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Barbara Poberschnigg: Räume für Emotionen

08.01.2020

Form follows environment: Mit Leidenschaft und Freude widmet sich Barbara Poberschnigg einer breiten Palette unterschiedlicher Bauaufgaben, die sie seit der Gründung des Büros Studio Lois vor wenigen Jahren mit ihrem kreativer Team umsetzt.

Gretl Köfler im Gespräch mit Barbara Poberschnigg

Barbara Poberschnigg

"Wir sind Dienstleister und müssten ­unsere Arbeit richtig ­vermitteln, nicht nur mit ­Plänen und ­schönen Bildern, sondern auch im Gespräch."

Studio Lois ist ein ungewöhnlicher Name. Wie habt ihr euch gegründet und wie seid auf diesen Namen gekommen?
Barbara Poberschnigg: Ein beruflicher Neuanfang war für mich nach der Trennung von parc Architekten notwendig geworden. Obwohl unsere gemeinsame Arbeit damals sehr erfolgreich war – für das Kulturzentrum in Ischgl hatten wir 2014 viele Architekturpreise gewonnen –, hat mir die Zusammenarbeit nur noch wenig Freude bereitet. Mir war sehr wichtig, einen Ort und ein Format zu finden, welches meine Ansprüche an Architekturarbeit befriedigt und dabei auch Spaß macht. Schön war damals auch, dass mich Elias Walch und Christian Hammerl als Mitarbeiter in diesen Neuanfang begleitet haben. Heute haben beide gemeinsam ihr eigenes Büro gleich bei uns um die Ecke, sie sind liebe Freunde und geschätzte Kollegen. Der Beginn von „Lois“ mit wertgeschätzten und freundschaftlich verbundenen Personen war sehr prägend für die Strukturen unseres Büros. Es ist ein gemeinsames Arbeiten auf Augenhöhe, und wir arbeiten miteinander gerne im Team. Ich bin dabei quasi die Außenministerin, das Büroteam ist das Parlament, jede Meinung ist wichtig, und die beste Idee zählt.
Den Büronamen haben wir durch häufiges, kulinarisch begleitetes Brainstorming erarbeitet. Mein eigener Name war von vornherein ausgeschlossen. Uns war ein regionaler Bezug wichtig, der jedem im Team die Möglichkeit gibt, sich damit zu identifizieren. Lois ist ein typischer Tiroler Vornamen, jeder hat irgendeinen Lois unter seinen Vorfahren. Es soll durch einen Namen mit Bauherren, Geschäftspartnern und Handwerkern keine Hemmschwelle entstehen, und er soll einfach kommunizierbar sein. Regional sehen wir einen guten Bezugspunkt zum „Lois“ durch Lois Welzenbacher, international sind viele gute Lois und Luis in der Architektur zu finden. Und ganz wichtig: Selbst Superman brauchte Lois (Lane, Anm. d. Red.), um super zu sein! Auch sind die Silben „oi“ und „io“ im Domainnamen ein spielerisches Einfließen unseres Oberländer Dialekts.

Sie haben zusätzlich zum Architekturstudium ein Wirtschaftsingenieursstudium in Liechtenstein gemacht. Was hat Ihnen das gebracht?
Dazu hat mich Peter Thurner motiviert, bei dem ich damals gearbeitet habe, und er hat es mir auch zeitlich ermöglicht. Als ich meine Diplomarbeit geschrieben habe, ist er leider tödlich verunglückt.
Im Studium geht es viel um verbale und schriftliche Kommunikation, vor allem aber auch um Teamumgang. Die Ausbildung hat mir manche Defizite des Architektenberufs aufgezeigt. Wir sind Dienstleister und müssten unsere Arbeit richtig vermitteln, nicht nur mit Plänen und schönen Bildern, sondern auch im Gespräch; wie ich mit dem anderen rede und wie ich ihn verstehe – und vor allem was bei ihm wie ankommt –, da ist ein Kommunikationstraining hilfreich. Das Managementstudium ist auch sehr hilfreich in der Organisation und im Ablauf von Projekten im Gesamtprozess.

Wie gehen Sie an die Projekte heran?  
Das ist von Fall zu Fall verschieden. Mir geht es bei keinem Projekt so, dass ich hingehe und den großen Wurf, die einzig richtige Lösung habe. Es braucht viele Diskussionen, Beobachtung, man muss die Blickrichtung ändern, immer wieder den Ort aufsuchen und vor allem viel mit den Leuten reden. Ein Zitat von Oscar Niemeyer begleitet mich schon lange: „Architektur ist nicht das Wichtigste, es sind die Menschen.“ Und eigentlich kommt es immer auf dasselbe heraus. Wir Architekten gestalten Räume, und ich habe das Ziel Räume zu gestalten, die Emotionen zuzulassen. Diese Emotionen sind Teil der Menschen. Wenn ich mich nicht mit den Menschen befasse, weiß ich nicht, welche Atmosphäre, welche Emotionen da zu generieren sind. Es ist ein Unterschied, ob es sich um eine Schule, ein Vereinsheim, einen Festsaal, ein Wohngebäude handelt. Das versuche ich zu bedenken und im Team einzubringen. Ganz wichtig ist mir auch, mit der Architektur nicht modisch zu werden, keinem Hype zu folgen. Diese Verlockung ist oft da, vor allem wenn man jung ist.

Ihr Lieblingsprojekt ist die Herberge für Menschen auf der Flucht. Wie ist es dazu gekommen?
Ausgehend von Henning Mankells Roman „Der Chronist der Winde“ habe ich mich in meiner Diplomarbeit bei Kjetil Thorsen mit den Straßenkindern in Afrika beschäftigt, mit ihren Bedürfnissen, ihren Problemen, ihren Bewegungen im öffentlichen Raum. Damit ist das Thema Flüchtlingskinder bereits seit meinem Studium eng mit mir verbunden gewesen, und es hat mich gefreut, dass mich das Projekt gefunden hat. Die Beziehung zum Orden der Barmherzigen Schwestern, der das Projekt auf den Weg gebracht hat, hatte ich schon durch frühere Arbeiten. Bezüglich Flüchtlingsunterkünften gab es damals eine Anfrage vom Land Tirol für ein funktionsloses Internat. Die Schwestern wollten sich einbringen und haben mich kontaktiert. Wir haben uns überlegt, was sind die Bedürfnisse der Flüchtlinge, nicht nur Unterbringung sondern auch Raum zum Leben, Raum für Begegnungen. Die Herberge dient noch immer dem vorgesehenen Zweck, aber statt einem geplanten „kurzen Wartehaus“ ist sie für viele zur langfristigen Unterkunft geworden, weil die Asylbescheide im Durchschnitt zirka 23 Monate dauern. Und im Prinzip ist das Haus offen für Veränderung, wenn es für seinen ursprünglichen Zweck nicht mehr gebraucht werden sollte.

Und wie seid ihr zu einer Seilbahn in Vietnam und einem Meditationspavillon in Oberbayern gekommen?  
Zu Ersterem hat uns ein Statiker vom Ischgler Projekt verholfen, der schon viel für die Firma Doppelmayr gearbeitet hatte und recht beeindruckt war von unserer detailgenauen Arbeitsweise. Er hat uns weiterempfohlen. Zuerst haben wir eine Liftstütze in Macao entworfen, dann die damals längste 3 S Umlaufbahn auf einen viel besuchten Berg in Vietnam, wo ein vietnamesischer Investor eine Art vietnamesisches Las Vegas inszenieren wollte. Das zweite Projekt gehört zu einem Wellnesshotel; Kengo Kuma hat dafür zwei Pavillon­entwürfe geliefert, und wir haben einen davon umgesetzt. Der sensible Teil unserer Arbeit war es zu verstehen, was das Büro Kuma mit den Entwürfen aussagen wollte. Wir haben uns um Baugenehmigung, Entwurfsplanung, Detailplanung, Materialisierung etc. gekümmert. Die Abstimmung mit den japanischen Kollegen hat wunderbar funktioniert, und der Austausch war für uns sehr interessant.
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Mit eurer jüngsten Arbeit, dem Umbau der Schulen an der Kettenbrücke in Innsbruck, habt ihr einen wesentlichen Beitrag zum Thema Bauen im Bestand geleistet. Was ist daran so wichtig?
Als Baugrund begegnet uns die grüne Wiese höchst selten. Ich glaube, es ist einfacher, die Spielregeln selber festzulegen, als auf viele vorhandene Parameter einzugehen, aber das generiert auch viele Möglichkeiten und Chancen. Es ergeben sich viele Komponenten, an denen man ablesen kann: Worauf darf ich eingehen, wo liegen die Bedürfnisse. Die gebaute Umgebung ist oft ein Mehrwert, und die Vorgaben fordern uns heraus. Bauen im Bestand impliziert, dass man sich mit der Umgebung auseinandersetzt, weil die Umgebung da ist. „Form follows Environment“ war einer der Leitsätze meiner Diplomarbeit. So war es auch mit dem Schulgebäude der Barmherzigen Schwestern in der Innsbrucker Falkstraße, das in achtzig Jahren sieben Mal verändert worden war. Gemeinsam mit einer Erweiterung zum Hof, einer thermischen Fassadensanierung und einer Neustrukturierung der Räume, angepasst an die neuen pädagogischen Konzepte, haben wir die unterschiedlichen Gebäudeteile mittels einer Fassade aus transluzenten Polycarbonatplatten zu einer Einheit zusammengefasst. Eigentlich haben wir wenig dazugebaut, sondern primär weggenommen. Die Innenräume des Gebäudes wurden durch „Abschminken“ wieder auf ihre ursprüngliche Betonstruktur rückgeführt und mit natürlichen Werkstoffen ergänzt. Als wesentliche Maßnahme haben wir im Außenbereich Zäune und Mauern entfernt, sodass der schuleigene Freiraum gemeinsam mit dem Stadtraum eine große, kollektiv zugängliche Freifläche bildet. Der Außenbereich der Schule ist jetzt ein qualitätsvoller öffentlicher Raum. Die Stadt plant ja langfristig eine Umgestaltung der Kreuzung, die den Fußgängern und Radfahrern mehr Platz einräumen soll. Mit dem Wissen, dass die Kreuzung immer ein aktiver Raum sein wird, von Fußgängern und Radfahrern aber durch deren Geschwindigkeit viel mehr von der Umgebung wahrgenommen wird, haben wir uns auch bei unserer Kommunikation nach außen beschäftigt. Das „Wir“ auf der Fassadenplatte ist offen für vielfältige Interpretationen. Es wird gebildet aus den vielen Namen, die auf den Platten geschrieben sind, sie alle haben einen Bezug zum Gebäude, sei es als Schüler, Lehrer oder Ordensfrauen.

Wie sehen Sie in Tirol die Position von Architektinnen mit eigenem Büro?
Nach meinen Erfahrungen ist Tirol diesbezüglich sehr ausbaubedürftig und hat noch viel Luft nach oben. Jedoch nehme ich immer mehr Kolleginnen wahr. Ich hoffe, dass die Zeiten, in denen es – vermutlich aus zeitlich-familiären Gründen – fast nur Ein-Frau-Büros gegeben hat, vorbei sind. Ich freue mich sehr über neue, spürbare Kolleginnen. Die Männerdomäne des Architektenberufs, wie sie in der Vergangenheit nach außen in die Gesellschaft gewirkt hat, war oft wenig schmeichelhaft. Landläufig war die Vorstellung eines Architekten oft mit einem Herrn gesetzteren Alters, in Schwarz gekleidet, allwissend und immer alles verändernd, besetzt. Junge Kollegen verbessern dieses Bild nun sehr. Im Architekturdiskurs und im Baualltag genieße ich es aber immer mehr, wenn ich auch den Austausch mit Kolleginnen erleben darf.  

Was gibt es dann für ein Feedback?
Als Frau in einer Männerdomäne brauchst du eine dicke Haut, musst sehr geduldig und oft sanftmütig sein, nicht alles auf die Goldwaage legen und immer denken, „die meinen es eh nicht so“. Wenn ich zum Beispiel mit einem Kollegen im Gemeinderat sitze und gute, konstruktive Vorschläge mache, werden die Folgefragen an den Kollegen gestellt, ich bringe die Antwort, und das wiederholt sich vier-, fünfmal. Dann sagt einer von den Gemeinderäten, „mei, die is eh nit so blöd“, und der meint das als Kompliment. Würde das einem männlichen Kollegen passieren, der wäre wohl außer sich.
Manchmal hilft es auch einfach zu fragen, zuzugeben, dass man – Frau in meinem Falle – etwas nicht weiß. So komme ich oft zu viel Wissensaustausch, vor allem mit guten Handwerkern. Seinen Stolz beiseitezulegen, zu fragen und zuzuhören ist vermutlich etwas, was ich als Frau auf der Baustelle eher kann als ein männlicher Kollege. Dass sich Frauen in Männerberufen viel mehr anstrengen müssen, kann ich aus Erfahrung bestätigen. Es war mein Weg sicher härter und oft auch schmerzhafter, als der eines männlichen Kollegen mit denselben Voraussetzungen. Zirka 13 oder 15 Prozent der Befugnisse bei der Architektenkammer haben Frauen, dieser Prozentsatz ist aber im Architekturalltag keinesfalls spürbar. Auch bei Wettbewerben: Da muss eine Frau als Einzelunternehmerin erst einmal eingeladen werden – es sind keine 15 Prozent der Teilnehmer im Wettbewerbswesen Kolleginnen. Hinter all dem steht keine böse Absicht, aber es fehlt das Bewusstsein. Es wird zwar besser, aber nur sehr langsam.

Ihr seid auch in den sozialen Medien aktiv. Warum?
Weil die sozialen Medien ein Kommunikationsmedium unserer Zeit sind. Fachlich bilden wir uns ja auch ständig weiter, die Aktivitäten und Entwicklungen unseres Gesellschaftslebens schließen wir in dieses ständige Sich-Weiterentwickeln ein. Ein Blog ist nicht viel Aufwand, mit Texten und Bildern sind wir auf Instagram und Facebook präsent. Wenn wir als Architekten von unserer Arbeit überzeugt sind und Freude damit haben, dann teilen wir das gern mit und zeigen auch voller Stolz und Freude, was wir machen.

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