Mehrzweckgebäude MQ west, Wien 7
05.03.2004
Fenster zum Hof
Egal ob im Zahn, im Pullover, im Reifen, in der Swimming-Pool-Plane oder gar ein solches in der Kanne, wie die beiden Reinhards einst sangen – Löcher sind böse, ihr Ursprung ist irrelevant, ihre einzige Bestimmung ist es, gestopft zu werden. Anders verhält es sich da mit den Löchern in der Stadt. Wenngleich auch jene böse sind, so entwickelt jede Unterbrechung in der gewohnten Blockrandbebauung doch eher ein entzücktes durchsichtiges „Jö!“ in den Augen des Passanten, als dass sie unabdingbar weggetilgt werden müssten. Und so stand auch am Beginn dieser Geschichte eine ordinäre Baulücke mit städtischen Durchblicken: ein Loch in der Stadt, mehr noch ein Loch in der Feuermauer hinter dem Wiener Museumsquartier. Und was daraus geworden ist – ein Gespräch mit Carl Pruscha.
von Wojciech Czaja
Die Baulücke zwischen Museumsquartier und Breite Gasse – jeder hat sie geliebt: die Abkürzungsgeher, die ausschauhaltenden Bewohner der gegenüberliegenden Wohnhäuser und selbst einige melancholische Architekturliebende. Mit dem Bau des Museumsquartiers wurde rasch klar, dass das freie Grundstück an Wert gewinnen würde. Weshalb sich bisher niemand dieser Bauaufgabe angenommen hatte, liegt weniger im loyalen Ablehnen des Horror Vacui begründet, als vielmehr an den geometrischen Umständen der kleinen Parzelle, die bis vor kurzem im Besitz des MQ war. Mit kaum sechs Metern Trakttiefe und einer gar nicht so langen Länge wäre jede Art der Bebauung im besten Falle ein einziges Stiegen-Haus geworden.
Genau so etwas war dann auch geplant, als Marie Thérèse Harnoncourt und Ernst J. Fuchs einen Wettbewerb gewannen und für das Grundstück eine loopingfröhliche, hoch gelegene Aussichtsplattform vorsahen. Aus wirtschaftlichen Gründen musste sich MQ-Direktor Wolfgang Waldner von diesem Projekt wieder distanzieren. Das Loch blieb also ein Loch.
Doch da gab es noch Architekt Carl Pruscha, der bereits seit geraumer Zeit mit dem benachbarten Bibelhaus im Gespräch war. „Was den Ursprung dieses Projekts betrifft“, so Pruscha, „hat das alles andere als klassisch begonnen“. Denn anstatt von einem Bauherrn einen Auftrag zu erhalten, entwickelte der Universitätsprofessor erst einmal ein Konzept für einen Umbau des Bibelhauses. Rasch wurde klar, dass eine Sanierung auf Grund der schlechten Bausubstanz unwirtschaftlich sei. Also entfernte Pruscha in Gedanken sowohl das Bibelhaus als auch das anschließende Möbelhaus und machte einen Lösungsvorschlag für die auf diese Weise entstandene riesige Baulücke – Länge: über 50 Meter. Pruscha: „Die Grundstücke sind so winzig, da hatte es überhaupt keinen Sinn, ein Haus allein zu konzipieren.“
Ein fertiger Vorentwurf zwar, aber kein Auftraggeber, kein Developer, gar nichts. Einige Gesprächspartner sind gleich wieder abgesprungen, 2000 schließlich kristallisierte sich Kallco als möglicher Bauträger heraus. „Für dieses Bauvorhaben kann man nur einen Wahnsinnigen finden“, erklärt Winfried Kallinger, Geschäftsführer von Kallco, „und das waren dann wohl wir“.
Zeitsprung. Drei Jahre später. Längst sind die drei Grundstücke von Kallco aufgekauft, der Rohbau befindet sich auf Hochtouren, kurz vor Fertigstellung. Die ehemaligen Durchblicke scheinen verschwunden, doch bei genauerer Betrachtung stellen sich die ehemals ganzen Bilder lediglich als fragmentiert heraus. Denn sowohl die Fassade an der Breite Gasse als auch die Feuermauer zum Museumsquartier sind an einigen Stellen regelrecht horizontal aufgeschlitzt. Und da zeigt sich der Vorteil des schmalen Grundstücks: Nach wie vor kann man hindurchsehen, durch die Spiegelungen der zukünftigen Gläser und durch die Möblierung der späteren Nutzer freilich geschmälert, lassen sich dann wahrscheinlich immer noch die Silhouetten von Mumok, Stephansdom und den beiden Historischen Museen erkennen. Darüber hinaus bleibt auf der gesamten Fläche der bisherigen Baulücke der Durchgang ins Museumsquartier gewahrt – hier ist das Gebäude um zwei Geschoße ausgespart. Wo einst ein Loch in der Blockrandbebauung, so zumindest noch ein Loch im Haus.
„Ein Loch in der Wand“, sagt Pruscha. Und in der Tat, mit einem herkömmlichen Haus hat das Ganze wenig zu tun, zu radikal fallen da die Proportionen und Dimensionen aus. Schließlich bleiben im Inneren des Bauwerks nur fünf Meter lichte Trakttiefe übrig. Komprimiert steht der Stiegenhauskern mit Lift und Nasszellen in einer mehr oder weniger definierten Mitte des Gebäudes da. Praktischerweise konnte das bestehende Stiegenhaus des ehemaligen Möbelhauses saniert und adaptiert werden. Das Neue wurde also über das Alte gestülpt. Kommt man oben an und blickt der Länge nach ins weit entfernte Ende des Hauses, entsteht der Eindruck, in einem Straßenbahnwaggon zu stehen. Links und rechts die Fensterbänder, der Blick frei in die Stadt. Konsequent und irgendwo auch konzeptionell ironisch verzichtete man auf eine herkömmliche Radiatorenheizung, um das Schmale nicht noch schmäler zu machen, griff stattdessen zu einer Deckenheizung mit integriertem Kühlsystem. –> 19
Vom Innenraumeindruck her ein Transportmittel auf Schienen, drängt sich der Bürobau in statischer Hinsicht natürlich als Brückengebäude auf. Links und rechts abschließende Feuermauern zu den Nachbargrundstücken, die gleichzeitig die Auflager der „Brücke“ sind. Die beiden Fassaden aus 20 Zentimeter dickem Stahlbeton fungieren als riesige Fachwerke. Allein, die vielen Einschnitte in die tragenden Scheiben müssen kompensiert werden. Wie Zündhölzer bemühen sich zehn mal zehn Zentimeter große Vollstahlstützen um den notwendigen Zusammenhalt – das Filigrane kommt dem Projekt sehr zu Gute. Von innen wie von außen sind sie bestenfalls als schlankes Relikt eines Rasters wahrzunehmen. Nachdem sich die Verglasungsebene an beiden Fassaden an der Wandinnenfläche befindet, rückt die Stahlsäule somit ins Freie, ein sonst nötiger Brandschutzanstrich entfällt.
Rundum ist das Gebäude durch eine hydrophobierte, doch weiche Wärmedämmung ummantelt. Diese wasserabweisende Maßnahme ist notwendig, denn die beiden Fassaden sind hinterlüftet und durch eine vorgelagerte Schicht geschützt, an deren Spalten jedoch hin und wieder Wasser eindringen kann. Das Material? Von Architekten so oft konzipiert, so selten realisiert, in der Innenstadt eigentlich nie auffindbar und im chemischen Zeitraffer zur Patina gezwungen: Corten-Stahl. Was hier so scheint, als wolle man dem geschichtlichen Erscheinungsbild durch beschleunigte Oxidation auf die Beine helfen, ist ein städtischer Kompromiss, denn wie Pruscha meint: „Mit Sicherheit sind natürliche Stahlplatten, die gemächlich vor sich hinrosten, schöner. Im Bereich einer bebauten Struktur muss man mit der Rost-Verschmutzung allerdings vorsichtig umgehen.“
So hat Pruscha also erreicht, was ihm anfangs vorgeschwebt ist: ein gar so schmales Haus – ohne Umwege – gleich zur Wand zu erklären. „Ein schwebender Stahlriegel“, zur Breite Gasse hin im besten Sinne eine Abwechslung, zum Museumsquartier hin ein harter Hintergrund: „Ich war von Anfang an auf dieses Stahlblech aus, da all die Materialien des gesamten Museumsquartiers ein derartiges Sammelsurium an Eindrücken sind, dass man dazu einen Hintergrund braucht, der im Stande ist, diese Heterogenität zu rahmen.“ Ob dieses Konzept aufgeht, wird sich mit zunehmendem Baufortschritt weisen, das flächige Feuermauern-Patchwork hinter dem MQ wird um eine Facette bereichert. „Am Anfang des Projekts kann man nur erahnen, was daraus wird“, so Pruscha, „ich hoffe, es wird ein poetischer Beitrag“. Die Poesie der alten Baulücke, dieses unregelmäßigen, irritierenden Unorts in der Stadt, werden Pruscha und Kallco freilich nicht erreichen können. Gewiss aber liefern sie eine durchaus angemessene Alternative.
PROJEKTDATEN
Bauträger: Kallco
Architekt: Carl Pruscha
mit Walter Kräutler (Mitarbeiter)
Ausführungsplanung: Günther Holnsteiner, Werkstatt Wien
Bauleitung: Architekt Thomas Kreiner
Statik: Gmeiner & Haferl
Generalunternehmer: Strabag
Planungsbeginn: Sommer 2000
Baubeginn: Sommer 2003
Fertigstellung: Oktober 2004
Nutzfläche: ca. 1188 m2
Bruttogeschoßfläche: ca. 1425 m2
Gesamtinvestitions-
summe von Kallco: ca. 3,2 Millionen Euro
Carl Pruscha
1936 geboren in Innsbruck
1955–1962 Studium der Architektur an der Akademie der bildenden Künste Wien und Städtebaustudium an der Graduate School of Design der Harvard University
1962–1964 Mitarbeit am Downtown-Manhattan-Development-Project
1964–1974 UN/UNESCO-Berater der Regierung von Nepal auf dem Gebiet der Raumplanung
1975 Doktor der technischen Wissenschaften an der TU Graz
1976–1988 Professor für Grundlagen der Architektur an der Akademie der bildenden Künste Wien
1988–2001 Rektor der Akademie der bildenden Künste Wien
2001–2004 Honorarprofessor für Architektur und Leiter einer Entwurfsklasse (Habitat, Environment & Conservation)
22003 Forschungsaufenthalt am Getty Institute in Los Angeles
2004 Emeritierung von der Akademie




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