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Bauerbe und Wärmedämmung – Bürde oder Chance?

23.02.2012

Zur thermischen Sanierung von Bauten der 1930er- und 1950er-Jahre aus kunsthistorischer Sicht. Nach Jahren des Frierens dürfen sich die Bewohner von Gebäuden der 1930er- und 1950er-Jahre freuen: Ihre Häuser werden – nicht zuletzt aufgrund der verstärkten Bemühungen des Gesetzgebers – thermisch saniert. Ob die Instandsetzung aber ästhetisch ansprechend ausfällt, bleibt dem Verständnis des Eigentümers für die Architektur der Vor- und Nachkriegszeit überlassen – welches leider oft fehlt.

Selbst Ikonen der internationalen Architekturgeschichte wie die Wiener Werkbundsiedlung hatten es in Österreich bisher schwer. 1930 bis 1932 unter der Leitung des Architekten Josef Frank als internationale Bauausstellung entstanden, wurden die Einfamilien- und Reihenhäuser von renommierten Architekten wie Adolf Loos, Josef Hoffmann oder Clemens Holzmeister geplant. Sie waren als alternative Wohnformen zu den sogenannten Superblocks des Roten Wiens gedacht, jedoch blieb der Erfolg aus: Für die einen zu teuer, für die anderen zu klein, wurden lediglich 14 Häuser verkauft. Den Rest erwarb die Gemeinde Wien und tat seither – bis auf eine gutgemeinte Sanierung 1983 – nichts. Vergangenes Jahr wurde die Werkbundsiedlung vom World Monuments Fund in New York auf die Watchlist der am meisten gefährdeten Baudenkmäler in Europa gesetzt – und endlich wird die Stadt tätig: Seit Ende August 2011 werden zunächst vier der insgesamt 70 Häuser komplett instand gesetzt.

Die Werkbundsiedlung ist kein Einzelfall: Viele Bauwerke der 1930er-Jahre und der frühen Nachkriegszeit – ästhetisch wie bautechnisch durchaus vergleichbar – prägen das Stadtbild ­Wiens und stehen derzeit zur thermischen Sanierung an. In einigen Fällen wie dem Geschäftshaus „Zum Römertor" (1934–35) in der Rotenturmstraße oder dem Weltausstellungspavillon (1958) von Karl Schwanzer beim Arsenal, der im vergangenen November als 21er Haus wiedereröffnet wurde, sind die Arbeiten weit fortgeschritten bzw. abgeschlossen.

Andere Bauten wie das von Clemens Holzmeister geplante Radiokulturhaus (1935–39) in der Argentinierstraße oder das Wien Museum (1953–59) am Karlsplatz warten noch immer auf eine Sanierung.

Ein Hauptproblem bei der Erhaltung dieser Bauten sind die für die damalige Zeit experimentellen Bautechnologien. Nachdem jahrhundertelang das Erscheinungsbild der Architektur von Stein, Putz und Holz geprägt worden war, kamen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts neue Materialien zum Einsatz: Eisen- bzw. später Stahlbeton, Aluminium und Glasbausteine, anfangs in Einzelfällen, später in großem Umfang. Dabei unterliefen Architekten, Bauherren und Baufirmen viele Fehler: Beispielsweise wurde zur Bewehrung der heute nicht mehr produzierte Stahl I (BSt 220 S) verwendet, auf dessen glatter Oberfläche der umhüllende Beton nicht so gut haftet.

Auch gab es seinerzeit noch keine Rüttelgeräte, sodass Betonnester vor allem bei schlanken Bauteilen vorprogrammiert waren. Zudem wurde das Langzeitverhalten der Materialien nur unzureichend berücksichtigt. Die Anfälligkeit für Kältebrücken war schon in den frühen 1950er-Jahren bekannt, aber erst viel später wurde auf diese Erkenntnis reagiert. Wärmedämmungen wurden ganz weggelassen oder nur dünn ausgeführt – zur Verfügung standen zunächst Korkstein- (ab 1881), Torfoleum- (ab 1911) bzw. Styropor-Platten (ab 1949), bevor 1959 das noch heute verwendete Wärmedämmverbundsystem patentiert wurde.

Doch häufig kommt es gar nicht dazu, dass die Ausführenden mit dem Material kämpfen dürfen, denn oft fehlt schlichtweg das Verständnis für die Gebäude dieser Zeit. Als karg, arm, öde, kurzum hässlich werden die Bauten der 1930er- und 1950er-Jahre landläufig eingestuft, als wenig erhaltenswert. Die Architektursprache ist unprätentiös, die (wenigen) Gestaltungselemente wurden sehr reduziert, dafür umso gezielter eingesetzt, das Hauptaugenmerk auf Proportionen gelegt. Zur geringen Wertschätzung kommt, dass die Bauten in schwierigen Zeiten entstanden sind: zum einen während des Austrofaschismus 1934–1938, der in Österreich immer noch ungern thematisiert wird, zum anderen während der Nachkriegszeit, deren Entbehrungen heute gern als Begründung für die architektonische Gestaltung benützt werden.

Da haben es Werkbundsiedlung, 21er Haus und Co gut: Sie sind denkmalgeschützt. Trotz hoher architektonischer Qualität erhält jedoch eine große Zahl an Bauten dieser Zeit nicht die gebotene Wertschätzung. Der Sanierungsdruck ist aber groß, vor allem der thermische: Denn erst infolge der Energiekrise 1973 entstand ein gesteigertes Bewusstsein für einen schonenden Umgang mit natürlichen Ressourcen, der zur Ausarbeitung von Wärmeschutzverordnungen führte und 2006 im Energieausweis-Vorlage-Gesetz mündete. Zudem sehen die Klimaschutzprogramme der Länder, wie das Wiener KliP I und KliP II, seit Ende der 1990er-Jahre die Ausweitung der thermischen Gebäudesanierung (Thewosan) sowie die klimagerechte Weiterentwicklung der Bauordnungen vor.

Mit der wärmetechnischen Nachrüstung von Bestandsbauten gehen gestalterische Veränderungen einher, die Architekten, Bauherren und Behörden vor eine grundsätzliche Frage stellen: Welchen Stellenwert hat die Bewahrung des ursprünglichen Erscheinungsbilds? Während bei denkmalgeschützten Bauten Fördergelder und Sonderregelungen oftmals zu guten Lösungen führen, gibt es für die Masse der Architektur der 1930er- bis 1950er-Jahre kein gestaltungsrechtliches Korrektiv. Für stadtbildprägende Gebäude dieser Zeit lassen sich vier Vorgehensweisen unterscheiden:

 

1. Aufplustern der Gebäudehülle

Mit Blick auf innerstädtische Bauten der Vor- und Nachkriegszeit ist das üblicherweise praktizierte Einpacken der Außenhaut häufig unbefriedigend, da die spezifischen ästhetischen Qualitäten beeinträchtigt werden: Neben dem Verlust der originalen Oberflächen verändern sich durch Aufbringen von WDV-Systemen die Tiefendimension und der Öffnungsanteil der Fassade. Ein Beispiel ist das 1930–1931 von Egon Riss & Fritz Judtmann errichtete, in den 1950er-Jahren adaptierte Porrhaus in der Wiener Operngasse 11. Bei der 2010 erfolgten Sanierung erhielt das von der Technischen Universität genutzte Eckgebäude eine massive Außendämmung, durch die die Laibungstiefe der Fensteröffnungen etwa verdoppelt und das Erscheinungsbild entstellt wurde. Obwohl zeitgleich mit dem Nachbarhaus entstanden, wirkt das Gebäude seither wie ein ungünstig proportionierter Neubau.

 

2. Baukünstlerische Neugestaltung der Fassade

Unbefriedigend ist das bloße Einpacken auch deshalb, weil dem nichtkundigen Betrachter nach Abschluss der Sanierung zumeist suggeriert wird, dass das Gebäude im ursprünglichen Zustand erhalten worden sei – obwohl die authentische Materialität sowie die ursprünglichen Proportionen verlorengegangen sind. Daher erscheint es oftmals befriedigender und ehrlicher, die thermische Nachrüstung zu einer tatsächlichen Neugestaltung zu nutzen. Als Beispiel lässt sich die vom Atelier Hans Hollein sanierte Gebäudegruppe am Wiener Stephansplatz 10–11 anführen: Sie geht im Kern auf ein bis 1895 errichtetes Warenhausensemble zurück, das 1954–56 mit einer einfachen, zeittypischen Putzfassade und Walmdach wiederaufgebaut worden war. Im Zuge des 2003–06 erfolgten Umbaus wurde die Fassade nicht nur wärmegedämmt, sondern auch völlig neu gestaltet, wobei die Architekten die frühere Einteilung durch unterschiedliche Oberflächengestaltungen ablesbar machten.

 

3. Nachbildung des äußeren Erscheinungsbilds

Aus kunsthistorischer Sicht ist den oben dargelegten Maßnahmen eine weitgehende Bewahrung des Originalzustands vorzuziehen. Bei wärmetechnischen Sanierungen ist dies zumeist nur optisch möglich, d. h. durch Angleichung des Erscheinungsbilds des Umbaus an das Original. Als Beispiel lässt sich das 1955/56 durch Hubert Sterzinger realisierte Tiroler Autohaus Linser in Innsbruck anführen. Bei der Sanierung des zweigeschoßigen, filigran gegliederten Baus ließ sich die originale Fensterkonstruktion nicht erhalten, sodass die Fassadenteile neu entwickelt werden mussten. Durch Anlehnung an den Bestand gelang es, einerseits den bauphysikalischen Erfordernissen Genüge zu tun und andererseits die gestalterischen Charakteristika zu bewahren.

 

4. Erhaltung authentischer Oberflächen und Bauteile

Eine Maximalforderung stellt aus denkmalpflegerischer Sicht die materielle Erhaltung stadtbildprägender Fassaden in ihrem Originalzustand dar. Um dieses kostenintensive Ziel zu erreichen, sind individuelle Ansätze gefragt. Als gelungenes Beispiel kann der Umbau des 1962 von Georg Lippert und Roland Rohn errichteten, heute denkmalgeschützten Glaskubus des Hoffmann-La-Roche-Gebäudes am Landstraßer Gürtel in Wien genannt werden, der 2011 durch Atelier Heiss Architekten unter Erhaltung der Fassade zu einem Hotel umgebaut wurde. Mit Abstrichen sind zudem das 21er Haus von Karl Schwanzer sowie Roland Rainers Boehler-Haus am Schillerplatz (beide 1958) anzuführen, deren Vorhangfassaden leider jedoch teilweise ausgetauscht werden mussten. Angesichts der aufgezeigten Vorgehensweisen stellt sich die Frage, wie mit Bauten der 1930er- bis 1950er-Jahre in Zukunft umgegangen werden soll. Es liegt auf der Hand, dass bei stadtbildprägenden Gebäuden dieser Epoche eine bloße Erfüllung (klima-)technischer Kriterien unbefriedigend bleiben muss. Vielmehr sollte – falls ökonomisch vertretbar und aus baukünstlerischen Gründen geboten – eine weitgehende Bewahrung der spezifischen gestalterischen Qualitäten angestrebt werden. Als Grundlage hierfür werden vier Vorschläge zur Diskussion gestellt:

 

Ausweitung des Erbes:

Um adäquate Sanierungen zur Norm zu machen, ist eine Sensibilisierung von Bauherren, Behörden, Industrie und Stadtgesellschaft für den Wert der Architektur der 1930er- und 1950er-Jahre notwendig. Am Beispiel der Wiener Superblocks der 1920er-Jahre zeigt sich, wie dies vonstattengehen kann: Hatte die Kunsthistorikerin Elisabeth Goldarbeiter-Liskar noch 1989 gefordert, „das öffentliche und behördliche Bewusstsein für Architektur endlich über ‚Jugendstil‘ als obere zeitliche Grenze" auszuweiten, so bildet das Rote Wien – infolge von Sanierungen, Forschungen, Öffentlichkeitsarbeit sowie durch Aufnahme in das touristische Portfolio – heute einen allgemein geschätzten Teil des baukulturellen Erbes Österreichs.

 

Ausweitung der Forschung:

Interdisziplinäre Forschungsprojekte zur Erhaltung von Bauten der Moderne, wie sie in den vergangenen Jahren verstärkt durchgeführt wurden, sind auszuweiten. Hierbei müssen auch die spezifischen konservatorischen Probleme der Bauten der 1930er- und 1950er-Jahre untersucht werden. Eine zentrale Rolle sollte Fachinstitutionen zukommen wie dem Bundesdenkmalamt und kommunalen Behörden (in Wien etwa der MA 19). Im Idealfall könnten Musterlösungen für ästhetisch anspruchsvolle Gebäudesanierungen ausgearbeitet werden.

 

Vorbildrolle der öffentlichen Hand:

Ähnlich wie bei den Superblocks der 1920er-Jahre sollten die Kommunen – etwa die Stadt Wien – mit gutem Beispiel vorangehen und Maßstäbe bei der Sanierung von Vor- und Nachkriegsgebäuden setzen. Öffentlich ausgelobte Preise für die gelungene Instandsetzung von stadtbildprägenden Bauten der 1930er- bis 1950er-Jahre können einen Anreiz zur Qualitätssteigerung bieten.

 

Regeln des Marktes:

Letztlich dürfte auch privaten Hauseigentümern an einer qualitativ hochwertigen Sanierung gelegen sein, da sich ästhetisch ansprechende Bauten besser vermarkten. Gerade in Gebieten, in denen das Angebot an Wohnungen und Büroräumen die Nachfrage übersteigt, zahlt sich daher eine höhere Grundinvestition mittel- und langfristig aus.

 

Text Georg Geml und Andreas Zeese

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