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Walter M. ChramostaWalter M. Chramosta

Beim Kopfsprung ins Kokosfett

27.09.2018

Steigen die Zimmertemperaturen dauernd über 25º Celsius, dann ist bei Kokosfett der Wechsel des Aggregatzustands von fest auf flüssig zu beobachten, der es wie das Wasser dafür prädestiniert, polare Wirkungsvermutungen zwischen Lebenselixier und Lebensgefahr anzunehmen. Vor dem hurtigen Genuss eines Glases klaren Wassers ungeklärter Herkunft oder vor einem spontanen Sprung in klar erscheinende, aber unbekannte Flüssigkeiten ist eine Konsistenzprüfung unerlässlich.

von Walter M. Chramosta

Kokosfett hat eine physikalische Eigenschaft, die seine dialektische Wirkung auf den menschlichen Organismus frappant zeigt: Während es bei frühlingshaften und herbstlichen Temperaturen als weiße Festmasse vorliegt, geht es unter sommerlichen Zimmertemperaturen in den flüssigen Zustand über. Kokosöl ist dann eine glasklare Flüssigkeit, die in Ruhe wirkt wie Wasser. Die vollständige Verflüssigung des Kokosfetts ist ein Indikator für den Hochsommer. 
Kokosöl hatte bis vor Kurzem einen Kultstatus als „Superfood“ und Allheilmittel. Die Apostel der Genussindustrie erklärten, es stärke das Immunsystem, beuge kardiovaskulären Erkrankungen vor, schütze vor Übergewicht und Demenzerkrankung. Was nicht herüberkam, war das Faktum, dass in den Weltgegenden, wo Kokosöl stark verzehrt wird, andere Zubereitungen der Kokosnuss gebräuchlich sind. Das Lebensmittel Kokos dort ist nicht das Produkt, das hier im Supermarkt­regal steht. Zudem unterscheiden sich auch die restliche Ernährung und der Lebensstil des globalen Südens von dem des globalen Nordens. 
Aus überspielten Halbwahrheiten aus aussagekräftigen, aber verkürzt wiedergegebenen Studien entstand das Narrativ, dass Kokosöl trotz hohem Gehalt an gesättigten Fettsäuren (Laurinsäure) sehr positive Wirkungen auf den Organismus entfaltet. Ende Juni 2018 hat Prof. Karin ­Michels, Direktorin des Instituts für Prävention und Tumorepidemiologie am Universitätsklinikum Freiburg, mit dem populärwissenschaftlichen Vortrag „Von Kokosöl und anderen Ernährungsirrtümern“ eine Paradigmenwende geschafft.

Gegennarrativ zur Genussindustrie
Aus gesellschaftlich autorisierter Sprechposition gelang ihr (mithilfe der digitalen Medien), den objektiven Nachteil des Kokosöls gegenüber anderen Pflanzenölen – als Gegennarrativ zur Genussindustrie – schlagartig öffentlich zu verankern. Die einfache Formel lautete: „Kokosöl ist das reinste Gift. Kokosöl ist gefährlicher als Schweineschmalz!“ Die dosierte argumentative Eskalation bedeutet eine Rückkehr der Wissenschaft in diese öffentliche Debatte und zugleich die Ermunterung, auf anderen Wissensgebieten, etwa dem Städtebau, die informationspolitischen Manövern stark unterliegen, den Tatsachen einen stärkeren Auftritt zu verschaffen.
In Wien liegt es auf der Hand, über den politisch wie fachlich ungelösten städtebaulichen Themenkomplex Heumarkt – Welterbe zu sprechen. Der Beschluss des Beirats für Baukultur im Bundeskanzleramt vom April 2017 zum Projekt „Heumarkt neu“ und die drei von Bundesminister Gernot Blümel bestellten, im April 2018 erstatteten Gutachten belegen den Missstand. Der Beirat stellte fest, dass „die für eine Umwidmung mit derart einschneidenden und irreversiblen Folgen für das Wiener Stadtbild vorgebrachten Argumente der Stadtregierung nicht nachvollziehbar“ sind. Das Projekt in Kooperation mit seinem Entwickler ab 2012 voranzutreiben, obwohl es im klaren Widerspruch zu dem bis Ende 2014 gültigen Hochhauskonzept stand, lässt sich überdies nicht mit den Zielen der Qualitätsorientierung und Transparenz in Einklang bringen, zu denen sich die Stadt Wien selbst in ihrer Architekturdeklaration und in ihren Baukulturellen Leitsätzen verpflichtet hat.“
Der Beirat „appellierte nicht nur an die Wiener Stadtregierung, sondern auch an den zuständigen Bundesminister, (…) ihre weitreichende Verantwortung im Zusammenhang mit dem Weltkulturerbe ‚Historische Innenstadt von Wien‘ wahrzunehmen“. Dieser Apell verhallte zumindest im Wiener Rathaus ungehört. Die Gutachter ­Birgitta Ringbeck (Berlin), Prof. Christa Reicher (Dortmund) und Prof. Vittorio Magnago-­Lampugnani (Berlin) kamen zu weitgehend kongruenten Schlussfolgerungen. Ringbeck bestätigte, „dass das Projekt Eislaufverein-Hotel InterCont-Konzerthaus am Areal Heumarkt Auswirkungen auf bestehende Sichtbeziehungen hat“ und diese Auswirkungen nicht „dadurch relativiert werden, dass es sich hierbei keineswegs um einen Einzelfall handelt“.

Welterbestätte gesamt gefährdet
Weiter betonte Ringbeck, dass sich mit dem Neubau des HIC die Hochhaus-Entwicklung „nun innerhalb der Welterbestätte fortsetzt. Während der niedrigere Vorgängerbau Donaueinschnitt und Hügelrücken noch sichtbar ließ, verstellt der geplante Neubau aufgrund seiner Höhe diesen wichtigen Bereich des historischen Panoramas. Der im Welterbeantrag bekundete Respekt vor der gewachsenen Stadtlandschaft und (…) das Bewusstsein der Gefährdung des historischen Zentrums von Wien sind außer Acht gelassen worden. (…) Die Genehmigung eines neuen Hochhauses dokumentiert, dass (…) die notwendige Revitalisierung von städtebaulichen Missständen nicht für eine behutsame, welterbeverträgliche Stadterneuerung genutzt wird. Dadurch ist die Welterbestätte insgesamt in Bestand und Wertigkeit gefährdet.“
Und letztlich sagt Ringbeck: „Die Schutz- und Planungsinstrumente der Stadt Wien sind angemessen. (…) Es mangelt jedoch an der tatsächlichen Einhaltung, Implementierung sowie ganzheitlichen Betrachtung und Anwendung. Das größte Defizit ist, dass 17 Jahre nach Anerkennung des Historischen Zentrums von Wien als Welterbe der Managementplan für (…) die Pflege, die Nutzung, die Entwicklung, (…) immer noch nicht vorgelegt wurde.“
Reicher stellt fest: „Eine Justierung der Höhen­entwicklung sowie der Maßstäblichkeit des Projektes – insbesondere des Ensembles von Scheibe und Hochpunkt – erscheint notwendig. Hierzu sollten städtebauliche Varianten entwickelt werden, die entsprechend den dargestellten komplexen Kriterien zu beurteilen sind. Ziel muss es sein, an dieser wichtigen Stelle des historischen Zen­trums eine wirklich überzeugende Lösung zu finden, die einen Beitrag dazu leistet, dass die städte­bauliche und architektonische Haltung des 21. Jahrhunderts von Angemessenheit und respektvollem Einfügen in den Bestand zum Ausdruck kommt.“ 
Magnago-Lampugnani erkennt die einzigartige Bedeutung der Ringstraße in der Geschichte der europäischen Stadt und problematisiert „die städtebauliche Haltung“ des Projekts. Er fordert, dass „das Projekt ‚Heumarkt neu‘ unter weitestgehender Beibehaltung seines Nutzungsprogramms und mit dem gleichen architektonischen Anspruch von Grund auf überarbeitet werden soll.“

Städtebau teilweise ein Problem
Zusammenfassend stellt er fest: „Das Projekt für das Areal Hotel Intercontinental Wien, Wiener Eislaufverein und Wiener Konzerthaus beeinträchtigt in seinem gegenwärtigen Stand seinen städtebaulichen Kontext so stark und negativ, dass die Welterbestätte Wien in Bestand und Wertigkeit ernsthaft bedroht ist. (…) Seit der Aufnahme des historischen Zentrum Wiens in die Liste der Welterbestätte ist dessen städtebauliche Entwicklung teilweise ausgesprochen positiv, teilweise aber auch problematisch verlaufen: man denke nur an die Überbauung des U- und S-Bahn-Knotens Wien-Mitte. Mit der Bebauung am Heumarkt muss ein ganz anderer, stadtverträglicher Akzent gesetzt werden.“ 
Grundsätzlich fordert Magnago-Lampugnani: „Das historische Zentrum Wiens muss sich lebendig weiterentwickeln können, deswegen sind die Planungsinstrumente nach meinem Dafürhalten wichtiger als die Schutzinstrumente. Der Masterplan Glacis ist ein sehr guter Ansatz, der jedoch weiter vertieft, spezifiziert und konkretisiert werden muss, auch mit der Unterstützung von Experten aus verschiedenen Disziplinen und urbanistisch kompetenten Planungsbüros. Der Dialog zwischen Politik, Investoren, Planungsexperten und Bürgerinnen und Bürgern muss kontinuierlich gepflegt und interdisziplinär sowie international geführt werden.“ 
Wer geglaubt hätte, nach derart eindeutigen Feststellungen würde sich in der Stadt Wien das Blatt zum Bessern wenden, sieht sich enttäuscht. Der Briefwechsel zwischen Otto Kapfinger und dem Wiener Bürgermeister von Juli 2018 wirft ein desillusionierendes Licht auf das Vorhaben. Kapfinger schrieb: „All das macht mir Mut, Sie noch einmal in Sachen ‚Heumarkt-Projekt‘ anzusprechen und Ihnen dringend zu raten, (…) die Chance zu ergreifen, das Ruder doch noch herumzuwerfen. Sie könnten sich damit nicht nur (symbolisch gemeint) einen ‚Maria-Theresien-Orden‘ verdienen, sondern, was viel-viel wichtiger ist, eine klare Ansage zum Paradigmenwechsel in Stadtplanung und -politik an diesem Beispiel geben; (…) denn (…) es muss Ihnen doch klar bewusst sein, dass – neben allen UNESCO-Vertragsbrüchen – die grundsätzliche Rechtsverletzung des Gleichheitsgrundsatzes(!) durch dieses Hochhausprojekt zugunsten von privaten Spekulationsgewinnen zutiefst im sozialdemokratischen Herz und Gewissen zuwider sein und inakzeptabel erscheinen muss.“
Auf diesen durchaus emotionalen Appel reagiert Michael Ludwig auf dem Briefpapier des Bürgermeisters, nach einer Beschreibung der bisherigen Bemühungen der Stadt Wien, das Projekt am Heumarkt mit dem Welterbe in Einklang zu bringen, so: „Wie Ihnen bekannt ist, hat Wien den Status des UNESCO-Welterbes zuerkannt bekommen, da die Entwicklung einer europäischen Stadt – vom Mittelalter bis zur Gegenwart – im Stadtbild in einer weltweit einmalig hohen Qualität ablesbar ist. Die städtebauliche Entwicklung Wiens wird in diesem Sinne fortgeschrieben, nicht zuletzt, um eben auf diese (sic!) dynamische Gesamtentwicklung der Stadt zu reagieren. Die Entwicklung Wiens endet nicht mit der Verleihung des Welterbetitels im Dezember 2001.“

Keine Auswirkungen auf Stadtkern
Ludwig schreibt weiter: „Jeder Stadt – auch einer mit großem historischem Erbe – muss neben dem Erhalt dieses Erbes auch die Möglichkeit gegeben sein, eine angemessene Weiterentwicklung vornehmen zu können. Die Stadt Wien hat daher neben dem Schutz der bestehenden Bausubstanz ebenso die sorgsame Entwicklung Wien zu berücksichtigen. Der Pfad zwischen diesen beiden Zielrichtungen wird immer diskursiv zu verhandeln sein. Am Areal Heumarkt-Eislaufverein selbst kommt es bedingt durch das Projekt Heumarkt weder zu einem Abbruch von historischen oder geschützten Bauwerken noch wird der Stadtgrundriss verändert. Auf den historischen – innerhalb der Ringstraße gelegenen – Stadtkern hat das Projekt Heumarkt keine Auswirkungen. Die Integrität und Authentizität der Welterbestätte wird durch das Projekt nicht in Frage gestellt.“
Diese Aussage hat nicht nur Kapfinger schwer enttäuscht. Denn es handelt sich nicht um eine Ziel- und Maßnahmenbeschreibung eines städtebaulich angemessenen Umgangs einer wachsenden Stadt mit ihrem historischen Gepräge nach internationalen Standards, sondern um das hinlänglich bekannte Narrativ von der alternativlosen diskursiven Aushandlung der Stadtgestalt (sohin des öffentlichen Raums) mit der marktradikalen Internationale, die nur zum Nachteil der Stadtbewohner ausgehen kann. Dass die Lösung in primärer öffentlicher Auseinandersetzung über Stadtraum und Städtebau läge, wird verschwiegen. Das ist ein informationspolitisches Manöver, das wie ein langsamer Kopfsprung vom Sechzigermeterbrett anmutet: da die Flughöhe die Springer hat zu lange zögern lassen, ist die glasklare Flüssigkeit, in die sie genussvoll tauchen wollten, in die Schatten einer neuen Ära geraten – und das verheißungsvolle Fluidum zu weißem Kokosfett erstarrt. Der Aufprall auf den Tatsachen wird hart sein.

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