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Andrea Graser: Architektur aus Licht

04.05.2016

Die Architektin Andrea Graser ist Studio Okular. Ein Okular bildet ein reelles Zwischenbild einer optischen Abbildung für das menschliche Auge virtuell ab. Der Name verweist auf die Spezialisierung des Büros: Als Designpartner von Architekten, Künstlern und Lichtfirmen arbeitet Graser an ganzheitlichen Konzepten und synergetischen Designlösungen zum Thema Licht. Aber nicht nur, selbst zwölf Jahre als Architektin bei Coop Himmelb(l)au beschäftigt, versteht sie Architektur als dynamischen Raum – ohne vom Maßstab abhängig zu sein. Von der Vibe-Leuchte über ein Geschäftslokal bis hin zu Großbauten in China reicht ihr Betätigungsfeld. Mit FORUM sprach Andrea Graser über die Bedeutung von Licht in der Planung und der Überschneidung von Kunst und Architektur.

Manuela Hötzl im Gespräch mit Andrea Graser

Mir geht es nicht darum, fiktive Lichträume zu schaffen, sondern um das Miteinander, das Koppeln von Architektur und Licht.

Lesen Sie das in der aktuellen Printausgabe von Architektur & Bau Forum 05/16 erschienene Interview.

Sie beschäftigen sich schon lange mit Licht als Medium und Materie in der Architektur. Die Bedeutung von Licht ist unumstritten – und kulturell unterschiedlich –, aber wie lautet Ihre Definition?
AG:
Grundsätzlich würde ich behaupten, dass das Thema „Licht“ in der Architektur etwas stiefmütterlich behandelt wird – oder besser: Es wird in der Planung oftmals zu spät berücksich­tigt. Gebaute Architektur entsteht erst durch Licht und wird erst durch Licht dynamisch. Architektur ohne Licht ist undenkbar. Licht ist Material, und das Material Licht verwende ich, um eine Skulptur, ein Gebäude oder Architektur zu entwerfen. Man kann sagen, ich verwende 30.000 Tonnen Stahl, man kann aber auch sagen, ich verwende 30.000 Tonnen Licht. Am Ende ist es die Symbiose – aber, wie gesagt, ich denke den Raum als Lichtraum zuerst und nicht umgekehrt.

Wenn man es von Standpunkt des Stadtraums sieht – was sind Medienfassaden, und was können sie im Städtischen? Das wird mittlerweile nicht nur positiv gesehen. Stichwort: Lichtverschmutzung.
AG:
Klar gibt es auch dabei zwei Ansätze. Bei einem Projekt in China habe ich gemeinsam mit Architekt Wolf Reicht eine Fassade mit Licht gestaltet. Da geht es darum, dass das Licht dem Gebäude einen Körper gibt, eine weitere Dimension hinzufügt. Aber wenn man Licht weiterdenkt und nicht nur als Fassade, geht es auch um Zwischenräume oder um Interaktion. Die Frage, welches Gebäude man in Szene setzt, muss geplant werden. Städte werden ohne Zweifel weiterwachsen – dementsprechend wird auch die Lichtverschmutzung steigen. Dann wäre die Nacht für die nächste Generation nicht mehr mit Sternenhimmel erlebbar.

Und der andere Ansatz?
AG: Der andere Aspekt ist der Ausgangspunkt „Lichtquelle“. Eine Leuchte kann einen Raum verändern, inszenieren etc., manchmal auch unkonventionell. Generell hat sich in den vergangenen zehn Jahren unsere Art zu sehen – Licht zu sehen – durch die HDR-Technik (High Dynamic Range, Anm.) sehr gewandelt. Unser Auge ist trainierter und nimmt dynamisches Licht sowie Lichtstimmungen verstärkt wahr. Auch in dreidimensionaler Hinsicht, also auch, wie erwähnt, im Stadtraum. Wir werden mit dieser Bildwelt konfrontiert, das verändert unbewusst auch unsere visuelle Wahrnehmung.

Sie haben eine Leuchte entworfen, die soeben im April präsentiert wird – wie kam es dazu?
AG: Das Objekt war anfangs sekundär. Ich arbeite schon lange mit dem Künstler Friedrich Biedermann zusammen, der bereits viele Skulpturen und Installationen mit Licht realisiert hat. Das heißt, er ist Bildhauer, der experimentell mit Raum arbeitet – sein Material sind jedoch Filter, Licht und Raum. Durch diese Kooperation, im Zuge derer wir auch schon viele Kunst-am-Bau-Projekte umgesetzt haben, und natürlich auch in der Auseinandersetzung auf dieser experimentellen Kunstebene kam es zu diesem ganz speziellen Projekt. Die Leuchte wurde aus einem Konzept entwickelt.

Welches Konzept war das?
AG: Zusammen waren wir auf der Suche nach dem besten LED-Produkt – also dem hochwertigsten Licht, das momentan am Markt zu finden ist. Dabei sind wir auf die PI-LED-Technologie von Lumitech gestoßen. Die Entwicklung stammt aus Öster­reich und hat uns sehr beeindruckt. Die PI-LEDs sind imstande, den kompletten Spektralverlauf des Sonnenlichts zu imitieren. Es kommt dem Rhythmus und der Qualität des Sonnenlichts also sehr, sehr nahe. Die Sonne in den Raum zu holen, das ist natürlich die Königsdisziplin der Lichtplanung. Mit diesen LEDs hat man zudem noch die Kontrolle über die Lichtquelle. Das Schöne ist, dass man damit einen realen Lichtraum „bauen“ kann.

So einen Lichtraum haben Sie dann gemeinsam umgesetzt und auf der Light&Building-Messe in Frankfurt präsentiert. Was ist so speziell an diesem Objekt beziehungsweise dem räumlichen Erlebnis?
AG: Wir haben eine Installation in einen Lkw gebaut, den sogenannten Light Path. Wenn die Ladeklappe öffnet, kann man durch diesen Lichtraum gehen und erlebt ein 24-Stunden-Lichtspektrum. Also man taucht in einen Sonnenaufgang ein und geht bis zum Sonnenuntergang – nebenbei begleitet vom Sound der Sofa Surfers. Mein Part als Architektin war, diesem Licht einen Körper zu geben. Präsentiert wurde der Light Path erstmals auf der Luminale, die parallel zur Messe stattfindet – und ab April durch Europa tourt.

Die Leuchte Vibe kann praktisch mit jedem Raum das, was der Light Path als Kunstobjekt simuliert. 
AG: Mein Anspruch war, Lichtlandschaften für Räume zu schaffen. Das heißt mit dem Licht dynamisch Räume zu transfomieren. Das ist nicht nur wichtig für das Auge, sondern für den ganzen Körper, wie man weiß. Mit einer oder mehreren dieser Leuchten ist das möglich. Dem Hersteller Kiteo hat praktisch das Objekt für die PI-LEDs von Lumitech gefehlt, könnte man sagen. Oder anders: ein Produkt, das alle Möglichkeiten des Lichts auch abbildet. Aus dieser Grundidee kam es dann zu der Kooperation mit der Firma, dem Architekten und dem Künstler. Der Light Path ist der Teaser, der anregend simuliert, was möglich ist, die Lampe Vibe ist dagegen das Produkt, das überall eingesetzt werden kann. Die Entwicklung in diesem Team, der Dialog im Prozess des Entstehens war sehr spannend. Schließlich ging es nicht ausschließlich um das Design einer Leuchte.

Wo sind die Einsatzmöglichkeiten? Räume mit wenig Tageslicht, Jahreszeiten, bestimmte Regionen ...
AG: Das Bedürfnis nach Licht wird grundsätzlich unterschätzt. In nordischen Ländern, ist sicher der Bedarf nach Licht extremer – aber auch schon unsere Winter sind dunkel genug. Auch Krankenhäuser, Altenheime etc. sind natürlich mögliche Einsatzgebiete. Wir haben auch bereits ein Projekt für ein Geriatriezentrum in Favoriten entworfen: ein Paneel, ebenfalls aus einer Kunstinstallation entwickelt, das wie ein mobiles Fenster funktioniert. Lichtstimmungen wie Schneefall lassen sich damit inszenieren. Aber diese Konzepte kann man nur von Fall zu Fall weiterentwickeln – als Lichtdecke zum Beispiel. Nur ohne Partner in der Wirtschaft ist die Umsetzung solcher Projekte, die viel Forschungsleistung erfordern, nicht möglich. Wir hatten Glück und haben je nach Thema schnell einen Partner aus der Industrie gewinnen können. Da gibt es eine überraschend große Bereitschaft.

Ich muss jetzt fragen, Sie waren zwölf Jahre bei Coop Himmelb(l)au. Wie hat Sie diese Zeit geprägt, Ihre Sicht auf die Architektur beeinflusst? Von Beginn an – ich denke an das Ufo Cinema in Dresden, das als Lichtkörper entworfen zu sein scheint.
AG: Natürlich sind diese vielen Jahre bei Coop Himmelb(l)au sehr prägend, und mein Grundverständnis von Architektur kommt sicher daher – bzw. kommt jenem des Büros sehr nahe. Sonst hätte ich dort auch nicht arbeiten können. Das plastische Verständnis von Architektur ist sicher auch sehr durch diese langjährige Erfahrung beeinflusst. Ebenso wie der Ansatz von offenen Systemen. Aber mir geht es nicht nur darum, fiktive Lichträume zu schaffen, sondern um das Miteinander, das Koppeln von Architektur und Licht.

Wie verändert diese Sicht das Planen mit Licht?
AG:
Licht zu lenken war natürlich immer ein Thema. Die Filmindustrie hat damit gearbeitet, Tageslicht über Spiegel in die Räume zu bringen. Damit bekommt man eine ganz andere Qualität von Licht, mit mehr Schärfe, und vermeidet diese künstlichen Lichtstudios. In der Architektur glaube ich an das Nonkonforme. Für mich wird Licht da spannend, wo ich dynamisch interaktiv mit dem Raum arbeiten kann. Die Architektur kann offener sein – das heißt, man kann über offene Systeme diskutieren und gibt dem Menschen damit Raum. Das ist auch dort interessant, wo man öffentlichen Raum in das Gebäude holt – oder man sagen kann, dass sich Räume materiell gänzlich auflösen und zu einem Raumkontinuum werden.

Auch Sie arbeiten – wie Coop Himmelb(l)au – an einem Projekt in China. Wolf D. Prix spricht von demokratischen Räumen, die man sozusagen überall implementieren kann. 
AG:
Das haben wir immer wieder diskutiert. Aber man muss gar nicht bis nach China schauen. Wir haben uns in Frankfurt gerade die Europäische Zentralbank angesehen. Das Gebäude hat eine unglaubliche Faszination – ist aber auch befremdlich in seiner Transparenz, die mehr verspricht, als sie halten kann. Das Atrium zwischen den beiden Türmen ist verglast und von überall sichtbar. Der Laie ist komplett irritiert von diesem vorhandenen Nichtraum oder Leerraum. Man sieht ihn tagsüber und nachts noch intensiver. Einen umbauten Raum, der nicht greifbar ist. Ich denke, auch dessen Unzugänglichkeit vermittelt noch mehr Verunsicherung. Das wäre ganz anders, wenn dieser Raum für die Öffentlichkeit nutzbar wäre. Da fehlt der demokratische Ansatz. Man könnte auch sagen, die EZB steht mit dem Rücken zur Wand. Und wie man global, auch jetzt in Europa, sieht, entfernt man sich aus Sicherheits- oder anderen Gründen immer mehr von dieser Demokratie des Raumes. Insofern drückt die EZB schon einen Zeitgeist aus. Wir werden sehen, ob sich die Gesellschaft wieder annähern kann. Momentan sieht es nicht danach aus, und zwar weltweit.

Sie haben sich von Beginn an sehr spezialisiert und auch den Büronamen auf „Licht“ und Lichtplanung ausgerichtet. Reduziert oder beschränkt man seine Aufgaben und Aufträge damit nicht zu sehr?
AG:
Im Gegenteil, würde ich sagen. Das war fast ein Ahaerlebnis, denn ein wenig unsicher war ich auch, mich so auf ein Thema einzulassen. Aber es ist unglaublich: Ich sehe einen sehr großen Bedarf als Designpartner, meine spezifischen Erfahrungen einzubringen. Ich bin kein Lichtplaner, ich plane Architektur mit Licht und bringe wie erwähnt den Aspekt des Lichts früh genug ein, weil ich es immer plastisch gesehen habe, aus Sicht der Architektur. Das war ein Experiment und ist aufgegangen.

Trifft man auf einer Messe wie der Light&Building viele Architekten?
AG: Es war erstaunlich, ich habe fast aus allen Branchen Leute getroffen, aus der Filmindustrie zum Beispiel, aber kaum Architekten. Das ist eigentlich nicht nachvollziehbar. Es waren ein paar Stararchitekten vertreten, die Objektleuchten gemeinsam mit diversen Leuchtenherstellern gezeigt haben. Es hat auch wieder zahlreiche spannende Objekte gegeben, aber eben im dekorativen Bereich. Die Inszenierung auf Messen ist schon gewaltig. Inhaltlich fand ich die Messe ein wenig schwach, da das angekündigte Thema des „Centric Human Lighting“ – also künstliches Tageslicht – fast nicht zu finden war. Ein Thema, das unser Verständnis von Licht in der Architektur verändern wird. Es wird zu einem natürlichen Zusammenspiel von natürlicher und virtueller Lichtquelle kommen. Große Fensterflächen allein wie in der Moderne sind jedenfalls keine Lösung mehr. Unglaublich, wie das Thema „Licht“ in der Architektur oft auf Strecke bleibt. Das Thema ist komplex, plastisch wie in der Farbgebung etc. Cleverness ist in allen Planungsfragen das A und O – am Ende betrifft Licht eben all unsere Ressourcen.

Zur Person:

Andrea Graser (*1976), studierte Architektur an der Bartlett School of Architecture in London sowie bei Hans Hollein und Wolf D. Prix an der Universität für angewandte Kunst Wien. 
2001–2013 Mitarbeit Architekturbüro Coop Himmelb(l)au Wien, 
2014 Gründung Studio Okular, http://studio-okular.com

Projekte (Auswahl)
•    Leuchte Vibe, Auftraggeber Firma Kiteo (Launch: April 2016)
•    Light Path für Luminale in Kooperation mit Friedrich Biedermann, Auftraggeber Firma Kiteo
•    Ausstellungsdesign Ausstellung Robert La Roche: Personal View, MAK (Eröffnung 3. 5. 2016)
•    2014 – Licht und Medienfassade, Projekt: Sportcentre Changcha, China, in Kooperation mit Wolf Reicht Architects (Wettbewerb 1. Preis)
•    2015 Modeboutique Trendzeit, Wien, Auftraggeber Robert Hacksteiner
•    2015–2016 Lichtwand „Paradigma“, Modul für Messestand Light+ Building, Auftraggeber Lumitech
•    2015 – Paneel „Memory Code“ in Kooperation mit Friedrich ­Biedermann und Firma Multivision, Prototyp Geriatrie Favoriten im Einsatz

Autor/in:
Redaktion Architektur & Bau Forum
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