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Neue Naturmaterialien für Putze (Hanf, Tee, Kaffee etc.); ­Haselhof in Sarleinsbach; Kalkbrennofen am Haselhof; ­Initiator und Geschäftsführer von Ecoforma, Alfred Ruhdorfer.

BAUEN einmal GANZ (anders)

25.07.2016

Die Bauwirtschaft ist an sich träge, Innovationen sind schwer durchzusetzen und das Prädikat „Nachhaltigkeit“ oft mehr Wunsch und Gedanke als Gütesiegel.
 

Alfred Ruhdorfer, selbst langjährig als Baustoffproduzent tätig, versucht mit „Ecoforma“ einen neuen – und sehr hehren – Ansatz; nämlich nichts weniger, als auf allen Fronten, von Forschung über Vermittlung bis zum Vertrieb, Bauen an sich neu zu denken: Ein Feldversuch im wahrsten Wortsinn. Nachhaltigkeit ist am Haselhof im Mühlviertel Programm – und die Vision für eine Zukunft des ganzheitlichen Bauens. Weite Felder und Wiesen, sanfte Hügellandschaften, verzweigte Bäche, dazwischen Dörfer, ursprüngliche Bauernhöfe und Mühlen, ein Örtchen namens „Hühnergeschrei“ und dann ist man angekommen, am Haselhof, in Sarleinsbach, im nördlichsten Mühlviertel direkt an der Grenze zu Tschechien. Man ist an einem Ort angekommen, der nicht nur ruhig und idyllisch daliegt, sondern, weit weg von urbanen Störgeräuschen, – aus baubiologischer Sicht – Zentrum für nachhaltig, ökologische Kreislaufwirtschaft sein will. Schadstoffarmes Bauen mit überwiegend regionalen und natürlichen Baustoffen ist dem Gründer, Alfred Ruhdorfer, nicht nur Anliegen; man könnte sagen, er ist der Vorreiter eines gelebten „Best Practice-Projekts“.

Zurück zum Anfang

Der Anlass, um hierher zu kommen: Ein Ausflug mit „architektur in progress“, an dem, neben dem Initiator Volker Dienst, unter anderem die Architekten von smartvoll architekten, Christian Kircher und Philipp Buxbaum, Franz Sumnitsch von bkk-3, der Industriedesigner Kai Stania und die Bauforscherin Renate Hammer teilnahmen. Das Ziel: Ökologie mit Design zu konfrontieren oder vielmehr zusammenzuführen. Das Ergebnis: Nachdenklichkeit auf allen Seiten und die Erkenntnis, dass wir nach der ökologischen Zeitrechnung „5 nach 12“ noch immer am Anfang stehen. Und um noch mehr vorwegzunehmen: Eine Nachdenklichkeit, die sich ebenso komplex gestaltet wie das Bauen – und Leben – selbst. Bei Lebensmitteln hat sich in den letzten Jahrzehnten viel getan, dazu gehört ein mündiger Konsument, der Produkte und nicht zuletzt die Nachfrage nach diesen bestimmt. Wie kann man vermitteln, ohne zu verkaufen? Wie kann man gestalten, ohne in die Individualität einzugreifen? Dass unsere (gebaute) Umwelt darin eine große Rolle spielt, ist unbestritten – aber, nach der Lebensmittelindustrie ist die Bauindustrie und Baukultur ein weitaus komplexeres Thema, das gleichzeitig umfassender wie unbestimmter ist. Christian Kircher: „Ecoforma ist der Versuch, Ökologie und ökologische Bauformen zu vermitteln. Darin steckt ein riesiges Entwicklungspotenzial – aber was wir hier sehen, ist sicher erst der Beginn.“

Nachhaltig praktizieren

An zwei Tagen bekamen die teilnehmenden Fachleute einen Einblick, wie Nachhaltigkeit praktiziert werden kann. Beginnend am Haselhof selbst, der in zwei Gebäuden acht Zimmer anbietet, die unterschiedlich gestaltet und ausgestattet sind. Vom Tannen- über das Ahorn- bis zum Zirbenzimmer steht für jeden eine andere Schlafstätte zur Verfügung – je nach individueller Holzart und nicht zuletzt zur Schlafforschung. Die Zimmer sind mit regionalen Partnern, wie Produkten, ausgestattet. Das gilt für den Kamin, der vom Planer und Hersteller „Mandl & Bauer Feuer Beton“ kommt oder auch für den Fensterbeschlag, den die Firma Winkhaus für ein sicheres und wetterunabhängiges Lüften entwickelt hat. Das Fenster öffnet sich auf allen Seiten um sechs Milimeter, damit kommt ein steter und von außen unsichtbarer Luftaustausch zustande. Aber auch für eigene Produkte und prototypische Anwendungen, die entwickelt wurden, wie Kalkputz oder ein Fußbodenheizungssystem mit Holzaufbau, können hier besichtigt werden.

Unter der Dachmarke Ecoforma finden sich Spezialisten aus den Bereichen Planung, Architektur, Umweltmedizin, Baubiologie, Marketing, Produktentwicklung und -beratung, sowie Baumeister, Zimmermeister, Energieexperten, Tischler, Hersteller und Handwerker, die alle einen besonderen Zugang zum Thema Nachhaltigkeit und Bauen mit schadstofffreien Baustoffen haben. Ebenso wird traditionelle Handwerkskunst neu belebt. Ecoforma unterstützt und initiiert, etwa Textilien aus Hanf und Flachs, wo es um neue Anbau- und Ernte- ebenso wie um Herstellungsmethoden geht. Auch ein hauseigener Kalkofen zeigt, wie dieser Baustoff wiederbelebt werden kann. Und: Ein Putz aus Tee oder Kaffee für neue haptische wie olfaktorische Erlebnisse gehören ebenso dazu wie das Verständnis für Baubiologie, das unter anderem W-Lan-freie Räume propagiert. Nachweislich gibt es auch immer mehr Menschen, die sehr sensibel auf Elektrosmog reagieren. Alfred Ruhdorfer: „Wir können hier einerseits zeigen, wo der Markt steht und welche Potenziale darin liegen – wir können aber auch mit Information, Know-how, Forschungsergebnissen und Vertrieb Unterstützung leisten. Wir wissen, dass Wissen auch vermittelt gehört und noch viel Hintergrundarbeit zu leisten ist.“ Zur Vermittlung gehört für Alfred Ruhdorfer auch das Erlebnis vor Ort dazu, die Räume zu erfahren und selbst Hand anzulegen. Für Franz Sumnitsch von bkk-3 bleibt viel „übrig“: „Allein der Geruch des Gebäudes ist ein ganz anderer. Es umfasst einen mit der ganzen Seele. Ein Projekt, das stimmig ist. Man sieht auch sofort die Passion und die lange Entwicklungsarbeit, die hier dahintersteckt. Es macht mich nachdenklich – und lässt mich die gängige Bauwirtschaft hinterfragen, sei es von den Materialien bis hin zu energietechnischen Fragen.“

Bewusst leben

Der große Gedanke, der hinter Ecoforma steckt, bedarf vieler kleiner Schritte und Kooperationen. Kai Stania, Architekt und Industriedesigner: „Ecoforma ist für mich eine Bewusstseinserweiterung im Sinne einer bewussten Lebensweise im Umgang mit nachhaltigen Materialien und einer nachhaltigen Denkweise im Allgemeinen. Das betrifft unglaublich viele Punkte, die einen Lebensraum ausmachen – Luft, Licht, Materialien, Wasser – lebenswichtige Dinge, über die wir uns viel zu wenig Gedanken machen.“ Architektur und Design dürfen in dieser Entwicklung nicht fehlen. Volker Dienst von AIP: „Ecoforma ist für mich, der Idealismus, eine gesunde Lebensumwelt zu schaffen, ganzheitlich zu denken und ganz besonders – der kreative Umgang mit Naturmaterialien. Aber: Es darf nicht „öko“ aussehen, es muss auch gut schmecken. Anspruchsvolle, zeitgenössische Architektur und ökologische Rahmenbedingungen müssen ineinandergreifen. Die Architektenseite braucht das Wissen, über neue Materialien – und es braucht Bereitschaft zur Zusammenarbeit. www.ecoforma.co.at

Autor/in:
Manuela Hötzl
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