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Beflügelnder Dürer

24.09.2019

Vor drei Jahren war Dürers berühmter „Feldhase“ das letzte Mal in der Wiener Albertina zu sehen, dieses Aquarell höchster technischer und ästhetischer Fertigkeit, ein Meisterwerk. Vor mehr als fünf Jahrhunderten ausgeführt kehrt er nun zurück in die Öffentlichkeit als Gastgeber einer Sonderausstellung, die das Haus eben ihm, dem großen Albrecht Dürer widmet.

von Franco Veremondi

Geboren 1471 in Nürnberg gilt der Künstler als früher Vertreter der deutschen Renaissance, als Humanist unter den größten Genies der Kunstgeschichte. Mit seiner komplexen Persönlichkeit und seinen zahlreichen Inte­ressen an diversen Disziplinen und Theorien widmetet es sich der Malerei, war Graveur, Autor von Traktaten und autobiografischen Schriften und studierte die Mathematik. Aber vor allem war Dürer ein Naturtalent, instinktiv, wenn man bedenkt, dass er sich im Alter von dreizehn Jahren in einem Dreiviertel-Selbstbildnis im Spiegel verewigte, mit dem Silberstift auf Papier. Auch dieses Blatt ist kostbares Eigentum der Albertina. In den folgenden Jahren entstanden weitere Selbstporträts mittels diverser Techniken, um symbolische Inhalte über das eigene Menschsein und  sein Künstlertum weiterzutragen. Und, wie man sehen kann, tat er dies sogar sich selbst regelrecht entblößend in einer Zeichnung auf grünem Papier (um 1499), in der sein Körper geheimnisvoll aus der Dunkelheit aufzutauchen scheint.
Die Albertina ist im Besitz von etwa 140 Zeichnungen des Nürnberger Meisters, ein eindrückliches Erbe, bedenkt man, dass seine Werke auf Papier bereits die Eigenständigkeit der Zeichnung als Kunstform vorwegnehmen. „Betende Hände“ (1508) zum Beispiel, mit deren minütiöser technischer Präzision und Chiaroscuro-Wiedergabe gemeinsam mit der starken Ausdruckskraft der Geste, geht bereits weit über eine Detailstudie für ein Gemälde hinaus. Dies lässt sich ebenso über die kompositorische und chromatische Präzision des Aquarells „Der Flügel einer Blauracke“ (ca. 1500/1512) sagen, entstanden auf einem Untergrund aus Pergament von nur 19,6 x 20 Zentimetern Größe; oder „Das große Rasenstück” (1503), in dem der intellektuelle Scharfsinn des Renaissancekünstlers darauf ausgerichtet ist, die Pflanzenwelt zu erforschen. Dürer starb 1528 in seiner Geburtsstadt und hinterlies seiner Frau ein beträchtliches Erbe.

Wunder der Kunst
Ausgestellt sind 200 Werke, darunter etwa hundert Zeichnungen und Aquarelle; also grafische Arbeiten ebenso wie wichtige Gemälde internationaler Leihgeber. Außerdem zu sehen sind seltene Dokumente und persönliche Schriften, die helfen, den kreativen Geist Dürers und seine Arbeitsweise zu vertiefen. Kuratiert wurde die Ausstellung vom Dürer-Experten und Chefkurator der Albertina Christof Metzger. Ihm haben wir einige Fragen gestellt, etwa über seine Kriterien, zur Struktur der Ausstellung. „Eine Hauptlinie“ – so antwortete er –„ist die Werkchronologie. Dann spielen Objektgruppen eine Rolle, deren gemeinsame Klammer etwa Techniken sein können oder Motive; hier wird, um innerhalb des Werks Querverbindungen aufzuspüren, die ­Chronologie durchaus verlassen. Schwerpunkte setzen auch gattungsübergreifende Wechselbezüge: etwa zwischen Arbeiten auf Papier und Ge­mälden.“
Auf die Frage nach neuen Erkenntnissen im Rahmen der Recherchen sagt Metzger: „Mir ist es sehr wichtig, die zentrale Rolle der Zeichnung und überhaupt der Linie im Werk Dürers aufzuzeigen. Ich möchte herausheben, dass, was wir an Zeichnungen kennen, derartige Wunder der Kunst auf Papier, nicht nur Dürers technische Virtuosität, dokumentieren, sondern vor allem die über das Studium der Natur gefundene perfekte künstlerische Form demonstrieren.“ Und welchen Einfluss hatte Dürer auf seine Zeit und darüber hinaus? „Wer Dürer zu dessen Lebzeiten und darüber hi­­naus stilistisch oder mittels seiner Druckgrafiken motivisch folgte, bewies sein eigenes Up-to-date“.

Bis 6. Jänner
http://​www.albertina.at

FORUM hat Christoph Metzger, dem Kurator der Albrecht Dürer Ausstellung, folgende Fragen gestellt:

Herr Doktor Metzger, Dürer ist ein Gigant! Nach welchen Kriterien – zum Beispiel historisch-evolutionär, thematisch, nach künstlerischen Genres etc. – haben Sie die Ausstellung über diesen großen Künstler konzipiert?
Christoph Metzger Eine Hauptlinie ist die Werkchronologie. Weiters spielen Objektgruppen eine Rolle, deren gemeinsame Klammer etwa Techniken sein können (Meistergrafik, Hell-Dunkel-Zeichnungen auf farbigen Papieren) oder Motive (Tier- und Pflanzenstudien, Landschaften und Ortsansichten, Porträts); hier kann, um innerhalb des Werks Querverbindungen aufzuspüren, die Chronologie durchaus verlassen werden. Schwerpunkte setzen auch Gattungsübergreifende Wechselbezüge: etwa zwischen Arbeiten auf Papier und Gemälden.

Tauchten im Rahmen Ihrer Recherche als Kurator neue Aspekte in der Kunst und/oder im Leben dieses großen Künstlers auf?
Mir ist es sehr wichtig, die zentrale Rolle der Zeichnung und überhaupt der Linie im Werk Dürers aufzuzeigen. Anfangs plante er ja, ein Atelier für höchstwertige Druckgrafik zu etablieren, und Malerei, das wissen wir aus seinen Äußerungen, war ihm oftmals eher lästig – und auch zu wenig gewinnbringend. Was wir an Zeichnungen von Dürer kennen, ist durchwegs Werkstattmaterial, bis hin zu Blättern wie dem Feldhasen oder den betenden Händen, die den Anspruch von Musterblättern ja weit hinter sich lassen und auch die Grenzen zur Malerei berühren, wenn nicht überschreiten. Hier frage ich auch sehr lautstark nach dem eigentlichen Arbeiten an solchen Werke im Werkstattkontext und möchte herausheben, dass derartige Wunder der Kunst auf Papier nicht nur Dürers technische Virtuosität dokumentieren, sondern vor allem die über das Studium der Natur gefundene perfekte künstlerische Form demonstrieren. Mit der Sammlung des eigenen zeichnerischen Œuvres hatte Dürer einen Schatz zur Hand, der jedem Besucher der Werkstatt sein gottgegebenes Talent auf das Trefflichste vor Augen führen konnte: einen vollkommenen Beweis seiner Kunst.

Kunsthistoriker beharrten darin, Dürer als den Künstler der „Melancholie“ par excellence als wichtiges Element des psychischen Lebens und der Kunst zu sehen. Behandelt Ihre Ausstellung dieses Thema?
Dieses Panofsky-Modell, das seinen Ursprung ja letztlich im Bereich der Psychoanalyse hat, halte ich für von jeher überzeichnet und heute für überholt. Der Blick auf Dürer als Mensch ist natürlich durch die Fülle und zugleich auch den Mangel an Quellen getrübt. Zwar hinterließ uns Dürer eine große Anzahl an Egodokumenten – gezeichneten wie geschriebenen – und die Zeitgenossen überschlugen sich in Elogen auf den Künstler; inwieweit das alles aber das Wesen der Person anschaulich macht oder nur Attitüden und Stereotypen widerspiegelt (ich tendiere zu letzterem), ist eine Frage, die ich in der Ausstellung nicht stelle.

Klären Sie uns bitte auf: War Dürer ein melancholisches Subjekt?
Ich kenne Dürer gut, aber nicht persönlich, und denke eher nicht. Dass die Melancholie sowohl im künstlerischen wie literarischen Werk Dürers eine Rolle spielt, ist humanistischer Melancholietheorie geschuldet, die darin das Genialische verwirklicht sah.

Worin besteht wirklich der Humanismus Dürer’s?
Das ist schwer und nur sehr subjektiv zu beantworten. Dass Dürer, nicht zuletzt durch seine Kontakte zu Humanistenkreisen, in deren Gedankenwelt er zumindest in Ansätzen eingeweiht war (mit einiger Sicherheit war er des Griechischen und Lateinischen nicht, bestenfalls auf allerdünnster Grundlage mächtig), ist mentalitätsgeschichtlich hochinteressant und für Dürers künstlerisches, vor allem druckgrafisches Werk von großer Wichtigkeit, für sein eigenes Handeln und Denken aber womöglich vernachlässigbar. Doch ist ohne gewisse philosophische Einsichten Dürers analytischer Blick auf seine eigene Lebens- und Umwelt, auf die Natur und den Menschen, kaum erklärbar. Sein Postulat von 1528 (in seinen Vier Büchern von menschlicher Proportion), dass nämlich nur durch die Nachahmung der Natur die höchste Stufe der Kunst zu erreichen sei, ist dafür der eindrucksvollste Beleg: „Dann warhafftig steckt die Kunst inn der Natur. Wer sie herauß kann reissen, der hat sie.

Welche kulturellen Kreise haben Dürer vorwiegend beeinflusst?
In der engsten Lebenswelt war das der Nürnberger Humanistenkreis um Konrad Celtis und Willibald Pirckheimer. Später, allerdings nur vom Hörensagen, die Wittenberger Reformatoren um Martin Luther, den er ja sogar in einem Porträtstich festhalten wollte. Künstlerisch war während seiner Gesellenwanderung das Milieu um Martin Schongauer am Oberrhein von großem Einfluss, dann in Venedig, das er ja zweimal bereiste, die dort führenden Maler. So ist in den Briefen, die er aus Venedig an Willibald Pirckheimer schrieb, vom „Sambelling“ die Rede, wobei sich der in der fremden Sprache noch Unbeholfene des hohen Ansehens bei Giovanni Bellini rühmte. Aus dem Diarium der Reise in die Niederlande erfahren wir schließlich, wie der nun mittlerweile selbst zum Star arrivierte Meister den um seine Gunst buhlenden Kollegen seine Freundschaft gnädig gewährte.

Gibt es einen Künstler, den er als seinen wahren Lehrer betrachtet hat?
Ja, durchaus. Auch wenn sich Dürer von Michael Wolgemuts ganz in spätgotischer Tradition erstarrter Kunst völlig emanzipierte, pflegte er bis zu dessen Tod im Jahr 1519 eine hohe Verehrung für den Nürnberger Künstler, bei dem Dürer 1486 in die Werkstatt als Lehrling eingetreten war.

Welchen Einfluss hat Dürer auf die Kunst seiner Zeit und darüber hinaus?
Der Einfluss war überragend. Wer Dürer zu dessen Lebzeiten und darüber hinaus stilistisch oder mittels seiner Druckgrafiken motivisch folgte, bewies sein eigenes Up-to-date. Durch seine Person und seine Kunstauffassung implementierte Dürer aber etwas ganz Neues in die Kunst: die individuelle Kreativität, die die Bindung an Gestaltungsnormen überwinden helfen sollte. Durch vieles „Abmachen“ werden Schüler und Gesellen nämlich in ihrem Herzen einen „heymlich Schatz“ gesammelt haben, aus dem heraus sie im eigenen kreativen Prozess selbst ein schönes Bild ausarbeiten konnten. Wenn Dürer von einem kunstreichen Maler spricht, meint er damit einen kenntnisreichen Maler. Man könnte sagen, Kunst komme für ihn gleichermaßen von Kennen wie von Können und erst beides bildet die Grundlage für höchste Begabung. Zwar hat sich nicht erst mit Dürer die Kunst vom Handwerk emanzipiert, aber er und seine Humanistenfreunde lieferten dazu die intellektuelle Legitimation.

 

 

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