontakt zueinander haben und einmal pro Jahr mit allen Mitarbeitern gemeinsam etwas unternehmen.“
Welchen Nutzen die Mitgliedsbetriebe aus der Kooperation ziehen? „Unsere Kooperation ist nicht nur eine Absicht zur losen Zusammenarbeit, sondern basiert auf konkreten, schriftlichen Spielregeln. Eine gemeinsame Marketingstrategie konnte leichter umgesetzt werden. Die Marke ‚COOP/Holz’ hat nach nur vier Jahren einen höheren Bekanntheitsgrad als jede einzelne Firma in unserer Region, und Werbekosten fallen durch Kostenteilung nicht so sehr ins Gewicht. Es wurden bereits gemeinsame Produkte mittels professioneller Betreuung entwickelt, etwa das ‚COOP/Zirbenbett’.
Wir konnten gemeinsam Projekte anbieten und verwirklichen, für die mein Unternehmen allein zu wenig Kapazität gehabt hätte.“ Trotz des gemeinsamen Markennamens wird die Kooperation als Unternehmen nicht operativ tätig, sondern jedes Mitgliedsunternehmen arbeitet eigenverantwortlich. Und mittlerweile schielen die Mitglieder bereits auf gemeinsame Auslandsaktivitäten: „In Zukunft wird der Export stärker ins Auge gefasst – etwa in die Schweiz oder nach Italien, ebenfalls eine Initiative, die allein nur sehr schwer zu bewältigen wäre.“
Über die gemeinsame Entwicklung von Produkten und gemeinsames Auftreten auf dem Exportmarkt geht die Kooperation bei der Vorarlberger Initiative „Faktor 8“ weit hinaus. „Ich persönlich kann bisher von sehr guten Erfahrungen berichten“, sagt der Holztechniker und Tischler Dipl.-Ing. (FH) Christof Frick. „Neben den hard-facts wie Ausstellung über die Nachhaltigkeit, Kundenveranstaltungen, Messeauftritte, Lehrlingsausbildung, Erstellung einer Lehrlingsmappe, Internetauftritt, Intranetlösung und ähnliches mehr, spielen die soft-facts, die nach innen wirkenden Faktoren, eine weitaus größere Rolle. Gerade diese weichen Faktoren werden sehr oft nicht gesehen und von außen auch nicht erkannt.“
Für Frick stellt sich die Frage: „Wie soll der Einzelne in der heutigen Informations- und Gesetzesflut noch überleben, und das noch gepaart mit dem rasanten Tempo und dem Innovationsfortschritt?“ Und er gibt sich gleich selber die Antwort: „Das gegenseitige Nutzen der Stärken, das Zusammenfügen von Synergieeffekten und das gemeinsame Erreichen der Profilierungen sind schon zentrale Vorteile. Als Einzelgänger hat man weder den nötigen Freiraum, noch den finanziellen Puffer und schon gar nicht die Motivation für letztlich wichtige Projekte wie Nachhaltigkeit, Lehrlingsausbildung, Weiterbildung oder Informationsmanagement.“ Für ihre Lehrlingsmappe hat die Initiative „Faktor 8“ übrigens den „fit-for-future“-Preis erhalten.
Synergien nutzen
Einen anderen Schwerpunkt setzt die Einkaufsgemeinschaft „de Facto“. Sie nützt die Synergien, die sich aus dem gemeinsamen Einkauf bei Zulieferern ergeben. Ing. Helmut Mitsch, stellvertretender Innungsmeister der niederösterreichischen Tischler und „de Facto“-Sprecher, kann ebenfalls nur in höchsten Tönen die Vorteile der Zusammenarbeit loben: „Unsere Erfahrungen sind gut. Die Zusammenarbeit hat sich im Laufe der Zeit eingespielt und klappt heute reibungslos. Die Mitglieder sparen Zeit und Geld, weil die Einkaufsstärke eines Verbandes naturgemäß viel größer ist, als die einer einzelnen Tischlerei. Dazu kommen noch die Vorteile in der Projektabwicklung und in der Beschaffung von Fremdmaterialien, die im modernen Möbelbau eine immer größere Rolle spielen.“
Natürlich ist in einer solch engen Kooperation nicht alles Gold, was glänzt. „Eine Gefahrenquelle liegt in der Denke der teilnehmenden Kooperationsmitglieder als Person selbst“, weiß Frick. „Das Denken im Sinne der Kooperation, im Sinne der Gruppe und ihres Interesses muss über dem Einzelinteresse stehen. Dies ist allerdings keine neue Gefahr, denn bekanntlich hat ja schon der Evangelist Matthäus in 6:24 geschrieben: ‚Niemand kann zwei Herren dienen ...’“, zeigt der Vorarlberger sich bibelfest und übt gleich auch Kritik an zweifelhaften Wirtschaftsmodellen: „Die Nachteile und Gefahren von heute – das Denken als ‚ichAG’ will das Wunder von Morgen sein!“
Sein Osttiroler Kollege Karl Pochendorfer sieht die Gefahren der Zusammenarbeit eher woanders: „Eine Kooperation in unserer Größenordnung lebt vom unmittelbaren Informationsaustausch und Kontakt. Würde dieser zum Erliegen kommen, wäre eine wesentliche Eigenschaft verloren gegangen, nämlich der geringe administrative Aufwand, bestehend aus maximal acht Sitzungen pro Jahr mit straffer Tagesordnung. Auch das Tagesgeschäft verläuft immer direkt, also per Telefon, Fax und E-mail – rank und schlank eben. Die Kooperation ist nur so stark wie der Input den alle Beteiligten einbringen und wie sie hinter ihr stehen.“
Auch Allinger-Csollich ist sich dessen bewusst, dass nicht immer Sonnenschein in einer Kooperation herrschen kann: „Die Gefahr des Scheiterns besteht natürlich immer. Mit klaren Strukturen und einem entsprechenden Engagement kann dieses Risiko allerdings minimiert werden. Vertretbare finanzielle Einsätze gewährleisten die Option eines Exit-Szenarios.
Der Nachteil des hohen Zeitaufwandes, zusätzlich zum Tagesgeschäft, sollte spätestens nach erfolgreicher Etablierung der Kooperation durch einen entsprechenden Mehrnutzen ausgeglichen werden. Bei einem entsprechenden Engagement und Identifizierung mit der Kooperation wird ein erhöhter Zeitaufwand aber nur selten als nachteilig empfunden werden.“ Und sein oberösterreichischer Cluster-Kollege Kammerhofer präzisiert:
„Das Projekt läuft dann Gefahr zu scheitern, und es kann dann die Kooperationsgruppe auseinanderbrechen, wenn einer der wesentlichen Punkte nicht erfüllt wird: Vertrauen und Ehrlichkeit innerhalb der Kooperationsgruppe, erstklassiges Projektmanagement mit klarem Projektstrukturplan, Verantwortlichkeiten und Kosten.“

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