Komponierte Möbel
13.09.2006
Komponierte Möbel

Wie ein Salzburger Tischler Josef Höllbacher die Harmonielehre in der Werkstatt anwendet.
Möbel wie Musikinstrumente – Josef Höllbacher aus dem salzburgischen Krispl baut seine Möbel nach den Grundsätzen der Harmonielehre und den Gesetzen der Resonanz.
Seit dem Jahr 1977 ist Höllbacher selbstständiger Tischler. Davor standen wie bei vielen anderen Tischlern Pflichtschule, Lehre und Meisterprüfung. Daneben aber stand das intensive Studium von Fachliteratur aus vielen Interessensgebieten. „Ich habe Fachliteratur für Tischler, Bildhauer, Zimmerer, Drechsler, Architektur, Instrumentenbau, Harmonik, Religion, Psychologie, Computerprogramme und vieles mehr verschlungen“, beschreibt der Meister seinen Lesehunger.
Und dieser Lesehunger zeigte konkrete Früchte: Josef Höllbacher kam auf die Idee, Möbel zu bauen, die er Resonanzmöbel nennt. Was man sich darunter vorzustellen hat, beschreibt der Meister folgendermaßen: „Resonanzmöbel sind Möbel deren Maßverhältnisse zwischen Länge, Breite und Höhe nach den Harmoniegesetzen der Musik gestimmt sind. Das sind Methoden die im Musikinstrumentenbau angewandt werden. Es entstehen dadurch Resonanzkörper die Schwingungen Töne - auch unhörbare - und auch Rhythmen leicht verstärken, wodurch ein angenehmes und leichtes Raumgefühl unterstützt wird. In manchen Räumen fühlt man sich einfach wohler, und das führe ich auf eine gute Abstimmung der Proportionen zurück. Manche alte Meister wussten von diesen Gesetzmäßigkeiten darum fühlt man sich zu alten Werken hingezogen.“
Mit Inspiration
Dennoch dauerte es viele Jahre, bis Höllbacher zu den Resonanzmöbeln fand. „Mein Weg zum ‚Harmonikalen Resonanzmöbel’ ist inspiriert vom Harmoniegesetz der Musik“, beschreibt er seinen Weg. „Um mein handwerkliches Können herauszufordern, habe ich 1980 beschlossen, eine Gitarre zu bauen. Ich besorgte mir dafür Fachbücher und studierte sie. Dabei wurde mir zum ersten Mal bewusst, dass Maße und ihre Verhältnisse zueinander eine ganz wesentliche Rolle spielen. Baut man zum Beispiel den Resonanzkasten eines Instrumentes nach zufälligen Maßverhältnissen, so wird der Ton einer schwingenden Saite ungleichmäßig laut vom Instrument verstärkt. Es werden einige Frequenzen verschluckt, andere wieder besonders laut hervorgehoben. So ein Instrument ist unbrauchbar. Es ist also von größter Wichtigkeit, dass jede Frequenz einen Schwingungsbereich im Resonanzkasten findet. Mir ist dabei aufgefallen, dass das, was dem Ohr gut tut, auch dem Auge gefällt, das heißt, dass bestimmte Maßverhältnisse besonders ansprechend und wohltuend sind. So bin ich auf die Idee gekommen, diese Maßverhältnisse auch bei der Konstruktion meiner Möbel zu verwenden.“
Das Resultat gefiel dem Meister: „Es entstanden harmonische, ansprechende Möbel. Anfangs errechnete ich alle Maße nach einem Schlüssel der temperierten Tonleiter. Später, nach gründlichem Studieren einschlägiger Fachliteratur, erlernte ich auch geometrische Methoden. Seit einigen Jahren weiß ich, wie man das auf zeichnerischem und musikalischem Weg erreicht. Ich hab mir dazu ein Monochord gebaut. Das ist ein Saiteninstrument
mit mehreren gleichgestimmten Saiten. Mit verschiebbaren Bünden können harmonische Längenverhältnisse abgestimmt und somit hörbar gemacht werden. Durch ganzzahliges Teilen der Saitenlängen entstehen etwa durch Teilung in
die Hälfte die Oktave, durch Teilung in zwei Drittel die Quinte, in drei Viertel die Quarte, in vier Fünftel die große und in fünf Sechstel die kleine Terz. Solche Längenverhältnisse verwende ich für Höhe, Breite, Tiefe und für jedes Detail eines Schrankes.“
Die Möbel, die Mozarts Landsmann solcherart nach dem Regelwerk baut, das die Komposition von Musikwerken entspricht, finden nicht nur im Mozartjahr und nicht nur bei Opernliebhabern Interesse. „Mein Kundenkreis geht quer durch alle Schichten“, berichtet Höllbacher, „einfach alle, die auf Gesundheit und Werkstoffen aus der Natur großen Wert legen. Zu meinen Kunden komme ich meistens durch Empfehlung und durch Kooperation mit Kollegen.“
Handwerk gefragt
„Ich sehe mich eher als Künstler als ein Unternehmer“, bekennt der Meister, der seinen Betrieb ohne Mitarbeiter als Ein-Mann- Unternehmen führt. „Ich lege Wert auf HANDwerk. Der Architekt, Einrichter und Handwerker haben meiner Meinung nach eine hohe moralische Verantwortung für das was sie den Menschen durch ihre ‚GEWERKE’ ‚antun’. Nicht alles, was wir so an Werken schaffen, tut uns gut. Wenn nur Prestige und finanzielle Interessen im Vordergrund stehen, dann hat das auch eine dementsprechende Ausstrahlung, und diese ist nicht gerade lebensfördernd.“ Und Höllbacher erweist sich als moralisch standhaft: „Skandale - viele Werbungen sind darauf aufgebaut - sind leicht unters Volk zu bringen. Aber der Gesellschaft wird ein enormer Schaden zugefügt. Mein Anliegen ist es, wirkliche Handarbeit in den Vordergrund stellen, da es ein Gefühl von Nähe und Persönlichkeit zulässt, wohingegen allzu industriell hergestellte Möbel eine unnahbare distanzierte vereinsamende Ausstrahlung bewirken. Das heißt nicht, dass ich Technik verabscheue, sondern dass sie da eingesetzt wird, wo sie das Wohl der Menschen unterstützt. Meine sämtlichen Pläne erstelle ich auf CAD. Ich finde es ist ein wunderbares Werkzeug, mit dem man Pläne ausarbeiten kann, die man ‚zu Fuß’ nur unter größten Schwierigkeiten bewerkstelligen könnte.“ Mehr alleine schaffender Künstler als Handwerker, bildet Höllbacher im eigenen Betrieb auch keine Lehrlinge aus. Außerdem wäre nach eigenem Bekunden seine Werkstatt dafür zu klein.
Aber beim Bundeslehrlingswettbewerb ist er der Coach für Salzburger Landessieger, die von ihm sicherlich manche Sichtweise kennenlernen können, die sie in ihrem Lehrbetrieb noch nicht vermittelt bekommen haben. Da er in jedem seiner Möbel eine Herausforderung sieht, sind fast alle Aufträge für ihn interessante Projekte. Als die außergewöhnlichsten seiner Laufbahn nennt Höllbacher den Abbau der 400 Jahre alten Goldeggerstube im Salzburger Landesmuseum Carolino-Augusteum und die Umgestaltung eines Bauplanes für ein neues Haus nach harmonikalen Maßverhältnissen. „Und 2005 habe ich für einen Tischlerkollegen ein umfangreiches Computerprogramm zur Erstellung von Holzlisten, Kalkulationslisten und Beschlägelisten für Kastenstockfenster erstellt“, ergänzt Höllbacher. Seine Resonanzmöbel baut Höllbacher am liebsten aus heimischen Holzarten. „Meine bevorzugten Hölzer sind Fichte, Haselfichte, Riegelahorn, Riegelbirne, Zirbe, Birke, eigentlich alle“, bekennt er.
Auch die Oberflächenbehandlung spielt für ihn eine herausragende Rolle. „Ich veredle die Oberflächen meiner Möbel nur durch Hobeln mit der Finiermaschine und mit der Hand. Durch diese Technik kommt der natürliche seidige Glanz des Holzes voll zum Tragen.
Diese glatte Oberfläche erfordert nur einen schützenden Ölüberzug, wenn eine Arbeitsfläche durch Fett beansprucht wird“, erläutert Höllbacher seine Arbeitsweise. „Geschliffene und lackierte Möbel werden mit zunehmendem Alter
unansehnlicher und ernergieloser, hingegen Möbel mit dieser gehobelten, natürlichen Oberfläche werden wertvoller und schöner.
Solche Möbel leben mit, sie bekommen eine eigene Persönlichkeit.“
Seine eigene unternehmerische Zukunft sieht Höllbacher bescheiden. „Ich will nur erreichen, dass ich weiterhin genug Arbeit habe und dass einige technische und künstlerische Herausforderungen auf mich zukommen.“ Die Zukunft des Tischlerhandwerks sieht er wenig optimistisch: „Ich denke, dass viele noch mehr in Richtung Industrie arbeiten. Einige werden sich auf Montage konzentrieren, und nur einige Wenige werden noch wirkliches Handwerk ausüben.“

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