Teil 1 der Serie beschreibt Funktionen, die der Farbgestaltung im...
07.02.2007
Semantik, Ästhetik, Psychodynamik - Architektur Farbgestaltung Teil 1
Die 6-teilige Serie, die sich am Werk des international renommierten Farbgestalters Friedrich Ernst von Garnier orientiert, stellt die Grundlagen einer Architekturfarbenlehre der Gegenwart zusammen.
Aufgaben der Farbgestaltung: nur zweckmäßig oder auch sinnvoll?
Der unkontrollierte Einsatz bunter Farben lässt sich dadurch erklären, dass es bei Farbgestaltung heute vielfach nicht um die sinnvolle und sinnhafte Farbigkeit eines Bauwerks und seine stimmungsvolle Einbindung in städtische oder dörfl iche Nachbarschaften geht, sondern dass die Farbe ein "Mittel zum Zweck ist". Während das Zweckdenken final ausgerichtet ist und sich am Nutzen einer Maßnahme orientiert, bezieht sich der Sinn einer Handlung auf ihr Motiv und ihre Bedeutung für andere Menschen. In der Diskussion über Farbe in der Architektur wird viel über ihren Nutzen, wenig über ihren Sinn gesprochen. Bezogen auf ihre zweckmäßige Funktion am Bauwerk lassen sich drei Haupt-Aufgabenfelder definieren:
1. die Semantik (Farbe bedeutet/informiert, ordnet, gliedert)
2. die Ästhetik (Farbe gefällt/bestätigt oder widerspricht Seherwartungen)
3. die Psychodynamik (Farbe stimuliert, manipuliert, lädt emotional auf)
Begründet man die Aufgabe, die die Farbgestaltung in der Architektur erfüllt, nicht durch einen außerhalb der Farbigkeit formulierten Anlass, sondern dadurch, was Farbe im Außenraum ihrem Wesen nach sein kann, so spielt Zweckdenken nur eine untergeordnete Rolle. Vielmehr geht es um die Menschen, die Farbigkeit als ein ihre Lebenswelt prägendes Element täglich in sich aufnehmen, auch unterbewusst. "Gebaute Lebenslandschaften" dürfen weder Trendprodukte noch Renditeobjekte oder Werbeanlagen sein, weil sie menschliche Lebenswelt sind, Heimat, Sozialisationsmilieu, Arbeitsumgebung und Lebensmittelpunkt für Millionen Menschen. Farbgestaltung bestimmt über das Aussehen dieser Lebenslandschaften, ihre Lichtstimmung, ihren musikalischen Klang, über sinnlichen und seelischen Reichtum, über Vertrautheit oder Fremdheit.
Zweckmäßige Funktionen: Semantik, Ästhetik, Psychodynamik Semantik
Auf der semantischen Ebene wird Farbe als Zeichen (Signalgeber) verwendet. Die Bedeutung des Zeichens liegt außerhalb der Farbe, nämlich in dem Bezeichneten. Einen Prototypen semantischer Farbverwendung stellen die Nationalfl aggen dar. Jede spezielle Kombination von Farben und Mustern "bedeutet" ein spezielles Land. Auch Verkehrszeichen sind ausgeprägte Beispiele für den semantischen Einsatz von Farbe. Blau für Gebote, Rot für Verbote. Stets werden Farben wie Vokabeln gelesen, deren Bedeutung man zuvor gelernt hat. Auch die Farben der "corporate identity" (Firmenfarben) sind Vokabeln in einem semantischen Zusammenhang. Auf einer Fassade umgesetzt, haben sie allein die Aufgabe, das Unternehmen zu repräsentieren, und darum erscheinen die Farben eines Unternehmens unübersehbar an den meisten Fassaden der Gebäude, die es nutzt - ohne dass berücksichtigt wird, ob die Farben zum Stil der Gebäude, ihrer Formensprache, Materialität und ihren Nachbarschaften passen. Auch die Fassadenabschnitte in grellbunten Tönen sind meistens nicht aus einer stimmungshaften Wirkung der jeweiligen Farben abgeleitet, sondern wollen nur darauf hinweisen, dass hier ein auffälliges, wichtiges Gebäude steht, das niemand übersehen sollte (und dessen Bauherr sich selbst darstellen möchte). Das Haus macht durch die Farbe gewissermaßen Reklame für sich selbst. Die Farbe bezeichnet das Haus. Sie meint nicht sich selbst, sie verweist auf die Wand, an der sie erscheint. Die einfachste Form der Semantik besteht darin, mit unterschiedlichen Farben unterschiedliche Dinge zu kennzeichnen und dadurch zum Ausdruck zu bringen, dass das eine vom anderen abgegrenzt ist, zum Beispiel: Rechts steht der (graue) Altbau, links der (rote) Neubau, davor eine (blaue) Säule. "Farbe macht Architektur lesbar", ist eine viel verwendete Bezeichnung für diese bunte Lego-Stein-Philosophie. Semantik beruht auf dem Prinzip der Vereinfachung. Nur durch Vereinfachung kann etwas zum Zeichen werden. Die Zeichen-Bedeutung einer Farbe geht manchmal an ihrem eigenen Ausdruckswert völlig vorbei: Rot, Blau, Grün, Gelb interessieren nur, weil sie jeweils anders sind, nicht weil sie über charakteristische Qualitäten verfügen. Je größer der Unterschied zwischen zwei Farben, desto besser eignen sie sich, als unterscheidbare Signalgeber eingesetzt zu werden. Wie später zu zeigen sein wird, entfaltet sich die Wirkung von Farbklängen, die dem Menschen als vertraut und natürlich erscheinen, am besten durch fein abgestimmte Beziehungen der Farbnuancen zueinander. Klanghafte, stimmungsvolle Farbigkeit und Semantik sind sich im Grundsatz fremd. Denn je schriller eine Farbzusammenstellung, umso besser ist sie als Signalgeber, als Hinweis auf und als Stellvertreter für etwas anderes, dessen Wirklichkeit außerhalb der Farbigkeit existiert.

Der Design-Freak liebt es bunt: Er findet seine Streifen einfach nur hip.
Die ästhetische Funktion bedeutet, dass Farbe nach den Kriterien ihres schönen Aussehens eingesetzt wird. "Schön" ist die Farbe, wenn sie dem Auftraggeber, dem Nutzer, der Mehrheit usw. gefällt. Hier lässt sich endlos debattieren, da Geschmack keine Angelegenheit rationaler Argumentation ist, über die auf dem Weg der Logik Einigkeit herzustellen wäre. Was Menschen als schön empfinden, ist vom Zeitgeschmack abhängig. Trendzyklen sind je nach der "Lebensdauer" einer Produktgruppe unterschiedlich lang, und reichen von jahreszeitlichen Wechseln der Mode über die im Mehrjahresrhythmus wechselnden Farbpräferenzen für Autos und Inneneinrichtungen bis hin zu den Geschmacksverschiebungen in der Architektur, die in der Größenordnung von Jahrzehnten stattfi nden. Die Devise "Erlaubt ist, was gefällt" gestattet jedem, dem eigenen Schönheitsideal zu folgen. Hat ein Doppelhaus zwei Eigentümer, ist es zuweilen zweifarbig gestrichen: der linke Teil zum Beispiel ockergelb, der rechte dunkelblau, gemäß der jeweiligen Lieblingsfarbe. Doch was als Gesamtbild entsteht, dürfte keinem so recht behagen. Dieselbe "künstlerische Freiheit" wird Gestaltern zugestanden, die Häuser mit atemberaubenden Designs überziehen, ohne der Nachbarschaft, dem Dorf- oder Straßenbild und den Wahrnehmungsbedürfnissen von Nutzern und Anwohnern Rechenschaft ablegen zu müssen. Man handelt, als sei der gemeinsame Luftraum die Angelegenheit Einzelner und unterliege keiner sozialen Kontrolle und Verantwortung. Im Gegensatz zur Kunst, die ein freiwilliger Genuss ist, lässt sich aber meistens der Weg zur eigenen Wohnung, das Gebäude, in dem man arbeitet oder der Blick aus dem Fenster nicht frei wählen. Im Rahmen von Architekturfarbgestaltung ist freie Kunst oft nicht sozialfähig und kann regelrecht zum Diktator werden.
Psychodynamik
Mit Psychodynamik wird auf die psychischen Vorgänge abgezielt, die beim Sehen von Farben wachgerufen werden. Farben lösen Stimmungen und Anmutungen aus. Sie können stimulieren und motivieren, anregen und beruhigen, wärmen und kühlen. Durch seine Farbigkeit kann ein Gebäude edel erscheinen und Nobilität verbreiten, aber auch trivial oder alltäglich wirken und vieles mehr. Während die Semantik von etwas ausgeht, das außerhalb der Farbe liegt (und auf das durch Farbe hingewiesen wird), die Ästhetik an Zeitgeschmack und individuelle Präferenzen anknüpft, hat es die Psychodynamik mit den ureigenen Möglichkeiten von Farbe zu tun, Menschen in ihren Empfindungen und ihrem Lebensgefühl anzusprechen. Insofern Psychodynamik lediglich dazu eingesetzt wird, um Menschen zu beeinflussen oder zu manipulieren, ist Farbe auch hier ein Mittel zum Zweck. Das Potenzial der Farbe, atmosphärische Wirkungen im Raum zu entfalten, kann jedoch auch ohne das Verfolgen von Sonderinteressen, rein um einer sinnvollen, sinnhaften Farb- und Lichtstimmung willen fruchtbar gemacht werden. Wo Farbe hilft, nicht vorrangig zweckdienliche, sondern menschenwürdige Umgebungen herzustellen, ist sie nicht das "Mittel zum Zweck", sondern Farbigkeit selbst wird zum Motiv der Gestaltung.

Die Farbfunktion „Psychodynamik“ arbeitet mit Anmutungsqualitäten: Das Gebäude soll durch markante Härte Überlegenheit demonstrieren und Respekt einflößen.
Die dreidimensionalen Computervisualisierungen zu diesem Aufsatz zeigen ein Gebäude unserer Zeit in verschiedenen farblichen Fassungen: An den Anblick solcher Gebäude haben wir uns gewöhnt. Die Beliebigkeit im Umgang mit Farbe ist zur allgemeinen Regel geworden, und bei Farbgestaltungswettbewerben gewinnen immer wieder vergleichbare Lösungen erste Preise. Aber es geht dabei gar nicht um die Farbe, es geht um den Zweck, den man verfolgt! So unterschiedlich wie die Zwecke, so unterschiedlich werden die Farbgestaltungen aussehen. Farbe gestalten ist etwas viel Größeres als das Aufpeppen einzelner Gebäude. Im Computerbild oder Foto schiebt es sich in den Vordergrund und wird zum beliebig änderbaren Designobjekt. Dieser Stellenwert darf ihm in Wirklichkeit nicht zukommen. Im realen Leben geht es um den gesamten Raum, von dem das Gebäude ein Teil ist, und dessen Stimmung durch Farbe maßgeblich geprägt wird. Das isolierte Gebäude ist für den Farbgestalter nicht die Hauptsache. Es ist ein Teil des Ganzen, dessen Atmosphäre durch die Farbigkeit seiner Wände mit gestaltet wird.
Der Autor

Artikel aus: Color 1/2/07, S. 10ff.
Das Buch
Mit Beiträgen von Jürgen Opitz.
256 Seiten, mehr als 300 Farbabbildungen, Hardcover, 69,90 €
Erscheint im Mai 2007 bei der Anton Siegl Fachbuchhandlung, München
*ISBN-10:* 3935643357*
ISBN-13:* 978-3935643351

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