Hat Handwerk noch goldenen Boden?
15.10.2004
Hat Handwerk noch goldenen Boden?

Eingezwängt zwischen hohen Fixkosten und oft ruinösen Wettbewerbsbedingungen versuchen Österreichs Tischler, die Qualität des heimischen Handwerks hochzuhalten.
Von Ralf Siebenbürger
Wenn es um die Zukunft des Tischlergewerbes geht, ist vor allem in Tirol immer häufiger von Qualitätshandwerk die Rede. „Das bedeutet für mich nicht, den Qualitätsanspruch nur auf das Handwerkliche umzulegen, sondern jeden Bereich –bei der Herstellung etwa einer Einrichtung – die nötige Zeit und Sorgfalt zukommen zu lassen“, erklärt Hannes Steixner, Sohn des Tiroler Landesinnungsmeisters und Juniorchef des Familienbetriebes in Schönberg, was am oberen Inn mit Qualitätshandwerk gemeint ist. „Denn der Tischler kann nur bestehen, wenn er möglichst in allen Bereichen vom Kundenkontakt bis zu Produktion und Service mit der nötigen Qualität arbeiten kann und will. Denn um etwas Gutes und Überzeugendes herzustellen, braucht es immer Zeit und Einsatz. Vor allem Zeit ist leider oft Mangelware, und das tut der Qualität nicht gut.“
Perfektion als Voraussetzung
Ähnlich wie der junge Tiroler sieht es auch der stellvertretende Bundesinnungsmeister Peter Pauschenwein aus dem Burgenland: „Qualitätshandwerk, das sind nicht nur perfekt gebaute Möbel. Das ist erst einmal die Grundvoraussetzung. Es geht um Qualität im Verkauf, in der Kundenbetreuung und vor allem in der Nachbetreuung. Der Kunde möchte umsorgt sein. Ein Tischler, der Qualitätshandwerk betreibt, ist Berater in allen Fragen der Raumgestaltung und nimmt dem Kunden die Koordination aller Arbeiten ab. Er verhandelt mit dem Maler über die richtige Farbe beim Ausmalen der Wände, und er kümmert sich um die richtige Beleuchtung des Raumes.“
Dass der Weg in eine gute Zukunft über die Qualität führt, ist unumstritten. „In einem Qualitätsbetrieb unterscheiden sich Service, Leistung und Ausführung von anderen Anbietern“, gibt sich Michael Müllner, Tischlermeister der jungen Generation in Wien, selbstbewusst. „Eigentlich sollte das Wort Qualitätshandwerk ein unnötiger Pleonasmus sein“, pflichtet ihm die stellvertretende Wiener Landesinnungsmeisterin Maria-Theresia Bretschneider bei, „denn Handwerk umfasst traditionell ja eine gediegene Ausbildung und entsprechende Qualitätsarbeit. Traurig, dass das nicht mehr so ist.“
Wird Qualität auch bezahlt ?
Dass die praktische Umsetzung dieses hohen Anspruches unter denkbar ungünstigen Rahmenbedingungen erfolgt, weiß Leopold Binder aus Imst im Tiroler Oberland: „Natürlich kann jeder gute Meisterbetrieb höchste Qualität liefern. Aber Qualität wird nicht bezahlt.“ Vor allem die ruinösen Bedingungen, denen die Betriebe bei der Ausschreibung von Arbeiten unterworfen werden, sind der Qualität abträglich. „Die Ausschreibungskriterien sollten endlich EU-weit dem Schweizer Modell angepasst werden“, fordert Binder, „das würde die Situation etwas erleichtern.“ Wenn immer nur so billig wie möglich ausgeführt werden soll, ist Spitzenqualität einfach nicht drin.
Oft ist es einfach Arbeitsüberlastung, die zu Fehlern führt. „Eine unkoordinierte Auftragsbearbeitung ist die Ursache der meisten Probleme“, warnt Pauschenwein. „Wenn man sich nicht rechtzeitig um alle Details kümmert, gibt's am Ende Probleme bei der Abwicklung von Bestellungen und letztlich bei der Lieferung.“
Einsame Spitzenqualität
Aber nicht nur handwerkliches Können, auch das nötige Selbstbewusstsein gehört zum Handwerk: „Die Tischler in Österreich gehören wohl zu den Besten ihres Faches rund um den Globus“, ist Steixner überzeugt. „Dieser Anspruch bezieht sich aber leider meist nur auf die handwerkliche Ausführung, nicht aber auf das Verkaufsgeschick, Marketing und die Zusammenarbeit unter den Betrieben. In diesen drei Bereichen haben wir viel aufzuholen.“ Mehr Einfallsreichtum fordert auch Marie-Theres Bretschneider ein: „Der Tischler muss sich nicht nur als ausführendes Organ verstehen, sondern sich viel selbstbewusster in die Reihe der Kreativen stellen. Es wird sehr bald zu wenig sein, mit durchschnittlichen Ideen und durchschnittlicher Qualität der Industrie Paroli zu bieten. Da die Industrie wesentlich mehr Möglichkeiten hat, Designer zu beauftragen und in der Qualität, ja sogar schon in der Flexibilität, auch mit guten Tischlereibetrieben durchaus vergleichbar ist, muss jenes Segment der Kunden, das auf absolute Individualität, Originalität und maximales Service Wert legt, vermehrt angesprochen werden.“
„Tischler lassen sich sehr oft unter ihrem Wert schlagen“, beobachtet Steixner jr. „Sie verkaufen sich schlecht oder bieten zu billig an. Das hat dann zur Folge, dass dem herzustellenden Produkt nicht mehr die nötige Zeit und Sorgfalt zuteil wird. Und mangelnde Professionalität treibt die Preisspirale immer weiter nach unten.“ Sein Wiener Kollege Müllner hat schon mancherlei gesehen: „Katastrophale Ausführungen in der Oberfläche, Konstruktion, Materialauswahl, Ausführung, Furnierrichtungen, schlecht zusammengesetzt, fertig furnierte Platten, schlechtere Ausführung in jeder Art als beim billigsten Kika-Flohmarktverkauf, wobei hier diverse Architekten, die genauso unwissend sind wie der Konsument, diese Ausführung teilweise auch noch als gut bezeichnen. Und dann noch keine Ahnung von Kalkulation, die eigenen Zahlen nicht im Griff, damit Preise des Marktes kaputtmachen, und mit der Qualität den Rest auch noch!“
Meister Eder ade
Neben handwerklichen Mängeln bereitet der stellvertretenden Wiener Innungsmeisterin auch noch das Branchenimage Sorgen: „Manche von uns machen noch immer einen 'Meister Eder' - Eindruck, ohne aber originell zu sein.“ Sie selbst leidet am wenigsten unter diesem Image, „aber das liegt sicher daran, dass Kunden, wenn sie sich schon für mich entscheiden, einen anderen Zugang zu mir haben als zu einem traditionell männlichen Tischlermeister“, schmunzelt die Meisterin. Auch Hannes Steixner beobachtet immer noch das Image der „alten Handwerksmeister, die verborgen hinter dicken Mauern werkten und möglichst niemandem etwas ihrer Kunst und ihrer Erfahrung weitergeben wollten. Teilweise liegt dieser Staub noch auf dem Tischlerberuf - auch wenn sich in den letzten Jahren viel im Bereich Kooperation und Weiterbildung getan hat.“
Auch Peter Pauschenwein kennt dieses „Meister-Eder“-Image. „Die Branche ist zweigeteilt“, analysiert er, „da gibt's die Betriebe, denen wirklich noch das 'Meister-Eder'-Image anhaftet; oft zu Unrecht. Nur sieht der Konsument eben nicht, wie es in der Werkstatt aussieht. Und dann gibt es diejenigen, die es geschafft haben, sich ein modernes Image als Einrichtungsberater, als Problemlöser, als ganzheitliche Kundenbetreuer zu erwerben.“
Nicht ganz so schlimm sieht es freilich Gerd Pankratz, dessen HumanPR für die neue Branchenwerbung der Tischler verantwortlich zeichnet. „Nach vielen Zusammenkünften und Gesprächen mit den Tischlern kann ich sagen, dass es einerseits moderne, sehr gut geführte Betriebe gibt, und andererseits ist die Branche durch Betriebe gekennzeichnet, die sich etwas schwerer tun sich zu präsentieren und die Leistungen zu kommunizieren. Diesen Betrieben haftet noch das konservative Image an, das es zu überbrücken gilt“, meint Pankratz. „Mit der neuen Werbelinie und den Angeboten der Tischler werden moderne Lösungen, Zeitgeist und Vielfalt kommuniziert. Auch der neue vierjährige Lehrberuf Tischlereitechnik wird das moderne Image der Tischler unterstützen. Die Ausbildung mit Schwerpunkten in den Bereichen Planung, Produktion und Design befähigt den Tischlerlehrling als Führungskraft mit hoher Selbstständigkeit und Verantwortung im technischen, organisatorischen und planerischen Bereich.“
Mit dem bisher Erreichten ist Pankratz keineswegs unzufrieden, möchte sich aber auf den Lorbeeren nicht ausruhen. „Der Zuspruch und das Engagement sind bei vielen Betrieben groß. Wünschenswert ist jedoch, dass sich wirklich alle Tischler noch mehr beteiligen“, meint Pankratz zur laufenden Imagewerbekampagne. „Denn das gemeinsame Bemühen, die Werbung effizient einzusetzen, trägt maßgeblich zum Erfolg bei. Die Tischler haben dabei nicht nur die Möglichkeit die Kampagne regional einzusetzen, es wird auch auf individuelle Bedürfnisse und regionale Gegebenheiten in der Kommunikationslinie Rücksicht genommen. So wird für jeden Bedarf die richtige Umsetzung auch im PR-Bereich angeboten.“ Für die Zukunft empfiehlt der Werbe-Profi den Tischlern, mit mehr Selbstbewußtsein aufzutreten: „Der Tischler ist Spezialist für den ganzen Wohnbereich, sei es bei der Planung, Neueinrichtung oder Sanierung. Er hat allen Grund, mit Selbstbewusstsein am Markt aufzutreten und neue Leistungen und Kompetenzen verstärkt zu kommunizieren. Diese Vorteile und die einschlägige Ausbildung differenzieren den Tischler vom 08/15-Möbelverkäufer und müssen noch mehr akzentuiert werden.“
Nachwuchsförderung
Marie-Theres Bretschneider sieht da die Chance der Jungen: „Ein alter Hund lernt nichts Neues mehr. Wir müssen beim Berufsnachwuchs ansetzen. Nur wie? Wir Tischler lieben unsere klassische Lehrausbildung, weil wir da doch meist junge Menschen unter die Fittiche nehmen können, bei denen neben der fachlichen Ausbildung in den besten Fällen auch erzieherisch etwas bewirkt werden kann. Leider können die Ausbildungsstandards nicht vereinheitlicht werden, daher gibt es auch kein einheitliches Niveau. Sehr wichtig wäre auch, dass das individuelle Wohnen an sich mehr Bedeutung erhält. Individualität wird gerade in finanzstarken Kreisen meist gleichgesetzt mit dem Erwerb von Designerartikeln und -Möbeln. Keiner sieht, dass das überhaupt nicht individuell, sondern auf einer teureren Ebene auch nur 08/15 ist. Leider ist die Designerindustrie mächtiger als die Tischlerfamilie.“
Die jüngeren Unternehmer setzen vermehrt auf Kooperation. „Zusammenarbeit in Produktion, Marketing und nicht zuletzt Lehrlingsausbildung“, hält Hannes Steixner für die wichtigsten Mittel zur Verbesserung der Lage. Und Michael Müllner assistiert: „Es müssten einzelne gute Betriebe in Handwerksverbünden organisieren, abgelöst von der Kammer, der man nun wirklich nicht zumuten kann, einige gute hervorzuheben oder schlechte zu 'verdammen'. Aber das wird nur mit jungen Unternehmern möglich sein.“ Kooperation ist es auch, die Pankratz empfiehlt: „Einzelkämpferisches Denken ist fehl am Platz. Der Tischler muss sich zwar auch in der Region behaupten, aber vordergründig geht es darum, die Tischler und deren Image insgesamt zu stärken. Das Hinweisen auf moderne Kompetenzen und das Loslassen der Vergangenheit gehören zum Weg, um die Leistungen auch imagemäßig gemäß ihrem Wert zu verkaufen. Die praktische Umsetzung dieses Rates wird aber noch einiges Umdenken in Anspruch nehmen. „In einzelnen Bereichen gibt es die Kooperation ja schon“, sagt Leopold Binder, „wenn ein spezialisierter Betrieb mit einem anderen zusammenarbeitet, der wieder in anderen Bereichen spezialisiert ist. Aber die Kooperation ist aus, sobald die beiden sich um ein und denselben Auftrag bewerben. Jedem ist das Hemd näher als der Rock.“ Neben der intensiveren Zusammenarbeit hängt die Zukunft der Branche vom beruflichen Nachwuchs ab. „Man sollte die Tischlerlehre keineswegs als Ausweg für lernschwache Jugendliche sehen!“, warnt Bretschneider. „Wo sind die Burschen und Mädchen, die wirklich etwas mit ihren eigenen Händen machen wollen? Natürlich sehe ich das etwas rosig durch die Brille eines reinen Möbeltischlers, der glücklicherweise meist auch seine eigenen Entwürfe realisieren kann; aber nach Absolvierung der Lehrausbildung steht ja doch meist eine gewisse Bandbreite an Möglichkeiten zur Verfügung bei der Entscheidung, wie die Berufslaufbahn weitergehen soll. „Ältere Kollegen müssten überzeugt werden, sich von allzu Althergebrachtem in Bezug auf Design und Marketing zu lösen und die Weiterbildungsmaßnahmen in dieser Richtung vermehrt zu nützen“, meint die Wienerin. „Für das Image eines jeden Berufsstandes ist es das wichtigste, eine ausreichende Anzahl an qualifizierten und motivierten Mitarbeitern zu haben. Ich will damit sagen: Der Lehrlingsausbildung muss in Zukunft größtes Augenmerk geschenkt werden“, fordert Hannes Steixner. „Der Gesetzgeber muss Bedingungen schaffen, unter denen Betriebe flexibler mit den Lehrlingen umgehen können, Betriebe und vor allem Berufsschulen müssen unseren Lehrlingen wieder das Nötige abverlangen, um in unserem vielschichtigem und oft schwierigem Beruf standhalten zu können.“
Aktion ist gefragt
Einen Wunsch an den Gesetzgeber hat auch Michael Müllner: „Der Erwerb des Gewerbescheines darf nicht noch leichter gemacht werden.“ Fatal wäre eine Qualitätsanhebung der Werbelinie ohne gleichzeitige Anpassung der Qualität der Betriebe und ihrer Leistungen. „Ich bin überzeugt, dass 90 Prozent unserer Betriebe, zumindest in Wien, nicht das erzeugen können, was in der Werbung versprochen wird oder was sie als Meisterbetrieb eigentlich draufhaben sollten.“
Darum empfiehlt Peter Pauschenwein: „Als Tischler sollte man sich Zeit nehmen für Schulungen. Man sollte in sich hineinschauen und erforschen, wo es im eigenen Betrieb hapert. Und dann sollte man speziell für diesen Bereich Schulungen machen.“ Damit aber ist es nicht getan. „Das Schwierigste“, räumt der Burgenländer ein, „ist dann die Umsetzung des in der Schulung Gelernten. Wenn man von einer Schulung zurückgekommen ist, darf man die Umsetzung nicht auf die lange Bank schieben und sich vom Alltagstrott wieder überrollen lassen. Das muss sofort in Angriff genommen werden.“ Wichtig ist dabei auch die Einbindung der Mitarbeiter. Und was ist der schlimmste Fehler, den man machen kann? Pauschenwein antwortet schnell und bestimmt: „Genauso weitermachen wie bisher!“

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