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Fokus sozialen Wandels: Arbeiterheim Favoriten von ­Hubert Gessner, 1902

Architektur als Instrument des Wandels

27.08.2018

Welchen Beitrag kann Architektur in gesellschaftspolitischen Umbruchphasen leisten? Mit welchen gemeinwohl­orientierten Strategien können Eigeninitiativen den sozialen Wandel vorantreiben und ihm eine adäquate Fassung geben? Und schließlich: Auf welche Weise bringen Gebäude als technologisch avancierte „Instrumente“ den Wandel zum Erklingen?
 

Raum für Volksbildung: Wiener Urania von Max Fabiani, 1910

Autorin: Gabriele Kaiser

Um diese – in der objektzentrierten Architekturrezeption oft ausgeblendete – Kompetenz von Architektur als soziales Ereignis im Kräftefeld von gesellschaftlicher Reform und bautechnischer Innovation kreist derzeit eine inspirierende Ausstellung, die im Zeichen des Gedenkjahres „100 Jahre Republik Österreich“ auf die Wurzeln der Republikwerdung zurückgreift und mit exemplarischen Wegmarken („Streiflichtern“) den Bogen bis in die Gegenwart schlägt. Die von Otto Kapfinger und Adolph Stiller kuratierte Schau, die zugleich das 20-jährige Jubiläum der Reihe „Architektur im Ringturm“ des Wiener Städtischen Versicherungsvereins markiert, widmet sich anhand von neun thematisch gefassten Leitbauten – als Motoren eines sozialen, kulturellen und technologischen Wandels zwischen 1900 und 1930 entstanden – der gesellschaftspolitischen Rolle von Architektur einst und heute. 

Architektur als Haltung

Als Dreh- und Angelpunkt am Beginn der neun Leitbauten (die im vermeintlich Kanonisierten überraschende Perspektiven eröffnen) steht das demokratiepolitisch wie architektonisch gleichermaßen bedeutende Arbeiterheim Favoriten (1901/1902, 1912) von Hubert und Franz ­Gessner, in dessen Festsaal das System Melan (eine zarte bogenförmige Saaldecke in Eisen-Beton-Kon­struktion) erstmals bei einem Hochbau in Wien zur Anwendung kam. Das Thema „Raum für Volksbildung“ wird mit dem vom Bürgertum getragenen Projekt der Wiener Urania von Max ­Fabiani (1910) eingeleitet, dessen dichte Raumpackung hinter der Collage historischer Elemente erst durch die damals neueste Bautechnik in armiertem Eisenbeton realisierbar war. Bildungsreformatorische Bestrebungen, die in programmatischer Architektur ihren Ausdruck fanden, verdeutlichen in der gesamten Ausstellung, vor allem aber in den Leitthemen „Neue Schulen“ und „Neue Päda­gogik“, dass Strategien der Selbstermächtigung und Initiativen, die auf geistig/soziale Emanzipation setzen, auch in der gegenwärtigen Diskussion über Bildungsbauten (z. B. Schulen als Lern­orte mit Ganztagsbetreuung bzw. Universitäten als Learning Centers) vielversprechende Modelle bereithalten. Architektur nicht als Designfrage, sondern vorrangig als soziales Projekt zu begreifen, ist leidenschaftliches Credo dieser Leistungsbilanz, die sich in keine stilistische Kanonisierung herausragender Bauten versteigt, sondern den Fokus auf die Wiedergewinnung einer Haltung legt, in der sozialpolitisches Engagement und empathisches Handeln erneut an Terrain gewinnen. „In Zeiten von Klimawandel, wachsender Ungleichheit und Fremdenfeindlichkeit, von Entsolidarisierung und De-Demokratisierung und von egozentrisch gesteigerter Ausbeutung aller Ressourcen“ (Kapfinger, Stiller) ist die historisch fundierte Ausstellung vor allem als Ermunterung zu verstehen – und somit selbst ein Instrument und Katalysator des Wandels. Bis 14. September

www.vig.com

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