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Alejandro Zaero-Polo: Meister der pragmatischen Abstraktion

19.04.2010

Die Wirtschaftskrise hat für Architekturbüros weitreichende Folgen. In vielen Fällen ist sie zum Auslöser oder Verstärker einer grundlegenden Neuorganisation und Neuorientierung der Büros geworden. Alejandro Zaero-Polo, Mitbegründer von Foreign Office Architects, steht heute vor dem Neustart eines eigenen Büros. Ein passender Moment, um über neue Strategien und bleibende architektonische und politische Überzeugungen zu sprechen.

Michael Koller im Gespräch mit Alejandro Zaero-­Polo

 Alejandro Zaero-Polo: "Als weltweit operierendes Büro haben wir uns letztlich nie die Frage gestellt, wie lange das Wachstum anhalten wird. Plötzlich finden wir uns in einer Situation wieder, wo die ganze Infrastruktur, die den grenzenlosen und liberalisierten Kapitalismus bedient, zum Stillstand gekommen ist."

Wenn ich die Projekte von Foreign Office Architects ansehe, ihre Verbundenheit zur Landschaft und ihren kristallinen und dekonstruktivistischen Aufbau betrachte, tendiere ich unweigerlich dazu, eine Beziehung zu deinen spanischen Wurzeln herzustellen. Inwieweit waren bisher eure Achitektursprache und eure Arbeitsmethode von deiner Herkunft beeinflusst?
Ich glaube, dass ich nach wie vor sehr stark vom Aufbau der spanischen Architekturausbildung beeinflusst bin, von der Handhabung des Entwurfs- und Bauprozesses, aber nicht von der Formensprache.

Gibt es da so etwas wie ein spanisches Charakteristikum?
Sicherlich. Ich denke, dass die Vielfältigkeit spanischer Architekten das Charakteristikum ist. Die Architekturbüros sind sehr klein, es gibt nur sehr, sehr wenige, die bis zu 20 Mitarbeiter haben. Sie sind international gesehen völlig irrelevant. Bedingt durch die Bürogrößen müssen alle Mitarbeiter alles machen. Zusätzlich sind die Bauaufgaben vielfältig, die Büros machen alles, von der Landschafts- und Städteplanung über sozialen Wohnbau bis hin zur Planung öffentlicher Bauten.

Das heißt, du selbst möchtest diese Vielfältigkeit der Bauaufgaben für deine Arbeit beibehalten?
Ich glaube, dass dieser Ansatz in meiner Art zu arbeiten stark verwurzelt ist. Zudem bin ich neben dem Entwurf immer noch sehr stark an der technische Ausführung interessiert: Spanische Architekten werden technisch so ausgebildet, dass sie statische Strukturen berechnen können, Wissen über die bautechnische Infrastruktur, Brandschutz etc. haben. Es ist nicht wie in niederländischen oder englischen Büros mit 200 Mitarbeitern, wo viele Personen einfach nur die PR machen. Die Bürogröße ist sicherlich auch einer der Gründe, warum die spanischen Architekten bisher nicht über ihre Landesgrenze hinaus gearbeitet haben. Außerdem war natürlich Spanien bis vor kurzem ein Paradies für Architekten mit vielfältigsten Betätigungsfeldern, Projekten mit ausgezeichneter Qualität und scheinbar nie endenden Aufträgen.

Du versuchst also, die Projektentwicklung vom Anfang bis zur Fertigstellung mitzubetreuen.
Ja, wobei wir als Unternehmen nicht so groß sind. Wir sind durch die Krise von 60 Leuten auf 30 zusammengeschrumpft, und durch die Bürospaltung werde ich mit ca. 15 Personen weiterarbeiten.

Ein echtes, spanisches Architekturbüro also ...
Ja, tatsächlich.

Du sagst zwar, dass die Formensprache von FOA nicht bewusst etwas mit spanischer Architektur zu tun hat. Gleichzeitig sind aber die Verbundenheit zum Ort, das formale Herauswachsen der Baukörper aus dem Gelände, die Verwendung der Materialien und diese kristallinen Formen ganz starke und typische Wesenszüge spanischer Architektur.
Ich möchte auf jeden Fall nicht deshalb als Spanier gelten. Ich bin nicht aufgrund der Materialien, der Tektonik, der Verbundenheit zum Baugrund oder der Technologie an der spanischen Architektur interessiert. Was mich an der spanischen Architektur fasziniert, ist der traditionelle Mix zwischen Pragmatismus und Abstraktion in der Architektur, der das Resultat einer andauernden Aufklärung ist. Das heißt, die Tradition pragmatisch und wirtschaftlich zu denken und das geforderte Resultat zu liefern und effizient zu sein und gleichzeitig imstande zu sein auf die Qualität der materiellen Organisation zu vertrauen, um ein Gebäude zu entwickeln.

Wie definierst du dann Architektur?
Ich möchte nicht ein Architekt sein, bei dem es nur entweder um Materialien, Typologien, die Geometrie oder um die Frage der Box gegenüber dem Blob etc. geht. Ich bin nicht daran interessiert, in eine dieser traditionellen und statischen Kategorien gezwängt zu werden. Ich glaube zutiefst, dass es in der Architektur um die geeignete Verwendung und das Zusammenspiel von Materialien im weitesten Sinne geht. Materialien nicht allein im Sinne von Stahl, Glas, Beton oder Ähnlichem, sondern im Sinne von komplexen Materialien, von Materie, nämlich wie man beispielsweise Aluminium mit der Art und Weise, wie Menschen in einem Restaurant essen oder in einem Büro arbeiten, kombiniert. Auch die Zusammensetzung der Menschen, die einen Raum bevölkern, ist Teil der Materialien, ist Materie.

Den Menschen als reine Materie zu sehen kann auch als sehr arroganter Standpunkt gesehen werden …
Natürlich, kann das so interpretiert werden. Für mich spielen die Menschen in ihrem Verhalten und ihren Erwartungen eine ebenso große Bedeutung wie die Materialeigenschaften von Stahl oder Glas, die ich für die Gestaltung von Räumen vorschlage. Ich versuche, Materialien so zu verbinden, dass sie der Art und Weise, wie Menschen in einem Restaurant essen, am besten entsprechen. Die Nutzer sind für mich Parameter, die auf die Atmosphäre an einem Ort reagieren und diese gleichzeitig aktiv kreieren. Der Mensch an sich ist ja sehr komplex und wird von einer Vielzahl von Parametern wie seiner Kultur, dem Klima, in dem er lebt und aufgewachsen ist, sowie seinen persönlichen Erfahrungen geformt.

Das ist ein sehr inklusiver Planungsansatz. Aber glaubst du, dass der Benutzer deiner Architektur all diese Überlegungen und Parameter, die du in deinen Entwurf einfließen lässt, vor Ort bewusst wahrnimmt?
Nein, nicht unbedingt, aber ich glaube, dass er sie fühlt – hoffentlich. Architektur ist ja keine Kunst, die man auf ein Podium stellt oder wie ein Gemälde in einer Galerie betrachtet. Für mich ist diese permanente und unbewusste Präsenz das Spannendste an der Architektur. Ich würde es hassen, wenn Leute unsere Gebäude wie Ikonen betrachten. Ich bin der Meinung, dass Architektur nicht bewusst wahrgenommen werden muss. Wir sind von Natur aus von Architektur umgeben, alles ist Architektur.

Wenn man aber den Yokohama-Terminal betrachtet, bekommt man doch den Eindruck, dass ihr auch ikonografische Architektur macht.
Gerade das Gegenteil ist der Fall: Man kann das Gebäude von außen eigentlich überhaupt nicht sehen. Das ist ein gewisses Problem, weil Politiker solche Projekte gern herzeigen würden. Das Technologie-Zentrum in Rioja beispielsweise ist bei der Ankunft nicht einmal sichtbar. Es entwickelt sich erst nach dem Eintritt ins Gebäude. Auch der Meydan-Retail-Komplex in Istanbul ist Teil der Landschaft. In manchen Fällen, wie zum Beispiel beim John Lewis Department Store, ist es natürlich so, dass der Auftraggeber ganz bewusst eine Ikone, ein Landmark von uns verlangt.

Kritiker behaupten, dass wir in der Baubranche heute nicht nur mit einer Wirtschaftskrise zu kämpfen haben, sondern auch mit einer tiefen Krise innerhalb des architektonischen Schaffens. Glaubst du, dass das stimmt? Ist da etwas Wahres dahinter?
Ein bisschen. Ich war Student einer Architekten- und Professorengeneration, die politisch sehr engagiert war. Ende der 1960er-Jahre haben sie Politiker und Projektentwickler gehasst, da Letztere ihrer Meinung nach nur am politischen oder finanziellen Profit interessiert waren, und forderten eine soziale und intellektuelle Revolution. Das waren in der Tat sehr interessante Menschen, aber wir haben sie natürlich aus Prinzip kritisiert und ihre Ansichten infrage gestellt. Das ist völlig normal so, es wäre ungewöhnlich, wenn es anders wäre. In der gleichen Art und Weise haben mich Studenten am Berlage-Institut sicherlich während meiner zehnjährigen Leitung als pragmatischen Besserwisser kritisiert, aber das ist auch okay, das ist normal. Das Problem mit der Wirtschaftskrise ist, dass sie das ganze System, auf das die Performance unseres eigenen Büros wie auch das von Ben van Berkel oder Rem Koolhaas aufgebaut war, zum Einsturz gebracht hat. Als weltweit operierendes Büro haben wir uns letztlich nie die Frage gestellt, wie lange das Wachstum anhalten wird. Plötzlich finden wir uns in einer Situation wieder, wo die ganze Infrastruktur, die den grenzenlosen und liberalisierten Kapitalismus bedient, zum Stillstand gekommen ist.

Bist du jemand, der an die soziale und politische Verantwortung der Architekten glaubt?
Ich bin bis zu meinem zehnten Lebensjahr in einer Diktatur aufgewachsen. Die darauffolgende Demokratie war für viele in Spanien und auch für mich eine große politische und ideologische Enttäuschung. Gerade weil ich gesehen habe, wie die sogenannten Linken und Liberalen zum Teil sehr korrupt und demagogisch wurden, entwickelte ich eine zunehmend pragmatischere Einstellung gegenüber der Meinung, dass allein die Politik und die Ideologie ein Land grundlegend verändern kann. Ich habe miterlebt, wie Leute, die nach Europa gegangen sind, um Finanzen für die Verbesserung der spanischen Infrastruktur aufzutreiben, und die begonnen haben, Holiday-Resorts an der spanischen Küste zu entwickeln, das Land viel stärker und grundlegender verändert haben als politische Ideologien. Deshalb bin ich sehr skeptisch darüber geworden, dass Architektur einen politischen Inhalt, ein ideologisches Statement sein muss.

Und dann hast du plötzlich selbst als Dekan des Berlage-Instituts und als Professor und Vortragender an verschiedenen Universitäten eine sehr edukative und gewissermaßen auch ideologische Rolle gespielt.
Tatsächlich wuchs ich im Laufe der Jahre, verursacht durch unsere steigende internationale Anerkennung, auch in die Rolle des Kritisierten. Das war für mich nicht nur eine neue, sondern auch sehr spannende Rolle. Als Student dachte ich immer, dass meine Professoren die wirklich wichtigen und essenziellen Dinge, die die Gesellschaft benötigt und die Architektur ausmachen, nicht sehen konnten. Und nun wurden mir als Vortragenden und Ausbildenden dieselben Dinge vorgeworfen. Ich war sehr von der Reaktion junger Studenten auf die Dinge, die meine Generation bewirkt hat, die ich repräsentiere, fasziniert. Das hat mich natürlich auch gezwungen, meine Argumente gegenüber mir selbst stärker und klarer zu formulieren, um auf die Fragen und Erwartungen der neuen Planergeneration zu antworten. Und es hat mich auch gezwungen, manche meiner Ansichten anzupassen und zu verändern. Aber ich versuche ganz bewusst, diesen Dialog mit der neuen Generation offen zu halten, weil in ihrer Sichtweise immer auch etwas Wahres verborgen liegt und ich vielleicht gerade durch meine Erfahrung für manche ihrer Kritiken und Analysen blind geworden bin.

Das klingt aber nicht so pragmatisch, ganz im Gegenteil.
Ich glaube, dass der Pragmatismus, den ich aufgrund meiner persönlichen politischen Erfahrung entwickelt habe, mich ganz stark mit anderen Architekten wie Winny Maas oder Ben van Berkel verbindet. Es ist der Pragmatismus, sich darauf zu konzentrieren, das zu liefern, was vom Auftraggeber gefragt wurde, ohne zu versuchen, große, ideologische Philosophien zu realisieren.

Du stehst heute vor dem Neubeginn deines Büros. Wie siehst du deine Zukunft? Was wirst du tun? Gehst du nach Spanien zurück?
Das ist nicht meine Intention. Ich habe noch keine Ahnung. Das ist gerade das Spannende an meiner Situation. Alles ist möglich.

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