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Andrea und Ivan Redi: Vom Durch-den-Raum-Fließen

21.11.2013

Andrea und Ivan Redi sind die Leiter des Kreativbüros Ortlos, das sich als transdisziplinäres Designstudio ­versteht. Architektur wird als Komponente begriffen, die durch die Nähe zu anderen Disziplinen entsteht. In einer Zusammenführung unterschiedlicher Bereiche entstehen Projekte, die Beiträge aus Architektur, ­Komposition und Soziologie realisieren. Kunst und Philosophie gehören aber ebenso zu dem Umfeld, in dem die innovativen ­Arbeiten von Ortlos entstehen.

Susanne Karr im Gespräch mit Andrea und Ivan Redi

Architektur befasst sich hauptsächlich mit dem Umgang und der Schaffung von Raum und hat demnach einen Ortsbezug. Der Name Ortlos für ein Architekturbüro klingt daher schon ein wenig ungewöhnlich.
Architektur verstehen wir nicht vorrangig als das reale Bauen. Es geht uns um eine umfassende Bedeutung von Raum – real oder virtuell, aufgefasst als Möglichkeit zu kommunizieren. Wir negieren den Ort nicht, wir verstehen uns eher als vom Ort unabhängig. Seit unserer Gründung im Jahr 2000 arbeiten wir als interdisziplinäres Studio und je nach Schwerpunkt mit den unterschiedlichsten Partnern zusammen.
Wir sind immer fokussiert auf die nachhaltige Komponente in der Architektur und beschäftigen uns seit fünf Jahren mit responsiven Räumen, die in Projekten wie Sensitive Space oder Responsive Public Space auf User reagieren, die interaktiv, immersiv sind, das heißt, man aktiviert alle Sinne.

Ist das kein Widerspruch, einerseits diesen Schwerpunkt mit Nachhaltigkeit und Ökologie zu setzen, andererseits aber hochtechnisierte Räume zu entwickeln?
Wir haben einen holistischen Anspruch der gebauten Welt oder dem Raum gegenüber, ob real, virtuell oder als augmentierte Realität. Wir versuchen, die neuesten Technologien in einem bionischen Sinn ökologisch richtig anzuwenden. Gerade etwa bei F.U.T.U.R. in Graz, ging es uns nicht so sehr um ein „Begrünen der Stadt“.
In Graz sind die gesundheitsschädigenden Feinstaubpartikel ein Riesenproblem. Wir haben im Team mit Biologen und Entwicklern diese „grünen Fassade“, ein System mit Pflanzen, erarbeitet, das Feinstaub binden kann. Dieses Modell versteht urbane Oberflächen als Träger lebender Strukturen. Wir stellen diesen regenerativen Ansatz zur Verbesserung des städtischen Mikroklimas und der Verringerung von Feinstaubbelastung her. Es gibt sehr viele leere Flächen in Graz, die ästhetisch minderwertig sind, die man „upgraden“ und mit diesem Fassadensystem, das den Bewohnern nützlich ist, ausstatten kann.

Ist dieses Modell auch in anderen Städten umsetzbar? Als vielerorts einsatzbereit versteht sich auch das City Lab, das ortsunabhängige Büromodul, das sich in beliebige Gebäude einpassen lässt. Wie funktioniert das?
Das City Lab ist ein hochentwickeltes Raummodul, mit dem man leerstehende Geschäfte, also minderwertig deklarierte Flächen, wie es sie derzeit in vielen europäischen Städten gibt, aufwerten kann. In das einfach adaptierbare Arbeitsmodul City Lab können kreative kleine Teams oder auch Ein-Personen-Büros einziehen. Mit mobilen und virtuellen Elementen ausgestattet, lässt es sich in unterschiedlichen räumlichen Settings einbauen. Das City Lab ist für kreative Arbeiter der Wissensgesellschaft konzipiert, die häufig an verschiedenen Orten arbeiten. Wir haben es als Aufgabe gesehen, solche Wissensarbeiten zu ermöglichen. Die Arbeitsplätze können on demand hergestellt werden. Das City Lab ist ein Raum, der an den jeweiligen Nutzer angepasst werden kann. Man ist aus den Architekturdiskursen gewohnt, dass man sich der Architektur anpasst und dem „form follows function“-Dogma folgt. Wir hingegen beschäftigen uns damit, wie sich der Raum dem Nutzer anpassen kann, also genau umgekehrt. Damit muss sich Architektur heute befassen.

Mit „Responsive Public Space“, der Ende September in Graz gezeigt wurde, hat Ortlos einen solchen von Usern mitgestalteten Raum vorgeführt. In dieser Rauminstallation mit audiovisuellen Kompositionselementen interagiert der Raum mit dem Publikum.
Wir haben einen Hör-, Klang- und Bildraum installiert, der interaktiv auf die Besucher bzw. auf deren Interaktion reagiert. Klang- und Bildraum können so verändert werden. Mit diesem Forschungsfeld haben wir 2008 in Venedig im Rahmen von „Sense of Architecture“ gemeinsam mit dem experimentellen Komponisten Beat Furrer die erste Skizze von Sensitive Space entwickelt. 2010 wurde dann im Rahmen der Ausstellung „klang. körper. räume“ im Kunsthaus Mürz der erste Prototyp gebaut. Mit dem aktuellen Responsive Public Space sind wir unserem Konzept von „open space“, „open mind“ und „open source“, das nach einem zugänglichen öffentlichen Raum verlangt, noch näher gekommen.

Responsive Public Space interagiert mit dem Publikum. In Zusammenarbeit mit Architekten, Komponisten und Visual Artists wurden diese Rauminstallationen entwickelt und mit audiovisuellen Kompositionselementen ausgestattet. Wie wird diese Interaktion bewerkstelligt?
Über Infrarotkamera werden die Personen getrackt, die Bewegungen und deren genaue Position im Raum wird mittels Daten an die Metamaschine weitergeleitet, damit arbeiten dann der Komponist Hubert Machnik und der Visual Artist. Es gibt verschiedene Modi, denen Klang und Bild zugeordnet werden. Die Installation im öffentlichen Raum war wichtig, weil nur hier der Zugang für alle gewährleistet ist. Das Ganze hat natürlich einen architektonischen Hintergrund. Wir beschäftigen uns mit der Frage: Wie kann Architektur offen zugänglich sein? Wie können öffentlich Räume durch das Unsichtbare aktiviert und in ihrer Nutzung verstärkt werden? Unsere Architekturen beschäftigen sich immer mit Offenheit und Zugänglichkeit des Raumes. Es ist wichtig, dass ein Fließen durch den Raum möglich ist.

Also werden funktionale Aspekte des Gebäudes vom öffentlich zugänglichen Bereich räumlich getrennt angeordnet?
Genau. In unserer gebauten Architektur geht es uns auch um diese vertikale Schichtung des Gebäudes in öffentliche, halb-öffentliche und private Bereiche. Wir realisieren diese Thematik vertikal: Die Grundfläche, die den Bau in der Stadt besetzt, soll jeder Person zugänglich sein. Der freie Zugang soll in der Konzeption so verankert sein, dass Ausschluss erschwert wird, weil wir der Meinung sind, dass niemand das Recht hat, öffentlichen Raum zu besitzen. Dazu kommt unsere Idee der Ent-Ortung, damit Gebäude an verschiedenen Orten funktionieren können. Die technische Infrastruktur ermöglicht das Funktionieren an einem Ort, aber das Gebäude ist nicht mit dem Ort verwurzelt.

Ortlos widerspricht also einer Architektur des Verhaftet­seins und Ansässigseins.
Die Hälfte unseres Tuns ist bereits in digitalen Welten angesiedelt, Architektur muss auf dieses Phänomen reagieren. Der klassische Begriff des Ortes löst sich auf, er manifestiert sich nicht mehr als physikalische Grenze.
Unsere drei Thesen könnte man folgendermaßen beschreiben: Erstens die innovative Architektur in dem Sinne, wie wir Räume erforschen, verstehen und beschreiben. Zweitens die Anwendung fortschrittlicher Technologien, die nicht nur im Gebäude, sondern bereits in den Designprozess integriert sind.
Drittens konzentrieren wir uns auf die regenerative Komponente in der Architektur. Das bedeutet für uns, dass Gebäude einen positiven Beitrag leisten für das gesamte System Stadt und dass wir die neuesten Erkenntnisse für den Umgang damit dafür verwenden müssen. Außerdem ist ein ganz wesentliches Prinzip das interdisziplinäre Arbeiten. Schon in der ersten Phase des Entwurfs wird etwa ein Komponist oder ein Programmierer als gleichberechtigter Partner hinzugezogen. „Open Innovation“ wird so erst möglich, um immer an die Grenze zu gehen und zu fragen: Was ist möglich? Wie sich unsere Projekte manifestieren und in welchem Kontext, ist unterschiedlich, sie folgen aber diesem roten Faden. Wir entwickeln auch Applikationen, Interfaces. Wir haben zum Beispiel die iPhone-Applikation „Gandis“ für energieeffizientes Planen entwickelt.

Und diese iPhone-Applikation wird von Architekten und Designern verwendet?
Nicht nur, wir bieten sie auch Studenten und Bauherren an. Es geht darum, dass Themen wie grüne Architektur sehr emotionell diskutiert werden. Das ist oft sinnlos, denn es gibt Dinge, die messbar und evaluierbar sind, die auch zu komplex sind, um sie so banal zu diskutieren. Wir haben gesehen, dass das Thema recht komplex ist: Die Dinge hängen zusammen, ob wir diese Zusammenhänge sofort erkennen oder nicht, ist eine andere Frage. Wir haben gesehen, dass gerade bei der Planung neuer Gebäude oft sehr viel Marketing im Spiel ist, und haben ein sehr simples, intuitives Tool entwickelt, mit dem Architekten, Studenten und Bauherrn anhand parametrischer 3-D-Modelle die Auswirkungen ihrer Planungen visualisieren können.

Aber widerspricht sich das nicht? Emotionale Diskussionen abzulehnen, und dann ein intuitiv funktionierendes Tool zu schaffen?
Wir dürfen den User nicht überfordern. Wie kann man solch komplexe Zusammenhänge vermitteln, ohne dass sie dabei Komplexität verlieren? Natürlich läuft dahinter eine aufwändige mathematische Berechnung, aber das Tool funktioniert über einen intuitiven Zugang. Deswegen haben wir auch ein Manual implementiert mit Beispielen, was die Dinge bedeuten und wie sie sich auswirken. Dies zu lesen ist natürlich nicht genug, der User muss selbst, quasi „hands on“, die Dinge ausprobieren. Die Parameter, die dieses interaktive Modell beeinflussen, müsste man dann im Zusammenspiel besser verstehen.

Wie gelingt es bei dieser Komplexität der verschiedenen Aufgabenstellungen und Disziplinen ein einzelnes Thema zu fokussieren?
Wir beschreiben unser Tun wie eine Matrix, die zum Teil von unserer Neugier vorangetrieben wird, zum Teil von unseren Projektpartnern. Als Architekten arbeiten wir fast nie allein, sondern in einer Art Community, die wir über Jahre aufgebaut haben und die mehr als 20 Partner und Institutionen umfasst. Wir haben versucht unsere Arbeitsweise im klassischen Buchformat aufzuarbeiten, mussten aber bald erkennen, dass das in dieser Form nicht funktioniert. Stattdessen haben wir eine Art „interaktives Buch“ entwickelt, es nennt sich „iThink Reader“. Das ist ein intelligenter semantischer E-Book-Reader; Wir schreiben das Buch, und parallel dazu versuchen wir dieses Wissen, das wir uns angeeignet haben, miteinander zu verknüpfen. Die Applikation ist bereits fertig programmiert und auf iTunes verfügbar. Und erst jetzt beginnen wir mit dem Buch, eigentlich mit dem Füllen mit Inhalten aus diesem semantischen Netzwerk. So haben wir uns selbst unser Vorgehen erklärt und erkannt, dass wir alle, nicht nur in der Architektur, häufig von der Komplexität der Informationen überfordert sind, von den Dingen, die wir wissen sollen, von den Widersprüchen. Und die Prägung, sich jahrelang auf ein Ding zu spezialisieren und einen bestimmten Blickwinkel einzunehmen, das ist ein Konzept, das uns nicht zufriedenstellt.

Gibt es aus Ihrer Sicht einen Overlap, dass man zugibt, man braucht diese Interdisziplinarität, um die Welt überhaupt erklären oder abbilden zu können?
Auf jeden Fall. Die Finanzkrise hat uns gezeigt, dass wir herauszoomen müssen, um die Zusammenhänge mit einem soziopolitischen Blick auf die Dinge zu verstehen. In der Finanzwelt haben Leute mit Agenden gehandelt, die sie nicht wirklich verstehen, vor allem nicht deren Auswirkungen. Die immer komplexer werdenden Fragestellungen betreffen uns alle, nicht nur die Finanzwelt oder die Architektur, auch die Medizin. Es geht immer um Beziehungsmodelle und um diese Zusammenhänge, die zu erforschen sind und wofür Lösungen entwickelt werden müssen, ohne die Komplexität zu verlieren.

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