05.09.2007
Jugendkultur oder Strafdelikt?
Im Internet findet sich unter dem Suchbegriff „Graffiti“ folgende Definition: „Graffiti ist ein Sammelbegriff für gesprühte Bilder und Texte. Ursprünglich handelte es sich um an Wände geschriebene oder in Wände geritzte Texte (Wandparolen), wie sie zum Beispiel in Pompeji gefunden wurden. Heute werden damit vor allem die von Jugendlichen mittels Sprühdosen illegal oder legal hergestellten Bilder (pieces) bezeichnet“ (Quelle: wikipedia).
Die Frage, ob Kunst oder nicht, lässt sich sicher nicht eindeutig beantworten. Zum einen gibt es in diesem Genre wie in jedem anderen auch Meister genauso wie unbegabte Nachahmer, zum anderen bedeutet Kunst an und für sich für unterschiedliche Betrachter Unterschiedliches.
Einer der durch die Nutzung der Graffiti-Slogans zu internationaler Anerkennung gelangte, war der Künstler Keith Haring wie auch sein New Yorker Weggefährte Jean-Michel Basquiat. Unter dem Synonym SAMO© überflutete Basquiat den Süden von Manhattan mit Graffiti-Phrasen und erlangte so schnell lokale Berühmtheit. Allerdings hatte sein Schaffen ein jähes Ende. Er starb mit nur 27 Jahren an einer Überdosis Heroin, angeblich aus Kummer über den Tod seines Freundes Andy Warhol.
Aber was fasziniert die meist männlichen Menschen mit höherer Bildung – so eine Untersuchung der Universität Potsdam – an der gefährlichen und oft auch mühsamen Freizeitbeschäftigung? Ausgewertet wurden einige Anreizfaktoren wie zum Beispiel: der Wunsch innerhalb der Szene einen Expertenstatus (Fame) zu erreichen, das Ausleben der eigenen Kreativität, das starke Gruppenzusammengehörigkeitsgefühl, aber natürlich auch der Kick, der durch die Erfahrung von Angst und Gefahr entsteht, um nur einige zu nennen.
In vielen Ländern gibt es legale Möglichkeiten, diesem Hobby nachzugehen. In Wien hat man in einer Art Politik der Toleranz diverse Wände für die „Writer“, wie sich die Graffiti-Künstler selbst nennen, freigegeben. Trotzdem werden immer noch illegale Untergründe besprayt. Und das obwohl diese meist in der Nacht stattfindenden hastigen Spray-Aktionen sicher kein Garant für ein qualitativ hochwertiges Endprodukt sind. Aber schließlich geht es nicht nur um den ästhetischen Effekt, sondern auch um die Bekanntheit in der Szene und wie so oft in männerdominierten Zirkeln – um den Wettbewerb. „Wer traut sich“, scheint die Devise zu sein, und am meisten Punkte sammelt jener, der seine „Pieces“ an die Wand des Polizeireviers, an Autobahnbrücken oder U-Bahnen malt. Wer allerdings ohne künstlerisch-ästhetischen oder zumindest message-lastigen Anspruch herumkritzelt, den trifft alsbald das Schicksal des „Crossing“ – er wird übermalt und somit wird ihm seine mangelnde Writer-Kompetenz eindringlich vor Augen gehalten. Andere, Berufenere wiederum dürfen sich in Wien als Ausdruck höchster Sprayer-Autorität sogar eine Krone über ihr Werk zeichnen.
Graffiti scheidet die Geister, so wie jede Kunstform die provozieren will. Die Frage, wo die Kunst anfängt und die Schmiererei endet, kann sich jeder sowieso nur selbst beantworten.
aus Color 7-8/07 S. 12f.

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