Die heimische Bauwirtschaft steht vor großen Herausforderungen:...
30.01.2008
Zukunftsorientierte (Bau-)Forschung
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Der europäische Bausektor stellt dabei keine Ausnahme dar, profitiert aber weiterhin von seinen starken Heimmärkten, der guten Baukonjunktur in den neuen EU-Mitgliedsstaaten und seinem technologischen Vorsprung. Gleichzeitig sieht sich die europäische Bauwirtschaft aber auch mit neuen Herausforderungen konfrontiert – sowohl in ökonomischer als auch in ökologischer Hinsicht. „Bauen bedeutet 25 Prozent der mineralischen Stoffflüsse, 50 Prozent des Abfallaufkommens und rund 50 Prozent des Primärenergiebedarfs“, umreißt Theodor Zillner vom Bundesministeriums für Verkehr, Innovation und Technologie (bmvit) – Abteilung Energie und Umwelttechnologien die Probleme, mit denen sich die Bauwirtschaft auseinandersetzen muss. Steigende Energie- und Rohstoffpreise, die Verpflichtung zur Einsparung klimaaktiver Treibhausgase, der damit verbundene Handel an Emissionszertifikaten und neue (Billig)-Anbieter werden laut Zillner in absehbarer Zeit zu einer Verschärfung der Marktsituation führen. Welche Auswirkungen die Immobilien- und Finanzkrise in den USA auf Europas Bauwirtschaft haben wird, ist derzeit noch nicht absehbar.
Vor diesem Hintergrund sieht Zillner die Förderung von Forschung und Technologieentwicklung im Bausektor nicht nur als einen Lösungsansatz, sondern vielmehr als eine Überlebensfrage für die Bauschaffenden. „Nur die Unternehmen mit der fortschrittlichsten Technologie, den Innovativsten Produkten und Produktionsprozessen werden in Zukunft bestehen können und langfristig am Markt Erfolg haben.
Networking – Bau und Forschung
Um die Bauforschung voranzutreiben, wurde im Frühjahr 2006, auf Anregung des bmvit und der Österreichischen Forschungsgesellschaft (FFG), die Austrian Construction Technology Plattform (ACTP) gegründet. Als Gründungsmitglieder fungierten zahlreiche Akteure der Bauindustrie mit Unterstützung der Österreichischen Vereinigung für Beton- und Bautechnik (ÖVBB). Parallel zur europäischen Organisation ECTP initiiert und entwickelt die ACTP Forschungskonzepte am Bausektor und will bei der Aktivierung europäischer Forschungsgelder für die heimische Bauforschung unterstützend wirken. Dazu gehört unter anderem die Vermittlung der Forschungsschwerpunkte und der Innovationsbedürfnisse der heimischen Bauwirtschaft, sowohl auf nationaler als auch auf europäischer Ebene.
Ziel der ACTP-Aktivitäten ist einerseits die Schaffung eines nachhaltigen Netzwerkes zwischen Bauwirtschaft und Forschung, auf der anderen Seite aber auch die Erhöhung der Forschungsbereitschaft im Baubereich. Denn nach wie vor liegt die Bauwirtschaft mit einer Forschungs- und Entwicklungsquote von lediglich 0,2 Prozent am Bruttoinlandsprodukt (BIP) deutlich unter dem Durchschnitt der gesamten österreichischen Wirtschaft. Und selbst diese verfehlt mit knapp 2,5 Prozent des BIP immer noch den EU-weit angestrebten Zielwert von drei Prozent.
Bei der Erhebung des Forschungsbedarfs konzentriert sich die ACTP auf fünf Themenschwerpunkte: Lebensqualität und Nachhaltigkeit, Infrastruktur und Kommunalservice, innovative Materialien, unterirdische Konstruktionen sowie das kulturelle (Bau-)Erbe.
Sparsamer Umgang mit Ressourcen
Als gemeinsamen Nenner in allen Bereichen der Bauforschung identifiziert die ACTP die Schonung natürlicher Ressourcen, sowohl was den Energieverbrauch angeht als auch die sparsame Verwendung von Rohstoffen in der Bauwirtschaft betreffend. „Die Bauwirtschaft ist ein zentraler Akteur für Lebensqualität und eine nachhaltige Gesellschaft“, ist Herbert Greisberger, Generalsekretär der Österreichischen Gesellschaft für Umwelt und Technik, überzeugt. Zielsetzung bei der Errichtung von Gebäuden muss daher – neben der architektonischen und baulichen Qualität – auch der schonende Umgang mit natürlichen Ressourcen sein. Dies kann am effizientesten über Energieeinsparungsmaßnahmen bei der Errichtung und im Betrieb von Bauwerken, die Nutzung alternativer Energiequellen und den verantwortungsvollen Umgang mit Ressourcen gewährleistet werden.
Als eines der erfolgreichsten Projekte dieser Art gilt zum Beispiel die Programmlinie „Haus der Zukunft“, mit dem Österreich innerhalb der europäischen Bauforschung die Nase vorn hat. Rund 200 Projekte mit einer Gesamtinvestitionssumme von rund 25 Millionen Euro konnten in den vergangenen Jahren erfolgreich umgesetzt werden. Darüber hinaus gilt das Programm auch als Impulsgeber für die PassivhausÂentwicklung, ist Greisberger überzeugt. Eine Weiterführung findet „Haus der Zukunft“ im klima:aktiv haus, das für eine Verbreitung nachhaltiger Baustandards Sorge tragen soll.
Vertreter der ACTP wirkten auch an der Erstellung des Forschungsprogramms „Energie der Zukunft“ mit, das von bmvit und dem Bundeministerium für Wirtschaft und Arbeit (bmwa) getragen wird. Der Schwerpunkt liegt auch hier auf der Energieeffizienz von Gebäuden bzw. dem neuen Standard „Plusenergiehäuser“. Im Fokus stehen dabei in erster Linie Nichtwohngebäude, Sanierung und Siedlungsbau. Auch dieser Bereich lässt in Zukunft noch einige spannende Forschungsprojekte erwarten. Zielsetzung dabei ist die Kombination der Bautechnik mit anderen Baubereichen, wie zum Beispiel der Haustechnik, der Energiegewinnung oder der Informationstechnologie.
Als Unterstützung für die Bauwirtschaft zur Inanspruchnahme von FFG-Forschungsprogrammen und Fördergeldern wurde vor mehr als einem Jahr die Brancheninitiative Bra.in Bau ins Leben gerufen. Damit soll die Forschungsquote in der Bauwirtschaft deutlich erhöht werden. Und nach der ersten Zwischenbilanz scheint die Rechnung aufzugehen. „Im ersten Jahr konnte die Zahl der FFG-Programme, die von der Bauwirtschaft genutz werden, verdoppelt werden“, berichtet FFG-Strategieexperte Josef Säckl.
Theorie versus Praxis
So viel zur Theorie! Die Praxis sieht in der Regel aber leider anders aus: Das Hauptaugenmerk der Bauschaffenden – vor allem der Investoren – liegt auf der Minimierung der Investitionskosten. Dieser Ansatz ist nach Ansicht von Peter Schörghofer, Koordinator der Brancheninitiative Bra.in, jedoch trügerisch. Erst die Auseinandersetzung mit dem Gesamtlebenszyklus eines Bauwerks ermöglicht eine ganzheitliche und nachhaltige Betrachtung, wobei nicht nur wirtschaftliche Kriterien, sondern auch die Auswirkungen auf die Lebensqualität und die Umwelt in die Beurteilung miteinfließen müssen. Dazu hat die ACTP bereits eine Studie gestartet, in deren Rahmen die Nachhaltigkeitskriterien bei Massivbauweisen untersucht werden.
Ein anderer Schwerpunkt setzt sich mit den Verwertungsraten von Materialien aus dem Tunnelausbruch und von Abbruchmaterialien auseinander. Damit soll die Wiederverwertung und Weiterverarbeitung von Ab- und Ausbruchstoffen mittelfristig drastisch erhöht werden. „Die Baustoffe der Zukunft werden sich durch leichte Verarbeitbarkeit und ihre technische Vielseitigkeit auszeichnen“, ist Felix Friembichler, Direktor der Vereinigung der Österreichischen Zementindustrie, überzeugt. Darüber hinaus gilt es aber auch, die Herstellung in Hinblick auf ökologische Kriterien zu optimieren, was vor dem Hintergrund der verpflichtenden CO2-Reduktion und steigender Energiepreise auch eine zutiefst wirtschaftliche Notwendigkeit darstellt.
Tag der Forschung
Die Herausforderungen für die Bauwirtschaft sind vielfältig. Die Forschung kann einen wesentlichen Beitrag zur Zukunftsicherung der Baubranche leisten. Gleichzeitig sind aber auch die Bauschaffenden selbst aufgerufen, bei der Entwicklung und Durchführung von Forschungs- und Entwicklungsprogrammen initiativ zu werden. Im Rahmen des Bra.inÂDay Anfang März in Salzburg präsentiert die FFG ZukunftsÂtrends für die Bauwirtschaft sowie baurelevante Förderprogramme und Forschungseinrichtungen. Gleichzeitig bietet sich die ganztägige Veranstaltung als Plattform zur Kontaktaufnahme zwischen Wissenschaft und Wirtschaft an.
Tom Cervinka
aus: bau.zeitung 4/08, S. 40

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