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Bel & Main Vienna: Ein erfolgreiches Triumvirat

01.04.2020

Im neuen Quartier Belvedere, nahe dem Wiener Hauptbahnhof, zwischen Erste Bank-Campus, Parkapartments und Hotel Andaz Vienna, entsteht ein dreiteiliges Ensemble von Delugan Meissl Associated Architects (DMMA), in das auch ein Wohnbau von Coop Himmel(b)lau integriert ist.

von Brigitte Groihofer

Architekten wissen, dass der Weg zu einem Auftrag meist langwierig und dornig ist. Grundstücke sind rar, Investoren und Bauherren wechseln oft mehrmals vor Baubeginn und damit die Nutzungsanforderungen. So auch beim Projekt „Bel & Main Vienna“, das ursprünglich unter dem Titel „Wohnen am Schweizergarten“ als reines Wohnbauprojekt konzeptioniert war. Einer der Wohntürme wurde nunmehr aus ökonomischen Notwendigkeiten zu einem Office-Tower, ein Hotel und ein Kindergarten wurden ergänzt.

Aller Anfang ist schwer

Ursprünglich gehörte das Grundstück der Erste ­Bank, die eine baukulturell hochwertige Nachbarschaft anstrebte, weshalb man vom Käufer ein Konzept für eine Bebauungsstruktur verlangte. Das von der BAI Bauträger Austria Immobilien GmbH als Bauherrin und Delugan Meissl Associated Architects (DMAA) als Planer entwickelte Konzept entsprach und erhielt damit den Zuschlag. Ein kooperatives Verfahren hatte zuvor die städtebauliche Grundfigur für die Grundstücke und relativ detaillierte Widmungen der Baukörper fixiert ebenso wie jene von drei Hochpunkten, aus denen nun zwei Wohntürme und ein Office-Turm wurden. Danach stellten sich DMAA neuerlich einem geladenen Architekturwettbewerb, den sie für sich entscheiden konnten und dessen Entwurf nun unter der Bauherrin SIGNA umgesetzt wird. Wunsch der Bauherrin war auch, dass einer der beiden Wohntürme an Coop Himmelb(l)au, dem Wettbewerbszweiten, vergeben werden solle. Für die Planungs- und Realisierungsphase wurde eine Arbeitsgemeinschaft von DMAA, Coop Himmelb(l)au und Architektur Consult (Vorentwurf, Entwurf, Einreichung, künstlerische Oberleitung, Leitdetails und Ausführungsplanung) gegründet.

Entwicklung der Baukörper

Die Formen der vorgegebenen Baukörper konnten adaptiert werden. Architektur ist Kommunikation, Bezug nehmend auf die Umgebung und die Schaffung neuer städtebaulicher Zusammenhänge. In dieser Lage Wiens ist man als Planer frei von stereometrischer innerstädtischer Blockrandverbauung. Diese Freiheit nutzte man, die Flanken der Baukörper wurden abgekurvt und zurückgeschwenkt, um mit den Nachbarbauten, wie der gerundeten Formensprache des Erste-Campus von Henke & Schreieck und den beiden Signa-Bauten dahinter, den „Parkapartments am Belvedere“ sowie dem „Hotel Andaz Vienna am Belvedere“ von Renzo Piano zu kommunizieren. Kontrapunkt einer anderen architektonischen Epoche ist das rechtwinkelige 21er Haus von Karl Schwanzer auf der anderen Straßenseite, auf das respektvoll in Form einer öffentlichen urbanen Freifläche reagiert wird. Gleichzeitig wird durch das teilweise Verschwenken des gewidmeten Volumens den beiden immerhin 60 Meter hohen seitlichen Türmen die Wucht genommen, Straßenflächen werden erweitert. Der Frontalblick auf die gegenüberliegenden Bauten wird durch die Abwinkelung vermieden, was den Nutzern eine gewisse Intimität bringt und den zum Belvedere ausgerichteten Wohnungen einen „Canaletto-Blick“ über das Belvedere und die Stadt. Kleine Eingriffe mit großer Wirkung, die sich in Summe, gleich einer Komposition, zu einem Werk baukultureller Relevanz zusammenfügen. Nach innen wird durch Einschnürungen ein intimerer Hofbereich für die Wohnungen ausgebildet, als von der Straße abgewandter Freiraum. Dort fügt sich Hochpunkt 3, der Wohnturm von Coop Himmelb(l)au mit seiner nierenförmigen Geometrie stimmig in die Sprache des Gesamtensembles ein.

Konstruktion und Fassade

Erstmals übrigens arbeiteten DMAA in BIM und sind damit äußerst zufrieden. Die Wohntürme sind ein klassischer Stahlbetonskelettbau mit Stützen, durch die die Außenwände geöffnet werden konnten, mit einem Kern, der auch zur Erdbebenaussteifung dient. Herausforderung und Thema bei der Fassadengestaltung waren die Schaffung einer Balance und gleichzeitig die Differenzierung der drei unterschiedlichen Nutzungen der Bauteile durch drei Fassadentypologien: der seriellen Nutzung des Hotels, der differenzierteren des Bürohochhauses und individualisierten des Wohnhochhauses. Verbindende Elemente sind Farbgebung, Material und vor allem Plastizität. Die Rasterung erfolgt je nach Nutzung unterschiedlich, streng beim Hotel als Abbild genormter Zimmer, variantenreicher beim Wohnturm, bei dem die Kanten entweder durchlaufen oder unterbrochen sind. Plastizität und eine aufgebrochene reliefartige Struktur sind den Architekten ein wichtiges gestalterisches Anliegen. Sie erzeugt im Gegensatz zu hermetisch glatten Fassaden Tiefe, erlaubt ein poetisches Spiel von Licht und Schatten, das in die dahinter liegenden Räume hineinwirkt, lässt ein Hochhaus nicht glatt und abweisend erscheinen und rückt es nicht zuletzt auch auf ein menschliches Maß.
Im Hotelblock werden die Fenster von schief gestellten Aluminiumplatten, abwechselnd rechts und links, flankiert. Diese bestehen aus zwei mit Kunstharz verklebten Aluminiumblechen, versehen mit einer geprägten rauen, haptischen Oberfläche in den Farben Bronze-Gold. Warm flimmern und reflektieren diese das auf sie treffende Licht der wechselnden Tagesstimmungen. Die Fenster mit Dreischeiben-Isoliergläsern sind im Wohnbau mit einer außenliegenden Beschattung versehen, einem textilen Gewebe, einem Zip-Screen-System, das bis zu 100 Stundenkilometer Windlasten, ohne einzufahren, widersteht. Nur im Hotel gibt es Sonnenschutzglas mit einem Vorhang, im Büroturm hingegen Normalglas, innenliegenden Blendschutz und textilen Sonnenschutz außen.

Erschließung, Klima, Böden

Erschlossen wird das Wohnhochhaus Bel & Main Residences durch drei Aufzüge, davon ein Feuer­wehraufzug und ein Scherenstiegenhaus als Fluchttreppenhaus. Die Klimatisierung erfolgt über Betonkernaktivierung, Fußbodenheizung und Fernwärme. Ausgestattet sind die Wohnungen mit hochwertigen Holzböden in den Zimmern und Feinsteinzeug in den Gängen. Im Foyer gibt es als besonderen Blickfang eine hinterleuchtete Wand aus einem wunderschön gemaserten Patagonia Naturstein aus Brasilien.

Die finale Nutzung

Die Fertigstellung des gesamten Ensembles „Bel & Main“ ist für Ende 2020 geplant. Insgesamt hat SIGNA rund eine Milliarde Euro in die Entwicklung des Areals rund um den Wiener Hauptbahnhof investiert. Der Büroturm des „Bel & Main“ mit 18.000 Quadratmetern Nutzfläche wurde an österreichische Investoren verkauft und von der Erste Group für ihre 1.300-köpfige IT-Abteilung angemietet. Die beiden Wohnhochhäuser mit insgesamt 450 Wohnungen wurden an Investoren, an die Bayerische Versorgungskammer (BVK) und Versicherungskammer Bayern (BKV) verkauft. Die Wohnungen werden nach der Fertigstellung vermietet. Der flache Hoteltrakt wurde ebenfalls verkauft, die australische Adina-Gruppe wird hier erstmals in Österreich ein Apartment-Hotel mit 133 Zimmern, Schwimmbad und Fitnessraum für Langzeitaufenthalte betreiben. Eine unterirdische Tiefgarage mit 400 Parkplätzen verbindet die Einheiten ergänzt durch private Kellerabteile. Der flache Verbindungssockelbau beherbergt einen Kindergarten mit einem kleinen Atriumhof und einem begrünten Spielplatz am Flachdach. Die Nutzung der Sockelgeschoße steht noch nicht fest.

PROJEKTDATEN

Bel & Main Vienna

Bauherr SIGNA, www.signa.at
Architektur ARGE "Wohnen am Schweizergarten"
 

• Delugan Meissl Associated Architects, Projektleitung: Sebastian Michalski
                                                         www.dmaa.at

  • Coop Himmelb(l)au                                   www.coop-himmelblau.at
  • Architektur Consult ZT GmbH     www.archconsult.com
KONSULENTEN  
Brandschutz

ADSUM Brandschutz-& Sicherheitsconsult GmbH

Building services engineering ZFG GmbH
Bauphysik Dr. Pfeiler ZT-GmbH
Örtliche Bauaufsicht Vasko+Partner Ingenieure
Bauphysik-Energieausweis Dr. Pfeiler GmbH
Landschaftsplanung Rajek Barosch Landschaftsarchitektur
Verkehrsplanung Traffix Verkehrsplanung GmbH
Fassadenberater

Aluminium Fassaden Consulting GmbH

GEWERKE  
Tiefbau Porr Tiefbau
Erdbau Koller Transporte Kies- und Erdbau GmbH
Baumeister Leyrer+Graf Bau GmbH
Aufzug Kone AG
AluGlas Fassade MBM Metallbau Mörtl GmbH, Grafenstein; Alu-Sommer GmbH; Strabag AG
Planungsbeginn 2015
Baubeginn 2017
Geplante Fertigstellung Ende 2020
BGF oberirdisch 68.900 m2
Grundstück 11.626 m2
Tiefgarage ca. 400 Stellplätze
Geschoße

2 UG, 19 Wohnturm, 8 Hotel, 18 Büroturm

 

ARCHITEKTEN

Delugan Meissl Associated ­Architects

1993 gründeten Elke Delugan-Meissl und Roman ­Delugan die Delugan Meissl GmbH, 2004 zu Delugan Meissl Associated Architects (DMAA) erweitert. Weitere Partner des Büros sind heute die langjährigen Mitarbeiter Dietmar Feistel und Martin Josst.

Projekte (Auswahl):

Global Headquarters Sandoz der Novartis Company (2003), Haus Ray1 (2003), „City Lofts“ und „Hochhaus“ am Wienerberg. 2004 anlässlich der 1. Architekturbiennale Chinas realisierte Apartments in der Phoenix City in Peking, Neues Porsche Museum in Stuttgart-Zuffen­hausen 2005, Filmmuseum Amsterdam, Ex-­aequo-Sieg für das „Darat King Abdullah II“ Kulturzentrum und Opernhaus in Amman, Jordanien 2008. Einladung zur Teilnahme am Wettbewerb für das Victoria & Albert Museum in Dundee, Schottland. Der Weg des Büros in Richtung Internationalität setzt sich fort. Das Büro zählt heute rund 25 Mitarbeiter.

Auszeichnungen (Auswahl):

2006 Preis der Stadt Wien für Architektur

2015 Silbernes Ehrenzeichen der Stadt Wien

2015 Großer Österreichischer Staatspreis

www.dmaa.at

 

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