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Architektur Triennale Lissabon 2019: What is Ornament?

27.03.2020

Dieser Frage suchte eine der Hauptausstellungen der Architektur-Triennale Lissabon 2019, die sich auch mit dem Alltag von Designern, Architekten, Künstlern und sogar Schriftstellern befasste, auf den Grund zu gehen. Kuratiert wurde die Ausstellung vom Architektenteam Ambra Fabi und Giovanni Piovene. Architektur & Bau ­FORUM war vor Ort und hat den Kuratoren einige Fragen gestellt.

Susanne Karr im Gespräch mit Giovanni Piovene

Das Hauptthema der Triennale lautete ­„Poesie der Vernunft“, was einen gewissen inneren Widerspruch bezeichnet. Hat der modernistische, funktionalistische Ansatz Raum für Poesie gelassen oder die Architektursprache reduziert?
Ende des 19. Jahrhunderts hat sich eine modernistische Haltung herausgebildet, die sich von hygienischen Theorien ableitet, und sie betrifft nicht nur ästhetische Fragen. In den 1920er Jahren bezieht sich die Idee der Hygiene sicherlich auf die Form, was sich auf das Ornament, die Verwendung von Farben und Zierleisten auswirkt. Weiße Oberflächen werden privilegiert verwendet, weil sie hygienisch sind und als die Zukunft angesehen werden. Fries und Zierleisten werden fast gänzlich vermieden. Auf der anderen Seite bewirkt die moderne Dynamik einen Themenwechsel, der die Architekturdebatte auf politische Fragen lenkt. Der Kern des Diskurses beginnt sich zu verlagern, er befindet sich jetzt außerhalb des Fokus auf Schönheit. Um das Thema zu verkomplizieren: Liest man etwa bei Le Corbusier im Jahr 1923, so beschreibt er die Formgebung, den Fries, als Prüfstein des Architekten. Diese Sichtweise scheint gegen seine neue Architektur zu sein.

Es fand also eine Verschiebung auf die politischen Auswirkungen hin statt. Corbusier als politisch engagierter Mensch, der über die Organisation der Gesellschaft und der Gemeinschaft mittels Architektur nachdachte. Diese Ziele sind nicht vorrangig architektonisch, sondern politisch, wenn er darüber auch auf sehr autoritäre Weise nachdachte.
Der modernistische Ansatz hat den Schwerpunkt der Architektur auf die Organisation der Gesellschaft und der Massen verlagert. Sie wurde zentral, und deshalb brauchte man eine Architektur, die Organisation in großem Stil zulässt. Auf der anderen Seite transformierte die moderne Bewegung das Ornament. Dieser Teil der Geschichte des Ornaments ist gut beschrieben worden, zum Beispiel von Antoine Picon. Wir finden, dass das Ornament auf die Spuren der Schalungen und den erneuten Gebrauch von Farbe übertragen wurde.

Man könnte sagen, dass der Ansatz der Modernisten den Begriff „Ornament“ einfach mehr oder weniger neu formuliert, indem sie ihn, wie sie erwähnten, in andere Dimensionen verschieben. Und was ist mit den Symbolen in der Architektur? Schließt die Eliminierung des Ornaments eine symbolische Sprache aus?
Wenn wir uns den Analysen von Robert ­Venturi und Denise Scott-Brown zuwenden, stellen wir fest, dass sie eine andere Art des Denkens und Lesens in der modernen Architektur vorschlagen. Sie sagen, dass die Beseitigung des Ornaments in der modernistischen Bewegung letztlich zu einem Gebäude führt, das selbst ein Ornament ist. Die ganze Abwesenheit von Ornament ist also per se Ornament und ein Symbol. Hier wird das Ornament gerade durch seine Abwesenheit definiert.

Wenn man sie auf eines der Hauptforschungsgebiete wie Las Vegas überträgt, mit einer wirklich ganz anderen Art von Ornament, ist es besonders interessant, wie ihre Art, die städtischen Beziehungen zu betrachten, die Perspektive verändert.
Ja, sie kommen zu dem Schluss, dass das modernistische Gebäude bereits ein Ornament an sich ist, ein Gebäude, das uns fast schon entgegenschreit: „Ich habe kein Ornament“, wie in dem berühmten Diskurs mit der Unterscheidung über „Ducks“ und verzierte Schuppen! Es ist fast so, als hätte das Gebäude ein großes Symbol auf seiner Oberfläche. Es sagt, nicht in geschriebenen Worten, aber dennoch in einer Weise, die jeder verstehen kann: „Ich bin ein modernistisches Gebäude, ich habe kein Ornament, ich bin anders.“ Es ist ein Diskurs, der diese Art von Architektur, etwa die weißen Oberflächen, mit moderner Architektur, den Materialien und den Zeichen und der Signatur, verbindet. Das ist der Reichtum der „Learning from Las Vegas“-Argumentation.

Scott Brown, Venturi und Izenour schreiben, dass Aspekte von Ornamenten teils gegensätzliche Botschaften vermitteln: „Ein und dasselbe Element kann sowohl denotative als auch konnotative Bedeutungen haben, und diese können sich gegenseitig widersprechen.“ Auch diese Aussage scheint in die Richtung zu weisen, dass Vieldeutigkeit besteht. Man kann der Tatsache nicht entkommen, dass Menschen ihre Umgebung selbst und unter persönlichen Voraussetzungen interpretieren –abhängig von ihren eigenen ästhetischen Prägungen.
Ganz genau. Das ist einer der Gründe, warum man auf Ornamente nicht verzichten kann. Wir können nur versuchen, Ornamente zu vermeiden, was dann, folgt man Venturi/Scott Brown, zu einem anderen Ornament führt. Man kann es nicht loswerden. Der Reichtum des Ornaments besteht in der Tat darin, dass es beide Bedeutungen hat: die denotative und die konnotative. Während die eine objektiv ist, ist die andere eher subjektiv, ihre Bedeutung schwankt mit der Zeit. Vielleicht ist dies eine der präzisesten Definitionen von Ornament. Venturi/Scott Brown haben diese Frage sehr genau analysiert.

Spiegelt das Verschwinden etwa floraler Elemente die Zerstörung der Natur wider? Wie würden Sie die Zukunft des Ornaments interpretieren, und hat sie in irgendeiner Weise mit dem Umgang mit der „Natur“ zu tun?
Die Idee, dass die Verwendung von floralen und pflanzlichen Ornamenten eine Möglichkeit ist, die Natur zu ersetzen, überzeugt – auch auf symbolischer Ebene. Es scheint eine Art Preis zu sein, den wir zahlen, denn in gewisser Weise töten wir die Natur, indem wir ihr Raum für unseren modernen Lebensstil nehmen. Sicherlich gilt dies, wenn wir an den Jugendstil denken oder an die Architektur von Louis Sullivan: Am Ende erscheint die Natur in der Architektur, etwa in Säulen. Denn dies ist der Moment, in dem der Fortschritt der Architektur die Natur wirklich definitiv verändert, fast wie nach der ersten industriellen Revolution – und noch mehr nach der neuen Periode von Chicago nach dem großen Brand. In diesem Konzept gilt die Natur eindeutig nichts. Die Natur, so wie wir sie uns heute als einen wünschenswerten Teil der Stadt vorstellen, war nicht Teil des Stadtprojekts des neuen Chicago. Wir können hier von einer anderen Dimension der Natur sprechen. Heute sind wir nicht mehr in dieser Periode, nicht mal mehr in frühen der Herzog & de Meuron-Periode, doch noch immer ist ihre Haltung völlig sullivanesk. Während der Konzeption der Ausstellung haben wir über die Möglichkeit diskutiert, ein Kapitel über Pflanzen als Ornamente aufzunehmen, aber am Ende haben wir es nicht getan. Letztlich ist dies dennoch sehr wichtig, da in letzter Zeit mit der neuen Umweltagenda die Rolle der Natur eine ganz zentrale zu sein scheint.

Wenn wir die jüngste Produktion betrachten, können wir uns fragen, was heute der Gehalt von Ornamenten ist, was Pflanzen dabei bedeuten. Denn viele Renderings zeigen Bäume, die Gebäudefassaden und Dächer kolonisieren. Die Natur wird nicht vermittelt, sondern im Maßstab 1:1 verwendet, im Rahmen einer Abmachung, dass wir nach einer wissenschaftlichen und ökologischen Rechtfertigung für ihre Präsenz suchen. Wir sprechen nie über ihr ornamentales Wesen.

Es scheint also heute effizienter und akzeptabler, mit wissenschaftlichen Gründen zu argumentieren, als über Ästhetik und Atmosphäre zu sprechen.

Es gibt großartige Beispiele für die Integration von Natur und Architektur, beispielsweise das von Henri Sauvage errichtete Wohnhaus in der Rue Vavin in Paris. Wie bereits erwähnt sind Pflanzen auf Gebäuden heute präsenter denn je. Sauvage verstand diese Präsenz eindeutig als ornamental und verband sie mit Genuss und Wohlbefinden. Heute hingegen scheint es, als ob wir Pflanzen nicht mehr als reines Ornament betrachten können. Wir müssen sie als eine ökologische Notwendigkeit behandeln.

 

Die Kuratoren

Piovenefabi ist ein von Giovanni Piovene und Ambra Fabi 2012 gegründetes Architekturbüro mit Sitz in Mailand und Brüssel. Das Büro arbeitet auf nationaler und internationaler Ebene in den Bereichen Architektur, Stadtforschung, territoriale Visionen und Design. Das Studio war Teil des Kura­torenteams der Lissabonner Architektur-Triennale 2019 –
„Die Poetik der Vernunft“. Derzeit sind beide Professoren an der École Nationale Supérieure d’Architecture in Marne-la-Vallée Paris Est.

Ambra Fabi studierte Architektur an der Architekturakademie Mendrisio. Sie arbeitete als künstlerische Leiterin und Projektleiterin im Architekturbüro Peter Zumthor und Partner und als freischaffende Architektin in Mailand. Sie war Assistentin an der Architekturakademie Mendrisio (2012–2014) und Lehrerin am IED – Europäisches Designinstitut von Cagliari (2014) und KU-Leuven-Katholieke Universität Leuven (2015–2016).

Giovanni Piovene hat sein Architekturstudium am IUAV in Venedig abgeschlossen. Er war Mitbegründer von ­Salottobuono (2007–2012) und der Zeitschrift San Rocco und kuratierte das Buch und die Ausstellung Book of Copies. Er war u. a. Lehrer am ISIA – Istituto superiore per le industrie artistiche di Urbino (2008–2010) und Assistent an der Architekturakademie Mendrisio (2010–2012).

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