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Bijoy Jain: Heute ist ein guter Tag

12.09.2011

Vor 15 Jahren gründete der indische Architekt Bijoy Jain das Studio Mumbai. Das Besondere daran: Gearbeitet wird nur mit groben Skizzen. Die Details entstehen erst im Prozess. Das Endergebnis ist immer eine Überraschung. Dem exotischen Architekturbüro unter Palmen widmet das Vorarlberger Architekturinstitut vai derzeit eine Ausstellung.

Wojciech Czaja im Gespräch mit Bijoy Jain

Bijoy Jain: "Ich lasse mich auf keine Deadlines ein. Es dauert so lange, wie es eben dauert. Die Qualität ist mir wichtiger als die Tatsache, ob das Haus ein paar Monate früher oder später fertig wird."

Sind Sie handwerklich geschickt?
Ja und nein. Wenn ich konzentriert bin und mich auf die Arbeit voll und ganz einlassen kann, dann bin ich ziemlich geschickt. Nicht so sehr wie meine qualifizierten Fachleute im Studio, aber ganz gut. Wenn ich jedoch mit den Gedanken abschweife und woanders bin, dann muss ich Sie warnen, dann kommt nichts Ordentliches dabei heraus.

Welche Arbeiten machen Sie denn am liebsten?
Mit der nötigen Geduld macht mir alles Spaß. Arbeit mit Kalkstein, Arbeit mit Holz, Arbeit mit was auch immer. Aber genau das ist der Unterschied zwischen Talent und Nichttalent. Der nichttalentierte Mensch braucht Ruhe, Geduld und Konzentration, um etwas gut machen zu können. Der talentierte Mensch macht seine Arbeit jederzeit perfekt.

Sind Sie denn so untalentiert?
Ich habe auch Talente! Ich bin ein guter und leidenschaftlicher Modellbauer. Und ich bin ein guter und fairer Chef, Organisator und Netzwerker. Anders wäre es nicht möglich gewesen, das Studio Mumbai zu gründen und mit ihm mitzuwachsen. Das Studio Mumbai ist sehr rasch gewachsen. Die Biennale 2010 in Venedig war für Sie ein medialer Katapult. Venedig war in dieser Hinsicht ein Wahnsinn. Mit einem Mal sind Architekten und Medien aus der ganzen Welt auf uns aufmerksam geworden. Seit damals, also seit fast zwei Jahren, ­befinden wir uns in einer Evolution, die eine gewisse Eigen­dynamik entwickelt hat.

Inwiefern hat sich Ihre Arbeit seit Venedig verändert?
Ich bin viel unterwegs und bin deutlich weniger im Studio als noch vor Venedig. Ich werde zu vielen Vorträgen, Symposien, Konferenzen und Ausstellungseröffnungen eingeladen. Wenn Sie so wollen: Ich bin ein Reisender geworden, ein Networker. Es ist fast, als würde man eine politische Repräsentationsfunktion innehaben.

Anstrengend?
Natürlich! Das ist anstrengend. Aber auch interessant! Die repräsentative Funktion ist wichtig für die Arbeit, die wir machen, letztendlich sogar auch für die Architektur in Indien. Ich werde mich in nächster Zeit wieder auf meine eigentliche Arbeit konzentrieren: weniger reisen, mehr Zeit im Studio verbringen.

Wie viele Mitarbeiter haben Sie derzeit?
Das ändert sich oft von Projekt zu Projekt. Aber im Groben kann man sagen, dass wir zwischen 100 und 120 Mitarbeiter sind. Manche davon arbeiten fix im Studio am Stadtrand von Mumbai und sind vor allem in der Vorfertigung tätig. Und manche sind direkt vor Ort und kümmern sich um den Zusammenbau und die Detailarbeiten auf der Baustelle.

Das Studio Mumbai ist einzigartig aufgebaut. Es gibt kaum ein anderes Architekturbüro, das in dieser Form sowohl in der Planung als auch in der handwerklichen Umsetzung tätig ist.
Ja, in Europa und in den USA würde man uns wohl als Generalunternehmer bezeichnen.

Was mich interessiert: Wie ist es denn überhaupt dazu gekommen? Was hat Sie veranlasst, so ein Büro zu gründen?
Ich habe früher in England und in den USA gearbeitet, als ganz normaler Architekt, so wie viele andere auch. Und in Los Angeles habe ich als Modellbauer für Richard Meier gearbeitet. Mein Aufgabengebiet war das Getty Museum. Eine schöne Arbeit. Doch dann habe ich meine Frau kennengelernt, und wir haben beschlossen, dass wir unser gemeinsames Leben in Indien aufbauen. Als ganz normaler Architekt in Indien hat man es nicht immer leicht. Plötzlich war alles anders. Den Großteil meiner Arbeitszeit habe ich damit verbracht, auf die Baustelle zu fahren und dort die Dinge wieder ins Reine zu bringen. Viele Handwerker in Indien sind Analphabeten, die meisten können keine Pläne lesen, jeder macht, was er will. Das war frustrierend. Also habe ich beschlossen, mein eigenes Büro zu gründen und mir meine eigenen Handwerker zu suchen. Ich habe von ihnen alte, traditionelle Bautechniken und Fertigungsmethoden gelernt. Sie haben von mir gelernt, wie man Pläne liest und wie man sich organisiert und strukturiert. Eine sehr gute Kombination!

Wer macht die Entwürfe? Wie sieht die Arbeitsteilung aus?
Ich mache Skizzen, und es gibt eine grobe Idee davon, wie das Haus später aussehen soll. Das hängt natürlich sehr stark von der Geografie, vom Klima und von der jeweiligen regionalen Kultur in Indien ab. Doch die konkrete Form und die konkreten Materialien und Details entstehen erst im Dialog mit den Handwerkern. Es ist ein Learning by Doing. Ich gebe auch keine Anleitungen, sondern ich definiere lediglich eine Stoßrichtung und beziehe die Handwerker in den eigentlichen Arbeitsprozess mit ein. Die Summe all dieser Ressourcen führt schließlich zum fertigen Haus. Meistens ist das Resultat mehr oder weniger deckungsgleich mit der ersten Skizze, aber nie identisch.

Das heißt, das endgültige Projekt ist immer eine Überraschung?
In gewisser Weise ja. Die Auftraggeber geben ihre Einwilligung zum Grobkonzept. Doch niemand kann wirklich beeinflussen, in welche Richtung sich das Projekt weiterentwickeln wird. Es ist nicht die Einzelperson, die den Impuls gibt, sondern die Gruppe. Am Ende gibt es immer kleine Überraschungen. Sogar ich bin manchmal überrascht, wenn ich dann auf die Baustelle komme und sehe: Aha, so haben die Handwerker diese Idee umgesetzt. Oder: Aha, dieses Detail hat nicht funktioniert, also musste es umgeplant werden.

Und die Bauherren sind damit einverstanden?
Das ist der Deal.

Wie lange dauert so ein Projekt?
Von der Beauftragung bis zur Schlüsselübergabe dauert ein Projekt im Durchschnitt zwei Jahre. Manchmal mehr, manchmal weniger. Aber ich muss dazu sagen: Ich lasse mich auf keine Deadlines ein. Es dauert so lange, wie es eben dauert. Die Qualität ist mir wichtiger als die Tatsache, ob das Haus ein paar Monate früher oder später fertig wird.

Und wie viel kostet ein Haus von Studio Mumbai?
Das Teuerste bei unseren Häusern ist die Arbeitszeit. Die Handwerker kosten mittlerweile mehr als das Material, was natürlich mit der Qualität der Ausführung zu tun hat. In Kombination damit, dass die Rohstoffe nicht sehr teuer sind, würde ich meinen, dass ein Haus von Studio Mumbai ähnlich viel kostet wie ein vergleichbares Haus von einem anderen Architekten, das dann nach westlichen Maßstäben von irgendeiner Baufirma errichtet wird. Die Gesamtbaukosten sind ähnlich, doch das Endergebnis ist ein ganz anderes. Auf der einen Seite haben Sie industrielle Massenware, auf der anderen Seite haben Sie ein handgefertigtes Unikat.

Konkret: Wie viel Euro muss ich aufwenden, um ein fixfertiges Gebäude von Studio Mumbai zu erhalten, mitsamt Baustoffen und Arbeitszeit und bis zur letzten Schraube?
Sie lassen nicht locker, was? Die Planungs- und Errichtungskosten für ein Einfamilienhaus von Studio Mumbai betragen mit allem zwischen 300.000 und 500.000 Euro. Der genaue Preis ist natürlich abhängig von Projektart, Projektgröße, Materialien, Ressourcenverfügbarkeit und so weiter.

Das ist viel Geld. Wer ist Ihre Zielgruppe?
Ganz unterschiedlich. Unsere Kunden sind Professionisten aus dem politischen, wirtschaftlichen und kreativen Bereich, zum Beispiel Rechtsanwälte, regionale Bauern, Werber und Designer. Ich würde sagen, dass wir mit unseren Projekten die Mittel- und Oberschicht bedienen.

Angenommen, ich komme zu Ihnen und möchte, dass Sie für mich ein Haus bauen. Welche Kriterien müsste ich erfüllen, damit ich für Sie als Auftraggeber infrage komme?
Ich müsste als Erstes begreifen, warum Sie ausgerechnet zu mir kommen. Ich müsste mir überlegen, ob ich Ihren Erwartungen gerecht werden kann. Und ich müsste mir ausrechnen, ob Wünsche, Arbeitsweise und Budget zueinander proportional sind. Wenn alles passt und wir auf einer Wellenlänge sind, dann lassen Sie uns darüber reden! Wäre schön, wenn’s klappt.

Das war’s?
Fast! Natürlich muss ich mich für das Projekt begeistern können. Ich möchte nur Projekte machen, die mich so sehr interessieren und überzeugen, dass ich in der Lage bin, 200 Prozent meiner Leistung zu geben. Nur dann wird es gut.

200 Prozent. Das klingt nach Umsetzungswille und Vision.
Das ist es auch.

Wie lautet Ihre Vision?
Am Anfang habe ich ein Team aus Handwerkern um mich geschart, mit denen es möglich war, die Projekte so zu realisieren, wie ich es mir gewünscht habe. Im Laufe der Zeit hat sich Studio Mumbai zu einem Cluster mit geballtem Know-how entwickelt. Meine Mitarbeiter besitzen ganz besondere handwerkliche, konstruktive, räumliche und organisatorische Fähigkeiten, die in Indien in der Dichte kaum noch zu finden ist. Das ist viel wert. Nun haben sie die Möglichkeit, dieses Wissen anzuwenden, in die Realität umzusetzen und auch an andere weiterzugeben. Vielleicht ist Studio Mumbai, so gesehen, ein Retter des indischen Handwerks und der traditionellen indischen Architektur. Denn die Art und Weise, wie heute in Indien größtenteils gebaut wird, ist ziemlich bedauerlich.

Inwiefern?
Indien befindet sich mitten im Turbokapitalismus. Der schnelle Fortschritt ist mehr wert als das Bewahren alter Wurzeln. Vieles geht verloren. Vieles geht kaputt.

Sind Sie optimistisch, dass Ihr Vorhaben gelingen wird?
Gute Frage. Manchmal ja und manchmal nein. Das hängt davon ab, was für ein Tag gerade ist. Das hängt davon ab, was ich gerade erlebt habe.

Was für einen Tag haben wir heute?
Einen optimistischen. Einen sehr optimistischen.

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