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BIM – BAM – BOOM – BUMM

20.01.2015

Zweifellos ist BIM das Planungstool der Zukunft. Es ist zu hoffen, dass das 3-D-Modellieren für die Architekturschaffenden ein Segen wird und nicht nur der Softwarelobby zu einem Geldregen verhilft. Klar ist allen, dass man die Entwicklung nicht verschlafen darf.

 

von Brigitte Groihofer

Building Information Modeling (BIM) wird immer öfter als mögliche Antwort auf die aktuellen Herausforderungen in der Baubranche genannt. Dieser Begriff wird heute für die Summe der Entwicklungen verwendet, die eine ganzheitliche und integrale Sichtweise im Baugeschehen ermöglichen und unterstützen. Am 17. November fand in der Hofburg der erste Österreichische BIM-Kongress statt, natürlich veranstaltet von der Softwareindustrie, besucht immerhin von 350 Teilnehmern. Dies illustriert, dass BIM nun auch in Österreich angekommen ist und Architekturschaffende und Planer sich dem Thema stellen wollen, so sie es nicht schon getan haben. Wie viele Büros, kleine oder große, bereits mit BIM arbeiten, weiß man nicht.

Von der Planung bis zum Abriss

Mit BIM wird der gesamte Lebenszyklus eines Bauwerks umfasst: von der Planung bis zum Abriss. Die Organisation des Gesamtprozesses, das Gestalten der zentralen Datenbank steht am Beginn des Prozesses. Damit gewinnt der Architekt an Bedeutung. Denn er ist das erste Glied in der Kette, obwohl der Anteil an den sogenannten Lebenszykluskosten minimal ist und nur um die zwei Prozent beträgt. Erst danach folgen alle anderen Projektbeteiligten und Fachplaner bis hin zum Haustechniker und Facility-Manager. Sie alle arbeiten gemeinsam am integralen Modell. BIM erfordert ein Umdenken, ein Denken in Bauteilen und nicht in Linien. Die Angst mancher, das Entwerfen könnte sich ändern und die Bleistiftskizze verlorengehen, ist unbegründet. BIM setzt erst nach dem Entwurf ein, ist also ein reines Planungswerkzeug.
Laut einem der Vortragenden und BIM-Vorreiter Christoph M. Achammer (ATP) liegt das mögliche Einsparungspotenzial durch BIM bei 20 Prozent, berechnet auf den gesamten Lebenszyklus gar bei eventuellen 45 Prozent. Laut einer Studie von Sera Architects aus Portland, Oregon, erstellt 2013, verringert sich die Projektdauer bezogen auf 100 Quadratmeter bei der Arbeitsmethode mit BIM im Vergleich zu jener in 2-D von 7,7 Tagen auf 3,1 Tage, die Bauzeit von 13 auf 4,5 Tage.

Erste Erfahungen 

Erste Erfahrungen von Anwendern bestätigen diese Aussage wie etwa Andi Gerner (gerner°gerner plus architects), der sagt: „Wir haben seit der Einführung von BIM rund 20 Prozent eingespart.“ Alfred Willinger (Architekten Tillner & Willinger) ist mitten in der Umstellung: „Zweifellos gehört BIM die Zukunft, doch die Kosten für leistungsstarke Computer und Lizenzen sind enorm, es sind kaum Mitarbeiter am Markt zu finden, die damit umgehen können, und ob der Mehraufwand von den Auftraggebern honoriert wird, ist zu bezweifeln.“ BIM-Manager Christoph Eichler (BEHF) sagt, „die Kosten können schnell kompensiert werden, indem sich die Arbeitskosten um den Faktor 3 im Vergleich zur früheren Arbeitsweise reduzieren“.
Die Gefahr, dass kleinere Ziviltechnikerbüros und auch kleine und mittlere Subplaner von der Bauindustrie überrannt und ausgebootet zu werden, sieht Franz Gruber von BEHF Architects, dessen Büro mittlerweile bereits 50 Projekte vom Vorentwurf bis hin zur Einreichplanung mit BIM abgewickelt hat, nicht: „Wir sehen gerade auch für Ziviltechniker-Kleinstbüros eine große Chance, sich über diese Methode global zu vernetzen, sodass sie im Verbund ein extrem großes, leistungsstarkes, temporäres Unternehmen mit Schwarmintelligenz bilden können, das dynamischer als ein großes statisches Unternehmen ist.“ Für Gruber gehört BIM nicht nur aufgrund der strategischen und ökonomischen Vorteile implementiert, für ihn gehöre BIM „zum Image eines in jeder Hinsicht innovativen Unternehmens“. Er sieht darin „weniger die Probleme, sondern mehr die Chancen“. 

Intelligentes Service

Von der Berufs- und Interessenvertretung wünscht sich Gruber, „dass die Kammer diese neuesten Entwicklungen aktiv diskutiert, informiert und das Thema nicht der Bauindustrie, die es für sich postulieren will, überlässt, sondern es als neues Geschäftsmodell für die Architekten erobert. Zur Zusammenarbeit ist eine gewisse Infrastruktur nötig, die ebenfalls die Kammer stellen könnte.“ Architekt Peter Kompolschek bekräftigt diese Aussage und führt weiter aus: „Das Berufsbild des Architekten wird aufgewertet, er wird wieder zum zentralen Manager, der seinen Bauherrn einen intelligenten Service anbieten kann und sich Positionen, die vorher an Subplaner ausgelagert wurden, zurückerobert.“ Christoph Eichler nennt ein Beispiel: „Ich habe heute als Architekt schon fast alle Angaben generiert, die ich zur Schätzung des Energiebedarfs für ein Gebäude brauche, etwas, was früher nur der Bauphysiker machen konnte.“ Von der Arch+Ing-Akademie der Kammer wünschen sie sich entsprechende Fortbildungskurse und Informationsveranstaltungen. Denn sowohl Kompolschek als auch Eichler glauben, dass BIM nicht in den Hochschulen gelehrt werden kann, da man die Erfahrung eines Berufslebens braucht, die während des Studiums fehlt. Den idealen BIM-Anwender sehen sie im 40 bis 50 Jahre alten Architekten mit Know-how, der die gesamten Prozesse kennt, analysieren und koordinieren kann.

Auftraggeber profitieren nicht nur durch die frühe Projektvisualisierung, sondern durch Kostenwahrheit, Verminderung von Fehlplanungen in der Planungsphase und Planänderungen in der Bauphase, eine konsistente Auflistung von Massen und Stückzahlen und damit eine verbesserte Kostenkontrolle im Ergebnis sowie eine verbesserte Kommunikation und Information zwischen Planern und Auftraggebern, denn alle Änderungen in der Planung sind für alle Beteiligten direkt verfügbar.
Die Bindung zwischen Auftraggeber und Architekten wird gestärkt. Sie werden zu zentralen Managern, „und es macht keinen Sinn“, so Kompolschek, „diese während des Prozesses gegen Unqualifizierte oder Billigstanbieter zu tauschen“. Eine Win-win-Situation für alle Prozessbeteiligten. Daher ist es nur eine Frage der Zeit, bis Bauherren bei Projektausschreibungen BIM verlangen. In der BIG (Bundesimmobiliengesellschaft) beschäftigt sich eine Arbeitsgruppe mit der Prüfung, ab wann und wie BIM eingesetzt werden wird. Kompolschek erwartet sich die Ausschreibung eines ersten Pilotprojekts innerhalb des nächsten halben Jahres.

Im Austrian Standards Institute wird an der Überarbeitung der ON A 6240-4 gearbeitet. Die ON A 6241-1 Digitale Dokumentation für den Hochbau Teil 1 sowie Teil 2 – ON A 6241-2 werden für das Frühjahr 2015 erwartet. 
Es ist zu hoffen, dass Architekten die Chance auf Erweiterung des Aufgabenbereichs ergreifen und die erbrachte Mehrleistung auch den Bauherren entsprechend kommunizieren und in die Honorarlegung einfließen lassen. In der von Hans Lechner für die Kammer erstellten LM.VM (Leistungs- und Vergütungsmodelle 2014) sind die Leistungen des Objektplaners, der das Gesamtmodell koordiniert, in das Leistungsmodell der Generalplanerleistungen textlich eingearbeitet.


Building Information Modeling 

Der Begriff Building Information Modeling beschreibt einen „dreidimensionalen, objektorientierten, AEC-spezifischen computerunterstützten Designprozess.“ BIM ist keine Software, sondern beschreibt eine integrale Planungs- und Arbeitsmethodik. Wesentliches Merkmal der BIM-Technologie ist das virtuelle Gebäudedatenmodell, ein digitales Abbild des realen Projekts in 3-D, das verschiedene fachliche Anforderungen interdisziplinär abbildet.
Das digitale Gebäudemodell kann von allen Beteiligten eingesehen und kollaborativ bearbeitet werden. Das Modell setzt auf dem Industriestandard Drawing Interchange File Format (DXF) auf, der frei zugänglich ist (Public Domain) und zu 100 Prozent von der Softwareindustrie unterstützt wird. Das von der ÖNorm A 6240-4 verwendete Format stellt Befehle zur Verfügung, um Informationen gruppiert abzulegen. Dies macht sich der Industriestandard innovativ zunutze, indem er definiert, wie grafische Daten strukturiert abgelegt und intelligente Gebäudedaten und -informationen ausgetauscht werden können. Zur Erstellung des Datenmodells stellt Austrian Standards allen Anwendern kostenfrei eine normkonforme Datei zur Verfügung. 
Das Datenmodell erfasst alle relevanten Gebäudedaten digital und kombiniert und vernetzt diese. Als virtuelles Computermodell ist das Gebäude auch geometrisch visualisiert. Die Daten innerhalb von BIM verfügen über sehr hohe Qualität, da sie auf eine gemeinsame Datenbasis zurückgehen und ständig aktualisiert und synchronisiert werden. Die unmittelbare und kontinuierliche Verfügbarkeit aller aktuellen und relevanten Daten gewährleistet einen optimalen Informationsaustausch zwischen allen Beteiligten und hilft, die Produktivität des Planungsprozesses in Bezug auf Kosten, Termine und Qualität zu steigern.


Zurück in die Zukunft

Als ich 2006 mit dem Preis für Experimentelle Tendenzen in der Architektur zu Kas Oosterhuis ging, tat ich das, weil ich mein Interesse an Interaktiver Architektur weiterentwickeln wollte. Was ich fand überstieg meine Erwartungen bei weitem. Hier wurde gleich der ganze Prozess des Entwerfens neu gedacht. Architekten, Statiker, Haustechniker und „cost experts“ arbeiteten gleichzeitig an einem dreidimensionalen Modell. Sie konnten es in Echtzeit verändern und nahezu gleichzeitig Analysedaten zur Performance erhalten. Die Software, die dafür verwendet wurde hieß Virtools. Innerhalb von diesem Programm mussten einige Blöcke in C++ programmiert werden. Dann lief es ganz gut. Virtools ist eine Software, um Computerspiele zu entwickeln. 
Das Problem von BIM ist, dass die angebotenen Produkte weit hinter den Möglichkeiten, die das digitale und vernetzte Planen bietet, zurückbleiben. So sind parametrische Beschreibungen von Elementen kaum möglich. Es kann ja nicht der Ernst der Industrie sein, dass wir es im Jahr 2014 toll finden sollen, an einem mit etwas Information aufgemotzten 3D-Modell zu arbeiten.
BIM setzt sich nur langsam durch. Die Vorteile für die Anwender sind bei weitem nicht so klar, wie damals, als CAD eingeführt wurde. Anstatt aber an der Funktionalität der Programme zu arbeiten, wird Lobbying betrieben, damit Behörden BIM-Modelle verpflichtend verlangen. Die Chancen stehen leider gut. Dennoch: auch das Potenzial von BIM ist groß. Wir müssen lernen es für uns zu adaptieren.

Bernhard Sommer
Arch. Dipl.-Ing. Bernhard Sommer ist Vizepräsident der Kammer der Architekten und Ingenieurkonsulenten für Wien, NÖ und Burgenland

 

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