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Ausstellung: City of Refugees

08.10.2020

Ab dem 31. Oktober präsentiert das Aedes Architekturforum Berlin eine Ausstellung über „City of Refugees“, einem Forschungsprojekt der University of Houston.

Mehr als siebzig Millionen der rund acht Milliarden Menschen auf der Erde sind heute Geflüchtete und Asylsuchende. Da nur wenige Länder bereit sind, sie aufzunehmen, sitzen viele von ihnen in Zeltstädten oder notdürftigen Unterkünften fest. Aus diesen Provisorien werden oft dauerhafte Lösungen, was erhebliche Herausforderungen mit sich bringt.

„City of Refugees“, ein dreijähriges Forschungsprojekt der University of Houston unter Leitung von Peter Zweig und Gail Borden, bereichert die Diskussion neuer Lösungen um einen unkonventionellen Ansatz: Als Prototypen für die Unterbringung von Migranten wurden vier fiktive Städte auf vier Kontinenten entworfen, die den unmittelbaren Bedürfnissen der Bewohner Rechnung tragen und gleichzeitig ihre langfristige Eigenständigkeit fördern. Die Ausstellung vermittelt einen Einblick in die verschiedenen Facetten dieser Utopien, erzählt aber auch vom Leid und den beschwerlichen Reisen der Geflüchteten.

Globale Fluchtursachen
Die weltweite geopolitische Landschaft ist aktuell geprägt von einer Zunahme nationaler und internationaler Konflikte, die in vielen Regionen und Ländern massive Migrationsströme verursachen. Auch die Folgen des Klimawandels und Zerstörungen der Umwelt zwingen Menschen dazu, ihre Heimat zu verlassen. Viele Geflüchtete hängen zwischen den Grenzen fest, weil immer weniger Länder bereit sind, die wachsende Zahl an Migranten aufnehmen. So sind sie häufig in Flüchtlingslagern gefangen: Diese wachsenden Zeltstädte sollten zwar ursprünglich nur der vorübergehenden Unterbringung dienen, werden aber tatsächlich immer öfter zu Dauerlösungen.

Die vergessenen Siedlungen
Erwähnenswert ist in diesem Zusammenhang das Flüchtlingslager Kutupalong in Bangladesch, das seit 1991 besteht. Dort, im mittlerweile größten derartigen Lager weltweit, leben 600.000 Menschen auf gerade einmal 13 Quadratkilometern, was Infrastruktur und Dienstleistungen an ihre äußersten Grenzen bringt. Ein jüngeres Beispiel einer dauerhaften Siedlung ist das Lager Zaatari in Jordanien, wo seit 2012 Menschen Zuflucht vor dem Bürgerkrieg in Syrien finden. Mit geschätzten 80.000 Einwohnern, einer Hauptstraße mit Marktständen und Geschäften, Kindergärten und Schulen, Solarstrom und einem eigenen Trinkwassersystem ist Zaatari heute die viertgrößte „Stadt“ Jordaniens. Die häufig vergessenen, „temporären“ Siedlungen entwickeln sich jedoch meist zu willkürlichen, schlecht ausgestatteten, dauerhaften Orten, die auf humanitäre Unterstützung angewiesen sind.

Prototyp als Zufluchtsort
In einer Reihe intensiver Workshops unter Leitung von Peter J. Zweig, Fellow of the American Institute of Architects (FAIA) und Gail P. Borden, FAIA, entstanden am Gerald D. Hines College of Architecture and Design der University of Houston über einen Zeitraum von drei Jahren vier unkonventionelle Entwürfe für prototypische Städte für Geflüchtete auf vier Kontinenten, welchen zwischen 50.000 und 500.000 Menschen leben können: Die Konzeption der Städte basiert auf universellen architektonischen Grundsätzen, berücksichtigt aber zugleich in hohem Maße lokale Traditionen, auf die die Bewohner der „City of Refugees“ beim Errichten ihrer eigenen Häuser zurückgreifen können. In dieser Verbindung universeller Ideen und lokaler Traditionen lassen sich die Ursprünge der gegenwärtigen Stadt neu definieren.

Entwicklung einer Utopie
Bevor die Studierenden sich Gedanken über die städtebauliche Gestaltung dieser fiktiven Orte machten, analysierten sie zunächst die Verteidigungsausgaben der USA, die sich auf 700 Milliarden USD jährlich belaufen. „Durch Umwidmung eines ganz kleinen Teils der Verteidigungsausgaben – weniger als ein Viertelprozent des Militärhaushalts – ließe sich eine ‚City of Refugees‘ finanzieren“, erläutert Professor Peter Zweig und fährt fort, „wir schlagen zum Beispiel vor, den Bau eines U-Boots um ein Jahr zu verschieben und damit den Bau einer ganzen Stadt zu ermöglichen.“

Die multiethnische Gesellschaft
Im Rahmen einer Neuinterpretation von „Utopia“, einem Projekt von Thomas Morus aus dem Jahr 1516 ist die „City of Refugees“ ein Ort, der über das Schicksal der aus ihrer Heimat Vertriebenen hinausreicht. Konzipiert wird dabei eine Stadt in einem neuen Kontext, in der Migranten einen Ort finden, an dem sie frei sein und unabhängig handeln können. Die vier Stadtentwürfe würden als von den Vereinten Nationen geförderte freie Wirtschaftszone eine Grundlage für eine neue multiethnische Gesellschaft schaffen, die auf Gerechtigkeit und Toleranz basiert, wirtschaftlich tragfähig und CO2-neutral ist.

Unterkunft im Niemansland
In diesen Städten wird das Konzept der Straße neu definiert, denn Autos sind nicht mehr nötig, nachhaltige Technologien werden neu gedacht, und die Architektur ist gleichermaßen regional wie universell. Zusätzlich zu den vier Standorten der entworfenen Prototypen wurden weitere denkbare Orte in verschiedenen Weltgegenden identifiziert, zum Beispiel das Grenzgebiet zwischen den Städten El Paso in Texas (Vereinigte Staaten) und Ciudad Juarez auf der Isla de Cordoba (Mexiko). Dieser als „Niemandsland“ bezeichnete Landstrich könnte der wachsenden Zahl der Vertriebenen an der Südgrenze der Vereinigten Staaten zu Mexiko eine Unterkunft bieten.

Die klimaneutrale Stadt
Peter Jay Zweig sagt dazu: „Durch die Vermischung lokaler gesellschaftlicher Bräuche mit den importierten Gewohnheiten der Geflüchteten entsteht ein Umfeld, das der Idee eines unmittelbar bei der Ankunft in der Stadt gegebenen ‚Versprechens‘ gesellschaftlicher Akzeptanz durch ehrenamtliches Engagement, Eigenständigkeit, Bildung, gemeinschaftliche Nutzung von Küchen und Arbeitsräumen verpflichtet ist. Eine angemessene Infrastruktur macht das Auto als vorrangiges Transportmittel überflüssig: Jede Stelle in der Stadt ist in zehn Gehminuten erreichbar. Die Stadt wird in erster Linie mit Strom aus alternativen Energiequellen, wiederaufbereitetem und Regenwasser sowie lokal verfügbaren Lebensmitteln versorgt. Abfälle werden innovativ recycelt, und durch Biotoiletten entfällt die Notwendigkeit für Abwassersysteme. Die „City of Refugees“ ist ein Vorschlag zur Lösung eines Problems, das nicht nur Geflüchtete betrifft, sie zeigt eine mögliche Lösung für den Klimawandel und für die Verschwendung natürlicher Ressourcen auf und enthält ein Versprechen, die Ursprünge des Städtebaus neu zu denken und auf die aktuellen globalen Herausforderungen zu reagieren.“

Über die Ausstellung
In der Ausstellung und dem Buch „City of Refugees, a real Utopia“ werden anhand einer Vielzahl von Karten und Daten die heutigen globalen Migrationsströme und Routen der Geflüchteten dokumentiert und zudem am Beispiel von vier reich bebilderten Prototypen innovative Stadtkonzepte vorgestellt. Die umfassende Ausstellung bei Aedes verbindet zwei Formate: Modelle und Zeichnungen sowie eine Augmented-Reality-Anwendung, die mit den physischen Exponaten koexistiert.

31. Oktober 2020 - 7. Jänner 2021
Aedes Architekturforum
Christinenstraße 18-19
10119 Berlin

Mehr Informationen:
www.aedes-arc.de

Autor/in:
Redaktion Architektur & Bau Forum
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