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Aranda/Lasch: Irgendwo ist immer morgen auf der Welt

16.04.2012

Mitten auf dem Schwarzenbergplatz in Wien steht die Klangskulptur „The Morning Line" von Aranda\Lasch. Was hat es mit diesem geheimnisvollen Raum auf sich? Woher kommt der morgendliche Strich? Und handelt es sich dabei überhaupt um Architektur? Wojciech Czaja traf die beiden New Yorker Architekten zu einem, wie sich am Ende herausstellte, unvergesslichen Gespräch.

Wojciech Czaja im Gespräch mit Benjamin Aranda und Chris Lasch

Aranda\Lasch: "Wir sind keine Wissenschafter, wir sind keine Mathematiker, und wir sind keine Computerprogrammierer. Wir sind Architekten."

Auf dem Schwarzenbergplatz in Wien steht derzeit die Klangskulptur „The Morning Line". Worum geht es da?
Aranda: „The Morning Line" ist eine Klangskulptur aus lackiertem Aluminium. Diese Linie, um die es hier geht, ist ein mathematisches Fraktal im Sinne Benoît Mandelbrots. Sie ist ein emotionales Ausdrucksmittel, sie ist Gestalt, Struktur und Textur, sie ist geometrische Information, statisches Verbindungsmittel und zugleich eine Waffe gegen die Schwerkraft. Sie ist einfach alles in einem. Durch die Weiterentwicklung und anschließende Addition der einzelnen Elemente wird die Linie schließlich zum Raum.

Und in einem Satz?
Lasch: „The Morning Line" ist eine Zeichnung im Raum, die Geräusche macht.
Aranda: Klingt gut. Den Satz sollten wir uns merken!

Wie kommt der ungewöhnliche Name zustande?
Aranda: „The Morning Line" ist der Name einer britischen Polo-Zeitung, in der unter anderem die Polo- und Pferderennen sowie die dazugehörigen Wettschlüssel angekündigt werden. Und diese Wettschlüssel sind nichts anderes als eine vage Vermutung, nichts anderes als ein vorsichtiges Erraten der Zukunft. Bei unserer Skulptur „The Morning Line" ist es genauso. Wir versuchen damit, in die Zukunft zu blicken und uns zu überlegen, was morgen, was übermorgen sein wird. Es ist ein Spiel mit der Zeit.

Eine Art Kristallkugel also?
Lasch: Okay, dann noch deutlicher. Man könnte „The Morning Line" auch als Metapher lesen. Man könnte auch sagen: „The Morning Line" ist die erste Linie, die am Anfang eines Tages gezogen wird. Es ist der erste gezeichnete Strich am Morgen, und dieser Strich ist ungefiltert und roh, er folgt keinen exakten Spielregeln, sondern entsteht aus dem reinen Impetus heraus, müde und verschlafen.
Aranda: Der erste Strich am Morgen ist immer echt. Das ist das eigentlich Faszinierende an kreativer Arbeit. Alles andere ist für uns uninteressant.

Wann haben Sie den ersten Strich zu „The Morning Line" gezogen? Am Morgen?
Aranda: Wissen Sie, es ist immer irgendwo morgen auf der Welt.

Sie sind nicht besonders konsequent mit Ihren Prinzipien.
Aranda: Gehen Sie immer so streng mit den Architekten ins Gericht?

Ich überprüfe nur die Glaubwürdigkeit Ihres Konzepts.
Lasch: Die Grundidee war eine spontane Eingebung am Morgen. Die genaue Ausformulierung folgt einem strengen, von uns vorgegebenen Algorithmus. Wir haben zwar auf den mathematischen Befehl Einfluss genommen, aber nicht mehr auf die genaue, daraus resultierende Form. Die hat sich durch das mathematische Chaos ergeben.

Und Sie haben gar nicht mehr korrigierend eingegriffen?
Lasch: Doch, aber nur ein bisschen. Am Ende des Tages ist und bleibt man doch Architekt. Das Bisschen Gestaltung kann man sich nicht nehmen lassen.

Ich fürchte, dass man „The Morning Line" bei so viel Erklärung, so viel Prinzip und so viel Ausnahme als Außenstehender unmöglich begreifen kann. Eine Rezeption ohne Erklärung ist unmöglich. Kann man da überhaupt noch von Architektur sprechen?
Aranda: Wenn man uns bittet, die Struktur und die Statik oder die Grundintentionen dieses Projekts zu erklären, dann machen wir das natürlich. Wir sind Architekten und geben die nötige Information, die man von uns verlangt, gerne weiter. Wenn es aber um die Interpretation dieser Skulptur geht, dann möchten wir uns bewusst heraushalten. Wir sind für jede neue Sichtweise dankbar. Keine ist richtig, und keine ist falsch.

Und welche Rolle bei all dieser Interpretationsfreiheit spielt die Musik?
Aranda: Eine sehr wichtige! Ohne Musik ist die Skulptur unvollständig. Die Musik ist ein essenzieller Bestandteil.
Lasch: Ich kann mir „The Morning Line" durchaus auch ohne Musik vorstellen.

Zwei Personen, zwei Meinungen. Sie schaffen mich!
Aranda: Detto!
Lasch: Natürlich ist die Skulptur auch ohne Musik physisch existent. Und sie hat auch ihre räumlichen Qualitäten. Aber ohne Klang ist das Kunstwerk eben nicht komplett, dann sprechen wir von einem völlig anderen Projekt.

Sind Sie denn nun Architekten oder Künstler?
Aranda: Das ist das mit Abstand architektonischste Projekt, das wir je gemacht haben. Es ist purer Ausdruck dessen, wozu Architektur überhaupt imstande ist, welche fantastischen Räume Architektur generieren kann. Die Rolle, die wir in diesem Projekt spielen, ist die: Wir wollen darstellen, wie man auch mit reduzierten Mitteln, mit einem gewissen Abstraktionsgrad Architektur machen kann.
Lasch: Wir sind keine Künstler. Wir bezeichnen uns ohne jeden Zweifel als Architekten. Und so gesehen ist das auch ein klassisches Architekturprojekt, denn wir haben uns mit dem Ort auseinandergesetzt, haben den Topos studiert, haben den Entwurf gemacht, haben die Details ausgearbeitet und haben mit gewissen Fachplanern, Konsulenten und Künstlern zusammengearbeitet, die sich dann auf ihre Weise in das Projekt eingebracht haben.

„The Morning Line" wurde aber für keinen speziellen Ort entwickelt. Die Skulptur war bereits an mehreren Orten zu sehen. Aktuell steht sie am Schwarzenbergplatz in Wien. Wo ist da der spezifische Topos?
Aranda: Sie sind echt streng. Ich sag’s ja!
Lasch: „The Morning Line" wurde im Auftrag von Thyssen-Bornemisza Art Contemporary für die Kunstbiennale in Sevilla entwickelt. Mit diesem Ort haben wir uns in der Tat konkret auseinandergesetzt. Das Projekt wurde eigens dafür entwickelt. In Istanbul und Wien wurde die Skulptur eins zu eins übernommen und in einen anderen Kontext gestellt. Ich finde die unterschiedlichen städtischen Situationen im Vergleich zueinander sehr spannend.

Haben Sie einen Lieblingsort?
Lasch: Bei „The Morning Line" geht es unter anderem um den Dialog mit der Stadt. So gesehen war die Installation in Istanbul während des Kulturhauptstadtjahres 2010 besonders gelungen. Im Islam spielt Geometrie eine wichtige Rolle. Jeder Impuls und jede Darstellung des Göttlichen wird im religiösen Kontext geometrisch darstellt. Da gibt es natürlich viele Parallelen. „The Morning Line" weist eine Geometrie auf, die man ohne Zweifel als islamische Ornamentik bezeichnen könnte. Die schwarze Oberfläche erinnert an die schwarze Kleidung der muslimischen Frauen. Und die chaotische Struktur passt bestens in diese wunderbar chaotische Stimmung dieser Stadt.
Aranda: Hinzu kommt, dass die Leute die Skulptur in Istanbul wirklich in Besitz genommen haben, dass sie Porträtfotos davor geschossen haben, dass die Kinder darauf wie auf einem Klettergerüst gespielt haben. In Sevilla und Wien war das ein bisschen anders. Da wurde meist eine gewisse physische Distanz gewahrt. Besonders gelungen finde ich das Spannungsverhältnis zwischen „The Morning Line" und diesem noblen, eleganten, herrschaftlichen Gebäude der französischen Botschaft. Aber lassen Sie mich doch mal bitte eine Frage an Sie stellen!

Fragen Sie!
Aranda: Würden Sie „The Morning Line" als Kunst oder Architektur bezeichnen?

Am ehesten wohl als temporäre Stadtinstallation.
Aranda: Nicht als Architektur? Ich bin erstaunt.

Bei Ihrem allerersten gemeinsamen Projekt im Jahr 2003 wollten Sie eine Art Satellit bauen und haben einer Taube eine Kamera um den Körper geschnallt. War das auch Architektur?
Aranda: Jetzt sind Sie aber unfair!

Architektur: ja oder nein?
Lasch: Indem man einer Taube eine Kamera um den Körper schnallt, macht man einen Raum sichtbar. Genauer gesagt macht man den eigenen Lebensraum aus einer anderen, aus einer ungewohnten Perspektive sichtbar. Man tritt dadurch in einen dynamischen Raum ein und lernt, ihn zu erkunden. Ja, definitiv, das ist Architektur.

Was ist mit dem Film passiert.
Lasch: Der Film wurde in den USA auf PBS, auf der Public Broadcasting Station, gespielt. Die Zuschauerquoten war sehr hoch.

Und was ist mit der Taube passiert?
Lasch: Die Taube hat ein glückliches und zufriedenes Leben geführt. Bis zu ihrem letzten Tag.
Aranda: Die Taube ist eine unsterbliche Legende geworden! Sie lebt im Geiste weiter.

Ein weiteres bekanntes Projekt Ihrer Arbeit lautet „Modern Primitives". Da werden Häuser, Möbel und Gebrauchsgegenstände des täglichen Lebens bis zur Unkenntlichkeit zerpixelt.
Aranda:
Chris, willst du?
Lasch: Ja, ich mache das schon. Die meisten Zivilisationen und Kulturepochen werden nach den Materialien bezeichnet, die zu dieser Zeit verwendet wurden. Da gibt es das Steinzeitalter, die Eisenzeit, das Bronzezeitalter, die Industriealisierung und so weiter. Die meisten Forscher sind sich darin einig, dass wir nun kurz davor sind, ins sogenannte Nanozeitalter vorzudringen. Die Idee, die dem Projekt „Modern Primitives" zugrunde liegt, ist, dass im Nanozeitalter Moleküle und Neutronen so programmiert werden können, dass sie allein durch die Programmierung bestimmte Eigenschaften, bestimmte Formen und somit auch bestimmte Funktionen übernehmen können. Ob das nun ein Haus, ein Schiff, eine Blumenvase, ein Kindersitz oder eine Babywiege ist. Unser Leben wird sich durch diese Technologie maßgeblich ändern.
Aranda: Aber ich muss gestehen, ich mag den Ausdruck Pixel nicht. Ein Pixel ist etwas sehr Dummes und Uninformatives. Ich würde diese Nanopartikel beziehungsweise Elemente viel eher als Module bezeichnen. Und durch die Zusammensetzung unterschiedlicher Module entstehen schließlich ganz unterschiedliche Gegenstände.

Realität oder Utopie?
Aranda: Wir sind keine Wissenschafter, wir sind keine Mathematiker, und wir sind keine Computerprogrammierer. Wir sind Architekten. Und unsere Rolle als Architekten ist es, die Zukunft zu gestalten und über den Tellerrand zu blicken. Dieses Projekt ist unser Beitrag zur Zukunft. Das ist unsere Idee. Schauen Sie einmal, was in den vergangenen paar Jahrzehnten alles entstanden und erfunden wurde! Warum sollte es daher nicht möglich sein, Materie mit einer bestimmten Information zu speisen und zu programmieren? Ich bin davon überzeugt, dass das möglich sein wird.

Alles soll gepixelt werden?
Aranda: Alles kann gepixelt werden!

Das erinnert mich an die unheilbaren Neurosen von Mister Monk.
Lasch:
Sie meinen die TV-Serie?
Aranda: Ja, wir sind besessen. Ich fürchte, wir sind total besessen. Aber wir haben gelernt, damit zu leben und das Beste daraus zu machen.

Wo sehen Sie sich in zehn Jahren?
Lasch: In zehn Jahren werden wir das Zehn-Jahres-Jubiläum dieses wohl schwierigsten und herausforderndsten Interviews unseres Lebens feiern.
Aranda: Und zwar mit größter Besessenheit! Fragen über die Zukunft zu beantworten halte ich persönlich für sehr schwierig. Ich habe die große Hoffnung, dass die Menschen in zehn Jahren unsere Arbeit endlich als Architektur wahrnehmen werden. Wissen Sie, wir werden immer wieder danach gefragt, ob wir uns denn wirklich für Architekten halten und ob unsere Projekte denn allen Ernstes Architektur sind. Und ich erkenne eine in mir aufkeimende Aggression, was die Beantwortung dieser immer wieder gestellten Frage betrifft. Ich will einfach nur Architekt sein.

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