Die Farbmetrik lehrt, dass jede Farbe durch drei Eigenschaften...
18.04.2007
Der Farbenkompass - Architektur Farbgestaltung Teil 3
„Farbe ist relativ...“
Jede konkrete Farbe verhält sich in Bezug auf angrenzende Nachbarfarben wie ein Chamäleon: Sie verändert ihr Aussehen. Im Beispiel der Abbildung 1 haben Faschen und Sockel beider Fassaden jeweils „dieselbe“ Farbe – trotzdem wirken sie auf dem gelben Haus bläulich, auf dem blauen Haus gelblich. In den modellhaften Abwicklungen polychromer Stahlblechfassaden sind die jeweils mit „1“ gekennzeichneten Felder mit derselben Pigmentzusammensetzung gedruckt (bzw. lackiert) – tatsächlich sehen sie aber höchst unterschiedlich aus. Beim Entwerfen von Farbkonzepten ist es daher immer empfehlenswert, alle Farben gleichzeitig in ihren Proportionen nebeneinander zu sehen, und nicht von Einzelwerten oder isolierten Musterflächen auszugehen. Der Farbenkompass veranschaulicht den dreidimensionalen Farb-Beziehungsraum. Die kleinen Achsensysteme, die in der Grafik dargestellt sind, lassen sich unendlich vervielfältigen, denn von jedem Punkt des Farbraums aus gibt es Nachbarfarben, die „heller oder dunkler“, „aktiver oder passiver“, „wärmer oder kühler“ sind, und die zurückwirken auf das Erscheinungsbild derjenigen Farbe, mit der sie zusammen betrachtet werden. Die kleinen Quadrate der Abbildung 4 zeigen alle denselben NCS-Ton. Je nach Umfeld wirkt „dieselbe“ Farbe anders: Im Grunde genommen bezeichnet derselbe Ton des NCS-Fächers hier sechs unterschiedliche Nuancen.

Der Farbenkompass: eine dreidimensionale Ordnung für Farbbeziehungen.
In der Terminologie des Farbgestalters Friedrich Ernst von Garnier tauchen nicht die mathematisch bestimmbaren Größen Buntton, Sättigung und Helligkeit, sondern die oben genannten Verhältnisbegriffe auf, die sich der aufmerksamen Empfindung erschließen. Neben der Praxistauglichkeit dieser Verhältnisworte ist es eine Grundanschauung über das Wesen der Farben, die deren Verwendung nahelegt: Es gibt nur wenige Farbfamilien. Diese werden umgangssprachlich mit Rot, Gelb, Grün, Blau, aber auch mit Orange, Violett, Braun usw. bezeichnet. Ein gelbes Haus zeigt nur eine Farbe (Gelb), aber in unterschiedlichen „Deklinati-onsformen“. So wie ein Wort im grammatischen Zusammenhang eines Satzes dekliniert (gebeugt) wird, so zeigt sich die gleichsam universelle Farbe in unterschiedlichen konkreten „Fällen“. Das sonnig-leuchtende, freundlich-gelbe Haus, das sich viele Bauherren wünschen, ist im Idealfall nicht der grellgelbe Farbknaller, den man zurzeit häufig antrifft, sondern eine abgestuft deklinierte Komposition: mal heller oder dunkler, mal aktiver oder passiver, mal wärmer oder kühler. So kann Gelb in sich zum Klingen gebracht werden, und eine großflächige gelbe Fassade bleibt der baulichen Nachbarschaft und dem Betrachter gegenüber dialogfähig.
V. Garniers Entwurf für eine riegelförmige Wohnanlage zeigt drei Häuser: ein blaues, ein grünes, ein gelbes. Jedes ist in sich „dekliniert“. Die vorgehängte hinterlüftete Aluminiumfassade ermöglicht mit ihren vorbeschichteten Elementen eine derartige Farbgebung in idealer Weise. „Passive“ graue Bänder verbinden die drei Häuser zu einem einheitlichen Gebäude. Die „Aktivierung“ der Farbigkeit im Bereich der Fenster und vor allem der Treppenhaustürme verleiht der Wohnanlage eine klanghafte Dynamik.

Wärme und Kühle (die Wahl einer Farbfamilie) stellt eine besondere Beziehung zu seelischen Qualitäten her.
Für das Erleben von Bauwerken stellen die drei Achsen unterschiedliche Kommunikationsebenen dar: Die Hell-Dunkel-Beziehungen innerhalb einer Farbgestaltung haben schwerpunktmäßig damit zu tun, das Bauvolumen, seine Verdichtung und Auflösung, die Schwere des Baugewichts bzw. seine Leichtigkeit, die Plastizität und Skulpturhaftigkeit des Baukörpers farbig zu begleiten. Die richtige Hell-Dunkel-Verteilung sorgt dafür, eine glaubhafte Beziehung zwischen der materiellen Körperhaftigkeit des Bauwerks und seiner Farbigkeit herzustellen. Mit den Hell-Dunkel-Beziehungen wird die Farbe „am Baukörper verankert“ bzw. es wird ihr die Möglichkeit gegeben, sich „von ihm zu lösen“. Des Weiteren wird mit Hell und Dunkel die materielle Präsenz des Baukörper aus der Umgebung hervorgehoben oder in die Umgebung eingebettet.
Vor allem mit der Wärme oder Kühle einer Farbfamilie bzw. mit der Wahl mehrerer, aufeinander bezogener Farbfamilien wer den dem Bauwerk gleichsam seelische Eigenschaften verliehen, die es der Lichtstimmung seiner Umgebung verwandt machen oder durch die neue Stimmungen geschaffen und mitgeteilt werden. Die Wahl einer Farbfamilie bestimmt, ob das Bauwerk eher „kühl“, das heißt distanziert, sachlich, klar, oder eher „warm“, also anregend, kommunikativ, einladend und so weiter erscheint. In der Komposition unterschiedlicher Farbtöne einer einzigen oder verwandter Farbfamilien lässt sich der „seelische Ausdruck“ eines Bauwerks formulieren.
Die Gewichtungen im Verhältnis Aktiv – Passiv schaffen hierarchische Verhältnisse: Wichtiges wird vom Untergeordnetem getrennt, Führendes vom Geführten. Dadurch entstehen Bezüge, die den Blick des Betrachters lenken, seine Aufmerksamkeit leiten, sein Auge bewusst verweilen oder eher träumend schweifen lassen. So entsteht eine Art Rangfolge, die den einzelnen Elementen ihre Stellung im Ganzen zuweist.
Der Autor

Artikel aus: Color 04/07, S. 8ff.
Das Buch
Mit Beiträgen von Jürgen Opitz.
256 Seiten, mehr als 300 Farbabbildungen, Hardcover, 69,90 €
Erscheint im Mai 2007 bei der Anton Siegl Fachbuchhandlung, München
*ISBN-10:* 3935643357*
ISBN-13:* 978-3935643351
Meeting Point
Sonderschau Friedrich Ernst v. Garnier: Halle 8, Stand A56/B59

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