Seit Jahrtausenden lebt der Mensch mit den vertrauten...
22.03.2007
Die Lichtstimmung - Architektur Farbgestaltung Teil 2
Friedrich Ernst von Garnier und die „Organische Farbigkeit“
„Vertraut ist das Gegenteil von modern“, so Friedrich Ernst von Garnier, der zurzeit international wohl erfolgreichste Farbgestalter, der bereits seit den 1970er-Jahren darauf hinweist, wie wichtig es ist, „gebaute Lebenslandschaften“ klanghaft farbig zu gestalten, um dem Menschen Vertrautheit, emotionale Sicherheit und Stärkung sowie persönliche Bezugnahme zu vermitteln. Von Garnier, an dessen Werk sich diese Artikelserie orientiert, sieht als Farbgestalter in der Gebäudehülle nicht den Abschluss eines Bauwerks, sondern den Ausgangspunkt, von dem aus es in den Raum hinein strahlt und dessen Atmosphäre verändert. Zwar prägt Farbgestaltung auch die Erscheinung des Bauwerks selbst, dessen Wände sie als Reflektoren nutzt; mehr noch prägt sie den Raum zwischen den Wänden, in denen Menschen leben, und den sie stimmungsmäßig charakterisiert. Von Garnier hat den Begriff der „Organischen Farbigkeit“ geprägt, womit er zum Ausdruck bringt, dass Farbgestaltung die Räume, aus denen die Natur durch die Bautätigkeit des Menschen verdrängt wurde, durch eine klangvolle, atmosphärentragende Farbigkeit beseelt. Das Ziel Organischer Farbgestaltung ist nicht, Natur wiederherzustellen, sondern dem Raum vertraute seelische Qualitäten zu geben, ohne die der Mensch auf Dauer nicht lebensfähig ist, und die allein aus der Intellektualität gebauter Zwecklandschaften nicht bezogen werden können. „Wo die Natur ihre Farbigkeit dauerhaft verliert, wird sie karg und unwirtlich“, so v. Garnier, „Architektur ohne Farbe kann im Einzelfall elegant und reizvoll sein. In unkontrollierter Menge jedoch spiegelt sie Unwirtlichkeit und Menschenferne.“ Das Knallbunte jedoch ist keine Alternative zum Farblosen, denn es geht nicht um hemmungslose Selbstdarstellung, sondern um die atmosphärische Integration des Gebäudes in seine Umgebung. „Klangvolle Farbigkeit“ an Fassaden bzw. Gebäudehüllen zu entwickeln setzt voraus, dass man Bezug auf die Umgebung und auf ihre Lichtstimmung nimmt.

Bemalter Beton: Farbe braucht kleine Flächen, um Klang zu entwickeln. Der Klang nimmt Beziehung zur Umgebung auf und macht das Bauwerk „dialogfähig“: Statt einseitiger Selbstdarstellung geht es um differenzierte Nachbarschaft.
In der Natur tritt keine Farbe isoliert auf, sondern steht immer in einem Wechselspiel mit anderen Farben. Im Bild einer Landschaft entwickelt sich dieses Farbenspiel zwischen den Körperfarben (die vor allem durch die geografische Lage, entsprechende Gesteine, Böden, Vegetation etc. gegeben sind) und dem Licht, das die Körperfarben sichtbar macht. Die Gesamtheit des farbigen Eindrucks soll Lichtstimmung genannt werden. Sie ist um 7 Uhr morgens anders als um 11 Uhr vormittags, das „Licht der Toskana“ webt in anderen Farbnuancen als das des Schwarzwaldes, und unter Birken herrscht eine andere Stimmung als unter Kastanien.
Innerhalb einer Lichtstimmung sind alle Farben miteinander verwandt. Dieses verwandtschaftliche Zusammenklingen beruht auf verschiedenen Gesetzmäßigkeiten, die bereits zur Zeit des Impressionismus entdeckt und beschrieben wurden:
1. Die Körperfarbe fast aller Naturdinge ist polychrom abgestuft.
2. Sie wird nach Art des Beleuchtungslichts (seiner Farbe, Intensität, Ausbreitung) eingefärbt.
3. Gegenstände reflektieren Licht, verändern es gemäß ihrer Eigenfarbe und beleuchten so andere Dinge farbig.
4. Die Farberscheinung ändert sich mit dem Einfallswinkel des Lichts, dabei erscheint die Eigenfarbe aufgehellt (verweißlicht) bzw. abgedunkelt (vergraut), bis hin zu Weiß und Schwarz.
5. Gegenstände werfen Schatten auf andere Gegenstände, die nicht nur zur Abdunklung deren farbiger Oberfläche führen, sondern auch zur Beleuchtungsfarbe komplementäre Nuancen mit ins Spiel bringen („farbig Schatten“).
6. Je nach Blickrichtung, Betrachterabstand, Betrachtungsdauer und anderer Variablen im Wahrnehmungsvorgang ändert sich der farbige Eindruck einer Szenerie.
7. Ein steter Wechsel in der Zeit entzieht sich ebenso einer genauen Beschreibung wie unzählige Bewegungs-, Kontrast- und Überlagerungsphänomene.
Die Lichtstimmung unserer Städte ist meistens monoton grau – oder übertrieben bunt! Das hat damit zu tun, dass schon bei der Auswahl der Farbtöne kein Bezug genommen wird auf die oben genannten Gesetzmäßigkeiten, nach denen natürliche Lichtstimmungen entstehen. Die Bildreihe 1 (im Heft Color 03/07 abgebildet) veranschaulichen das Prinzip, wie aus einer natürlichen Lichtstimmung eine Farbauswahl (Farbpalette) entwickelt werden kann.

Die blaue Stunde: Farbveränderungen im Abendlicht einer bläulich monochromen und einer polychromen Fassade. Während bei der Lichtänderung die monochrome Fassade flach wirkt und ihren Farbcharakter verliert, bleiben Struktur und Ausdruck der polychromen Fassade weit gehend erhalten.
Der Prozess „von der Lichtstimmung zur Farbpalette“ wird durch die farbigen Wände eine Bauwerks umgekehrt. Das Bauwerk selbst ist ein Teil einer Landschaft, der industriellen, dörflichen oder städtischen Umgebung, und seine Wände sind Reflektoren für Licht im Raum: Sie wirken zurück auf die Lichtstimmung, sie tragen maßgeblich dazu bei, die Lichtstimmung des Raums zu definieren, von dem sie ein Teil sind. Je größer ein Bauwerk ist und je näher ein Betrachter davor steht, umso eindeutiger prägt dessen Farbigkeit die Lichtstimmung. Farblich kaum differenzierte Architekturgestaltungen fallen dadurch auf, dass sich die Farbigkeit der Bauwerke verselbstständigt, ohne am differenzierten Spiel natürlicher Lichtstimmungen teilzunehmen: Die Farbstimmung des Bauwerks koppelt sich von der Lichtstimmung der Umgebung ab. Es entstehen Umgebungen, die, gemessen an der reich differenzierten Farbigkeit der Natur, eine störende Einseitigkeit zeigen, die dem an fein abgestufte, vielfältige Nuancen gewöhnten Auge wenig Möglichkeiten individueller Auseinandersetzung bietet.
Je einseitiger die Gestaltung ist, umso einseitiger reagiert sie auch auf wechselnde Lichtverhältnisse: Wird ein monochrom rotes Gebäude von der Abendsonne rot angestrahlt, kann es noch mächtiger wirken; ein grünes Gebäude verliert seine Farbigkeit hingegen fast vollständig. Die infolge einer Belichtungsänderung eintretenden Farbverschiebungen einzelner Farbtöne an polychromen Gebäuden hingegen können sich meist gegenseitig weit gehend kompensieren (siehe Bild), Tiefe und Klanghaftigkeit bleiben erhalten.
Der Autor

Artikel aus: Color 03/07, S. 10ff.
Das Buch
Mit Beiträgen von Jürgen Opitz.
256 Seiten, mehr als 300 Farbabbildungen, Hardcover, 69,90 €
Erscheint im Mai 2007 bei der Anton Siegl Fachbuchhandlung, München
*ISBN-10:* 3935643357*
ISBN-13:* 978-3935643351

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