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Peter Haimerl: Architektur muss den persönlichen Zustand verändern

13.12.2017

Der deutsche Architekt Peter Haimerl arbeitet mit aufsehenerregenden Projekten an der kulturellen und wirtschaftlichen Aufwertung von Regionen, die bisher vermeintlich am Rande des Geschehens liegen. Er stammt selbst aus dem Bayerischen Wald, wo er sein international bekannt gewordenes und preisgekröntes Konzerthaus realisierte. Für das Gespräch treffen wir uns im loftartigen Architekturstudio in Haidhausen.  

Susanne Karr im Gespräch mit Peter Haimerl

Peter Haimerl: "Die meisten Architekten verbarrikadieren sich intellektuell und handeln stereotyp, das funktioniert nicht. Wir müssen wieder Freiheit aufbauen."

Die Themen Stadterneuerung und Ortsbelebung gelten als extrem wichtig. Zu den gelungenen Beispielen dieser Kategorie zählt das Konzerthaus Blaibach mit seiner extravaganten Mischung reduzierter Formen und moderner Materialien. Der Granitblock erinnert an die Steinmetztradition der Gegend. Die Innenraumgestaltung erstaunt durch eine fast paradoxe Komposition aus Beton und luftigem Arrangement. Wie sind Sie zu diesem Konzept gekommen, und wie passt es zum Ort?
Charakteristisch für die Hauslandschaft dieser Region im Bayerischen Wald ist ihre Vielfalt, dass in den Dörfern lauter individuelle Brocken nebeneinanderliegen, die sich auf seltsame Art und Weise dann doch zu einer Einheit zusammenfügen. In dieser abgelegenen, armen Region hat sich kein Gemeinschaftsgefühl herausgebildet, keine typische Haus-Form wie zum Beispiel in Schwaben oder Oberbayern. Das finde ich deswegen interessant, weil es eigentlich sehr modern ist, starke individuelle Typen zu kombinieren. Das entspricht sehr unserer Zeit.

Vom Lebensgefühl her, meinen Sie?
Ja, wir leben auch in einer sehr individualisierten Zeit, wo jeder seine eigenen Träume, seine eigenen Welten verwirklichen will, die nicht von übergeordneten Gesellschaftssystemen geprägt oder vorbestimmt werden. Der Bayerische Wald spiegelt für mich auf vielfältige Weise dieses moderne Konglomerat der Vielfalt und Eigenwilligkeit wider.

Die Gegend verkörpert also dieses Gefühl?
Ja, gerade was die Vereinsamung oder das Individualisierte anbelangt, gibt’s kaum etwas Vergleichbares. Die Menschen gleichen hier einander ebenso wenig, wie die Häuser einander ähneln. Es gibt keine Haustypen, die Häuser unterscheiden sich in ihrer Form. Bei der inneren Struktur gibt es aber Gemeinsamkeiten; die Stube etwa ist immer gleich aufgebaut, mit der typischen Eckbank, dem Herrgottswinkel und dem Ofen. Das hat alles eine in gewisser Hinsicht strenge Ordnung, die aber nicht formal ist, aber es gibt eine Gewohnheit, die sehr viele teilen. Hier führt das Nichtkontextuelle und Individuelle die alte Ordnung weiter. Deswegen war für mich klar: Das Konzerthaus muss sich formal genauso individuell äußern. Wir haben eigentlich nichts anderes gemacht, als noch einen weiteren Brocken dazu geworfen, um die Dorfstruktur zu stärken – und nicht, wie viele glauben, zu schwächen.

Das erklärt aber noch nicht die gebaute Form.
Rein akustisch und finanziell gesehen war die Schuhschachtellösung die beste – daher haben wir sie gewählt. Um dieser Form den individuellen Charakter zu geben, muss sie sich auch individuell äußern, also lassen wir sie schief drin liegen. Was wiederum mit dem Gelände zusammenhängt und die Schachtel quasi über einen Hang kippt, über eine Kante der Ebene. Das verstärkt zum einen die Assoziation zu dem Gesteinsbrocken, zum anderen lässt es das Gebäude im Gelände versinken – dadurch erscheint es ein bisschen kleiner. Das hat auch für das Innere große Vorteile, man kann gleich die Tribünensituation schaffen. Durch dieses Kippen öffnet sich die Erde und bildet gleichzeitig den Eingang nach unten. So ergibt sich aus den formalen Vorgaben die ganze Form.

Beim Eintreten gibt es gleich einmal keinen geradlinigen Weg in den Konzertsaal – welche Idee steckt dahinter?
Die Frage ist ja: Wofür braucht man einen Konzertsaal? Wofür braucht man überhaupt Architektur in einem Konzerthaus? Man könnte ja sagen, wie es beispielsweise in den 80er Jahren in Bezug auf Museen diskutiert wurde, dass sie rein der Kunst dienen sollen. Ähnlich könnte man bei Konzerthäusern argumentieren und sagen: Ein Konzerthaus muss irgendeine Schachtel sein, mit gebrochenen Kanten. Dann hat man rein theoretisch schon die beste Akustik. Ich glaube aber, dass Architektur generell eine völlig andere Aufgabe hat, als Funktion zu erfüllen. Konzerthausarchitektur muss den Raum für das Musikerlebnis schaffen. Der Weg in den Konzertsaal ist inszeniert und bereitet auf das Musikerlebnis vor. 

Also eine Atmosphäre schaffen.
Nicht nur das. Architektur sollte den persönlichen Zustand des Besuchers verändern. Sie ist eine Art räumliche Droge, die zugänglicher macht, den Geist öffnet und zu einer anderen Haltung führt. Wenn man historische Architektur wie Tempel- oder Kirchenbauten ansieht – erkennt man die Parallele, den Sinn, die Menschen, die sich an diesem Ort aufhalten, darauf einzustimmen.

Oft aber auch, klein zu machen.
Manchmal klein , manchmal groß. Wenn man an die Nazi-Architektur denkt, da ging es natürlich darum, dass sich der Einzelne klein fühlt. Aber eine Kapelle oder Kirche vermittelt Ehrfurcht vor der Schönheit, lässt Menschen staunen und verändert sie. Man geht in eine Kirche und empfindet sich selbst neu und tritt dadurch in eine Kommunikation mit der Aufgabe dieses Raums. Beim Konzerthaus ist es genauso. Deswegen haben wir eine bestimmte Dramaturgie des Weges in den Saal eingebaut. Wir haben einen Weg in Abfolgen entworfen, der am Anfang vielleicht unangenehm ist, weil man nicht weiß, wo man sich befindet. Er hat in Ansätzen etwas Labyrinthisches. Sein einziges Ziel ist, den Besucher beim Betreten des Saales in einen Zustand zu versetzen, der ihn für besondere musikalische Erlebnisse empfänglich macht.

Es wird also Spannung aufgebaut, erst an seinem Platz angelangt kann man sich entspannen.
Genau, weil ich glaube, dass so ein Konzert etwas ganz Besonderes ist. Es ist nicht vergleichbar mit der Entspannung am Strand. Ein Konzert ist Arbeit. Man muss die Sinne schärfen, soll auf ein anderes Aufmerksamkeitslevel gehoben werden und instinktiv genießen. Daher finde ich rein logisch denkende Architektur oft so problematisch. Viele Zustände der Erregung oder Freude laufen ja unterbewusst ab. Man kann nicht befehlen: „Jetzt freu Dich!“, das geht nicht. Der Zustand muss sich einstellen.

Da wird viel fast tiefenpsychologisches Wissen seitens der Architektur vorausgesetzt.
Aber das haben wir ja über die Jahrhunderte gelernt. Wenn man die alten Städte betrachtet, wie sie dramaturgisch aufgebaut sind, der Weg von der Randzone bis zu Stadt- oder Domplatz, diese Dramaturgie wurde früher perfekt beherrscht.

Früher schon, heute ist das alles zersplittert, und es ist wenig Überblick zu erkennen.
Aber das ist sozusagen „nur“ durch die Moderne verschüttet worden, wir haben davor 2.000 Jahre Architekturgeschichte und -erlebnis. Das ist auch der Punkt, der mich am Bestand alter Städte interessiert und der Grund, weshalb ich sehr gerne im historischen Umfeld baue und in alten Strukturen, weil man mit Teilaspekten moderner Architektur die Tradition fortführen kann. Eine der wichtigsten Traditionen ist psychologisches Wissen. Architektur ist ja doch im Prinzip nichts anderes als Psychologie.

Bei vielen neu errichteten Gebäuden scheint aber oftmals wenig Psychologie im Spiel zu sein, als ginge es eher darum, mit Materialien und Formen zu protzen, die weder einen historischen Bezug haben noch funktional besonders wertvoll sind.
Die Moderne kennzeichnet eben dieser totale Bruch, der die Abstraktion in den Vordergrund gerückt hat. Was durchaus einen psychologischen Sinn hatte, aber oft schlecht eingesetzt wurde. Dieses Massenphänomen hat alles andere verdrängt. Der Teilaspekt der abstrakten, zusammenhang­losen Betrachtungsweise unserer Gesellschaft hat sich in der Architektur zu 100 Prozent durchgesetzt. Das hat es vorher noch nie gegeben – die ­totale Verdrängung der Tradition, auch im Kopf.

Wie kann man nun Orte wieder beleben, Gemeinschaften wieder etablieren? Wenn Architektur ein Katalysator für Veränderungen ist, ändert sie die Befindlichkeit, aber damit auch die äußere Erscheinungsform von Orten.
Architektur ist stark unterbewertet. Wir haben zum Beispiel für „ZoomTown“ ein Tool entwickelt, das verständlich machen kann, wie man wieder städtebaulichen Raum gestalten kann. Das Pro­blem ist: Wir haben keine Sprachebene mehr. Die Leute glauben, wenn man einen Würfel bisschen locker hinschmeißt, ist das schon Stadtraum oder lebendige Stadt. Es gilt aber zu fragen, was historische Städte grundsätzlich auszeichnet. Ich bin im Zuge meiner Professur in Kassel auf Klaus Humpert gestoßen. Er beschreibt als einziger, wie strukturiert mittelalterliche Städte geplant sind. Er definiert die Städte nicht machtstrategisch, sondern ganz untergeordnet stadträumlich oder stadtstrukturell.

Oft wird ja gesagt, dass alles quasi zufällig entstanden ist.
Als gäbe es kein Konzept. Jedenfalls hat die Verwendung von Humpert als Arbeitsgrundlage zu einem Eklat geführt und mir gezeigt, wie festgefahren die akademischen Strukturen in Deutschland und in Europa sind. In unseren Projekten arbeiten wir mit den historischen Strukturen und Negativräumen – Städtebau ist ja im Prinzip nichts anderes als Negativraum: Man hat Stadtmasse und schneidet daraus etwas heraus. Wir machen aber auch viele kleine Projekte. Bei meinen Vorträgen sage ich fast immer: „Wenn Ihr wollt, kommt zu mir, ich teile Euch einen Ort zu, ein Projekt, da könnt Ihr etwas bauen. Ihr müsst Euch nur drum kümmern.“ Und das ist mein Ernst. Ich sorge für die Finanzierung, und die jungen Architekten müssen das ausführen.

Sind das dann Projekte unterschiedlichster Natur?
Zum Beispiel passen wir in ein früheres Freibad Coworking Spaces ein.

Das klingt interessant.
Das Projekt entsteht übrigens mit österreichischen Architekten und ist eine lustige Geschichte. Vor drei Monaten habe ich Vorträge in Berlin gehalten, dann in Hamburg, Baden-Württemberg – und gefragt, wer mitmachen will. Die Zuhörer schauten betreten zu Boden. In Linz haben sich sofort zwei junge Frauen begeistert gemeldet und sind eingestiegen. Jetzt betreut das Juan Architektinnen Kollektiv die Coworking Spaces sowie den Umbau eines kleines Schlachthauses zum Info-Point. Die beiden sind sehr engagiert, neugierig und mutig, Neues auszuprobieren. Ich bin ja sehr Österreich-affin und habe meine erste Zeit als Architekt bei Domenig und Abraham verbracht. Damals war ich in vielen verrückten Ateliers, so etwas wäre zu der Zeit in Deutschland komplett unmöglich gewesen. Selbst die gute deutsche Architektur hat im Kern immer noch so eine Sachlichkeit behalten, was auch wieder gut war, als Gegensatz zum österreichischen Abdriften in so eine seltsame, dunkle Welt. 

Es steckte damals wohl mehr von den persönlichen Visionen in den Plänen.
Es braucht wieder ein viel freieres Agieren mit dem philosophischen Hintergrund. Die meisten Architekten verbarrikadieren sich intellektuell und handeln stereotyp, das funktioniert nicht. Wir müssen wieder Freiheit aufbauen. Es reicht nicht, mit Begriffen wie Qualität zu arbeiten. Was wir bauen, muss Qualität haben, das ist klar. Auch ein gutes Auto hat Qualität, aber es muss auch Spaß machen.

… und es muss sich gut anfühlen, gut aussehen ...
Ja, sonst ist es ja nichts Besonderes mehr.

Autor/in:
Susanne Karr
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