„Who is Who“ der konstruktiven Holzwerkstoffe
06.04.2004
„Who is Who“ der konstruktiven Holzwerkstoffe

Einen kompakten Überblick der seit den siebziger Jahren entstandenen spanplattenähnlichen, konstruktiven Holzwerkstoffe hat der Autor für die Praktiker zusammengestellt.
Von Dipl.-Ing. Dr. Udalfried Krames
Rollt man die Geschichte der Holzwerkstoffe auf, so stellt man fest, dass in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts einige neue Arten von Holzwerkstoffen entwickelt wurden. Waren Holzwerkstoffe anfänglich nur plattenförmig, so kamen später stangenförmige dazu.
Die Vielfalt der heute verfügbaren Holzwerkstoffe zu beschreiben, würde den Rahmen sprengen. Hier sollen als Beitrag zu diesem umfangreichen Thema von den „neueren“, d. h., den seit etwa den 1970er-Jahren entwickelten Holzwerkstoffen die bedeutsamsten „spanplattenähnlichen“ herausgegriffen werden. Es handelt sich um eigenständige Werkstoffarten, die nur insoferne „spanplattenähnlich“ sind, als sie wie jene aus Holzteilchen durch Verdichtung und Wärme hergestellt werden. Allein die Optik der Oberflächen unterscheidet sich wesentlich von jener von Spanplatten.
Die hier zur Diskussion gestellten Holzwerkstoffe stammen alle aus Nordamerika und sind durchwegs konstruktive Holzwerkstoffe, nicht nur für das eigentliche Bauwesen, sondern ebenso für den Innenausbau, den Möbelbau u. a., überall, wo hohe Festigkeit und hohes Dauerstandvermögen (geringes Kriechen) verlangt werden.
Oriented Strand Board (OSB)
Die Bezeichnung „OSB-Platte“ sollte vermieden werden, denn sie enthält die Aussage, dass es sich um eine Platte handelt, zweimal.
OSB sind in Europa nicht nur gut bekannt und in breiter Verwendung, es existieren hier auch einige Erzeugungsbetriebe. Die Markteinführung der OSB begann in den 1980er-Jahren.
Die Elemente der OSB sind die „Strands“. Für „Strands“ wurden die deutschen Übersetzungen „Langspäne“ und „Furnierstreifen“ kreiert (Strands sind Schälspäne), aber es ist besser, die englischen Ausdrücke international zu verwenden. Sinngemäß ist Oriented Strand Board mit „Platte aus richtungsorientierten Langspänen“ zu übersetzen.
Die Strands waren eine markante Neuerung in der Entwicklung von Holzwerkstoffen, denn aus ihnen bestehen außer OSB auch andere Holzwerkstoffe - mehr darüber weiter unten.
Im Falle der OSB sind die Strands etwa 30 bis 90 (meist jedoch nicht unter 75) mm lang, 5 bis 15 mm breit und etwa 0,4 bis 0,6 mm dick. Eine wesentliche Eigenschaft der Strands ist ihr hoher Schlankheitsgrad (das Verhältnis von Länge : Dicke).
OSB sind normalerweise drei- oder mehrschichtig (es gab oder gibt auch einschichtige). Innerhalb einer Schichte haben die Strands gleiche Orientierung. Die Strands benachbarter Schichten sind rechtwinkelig zueinander angeordnet, so dass ein Absperreffekt, analog dem einer Furnierplatte, entsteht. Bei Mehrschichtplatten mit ungerader Zahl von Schichten kann die Mittelschichte aus regellos angeordneten kurzen Strands bestehen.
Die Strands werden in einer Spezialformstation mit Ausrichtvorrichtungen, die mechanisch oder elektrostatisch oder mit einer Kombination dieser Prinzipien arbeiten, orientiert.
Die Variationen der Abmessungen der Strands (innerhalb gewisser Grenzen) sowie die Variationen des Schichtaufbaues (Schichtenzahl, Dicken der einzelnen Schichten) sind Mittel, um gezielt gewünschte Platteneigenschaften herbeizuführen. So kann z. B. die Biegefestigkeit parallel zu den Strands der Deckschichten und quer dazu nahezu gleich bis sehr ungleich sein.
Bezüglich der Qualität des Rohholzes sind OSB durchaus anspruchsvoll, weil die Strands nicht aus grobporigem, drehwüchsigem oder sonst fehlerhaftem Holz hergestellt werden dürfen.
OSB zeichnen sich durch hohes Dauerstandvermögen (geringes Kriechen), hohe Biegefestigkeit und hohen Beulwiderstand sowie hervorragende Dimensionsstabilität in der Plattenebene aus. Sie sind vollwertige Alternativen zu Furnierplatten, sonstigen Sperrholzprodukten oder Massivholzbrettern - je nach Einsatzbereich.
OSB sind sehr vielseitig verwendbar, als Wandbeplankungen im Rahmenbau, als Dach- und Unterbodenplatten, für Trennwände, Innenausbauten, Treppenstufen u. a., im Möbelbau für mechanisch hochbeanspruchte Teile, wie z. B. Regalbretter (Dauerstandfestigkeit!), für Inneneinrichtungen von Wohnwagen und Kajütbooten, für Transportbehälter u. v. a. m.
Timber Strand
Holzwerkstoffe dieser Art werden - soweit hier bekannt exklusiv von einer US-amerikanischen Firma erzeugt und vertrieben.
Um Unklarheiten zu vermeiden, sei erwähnt, dass dieser Werkstoff seinerzeit Oriented Strand Lumber (OSL), später Laminated Strand Lumber (LSL) und in neuerer Zeit Intrallam* hieß; Timber Strand* ist der aktuelle geschützte Produktname. Die deutsche technische Bezeichnung ist „Langspanholz“.
Es handelt sich dabei wiederum um einen Werkstoff aus orientierten Strands, wobei diese 300 mm lang, 30 mm breit und 0,9 mm dick sind. Timber Strand* P ist ein plattenförmiger, Timber Strand* S ein stangenförmiger Werkstoff. Timber Strand* P wird wie andere Holzwerkstoffplatten in diversen Standard-Dicken hergestellt. Timber Strand* S wird zuerst ebenfalls als Platte erzeugt und anschließend zu Stangen mit den gewünschten Breiten aufgetrennt. Die Type S unterscheidet sich von P dadurch, dass die Strands von S ausschließlich längs gerichtet sind.
Timber Strand* P und S sind denkbar vielseitig konstruktiv einsetzbar.
Parallam
wird von derselben Firma wie der vorherige Holzwerkstoff erzeugt und gehandelt. Auch hier wurde die Benennung geändert. Der vorherige Name war Parallel Strand Lumber (PSL); Parallam* ist der nunmehr aktuelle geschützte Produktname. Die deutsche Version ist „Furnierstreifenholz“.
Parallam* ist stangenförmig. Die Strands sind etwa 940 mm lang und rund 13 mm breit; sie werden ausschließlich längs orientiert. Parallam* ist als Alternative zu Bau-Kantholz gedacht, hat dementsprechend bauholzmäßige Dimensionen und eignet sich für alle denkbaren balkenförmigen Tragwerksteile. Timber Strand* P, S und Parallam* haben ästhetisch ansprechende Oberflächen und können deshalb sichtbar verbaut werden.
I-Träger aus Holzwerkstoffen
I-Träger mit Gurten aus Furnierschichtholz und Stegen aus OSB sollen ebenfalls erwähnt werden. Sie sind wie konventionelle I-Träger verwendbar. Eine Recherche beim Fachhandel ergab, dass Timber Strand*, Parallam* und solche I-Träger derzeit in Österreich kaum auf Lager gehalten werden, aber auf Bestellung über eine europäische Repräsentanz erhältlich sind.
Um das Thema abzurunden, sollen noch weiteren Holzwerkstoffen, obwohl diese für uns keine unmittelbare Bedeutung haben, einige Worte gewidmet werden. Es ist vielleicht interessant, zu welchen Entwicklungen das Streben, aus kleinstückigen Holzelementen Werkstoffe mit steuerbaren Eigenschaften herzustellen, führte.
Flakeboard
Das ist eine reguläre Spanplatte, aber aus extra großen, etwa rhombischen Flachspänen, den „Flakes“. Die Flakeboard ist eine Konstruktionsspanplatte. Flakes werden auch in Holz-Verbundwerkstoffen verwendet.
Waferboard
Diese besteht aus „Wafers“. Das sind mehr oder weniger quadratische Flachspäne mit etwa 20 bis 40 mm Seitenlänge und etwa 0,9 mm Dicke (Dickenangabe ohne Gewähr). Der Plattenaufbau ist meist mehrschichtig, die Plattendicken entsprechen etwa den Standarddicken von Spanplatten.
„Oriented Waferboards“ bestehen aus länglich-rechteckigen, richtungsorientierten Wafers. Waferboards sind Bauplatten für ein breites Einsatzspektrum, wie Beplankungen, Unterböden, Zwischenwände, Innenausbauten u. v. a.
In den 1970er-Jahren kam die Waferboard auf den europäischen Markt. Abgesehen von Importen wurde auch zumindest eine europäische Waferboard-Fabrik errichtet. Die Waferboard fand jedoch zu geringe Akzeptanz und verschwand wieder aus Europa. Der Hauptgrund dürfte die infolge der Wafers grobe Struktur der Plattenoberfläche gewesen sein. In Nordamerika selbst fand die Waferboard mehr Interesse. Die heutige Situation wurde jedoch von hier aus nicht erhoben, da für uns nicht relevant.
Com-Ply
Com-Ply ist ein stangenförmiger Werkstoff. Ein stangenförmiger Spanplattenabschnitt ist an den langen Schmalseiten ein - oder mehrschichtig furniert. Com-Ply-Panels sind plattenförmig. Die Breitflächen sind furniert. Dreischichtige Com-Ply-Panels bestehen aus Decklagen, aus Furnieren und einer Mittellage aus gewöhnlichen Spänen oder „Flakes“. Fünfschichtig haben sie Decklagen aus Furnieren, Zwischenschichten aus Spänen oder Flakes und eine Mittellage aus einem Furnier, dessen Faserrichtung rechtwinkelig zu jener der Decklagenfurniere ist.
Com-Ply und Com-Ply-Panels blieben in Europa weitgehend unbekannt. In Nordamerika sollen sie heute kaum mehr erzeugt werden, obwohl angeblich ein Interesse an ihnen besteht.

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