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Asian Games 2022: Eine Wasserstadt für China

24.04.2018

Österreichische Planer um Jadric Architektur entwerfen eine urbane Landschaft für Hangzhou, China. Ausgangspunkt sind die Asian Games 2022 und ihr olympisches Dorf, am Ende geht es um fünf Millionen Quadratmeter Nutzfläche.

Eine Stadt, die ein ganzes Land umfasst“: Der deutsche Architekt Rudolf Schwarz hat in seinem Buch über „Die Bebauung der Erde“, erschienen 1949, vorhergesehen, wohin die Entwicklung führt. Die Stadt sei ins Fließen gekommen, die Zeit der Großstadt vorbei. Etwas Neues sei im Entstehen, weder Land noch Stadt, eine neue Gestalt, mit der wir noch keine Erfahrung haben. Die Planenden müssten deren Ordnung zuerst in sich selbst entwerfen, eine „Raumordnung im eigenen Herzen vollbringen“, denn man könne „die Welt ja nicht planen, ohne sich selbst zu entwerfen“. Das sei, so Schwarz, deshalb so schwierig, weil es so wenige gäbe, „die die neue Kunst üben, und sie wissen so wenig“. Heutigen Planern, die gerade dabei sind, die Bebauung der Erde gnadenlos zu exekutieren, würde so viel Demut gut anstehen. Schwarz verstand unter Raumplanung eine neue Kunst und unter Städtebau eine religiöse Praxis, wie sie es seit der Erfindung der Stadt jahrtausendelang gewesen ist. Der Anspruch mag hoch angesetzt sein, angesichts der Tatsache, dass man sich im Städtebau keine Fehler leisten kann, weil man im Grunde nur eine Chance hat, ist dieser Anspruch aber alles andere als überzogen.

Städtebau-Grosslabor China
Wenn es heute ein Großlabor für die Bebauung der Erde gibt, ist es China, das in den letzten zwei Jahrzehnten mehr Bauvolumen produziert hat als Europa in ein paar Jahrhunderten. China hat in dieser Zeit ein System an Infrastruktur aufgebaut, das seinesgleichen sucht: Autobahnen, Trassen und Bahnhöfe für Hochgeschwindigkeitszüge, tausende Kilometer an U-Bahnlinien, Business-Distrikte mit Millionen Quadratmetern an Nutzfläche. Wirkliche Städte sind dabei – wie es Rudolf Schwarz hellsichtig vorausgesagt hat – nicht entstanden: Außerhalb der lebendigen, aber ins Unerträgliche verdichteten alten Zentren fehlt es in den neu entwickelten Stadtteilen Chinas an öffentlichen Räumen und hybriden Quartieren. Die Mittelklasse, die inzwischen hunderte Millionen Menschen zählt, wohnt in Hochhausclustern oder Villensiedlungen, die sich nach demselben Muster tausendfach wiederholen.  
Versuche, dieses Vakuum mit Identität zu füllen, also im Sinne von Rudolf Schwarz eine „Raum­ordnung im eigenen Herzen“ zu vollbringen, nehmen oft tragikomische Züge an, wie etwa in Tianducheng, wo Pariser Straßenräume und eine Kopie des Eiffelturms im Maßstab 1:3 europäisches Flair verbreiten sollen, einen zwei Kilometer langen, überbreiten Boulevard inklusive, gesäumt von Pariser Wohnhäusern im einheitlichen, klassizistischen Dekor.
Dass dieses Simulacrum in einer Stadt entstand, die eine eigene große Geschichte hat, macht sie nur umso gespenstischer: Tianducheng ist trotz seiner beachtlichen Dimension nur ein Partikel von Hangzhou, heute eine Provinzhauptstadt mit sechs Millionen Einwohnern, 190 Kilometer südwestlich von Shanghai gelegen. Hangzhou war während der Song-Dynastie im 12. Jahrhundert Hauptstadt und zu ihrer Zeit eine der größten und schönsten Städte der Welt. Im Wettrennen der heutigen chinesischen Mittelstädte unternimmt Hangzhou besondere Anstrengungen, um sich als Begegnungsort neu zu entwerfen. Hier fand 2016 der erst G20-Gipfel in China statt, wofür die Stadt ein eigenes Konferenzzentrum errichtete, das auch zwei Jahre später noch im Dekor für diese Veranstaltung zu bestaunen ist. In unmittelbarer Nähe dieses Areals ist nun für 2022 eine bei weitem publikumsintensivere Veranstaltung geplant, die neunzehnten Asian Games, ein auf Asien beschränkter sportlicher Wettkampf nach dem Vorbild der olympischen Spiele.

Chinesische Stadtlandschaft mit europäischen wurzeln
Die Stadt nimmt die Spiele zum Anlass, auf einer Fläche von knapp drei Quadratkilometern einen neuen Stadtteil zu entwickeln, auf dem rund fünf Millionen Quadratmeter Nutzfläche entstehen sollen. Die rechnerische Dichte von knapp 1.7 deutet schon darauf hin, dass es hier nicht um Ausschlachtung eines Areals geht. Die Flächen sind teilweise Grüngürtel und Wasserflächen, die auf eine alte Tradition von Hangzhou Bezug nehmen: Die größte Sehenswürdigkeit der Stadt ist der Westsee, eine gestaltete Wasserlandschaft im historischen Zentrum. Im Projekt wird für die Wasserfläche keine organische Form gewählt, sondern eine lineare Struktur, die sich in die Tiefe des Planungsgebiets entwickelt. Sie läuft im rechten Winkel auf den Qiantang-Fluss zu, den Hauptfluss der Stadt, der an dieser Stelle schon einen Kilometer breit ist und fünfzig Kilometer östlich in einem breiten Delta ins Meer mündet. Eine direkte Verbindung zwischen Wasserfläche und Fluss gibt es nicht, da durch die nahe Mündung ein beachtlicher Tidenhub besteht. Der Damm wird jedoch für eine Parklandschaft und als Bebauungskante für den Business-Distrikt und seine Hochhäuser genutzt, die eine Skyline zum Stadtzentrum auf der anderen Seite des Flusses aufspannen.  
Das Besondere an diesem Projekt ist der Versuch, mit europäischen Strukturvorstellungen eine genuin chinesische Stadtlandschaft zu entwickeln. Dazu gehört die Idee des Grüngürtels, der hier „Eco Corridor“ heißt und das Gebiet im Norden und westlich am Fluss begrenzt. Ein weiteres Element ist die Blockrandbebauung, die hier „Housing Cluster“ heißt und eine für chinesische Verhältnisse vor allem sehr heterogene Wohnbebauung mit gut nutzbaren öffentlichen Räumen ermöglicht, die allen gängigen Developer-Vorstellungen in China wiedersprechen. Die Kombination dieser Cluster mit Hochhäusern, in denen es mehrere öffentlich Ebenen mit Skywalks gibt, erzeugt eine Stadtstruktur, die nicht nur die nötige Dichte, sondern auch die Hybridität und Theatralik bieten wird, die Voraussetzung für jede echte Urbanität sind. 
Das Projekt hat gute Chancen auf eine Umsetzung. Das Projekt der Planergruppe um ­Mladen Jadric und Klaus Semsroth gewann im Herbst 2017 den internationalen städtebaulichen Wettbewerb. Der Zeitdruck durch die Asian Games ist ebenso hoch wie die Ambition der Stadtregierung, sich durch urbane Innovationen zu profilieren. Wenn es stimmt, dass man die Welt nicht planen kann, ohne sich selbst zu entwerfen, wäre diese Realisierung auch eine politische Sensation.

PROJEKTDATEN

Projekt                             
2022 Asian Games Key Project – Asiad Athlete Village, Urban Design International Competition
Internationaler Wettbewerb, 1. Preis

Bauherr                           
Organization Board of 2022 Asiad Athlete Village , HANGZHOU, P.R China

Ort                              Hangzhou, P.R. China
Wettbewerbsgebiet   Xioshan District
Raumprogramm        Total 5.400 000 m2:
                                    Residential 3.000 000 m2
                                    Hotels 200 000 m2
                                    Offices 900 000 m2
                                    Retails Commerce 700 000 m2
                                    Parking 120 000 m2
                                    Culture 300 000 m2
                                    Education 100 000 m2
                                    Hospital 33 200 m2

Ausführende              JADRIC ARCHITEKTUR ZT GmbH
                                    Mladen Jadric, Architecture
                                    Klaus Semsroth: Urban Planning
Team                                 
Oliver Flew, Goran Papo, Maximilian Krankl, Jakob Mayer, ­Nikolaus Punzengruber, Clemens Neuber

Konsulenten                
ASYNKRON OG: Jakob Brandstötter, ­Lukas Aschauer, Zsófia Varga, Beatrice Aimée
CARLA LO LANDSCHAFTSARCHITEKTUR: Carlo Lo, Sara ­Stojakovic

Verkehrs- und Infrastrukturplaner
SNIZEK + PARTNER
DOPPELMAYER SEILBAHNEN GMBH

www.jadricarchitects.com

Autor/in:
Christian Kühn
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