24.01.2005
Da sprach der Herr:

Stroh? Oho! Schon im 2. Buch Mose heißt es: „Ihr sollt dem Volk nicht mehr Häcksel geben, dass sie Ziegel machen, wie bisher; lasst sie selbst hingehen und Stroh dafür zusammenlesen. Was sagt uns das? Dass das Team rund um das S-House – das im Übrigen gar nicht die Abkürzung für „Stroh“ ist, wie man meinen könnte, sondern für ein nachhaltiges „Sustainable“ – das Rad der Baugeschichte nicht neu erfunden hat. Und – überrascht uns das?
Nein, tatsächlich wird mit Stroh schon seit Jahr und Tag gebaut, immer wieder auch experimentiert. Doch diesmal folgt das Haus nicht einfach der Prämisse von Schutz vor Witterung, sondern ist das Ergebnis einer Forschungsarbeit der interdisziplinär arbeitenden „Gruppe Angepasste Technologie“. Finanziert wird das Projekt von der bmvit-Programmlinie „Haus der Zukunft“, von der EU und vom Land Niederösterreich. Sogar der architektonische Spießrutenlauf wurde hier auf den Kopf gestellt. Denn geht man in der Regel von einem netten und feinen Entwurf mit einem Haufen an ungelösten technischen Details aus, die man dann solange subtraktionsweise auflöst, bis alle Anschlüsse und Ausführungen hinter dem Vorrang der architektonischen Gestaltung übereinstimmen, so hat man hier so lange addiert, bis 1 und 1 schließlich 2 ergeben hat. Konkret heißt das, dass zunächst einmal – unter anderem auch in Übereinstimmung mit dem Wissengebiet der Bionik – jahrelange Nutzwertanalysen bezüglich der unterschiedlichsten Materialien, Verbindungspunkte, Dämmsysteme, Haustechnik-Konzepte usw. vorausgegangen sind, bis man dann aus einem Katalog freigegebener und akzeptierter Bausteine das S-House zusammenaddierte. Klingt recht simpel. Und ist trotzdem ganz neu.
Umso erfreulicher, dass das Haus aus der Feder der Architekten Scheicher aus Salzburg keinem zusammengeschusterten Kasten gleicht, sondern dennoch mit wertvollen – und teilweise auch schmunzelanregenden – architektonischen Details aufwarten kann. GrAT-Projektkoordinatorin Christine Kunze: „Wissen Sie eigentlich, wie erstaunlich es immer wieder ist, dass gerade vielen Architekten sofort die Füße in den Birkenstock-Schlapfen einschlafen, wenn sie an ökologisches Bauen denken?“ Es ist behaglich, es riecht gut und greift sich gut an. Doch was Nachhaltigkeit und Ökonomie betrifft, so sind dies Paramater, die bedauerlicherweise nun mal nicht in Null-Komma-Nichts erlebbar sind. Ganz im Gegenteil, und im Gegensatz zur populistischen Architektur, bedarf es oft eines etwas längeren Zeitraumes, um all die Vorteile dieser Architekturmethodik überhaupt einmal ausgemacht und verstanden zu haben.
Es ist also nicht verwunderlich, wenn sich abseits von Rationalität und Argumentierbarkeit auf den ersten Blick etwas ganz anderes beim Betrachter einschleicht… Humor nach Zufallsprinzip! Etwas tänzelnd stehen 27 Holzsäulen windschief in der Gegend, stützen offensichtlich recht angestrengt das Dach, zeigen, wie beschwerlich so eine Lastabtragung eigentlich sein kann. Dass durch die windschiefe Positionierung freilich eine recht subtile Aussteifung der gesamten Dachkonstruktion einhergeht, will man erst nach einer kurzen anfänglichen Irritation begriffen haben.
Das Dach als primärer Witterungsschutz ist tektonisch komplett losgelöst von der restlichen Baukubatur. Bauphysikalische Berührungspunkte gibt es nicht, statische nur dort, wo sie wirklich notwendig erschienen. Die stützenden Säulen, die – zum sparsamen Umgang mit Beton – auf Miniaturfundamenten aufliegen, sind dem Kräfteverlauf folgend gebaucht ausgeführt. An antiken Tempeln hieß diese visuell bezweckte Bauchung noch Entasis, hier ist es ein weiteres namenloses Detail einer langen Entdeckungsreise. Dass das ausladende Dach mit der Sommer- und Wintersonne erwartungsgemäß umgeht, versteht sich von selbst und ist ein weiterer Schritt in Richtung Nullenergiehaus. Was die Dachhaut selbst betrifft, so wurden zehn unterschiedlichste Lösungen vom Glasdach bis zum polymeren Pneu analysiert. Als beste Lösung in Balance von ökologischen, wirtschaftlichen und technischen Kriterien kam eine Kautschuk-Membran auf Holz-Unterkonstruktion zum Zug, die durch Vliesauflage und extensive Begrünung vor der UV-Strahlung geschützt wird. Denn – das ist ein materialkundliches Gesetz – hundertprozentige Ökologie und hundertprozentiger UV-Schutz sind miteinander nicht vereinbar.
Das zweigeschoßige Haus darunter ist eine quaderförmige Holzbox, die – punktuell gestützt – von der Bodenfeuchte enthoben schwebt. Grundplatte, Decken sowie Außen- wie Innenwände sind in Kreuzlagenholz (KLH) mittels Holzdübel und formaldehydfreien Klebstoffs ineinander gesteckt. Metallschrauben? Hier nicht! In Hinsicht auf Vermeidung von GK-Trockenbau scheute man nicht einmal davor zurück, das KLH als Fliesuntergrund in den Sanitärbereich weiterzuziehen. Während in den Außenwänden im Norden, Osten und Westen einzelne Fenster oder Fensterbänder eingeschnitten sind, ist die Südfassade in einer Holzpfosten-Konstruktion aufgelöst, nur vereinzelt sind einige Flügel öffenbar.
Und jetzt kommt´s: Wie Moses im 2. Buch des Alten Testaments schon sprach, Ziegelbau ist passé, nur Stroh macht froh. Das religiöse Bekenntnis der Planer außer Acht lassend, wurde die gesamte Holzbox mit einem halben Meter Stroh wärmegedämmt. Unten, oben, links und rechts, überall. Mit einer Größe von 200 x 80 x 50 cm entsprechen die Strohballen, die im Versatz übereinander gestapelt werden, den feldüblichen Verpackungsmaßen der Bauern, von denen sie angekauft werden. Ready-mades also, um mit dem Vokabular der Bildenden Kunst zu sprechen, oder wie Kunze pointiert feststellt: „Da werden die Bauwirtschaft und die Landwirtschaft tatsächlich noch zu Schwestern!“



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