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Philipp DerGanz / SIGNA Boris Podrecca Architekten / SIGNAPhilipp DerGanz / SIGNA Boris Podrecca ArchitektenPhilipp DerGanz / SIGNAPhilipp DerGanz / SIGNAPhilipp DerGanz / SIGNAPhilipp DerGanz / SIGNA Boris Podrecca ArchitektenPhilipp DerGanz / SIGNABoris Podrecca ArchitektenPhilipp DerGanz / SIGNABoris Podrecca Architekten

Architektur, die ihre Muskeln zeigt

29.05.2017

Auf dem ehemaligen Nordbahnhofgelände am Anfang der Lasallestraße gelegen, an das markante 1994 eröffnete Bank Austria-Hauptgebäude Wilhelm Holzbauers anschließend, liegt das weitläufige Areal des Austria Campus der Signa Real Estate, das zurzeit größte privat finanzierte Einzelbauvorhaben Österreichs – aber das ist nur einer der vielen Superlativen.

Bei diesem wirklich gigantischen Bauvorhaben, das eine lange klaffende städtebauliche Lücke schließt, sind derzeit 19 Kräne im Einsatz und 2.200 Bauarbeiter arbeiten parallel Tag und Nacht an allen Bauten gleichzeitig. Und da der Zeitplan präzise eingehalten wird, wird das hier entstehende mit einer Bruttogeschoßfläche von ca. 303.000 Quadratmetern größte in Bau befindliche Businesscenter Europas wohl auch pünktlich Ende 2018 fertiggestellt sein.

Den 2011 von der Uni Credit Bank Austria veranstalteten zweistufigen, geladenen städtebaulichen Wettbewerb gewann das Architekturbüro Boris Podrecca. Ende 2014 übernahm die Signa Holding das gewidmete und baugenehmigte Projekt von der UniCredit Bank Austria und gab dem Projekt den Namen „Austria Campus“. Angesichts der Größe und Komplexität des Bauvorhabens wurden bauherrnseitig Aufgaben und Bereiche aufgeteilt: Die Ausführungsplanung von vier der insgesamt fünf Einzelbaukörper, aus denen sich das Quartier zusammensetzt, erfolgt in einer ARGE zwischen Boris Podrecca, HD Architekten und Maurer & Partner. Der Kopfteil und fünfte Bau in Pratersternnähe hingegen entsteht nach Plänen des Büros Soyka Silber Soyka Architekten. 

Errichtet werden alle Bauten durchwegs in Stahlbetonskelettbauweise mit Regelspannweiten von etwa 5,40 bis 7,40 Meter. Zusätzlich gibt es tragende Außenwände. Mit Regelspannweiten von zirka 10,80 Meter werden die über dem Erdgeschoß liegenden Fassadenstützen über V- und N-Fertigteilstützen getragen. Gebäudeaus- und Überkragungen reichen von 8 bis 20 Meter und sorgen trotz genereller großer Einheitlichkeit für den abwechslungsreichen Gesamteindruck. 

Axialität und Kommunikativität

Die Grundlage des städtebaulichen Konzepts war es, die Bauten am Schnittpunkt der zwei Achsen Praterstern – Milleniumstower und Donau­city – Stephansdom zu platzieren. Die Idee war es, erklärt Podrecca, das Grün des Praters „in einer Art Dichotomie, parallel zum Liquiden, also zum Wasser, hierher weiterzuziehen“ und einen fließenden Übergang zu schaffen, einen Raum, den man zu Fuß oder mit dem Fahrrad nutzen kann. PKW-Stellplätze sind unter jedem Baufeld angeordnet, Garagenaufgänge führen direkt in die jeweilige Lobby. Die an einer Seite offenen Höfe stehen zueinander in einem dialogischen Verhältnis. sie reagieren räumlich aufeinander, sie stehen, wie Boris Podrecca es formuliert, „in einem performativen Verhältnis, wie zwei sich gegenübersitzende Gesprächspartner“. Durch das Abheben der Kopfbauten über deren Eingangsbereichen bis in das dritte Obergeschoß entsteht eine dynamische und dialogische Blickbeziehung von einem Landschaftshof in den diagonal gegenüberliegenden. Terrassiert und begrünt bieten diese eine gewisse Intimität; der Niveauunterschied der Ebene 0 bis zur höchsten Ebene beträgt etwa zwölf Meter, von einer Ebene zur anderen – insgesamt jeweils sieben – aber nie mehr als einen Meter. Die drei untersten Terrassenebenen formieren sich zu einen weitläufigen elliptischen öffentlich nutzbaren Raum, der so genannten „Grünen Mitte“, dem zentralen alles verbindenden Element des gesamten Areals. Sie wird der Stadt zur öffentlichen Nutzung überlassen. Der Rest, über einen höheren Niveausprung abgegrenzt, ist den Büronutzungen zugeteilt. Durch eine Polarisierung mittels unterschiedlicher Funktionen entsteht somit auch Stadt, nicht nur ein Businesscenter.

Im deutschen Landschaftsarchitekten Andreas Kipar hat man für die Grünraumgestaltung der Höfe und öffentlichen Flächen einen kongenialen Partner gefunden. Auch bei der Pflasterung arbeitet man mit dem Element der Abwechslung mittels drei Grautönen und reagiert farblich auf vermehrte Nutzung und Verschmutzungen. 

Ökologie und Permutation

Der Energiebedarf des gesamten Campus wird zum Großteil mit erneuerbarer Energie durch oberflächennahe Geothermie gesichert. Die als Umkehrdach ausgeführten Dachflächen sind extensiv oder intensiv begrünt und vorsorglich mit einem Photovoltaiktafelwerk ausgestattet. Die vor Ort erzeugte Energie wird zum Kühlen und Heizen eingesetzt, zusätzlich gibt es Fernwärme und in einem Baukörper eine Kältezentrale. Ein Heizwärmebedarf von 19 kWh/m2 pro Jahr als Durchschnittswert ist bei vergleichbaren Werten im Wohnbau von 25–30 kWh/m2 eine durchaus bemerkenswerte Leistung. Zertifizierungen gem. ÖGNI und LEED sind angestrebt.

Reaktivität und Irritation

Den hohen Windlasten in Donaunähe hat man mit einer entsprechenden Berechnung der Windkräfte entsprochen und die Ergebnisse in die Gestaltung der Fassadenabwicklung einfließen lassen. Diverse Brechungen lassen die Fassaden somit nicht langweilig und endlos erscheinen. Die Plastizität der Hüllen wurde verschärft, Facettierungen setzen manchmal tiefer an, steigen an anderer Stelle höher hinauf, um den Wind zu verjagen und von der Fassade abzuleiten. Auch aus gestalterischen Gründen bricht man so die zum Teil 300 Meter langen Fronten optisch. „Es entstand eine ‚muskolare‘ Architektur. Ich betrachte Bauten wie Körper, und es war mir wichtig, Spannungsfelder entstehen zu lassen.“ 

Im Erdgeschoß gibt es bereichsweise eine vorgehängte Cortenstahlfassade. Die Gebäudehülle der Erdgeschoß- und Dachgeschoßzone ist außerdem mit raumhoher PR/SG-Verglasung in einem Achsraster von 2,70 Meter ausgeführt. Die zurückversetzten Arkaden im Erdgeschoß haben Höhen von 3,60, 4,80 und 9,30 Meter. Für Loch- bzw. Lochbandfassaden, als weiße Wiener Putzfassade, entschied man sich in den Regelgeschoßen und nimmt hier Bezug auf die klassische Wiener Fassadengestaltung. Nach einer speziellen mathematischen Formel entstand eine Art Codierung, nach der sich nun die jeweilige logisch nachvollziehbare Abfolge der gestalterischen Elemente in drei Grautönen ableiten lässt.

Architekt Boris Podrecca verfügt über international große Erfahrung in der Gestaltung öffentlichen Raums. „Man weiß, wenn man einen Raum positiv erfahrbar machen möchte, muss man in gewissen Abständen Irritationen, also unterschiedliche Etappen des Erlebens schaffen, hier gibt es davon mehrere, inklusive Piazetta mit Brunnen Sitztreppe oder Wasserfall. Der öffentliche Raum muss auf die Menschen reagieren.“

Autor/in:
Christine Müller
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