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Architektur im Magazin: Ein Möglichkeitsraum für den Diskurs

01.07.2020

Seit März 2018 gibt es das „Magazin“ in der Weyringergasse 27 im vierten Wiener Gemeindebezirk. Ein Ausstellungsraum, wo kontemporäre Positionen zur Architektur nicht nur gezeigt, sondern auch diskursiv ausgehandelt werden. Ein Raum, mit dem geladene österreichische, aber auch internationale Architekturschaffende Präsenz zeigen und interagieren sollen. Wir haben uns mit dem Kernteam Jerome Becker, Matthias Moroder und Florian Schafschetzy getroffen.

David Calas im Gespräch mit Jerome Becker, Florian Schafschetzy und Matthias Moroder

(v. l.) Jerome Becker, Florian Schafschetzy und Matthias Morode

Eines vorab: Wie geht Ihr mit der momentanen Covid-19-bedingten Situation um? 
Jerome Becker (J.B.): Wir mussten sehr kurzfristig reagieren, da uns die Corona-Krise genau im Übergang von einer Ausstellung zur nächsten getroffen hat. Somit ließen wir unsere letzte Ausstellung „Cold Cream“ von Marc Leschelier, die direktes Bauen thematisierte, vorübergehend stehen, und die Folgeausstellung wurde auf einen späteren Zeitpunkt verlegt. 

Also nur ein kurzer Pausenmodus …
Florian Schafschetzy (F.S.): Genau. Wir haben keine Ausstellungen fallen gelassen. Die Folgeausstellung „passport: belonging in no-woman’s land“ des US-amerikanischen Kollektivs „feminist architecture collaborative“, eine Corona-­bedingte Nachholung vom März, die sich mit Körperpolitik im arabischen Raum auseinandersetzt, wurde auf Mitte August verschoben. Eigentlich war für Anfang Juni eine Ausstellung von „Some Place Studio“ geplant, die zwischen Wien und New York operieren. Aber da ein Teil des Teams in New York festsitzt, haben wir stattdessen gegen Mitte April den Wiener Architekten Jakob Sellaoui eingeladen, der ab 3. Juli seinen Ansatz einer nicht-idealen Architektur zeigen wird.
Matthias Moroder (M.M.): Wichtig ist auch zu erwähnen, dass wir uns während des Lockdown dezidiert gegen ein alternatives Online-Programm entschlossen haben. Denn die Ausstellungen werden spezifisch für die Räumlichkeiten des „Magazin“ entworfen und das Rahmenprogramm (Anm. Vorträge und Diskussionen) bezieht sich immer auch thematisch auf die gezeigten Inhalte. Es ist ein Raum, der von Präsenz sowie vom Austausch geprägt wird.

Wie habt Ihr eigentlich als Team und inhaltlich zusammengefunden?
F.S.: Wir waren anfangs zu fünft, zusammen mit Clemens Nocker und Eva Sommeregger. Clemens und Matthias hatten die Idee eines Ausstellungsraums für zeitgenössische Architektur. Ich hatte zusammen mit Eva auch ähnliche Überlegungen, und somit haben wir uns entschlossen, gemeinsam diesen Ausstellungsraum zu machen.
M.M.: Also lose Bekanntschaften, aus denen etwas Konkretes entstand ...
J.B.: Von Anfang an war auch klar, dass es sich um ein thematisch breit angelegtes Projekt handeln sollte, weshalb personell auch unterschiedliche Positionen zusammengekommen sind. Wichtig ist uns ein differenzierter Blick auf die Dinge. Auch Eva Herunter, die sich dem „Magazin“-Team gerade erst angeschlossen hat, erweitert dieses Feld erneut.

Worin lag die Motivation einen weiteren Raum für Architekturausstellungen neben den bereits existierenden zu schaffen?
M.M.: Wir glauben, dass es im Bereich der zeitgenössischen Architektur in Österreich eine strukturelle Lücke gibt. 
J.B.: Die etablierten Ausstellungsinstitutionen zeigen retrospektive Werkausstellungen oder Themenausstellungen für ein breiteres Publikum. Dessen Relevanz wollen wir nicht bestreiten. Für zeitgenössische Positionen der jungen Szene bleibt jedoch wenig Raum. 
M.M.: Auch wenn wir diese Lücke nicht gänzlich ausfüllen können, wollen wir hier ansetzen und jungen Architekturschaffenden eine diskursive sowie breitgefächerte Ausstellungsplattform bieten, wo man ausstellen, vortragen, diskutieren, sich austauschen und kennenlernen kann.

Hat sich die Motivation für das „Magazin“ auch aus Eurem persönlichen beruflichen Kontext herauskristallisiert?
F.S.: Ja. Die Gründung eines unabhängigen Ausstellungsraums war nur eine logische Konsequenz, da ich abseits der herkömmlichen Leistungsverzeichnisse von Architekturschaffenden als ein Teil von eyeTry architecture an der Schnittstelle von physischem Raum und zeitbasierten Medien arbeite und wir den kreativen Einsatz und die missbräuchliche Verwendung von Werkzeugen, Methoden und Institutionen untersuchen.
M.M.: Insgesamt sind wir alle schon lange in Wien, und es ist uns klar, dass es schwierig ist, hier als junges Büro zu agieren – überhaupt, wenn man auch noch einen theoretischen Anspruch hat. Zugängliche Plattformen im akademischen Bereich sowie in Ausstellungsinstitutionen fehlen weitgehend. Zum anderen zeigt die Wiener Kunstszene, wie neben den etablierten Institutionen unabhängige Ausstellungsräume entstehen und einen sehr wichtigen Beitrag leisten können.
J.B.: Neben dem „Magazin“ bin ich vor allem in der Lehre tätig. Die akademische Struktur hat sehr wohl auch eine diskursive Ebene. Diese ist jedoch von außen nur schwer zugänglich. Außerdem funktioniert die Themensetzung nach ganz anderen Logiken als in einem unabhängigen Ausstellungsraum.

Und deswegen auch die Wahl, eher jüngere Positionen zu zeigen?
J.B.: Architekturschaffende, die abseits kommerzieller Projekte agieren und sich diskursiv im Feld der Architektur positionieren, würde es treffender beschreiben. Wir wollen zeitgenössische Auseinandersetzungen zeigen und den nicht bereits etablierten Akteuren der Architekturszene die Möglichkeit bieten, ihren spezifischen Zugang zur Architektur in einer Einzelausstellung zu präsentieren. 
M.M.: Wir kommissionieren mit diesem Zugang neue Arbeiten. Denn wir stellen den eingeladenen Architekten ein Budget zur Verfügung, mit dem sie in den Räumen des „Magazin“ ein neues Projekt realisieren können. Die entwickelten Konzepte werden dann öffentlich besprochen. 
F.S.: … und wir wussten von Anfang an, was wir nicht wollen: Werkausstellungen bzw. finalisierte Arbeiten, die in Publikationen und im Internet bereits überall zu sehen sind.

Wie gestaltet sich die Suche und Auswahl von Architekturschaffenden und Büros? 
J.B.: Wir sind das ganze Jahr über auf der Suche nach spannenden Büros. Im Juli setzen wir uns dann mit einer Liste zusammen und gehen die Vorschläge gemeinsam durch. Dabei entscheiden wir uns für fünf Positionen für das nächste Jahresprogramm.
F.S.: Sobald die Grundpositionen definiert sind, schreiben wir die betreffenden Personen an, womit wir bereits ganz am Anfang die dann Ausgewählten in den Prozess einbinden. Zwei bis drei Ausstellungen der jährlichen fünf besetzen wir mit in Österreich lebenden Architekturschaffenden. Inhaltlich ist das Programm nicht weiter eingegrenzt, eine thematische Diversität ist beabsichtigt. Bisher konnten wir uns immer schnell auf ein, zwei Positionen einigen, wodurch sich in der Folge dann jene ergeben, die dazwischen passen. Wir haben keine fixe Formel definiert, aber wir versuchen stets, eine gendergerechte Auswahl und thematische Abgrenzung zu der jeweils nächsten Ausstellung zu finden.
M.M.: Grundsätzlich sind wir in Architekturmedien, im Internet, auf Konferenzen und Ausstellungen auf der Suche nach interessanten Positionen. Und wir erhalten und freuen uns natürlich immer über gute Vorschläge. Eine Ausnahme bildet etwa unser Letztausstellender Marc Leschelier aus Paris, der sich unerwartet mit Portfolio beworben hat. Er wollte im „Magazin“ in Wien seine erste Einzelausstellung austragen. Auch weil sich sein Werk stark auf Walter Pichler, Raimund Abraham und den Wiener Aktionismus bezieht. Das war mit ein Grund, weshalb wir eine derartige thematische Auseinandersetzung als geeignete Ausstellungsposition erkannten. Für die nächste Ausstellung hingegen mussten wir aufgrund des Ausfalls und der Reiseeinschränkungen kurzfristig jemanden aus Wien einladen. Jakob Sellaoui haben wir irgendwann bei einer Ausstellungseröffnung bei uns kennengelernt. In seinem Architekturverständnis reagiert er grundsätzlich auf Situationen, weshalb die Umstände genau zur Arbeitsmethode passen.

Ausgewählte Positionen, die zur Positionierung Eures Ausstellungsraumes beitragen …
M.M.: … die großteils aus dem wienerisch-österreichischen Gefüge entsteht und international eine wertvolle und bereits angesehene Plattform bietet, da Einzelausstellungen für jüngere Architekturschaffende vielerorts nicht gefördert werden und somit kaum vorhanden sind.
F.S.: Unsere Grundmotivation war, den Kollegen abseits des Standard-Büros etwas anderes zeigen zu können, da nach den Start-, Schindler- und Schütte-Lihotzky-Stipendien schlichtweg weitere Möglichkeiten fehlen. 

Und was bleibt nach den Ausstellungen übrig?
M.M.: Einerseits gibt es neben der Dokumentation jeder Ausstellung eine Publikation mit einem Gespräch zwischen uns und den Ausstellenden, die Videos der Diskussionsrunden sowie jeweils 3D-Scans, die einen posthumen digitalen Ausstellungsbesuch ermöglichen. Andererseits zeigt sich bereits, welche Bedeutung unsere Ausstellungen im besten Fall diskursiv einnehmen. So wurde vor Kurzem unsere Ausstellung von 2018 „How I Started Hanging out with Home“ von Space ­Popular aus London von Adam Nathaniel Furman als eines jener zehn Projekte selektiert, die den sogenannten „New London Fabulous style“ repräsentieren. Zusätzlich hat das Übrigbleiben wiederum mit der Präsenz im Raum zu tun, inklusive Konfrontation und mit der Möglichkeit, innerhalb der Szene eigene unabhängige Strukturen aufzubauen.
J.B.: Aber dass wir alleine nicht die Verantwortung für den Aufbau der jungen Szene schultern, darüber brauchen wir nicht zu reden. Mit den uns zur Verfügung stehenden Mitteln können wir nur bedingt unterstützend wirken. Das „Magazin“ hat sich jedoch als Ort von Sichtbarkeit und Diskurs über Wien hinaus etabliert, und wir hoffen, dies in den folgenden Jahren weiterführen zu können.

Wie entwickelt sich dieser Diskurs demnächst weiter? Gibt es schon Namen?
J.B.: Nach den bereits erwähnten Architekten folgt Anfang Oktober das Kollektiv Raumstation. Letzteres agiert in Weimar, Berlin und Wien und wird zum Thema Nachbarschaft und Recht auf Stadt ausstellen. Ein zentrales Thema wird dabei auch jenes der Partizipation sein. Den Abschluss dieses Jahres macht Jack Self vom „Real Estate Architecture Laboratory“ aus London Ende November. Er beschäftigt sich mit den Mechanismen des Kapitals auf die Architektur, besonders im Wohnbau.
Themen des zeitgenössischen Architekturdiskurses. Wo seht Ihr die Herausforderungen von Architektur heute und morgen? 
M.M.: Zu den bereits erwähnten Programmschwerpunkten kommen soziale und nicht-binäre Architektur, Bauen und Klimawandel und die Problematiken des digitalen Zuhauses hinzu.

Seht Ihr Euch eigentlich als Architekturvermittler?
J.B.: Nein. Wir wollen einen Möglichkeitsraum für den Diskurs schaffen. Unser persönlicher Beitrag zu diesem Diskurs ist jedoch nicht wichtiger als der anderer Besucher. Wir beanspruchen weder eine kuratierte Ausstellung, noch wollen wir die gezeigten Inhalte vermitteln oder erklären. Unser Ziel ist es, die Diskussion zu initiieren, daran teilzunehmen, ohne sie in eine bestimmte Richtung zu lenken. Umso wichtiger ist das begleitende Rahmenprogramm als erweiterte Kontaktfläche zwischen den unterschiedlichen Akteuren.
M.M.: Wenn man sich die 1960er bis 1980er Jahre ansieht, dann gab es damals eine sehr aktive und wichtige Szene etwa rund um die Zentralvereinigung der Architekten und die ÖGFA mit ihren zahlreichen Ausstellungen, Publikationen und der Zeitschrift „UmBau“. Oder in den 1980er Jahren eine ebenso aktive Szene in Chur/Graubünden rund um die dort neu gegründete Ortsgruppe des Werkbunds, von der dann international nur Peter Zumthor bekannt wurde. Solche Beispiele zeigen, dass Plattformen geschaffen wurden, um sich mit Architektur auseinanderzusetzen, um Positionen zu debattieren und sie zu schärfen. Unsere Tätigkeit sehen wir aus einer solchen Perspektive, die nicht jene der Vermittlung ist, sondern einer aktiven Teilnahme an den Diskussionen über Architektur. 

Wo seht Ihr Euch in zwei Jahren? 
M.M.: Wir fänden es spannend, Konferenzen zu veranstalten. Das könnte in nächster Zeit hinzukommen. Was uns sehr freut, ist auch ein durchmischteres Publikum, was sich bereits bei den letzten Ausstellungen gezeigt hat. Wir hoffen, dass es sich noch weiter differenziert.
J.B.: Wir wollen in erster Linie unser Programm weiterführen, spannende Positionen zeigen und Diskussionen anregen. Dafür haben wir bis jetzt eine gute Struktur aufgebaut, mit der wir in den nächsten Jahren sicherlich gut arbeiten können. Welche Effekte die Kontinuität unseres Projektes dann tatsächlich haben wird, werden wir sehen.

 

MAGAZIN
Das MAGAZIN ist ein Ausstellungsraum für zeitgenössische Architektur in Wien, der im März 2018 gegründet wurde. MAGAZIN fördert vor allem junge Architekten und Architektinnen aus dem In- und Ausland, die dabei sind, sich im zeitgenössischen Architekturdiskurs eigenständig zu positionieren. 

TEAM
Jerome Becker, Eva Herunter (seit Mai 2020), ­Matthias ­Moroder, Clemens Nocker (bis August 2018), Florian Schafschetzy und Eva Sommeregger (bis Juli 2019).

Jerome Becker studierte Architektur an der TU Wien und Philosophie an der Universität Wien. Er ist Universitätsassistent am future.lab (TU Wien) und Teil des Redaktionsteams für das luxemburgische Architekturmagazin ADATO.

Matthias Moroder studierte Architektur an der AA in London, Kunstgeschichte und Philosophie an der ­Universität Wien sowie Geschichte und Theorie der Architektur an der ETH Zürich. Seit 2015 arbeitet er mit Sebastian Bieten­hader als Büro Bietenhader Moroder zusammen.

Florian Schafschetzy studierte Architektur an der Universität für angewandte Kunst Wien im Studio Wolf D. Prix. Er lebt und arbeitet als freischaffender Architekt in Wien und ist zusammen mit Eva Sommeregger Teil des Architekturbüros eyeTRY architecture.

www.architektur-im-magazin.at

 

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