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Auf den Spuren der Sowjetmoderne

25.10.2012

Mit den baltischen Republiken auf der einen Seite und den osteuropäischen Republiken auf der anderen ist das Spektrum der Sowjetarchitektur am deutlichsten umgrenzt: von der am stärksten europäisch geprägten Architektur der Sowjetunion im Baltikum und der am stärksten von der Moskauer Zentrale geprägten Architektur in den osteuropäischen Ländern.

Baltikum
Obwohl Estland, Lettland und Litauen eine geografische Einheit bilden, hat jedes der baltischen Länder eigene sprachliche und kulturelle Wurzeln. Auch die Staatenbildung gestaltete sich sehr unterschiedlich. Während Estland und Lettland als Livland abwechselnd unter deutscher, schwedischer und russischer Herrschaft standen, war Litauen im Mittelalter selbst ein riesiges Reich. Im 20. Jahrhundert teilten die Bewohner des Baltikums jedoch ein ähnliches Schicksal. Nach der deutschen Besatzung wurde auch die erzwungene Eingliederung in die Sowjetunion als Okkupation empfunden; der Holocaust, die Repressionen Stalins sowie der Zweite Weltkrieg forderten hohe Opferzahlen. Von Russland aus wurde das Baltikum stets als einheitliche Region wahrgenommen, die innerhalb der Sowjetunion für gut entwickelte Landwirtschaft und Industrie, vor allem aber für das „Europäische“ stand.

Auch für die baltische Architektur ist die Orientierung an Europa, genauer gesagt an Skandinavien, augenfällig. Schlichte und funktionale Formen, präzise im Detail und verhältnismäßig hochwertig in der Ausführung, erinnern wenig an Bauten, die man gemeinhin als „sowjetisch“ abstempelt. Eine besondere Rolle spielte vor allem in Estland die Innenarchitektur, aber auch in Lettland und Litauen wurden Interieurs entworfen und umgesetzt, die bei den Gästen aus anderen Sowjetrepubliken Bewunderung hervorriefen. Vorbildwirkung hatte der baltische Umgang mit der historischen Bausubstanz. Frühe sowjetische Stadtentwicklungspläne sahen starke Eingriffe in die über Jahrhunderte gewachsenen Stadtzentren vor, wurden letztendlich aber verworfen. Anstelle dessen versuchte man ähnlich wie in Leningrad (heute: St. Petersburg) die Moderne außerhalb oder in sogenannten neuen Stadtzentren zu errichten. Von allen Regionen konnte die Moderne im Baltikum vielleicht am stärksten verwirklicht werden, aber auch die Postmoderne erlebte hier ihre Blüte, vor allem in Lettland.

Sofort mit der Unabhängigkeitserklärung Estlands von der Sowjetunion wurde in Tallin in einem beeindruckenden Speicherbau – Rotermans Salzlager von 1908 – ein nationales Architekturmuseum gegründet, das mit großem Engagement die Architekturgeschichte Estlands entlang seiner wichtigsten Architekten aufarbeitet. Dazu gehört auch das Werk des Architekten Raine Karp, der die eindrucksvolle „Linnahall“ anlässlich der olympischen Spiele 1980 – zu den Spielen in Moskau fanden die Segelwettbewerbe in Tallin statt – erbaute. Ihre Bedeutung und Geschichte wird derzeit im estnischen Beitrag zur Architekturbiennale in Venedig präsentiert. Karp zeichnete jedoch auch für einige Einfamilienhäuser verantwortlich – eine Bauaufgabe, die innerhalb der UdSSR im städtischen Raum eher die Ausnahme bildete.

Die lettische Hauptstadt Riga ist eine der ältesten Metropolen des Baltikums und heute aufgrund seiner Konzentration von Jugendstilbauten Unesco-Weltkulturerbe. In der Sowjetunion galt Riga mit seiner lebendigen kulturellen Szene als „westlichste Stadt“ des Imperiums. Aber auch die Badeorte an der Ostseeküste stellten mit vielen Hotelanlagen, Sanatorien und Cafés ein Refugium für westlichen Lebensstil dar.

Das vormals riesige Reich Litauens weist heute ein beeindruckendes Bauvolumen aus der Sowjetzeit aus. Nicht zuletzt, da das nördliche Baltikum protestantisch ist, Litauen jedoch katholisch, findet sich hier die einmalige Bauaufgabe der Trauerpaläste, deren Funktion heute wieder von Kirchen wahrgenommen wird. In den vielen Interviews, die das Forschungsteam im Baltikum geführt hat, betonten die sowjetischen Architekten nicht ohne Wehmut, dass sie unter sowjetischer Herrschaft mehr kreative Freiheiten gehabt hätten als in der folgenden Zeit des Kapitalismus.

Osteuropa
Das bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts primär agrarisch geprägte Gebiet liegt auf der bis zum Ural ausgedehnten Osteuropäischen Ebene. Während die Ukraine und Weißrussland von allen ehemaligen Sowjetrepubliken mit Russland sprachlich, kulturell und historisch am engsten verbunden sind, steht Moldawien Rumänien viel näher, obwohl es (außer der Bukowina) vor der Oktoberrevolution als Gouvernement Bessarabien dem Russischen Reich angehörte. Neben Russland und Transkaukasien haben die Ukraine und Weißrussland 1922 den Gründungsvertrag der UdSSR unterzeichnet. Die Westukraine und Westweißrussland, die nach dem Ersten Weltkrieg zu Polen gehörten, wurden neben den baltischen Staaten erst infolge des Hitler-Stalin-Pakts 1939 von der Sowjetunion annektiert. Auch Bessarabien fiel in das sowjetische Interessengebiet und wurde 1940 von der Roten Armee besetzt.

Alle drei Länder erlitten enorme menschliche Verluste im Zweiten Weltkrieg, aber auch die Vernichtung der Bausubstanz war gewaltig. Daher stellte der Wiederaufbau in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts eine der vordringlichsten Aufgaben für die Architekten und Stadtpaner dar. Durch das fast vollständige Fehlen von historischen Bauten, die als identifikationsstiftende Referenzen hätten dienen können, und die weitgehende Zerstörung der städtischen Bebauung konnte hier die von Russ­land proklamierte Architektur umfassender als in den anderen Regionen umgesetzt werden. Der Russifizierungspolitik folgend sollten die lokalen Strömungen so weit wie möglich nivelliert werden: Das Andocken an den internationalen Stil passte dabei perfekt ins Gesamtkonzept, und ein gewisser Hang zum Brutalismus egalisierte ab den 1970er-Jahren die noch vorhandenen lokalen Besonderheiten.

Die Ukraine war die größte Sowjetrepublik, und daher war es dem Team des Architekturzentrum Wien nicht möglich, das gesamte Land zu erfassen. Die Recherche beschränkte sich auf die Hauptstadt Kiew, die letzte Stadtgründung Slawutytsch, die Industriestadt Dnipropetrowsk und die Erholungsarchitektur auf der Krim.

Ein Must der Sowjetmoderne ist in Kiew das wunderbare Hotel Saljut, das auch in Andrea Dusls Film „Blue Moon“ als Location diente. Viel höher geplant als realisiert, erinnert es an das Schicksal des Hotel Parus in Dnipropetrowsk, das als gewaltiges Symbol der Stadt am Ufer des Dnepr nach dem Tod Breschnews bis heute als unvollendete Ruine an große Pläne gemahnt. Die Ukraine ist das größte Land unter den Sowjetrepubliken. Und hier waren die Architekten der Sowjetzeit umfassend über die Entwicklungen der westlichen Architektur informiert. Ähnlich den westeuropäischen Architekten der Nachkriegszeit suchten sie eine Verbindung der klassischen Moderne mit ruralen Traditionen. Das Kiewer Institut für experimentelle Projekte stand in den 1960er- und 1970er-Jahren im intensiven Kontakt mit Ove Arup und Frei Ottos Institut für leichte Flächentragwerke in Stuttgart. Damit erklären sich die spektakulären Konstruktionen der Markthallen in Kiew. Pry­pjat war eine Musterstadt der Moderne, eigens für Arbeiterinnen von Tschernobyl am Reißbrett entworfen.

Nach der Katastrophe wurde mit der Ersatzstadt Slawutytsch (1986–1990) die letzte neugeplante sowjetische Musterstadt realisiert. Acht sowjetische Republiken boten als Hilfe nach der Katastrophe an, eigene Stadtteile zu errichten. So wurde Slawutytsch zu einer Musterstadt, für die die Republiken ihre nationalen architektonischen Identitäten proklamierten. Auf der Krim, dem seit dem Zarenreich traditionellen Erholungsgebiet der Sowjetunion, entstanden großartige Hotelanlagen. Diese hatten in den 1970er-Jahren durchaus westlichen Standard und inszenierten die „russische Riviera“ mit großzügig geplanten Strandanlagen. Verstreut gibt es kleine Erholungsheime, die speziellen Berufsverbände vorbehalten waren. In diesen abgestuften Bauaufgaben bis hin zu den Villen der Nomenklatura zeigt sich die verborgene Hierarchie der sowjetischen Gesellschaft. So wurde auch den Kindern große Aufmerksamkeit gewidmet, Millionen verbrachten damals ihre Ferien in den Pionierlagern. Das bekannteste ist „Artek“, eine Ferienanlage für 4.000 Kinder, die als vollausgestattete eigene Stadt funktionierte. Sie ist noch heute ein Monument der Moderne, das derzeit von kapitalistischen „Verschönerungen“ bedroht wird.

Die sowjetische Architektur Osteuropas folgte zwar den Direktiven der Moskauer Zentrale, befand sich jedoch auf Augenhöhe mit den Leistungen der Architektur der westlichen Welt.

von Katharina Ritter, Ekaterina Shapiro-Obermair, Dietmar Steiner, Alexandra Wachter

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