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Architektur als soziale Kunst

09.10.2017

Vor zwanzig Jahren haben Raimund Wulz und Manfred König die Architekturhalle in Telfs gegründet. Sie sind beide keine gebürtigen Tiroler, doch haben sie landauf, landab viel gebaut: Wohnanlagen, Bankfilialen, Gemeindeämter, soziale Einrichtungen usw. In ihren Arbeiten und in ihrem Büro ist das soziale Miteinander ein wichtiger Antriebsfaktor. Das Team lebt das soziale Engagement sowohl in der Berufsauffassung als auch im Alltag.

Gretl Köfler im Gespräch mit Raimund Wulz und Manfred König / Architekturhalle

„Leistbares ­Wohnen“ wird  immer nur auf  die Architektur ­projiziert, denn ­eingespart wird  die Qualität.

Auf eurer Website steht ein Zitat von Oscar Niemeyer, das mit dem Satz endet: „Die Architektur ist eine soziale Kunst, sie muss den Menschen dienen.“ Was bedeutet das für euch?
Wulz (W): Der Spruch begleitet mich schon seit dem Studium und ist mir sehr wichtig. „Soziale Kunst“ bedeutet für mich die Einbeziehung des Menschen mit seinen Bedürfnissen in die Architektur. Nach meiner bisherigen Erfahrung müssen wir dabei immer wieder Abstriche machen, leider auch im sozialen Wohnbau. Wir machen viel Wohnbau in Tirol, verfolgen und vergleichen diesen über die Landesgrenzen hinaus und stellen fest, dass sich anderswo viele positive Entwicklungen wie zum Beispiel Partizipation im Wohnen auftun. Dieses Umdenken würde ich mir auch in Tirol wünschen.

Sozialer Wohnbau in Tirol ist von wenigen Genossenschaften dominiert, und die scheinen enge Vorgaben zu haben, oder nicht?
W: Man hat schon einen gewissen Spielraum, wobei uns die Kosten immer wieder in die Enge treiben. Die Problematik ist, dass wir die Wohnbauförderungskosten einhalten müssen, während die Baukosten momentan enorm steigen. Die Gestaltungsmöglichkeiten bewegen sich nur innerhalb des Kostenrahmens. Das bedeutet für uns, dass alles, was bautechnisch möglich ist, optimiert werden muss, um trotzdem noch Individualität für die Bewohner zu schaffen. 
König (K): Ja, die Vorgaben sind eng, aber mit guten Partnern entwickeln wir schon einiges mit sozialem Mehrwert etwa bei der Freiraumgestaltung. Hier gelingt es uns oft, autofreie Innenhöfe durchzusetzen. Was meistens abgeht, sind Gemeinschaftsräume oder zumindest gemeinsam genutzte Flächen, die ein aktives Miteinander fördern und damit identitätsstiftend wirken. Dafür gibt es gute Beispiele in anderen Bundesländern oder im Ausland.

Hättet ihr da ganz konkrete Ideen?
K: Projektbezogen versuchen wir immer wieder Ideen und Vorschläge zum Thema „soziale Kunst“ einzubringen. Mit viel Überzeugungsarbeit haben wir es geschafft, bei einem Wohnbau mit drei Baukörpern im stark frequentierten Zentrum von Imst den am wenigsten für Wohnzwecke geeigneten Baukörper für eine öffentliche Nutzung zu adaptieren. Am besten funktioniert so etwas mit Genossenschaften, die uns eine von der Wohnbauförderung vorgesehene und von den Gemeinden gewünschte Mischnutzung planen lassen. Beim reinen Wohnbau kann man soziale Aspekte am ehesten beim betreuten Wohnen einbringen. 
W: Viel hängt von den Bauherren ab. Hat man einen Auftraggeber, der innovativ mitdenkt und nicht nur gewinnbezogen agiert, kann man Konzepte außerhalb des herkömmlichen Standards umsetzen. Ich selbst habe mir meine Wohnung in einer ehemaligen Fabrik gebaut, und auch unser Büro ist in einer ehemaligen Textilhalle entstanden, daher der Name Architekturhalle. Es schafft viel räumliche Qualität und ist in der Nutzung sehr flexibel. Im Gegensatz zu früher gibt es jetzt viele Interessierte, die in solchen Lofts wohnen und arbeiten möchten. Auch außerhalb von Tirol sind Gebäude dieser Art sehr begehrt. In Vor­arlberg weiß ich von einigen Textilfabriken, die umgenutzt wurden und jetzt Kreativen als Wohn- und Arbeitsstätten dienen.
In Tirol dominiert noch immer der Wunsch nach dem Einfamilienhaus. Wie könnt ihr dagegenhalten?
W: Wir bauen keine Einfamilienhäuser mehr. Der hohe Flächenverbrauch ist angesichts der schrumpfenden Bodenressourcen nicht mehr akzeptabel.
K: Es ist zwar spannend, ein Einfamilienhaus zu entwickeln, aber wegen der intensiven Auseinandersetzung mit dem Auftraggeber ist es ein wirtschaftliches Desaster. Nicht zuletzt stört uns auch der gravierende Unterschied zwischen dem, was man im sozialen Wohnbau macht, und dem, was beim Einfamilienhaus gefordert wird. In der Zwischenwelt der Reihenhäuser haben wir einiges entwickelt, wurden aber bei der Umsetzung meistens von politischer Seite im Stich gelassen.
W: In Telfs in der Sonnensiedlung haben wir für den ersten Bauabschnitt ein wirklich interessantes Konzept für eine Reihenhausanlage entwickelt. Es war letztendlich aber nicht möglich, dieses auch umzusetzen. Der Druck der Interessenten für Einfamilienhäuser war so groß, dass eine kleinteilige Parzellierung erwirkt wurde. Da stehen jetzt lauter Häuser ohne Konzept und nehmen sich gegenseitig die Sonne weg, weil jeder gebaut hat, wie er wollte. 
K: In Imst ist uns Ähnliches passiert, obwohl mit der Hanglage und einer optimalen Positionierung der Doppelhäuser perfekte Bedingungen geschaffen wurden. Da ist halt schon ein gewisses politisches Stehvermögen gefragt, um gegen vorherrschende Einzelinteressen ein grundsparendes Konzept wirklich durchzusetzen.

Und wo in Tirol baut man am einfachsten?
W: In Innsbruck gibt es die besten Voraussetzungen für gute Architektur. Die Stadtplanung forciert kontinuierliche Entwicklungen. Mit dem konsequenten Ausloben und Umsetzen von Architekturwettbewerben hat sich die Stadt kontrastreich und vielschichtig entwickelt.

Ihr ward mit Bürgerbeteiligungsverfahren ­befasst. Was sind eure Erfahrungen?
W: Die Bürgerbeteiligung hat Zukunft, weil die Menschen in den Arbeitsprozess mit einbezogen werden. Wir haben unsere Ideen, Vorstellungen und Erfahrungen und können dann die Bedürfnisse der zukünftigen Bewohner in unser Konzept integrieren. Auch ergibt sich damit die Chance, unsere Philosophie und Leitgedanken im direkten Dialog zu vermitteln.
K: In Imst war beim Stadtentwicklungsprozess eine Bürgerbeteiligung politischer Wille. Wir haben viel diskutiert, über ein Jahr in Arbeitsgruppen mit moderierten Gesprächen alle Themen abgearbeitet. Die Gruppen haben Vorstellungen entwickelt und sie uns in Diskussionsrunden vorgestellt. Das war sehr dynamisch und ist gut angekommen. Ergebnis ist die Einrichtung eines Stadtmarketings, die Neuorganisation der innerstädtischen Öffis, eine Begegnungszone im Zentrum, eine umfassende Umgestaltung der Straßen und Plätze mit einer großzügigen Pflasterung, dazu auch ein bereits abgehaltener und ein in Vorbereitung befindlicher Architektenwettbewerb. Ich bin überzeugt, mit der Bürgerbeteiligung kann man eine positive Entwicklung begleiten und steuern. Negative Stimmen gibt es immer, die beklagen dann die Zusatzausgaben für die Moderation. 
W: In Innsbruck hat die IIG (Innsbrucker Immobiliengesellschaft) bereits im Vorfeld des Wettbewerbsverfahrens für den Langblock einen Bürgerbeteiligungsprozess initiiert. Das Ergebnis ist in das Wettbewerbsverfahren eingeflossen, mit konkreten Wünschen, etwa Grünraum, Hochbeete oder Spielplatz betreffend. Nach meiner Meinung kommen zu diesen Verfahren zu wenige Leute. Das überrascht dann doch angesichts der Möglichkeit mitzudenken, mitzuentwickeln.

Ihr baut viel auf dem Land, was sind eure Erfahrungen mit der Raumplanung?
W: Die Raumplaner haben es nicht leicht. Sie leisten im Vorfeld viel Überzeugungsarbeit und müssen sich dann doch dem politischen Willen beugen. Die Bebauungspläne sind zwar vorhanden, werden in der Realität aber immer wieder umgestoßen. Wichtige Themen wie Infrastruktur oder Verkehr werden oft nur partiell bearbeitet. Es fehlt die übergeordnete Großzügigkeit, um eine fundierte Vision für die Zukunft des jeweiligen Ortes zu entwickeln. 
K: Unsere Berührungspunkte mit der Raumplanung in den Dörfern beschränkt sich meist auf einzelne Grundstücke, und da wird es richtig spannend. Es gilt, ein Konglomerat unterschiedlicher Interessen zu einem für den Ort stimmigen Projekt zu formen. Da oft über die Grundgrenzen hinaus die gesamte Dorfstruktur überdacht wird, sind hier die Wettbewerbe der Dorferneuerung ein absolut positives Instrument. Übergeordnet betrachtet, bringen die „blühenden Gewerbezonen“ in Städten wie zum Beispiel Imst die Umlandgemeinden um die Chance auf Betriebsansiedlungen. Da sollte mit raumordnerischen Mitteln gegengesteuert werden.
W: Ortsplaner sollten wegen Befangenheit nicht direkt am Baugeschehen im Ort beteiligt sein. Darüber hinaus wäre ein unabhängiger Architektenbeirat als Unterstützung für die Gemeinde wünschenswert. Dann könnten wichtige Entscheidungen und Bauausschusssitzungen fachgerecht begleitet werden. Ich nehme oft an solchen Sitzungen teil und bin immer wieder erstaunt über die fachlichen Mängel der Ausschussmitglieder.
K: Es gibt ja bereits die Möglichkeit der Gemeinden, unabhängige Architektengruppen an der Entscheidungsfindung zu beteiligen, nur wird das selten genutzt. Wenn Fachleute eingebunden wären, würde auch die Akzeptanz von neuem verbessert. Nach jeder Wahl kommen neue Personen in den Gemeinderat, diese sollten bei komplexen Themen vermehrt die Expertenmeinung nutzen. 

Wie steht ihr zum Schlagwort „leistbares Wohnen“?
K: Es ist ein guter Vorsatz, beginnt aber schon mit den Grundstückspreisen, die wir nicht beeinflussen können. Wenn man ein Projekt mit halbwegs guter Qualität umsetzen möchte, muss man es von der Ausschreibung bis zur Wohnungsübergabe intensiv betreuen. Wenn das nicht klappt oder zu locker gehandhabt wird, dann wird zum Schluss das entstehende Projekt unbefriedigend und trotzdem teuer sein. Beim Schlagwort „leistbares Wohnen“ stört mich am meisten das Verhältnis zwischen Wohnraum und Auto. Die Wohnung muss billig, das Auto kann teuer sein. Hier müssten andere Lösungen angedacht werden.
W: Wir sehen ja auch die Preise, um die gebaut und um die verkauft wird. Da liegt viel Geld drin. „Leistbares Wohnen“ wird immer nur auf die Architektur projiziert, denn eingespart wird die Qualität. Das Schlagwort steht im Widerspruch zur sozial gedachten Architektur. Der Mensch und seine Bedürfnisse stehen dann nicht im Vordergrund, sondern die Optimierung schlechthin. Eher intelligente Wohnkonzepte können eine zeitgemäße Antwort liefern.

Wie könnt ihr dennoch „soziale Architektur“ in eure Konzepte integrieren?
W: In jedem unserer Projekte ist die soziale Komponente wegweisend. In einer gerade fertiggestellten Wohnanlage in Innsbruck haben wir den gesamten Verkehr in das Untergeschoß verlagert, um den so gewonnenen Freiraum für die Bewohner als Begegnungszone zu gestalten. Sie ist nun als fließender Außenraum mit verschiedenen Aufenthaltsqualitäten erlebbar. Seit vielen Jahren bauen wir die Innere Medizin an der Innsbrucker Klinik, dort gibt es durch vorgegebene Funktionen wenig Gestaltungsspielraum. Die soziale Komponente ist in diesem Fall der Behaglichkeitsfaktor, eingelöst durch Licht und Material. 

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