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Die Südtiroler Siedlungen in Innsbruck, 1940–48 errichtet, gelten als eines der größten innerstädtischen Verdichtungspotenziale: Wohnbebauung Pradl-Ost von Architekten Obermoser arch.omo

Bleiben ist nirgends

29.05.2017

Bestandserweiterung Die Südtiroler Siedlungen sind ein wichtiges Zeugnis der Geschichte, des Städtebaus und der ­Architektur aus den Vierzigerjahren des vorigen Jahrhunderts. Inzwischen sind sie in die Jahre gekommen. Überall stehen Renovierungen, Verdichtungen, Abbruch und Neubau auf dem Programm. Nicht immer zur Freude der Bewohner, die über drei Generationen in ihren großzügigen, begrünten Innenhöfen Wurzeln geschlagen haben.

Die Stadtgemeinde Innsbruck wuchs in den letzten Jahren rapid, und sie wird weiter wachsen.150.000 Wohnsitze zählt sie derzeit einschließlich 20.000 Zweitwohnsitzen. 7.000 bis 8.000 neue Wohnungen werden in den nächsten Jahren benötigt, wobei die Hälfte des Bedarfs über Nachverdichtung generiert werden soll. Im Osten und Westen stößt die Stadt an ihre Grenzen und politischer Konsens ist es, dass die Nord- und Südhänge unangetastet bleiben.

Potenzial zur Verdichtung

Eines der größten innerstädtischen Verdichtungspotenziale schlummert in den Südtiroler Siedlungen. Errichtet zwischen 1940 und 1948 waren sie darauf angelegt, den zirka 8.000 in der Stadt verbliebenen Südtiroler Umsiedlern eine neue Bleibe zu schaffen. 3.000 Wohnungen umfasste das Bauprogramm, angesiedelt an den östlichen und westlichen Rändern der Stadt. Die eigens gegründete Neue Heimat Tirol und die Stadtgemeinde teilten sich den größten Teil der als „kriegswichtig“ eingestuften Bauaufgabe. Nach dem städtebaulichen Konzept des mit guten Beziehungen zu Rüstungsminister Albert Speer ausgestatteten Architekten Peter Koller (Wolfurt) wurden mit der Umsetzung prominente Innsbrucker Architekten betraut u. a.: Theodor Prachensky, Hans Fessler und Wilhelm Stigler.

Der Bebauungsplan von Pradl – damals grüne Wiese – sah zwei- oder mehrgeschoßige Zeilenbebauungen vor, durch Radwege und Vorgartengrün vom Straßenraum abgerückt. Verbunden wurden sie durch ein öffentliches Wegenetz, das die durchgrünten Höfe durchzog. Nutzgärten sorgten für die Gemüseversorgung in prekären Zeiten. Die traditionelle Heimatschutzarchitektur spiegelte sich in Erkern, Gaupen, Rundbögen und Fensterläden. Die Wohnungen mit den überall gültigen Normgrundrissen und für damalige Zeiten hohem Wohnstandard brachten es auf die beachtliche Durchschnittsgröße von 59 Quadratmetern.

Über Jahrzehnte blieb der Bestand bis auf ein paar Aufstockungen nahezu unverändert, doch dann machten sich Schäden bemerkbar. Dazu brach eine Grundsatzdiskussion aus; sie reichte von: alles abreißen, weil Naziarchitektur bis ­alles erhalten, weil identitätsstiftend. Nach einem mehrjährigen Diskussionsprozess unter Einschluss von Stadtplanung, Gutachtern, IIG (Innsbrucker Immobiliengesellschaft) und NHT (Neue Heimat Tirol) kam es schließlich 2012 zur Entscheidung. Ein gut erhaltener Teilbereich (Panzing) mit den anschließenden Straßenräumen wurde mit der Auflage möglichst authentischer Erhaltung unter Schutz gestellt und von der NHT aufwendig saniert.

Wertvolles Zeugnis

Da der städtebauliche Wert und die zeitgeschichtliche Zeugenschaft inzwischen unbestritten sind, begann der große Nachverdichtungsprozess. Für etwa 20 bis 25 Prozent des Bestandes war der Abbruch vorgesehen, ansonsten sollte im Bestand nachverdichtet werden. Insgesamt gab es zwischen den Jahren 2013 und 2016 fünf teilweise zweistufige geladene Architektenwettbewerbe. Gewisse Parameter wurden im Vorfeld abgesteckt: Begrünter Dachaufbau als fünfte Fassade, Passivhausstandard, Energieeffizienz, Tiefgaragen, Spielplätze, Nutzgärten, Durchwegung und Durchgrünung mit Erhalt der raumwirksamen, großen Bäume und die Beteiligung von Landschaftsplanern in der zweiten Stufe. Im Endausbau ist insgesamt eine Verdoppelung der Zahl der Wohnungen vorgesehen; davon über die Hälfte mit unter 55 Quadratmetern, was Familiengründungen nicht gerade begünstigt.

Moderierte Partizipation

Da die Proteste nicht ausblieben, kam es vor der Umsetzung jeden Projektes zu moderierten Bürgerbeteiligungsverfahren, in denen die hohe emotionale Identifikation der Bewohner mit ihren grünen Höfen und Gärten zur Sprache kam. Viele Mieter hatten ihre Wohnungen auf eigene Kosten saniert und fühlten sich – oft mit unkündbaren Mietverträgen ausgestattet – als Eigentümer. Die NHT reagierte mit einem einmaligen „pauschalierten Schmerzensgeld“ von 15.000 Euro für jede ausziehende Familien, die jeweils auch ein Rückkehrrecht hat.

2015 wurde in Pradl-Ost mit der Umsetzung begonnen. Der Wettbewerbssieger, das Büro Obermoser arch-omo, verfolgt die Idee der Gartenstadt, wobei die etappenweise Umsetzung Teil des Konzeptes ist. Inkludiert ist auch die Neugestaltung des Kirchenvorplatzes der Schutzengelkirche mit einem 6-geschoßigen Solitär. Das Projekt verknüpft die bestehenden Bebauungsmuster mittels einer Mischung aus gereihten Einzelbaukörpern, drei- bis fünfgeschoßigen Zeilen und großzügigen Wohnhöfen. Damit verwoben wurde die angrenzende historische Blockrandbebauung. Eine ursprünglich angedachte Häuserzeile am Ostrand weicht 30 bis 35 Schrebergärten, nach denen große Nachfrage besteht. Durch versetzte Wohnungsgrundrisse bleibt trotz der hohen Anzahl an Kleinwohnungen Raum für Loggien oder Balkone. Die zum Teil halbgeschoßig versetzte Sockelzone führt zu einem differenzierten Freiraum­angebot über der in drei Ebenen angelegten Tiefgarage. Dabei wurde die Stellplatzverordnung nach unten revidiert, da nur mehr 50 Prozent der Bewohner über ein Auto verfügen. Kunst am Bau (in den Durchgängen) ist das verbindende Element zwischen Altbestand und Neubau.

Weit fortgeschritten ist die Innenhofbebauung im südlich an die Defreggerstraße angrenzenden Langblock, geplant von der Architekturhalle Wulz-König. Der viergeschoßige Solitär ist im nördlichen Teil des Hofes so platzsparend positioniert, dass er sowohl genügend Abstand zur bestehenden Blockrandbebauung hält als auch den alten Baumbestand schont und sich höhenmäßig der dominanten Umgebungsbebauung unterordnet. Müllcontainer und Fahrradabstellplätze übersiedeln in zum Teil transparente Nebenräume im Erdgeschoß. Die zuvor im Hof geparkten Autos verschwinden in der Tiefgarage, deren Einfahrt unmittelbar an der nördlichen Grundgrenze beginnt. Die N–S verlaufende Durchlässigkeit bleibt gewahrt, dabei entsteht durch die Verwebung von Erschließung, Grünraum und Freiraumfunktionen ein neuer Treffpunkt im Zentrum des Innenhofes.

Ordnende Solitäre

Ein weiterer Planungsbereich liegt im Innenhof des Hauptsitzes der NHT in der Gumppstraße. Das Siegerprojekt von Manfred ­Gsottbauer ordnet den Hof mittels zweier Solitärbauten, wobei sich die Höhen­entwicklung E+4 und E+5 an der Traufhöhe der umgebenden Bestandsbauten orientiert. Die Tiefgarage umrundet einen Erdkern, der eine hochwertige Hofbegrünung mit tief wurzelnden Bäumen ermöglicht. Drei überschaubare Höfe entstehen, der östliche, zur Schutzengelkirche hin orientierte, ist als Kinderspielplatz vorgesehen, der westliche dient vornehmlich den Bedürfnissen der NHT. Ein öffentliches Wegenetz mit Durchgängen und Durchfahrten verbindet die Hofräume untereinander und mit dem Straßenraum.

Hohes Konfliktpotenzial birgt die Neuordnung des Eichhofs. Vor zwölf Jahren saniert und durch individuelle Investitionen aufgebessert, ist der Widerstand gegen Veränderungen groß. Das Siegerprojekt von Eva Brenner und Wolfgang Kritzinger sieht bei der etappenweisen Umsetzung den Abbruch der Häuser im Innenhof und an der Lindenstraße vor. Zwei Straßenzüge der Blockrandbebauung bleiben erhalten, ebenso bleiben alle Freiräume und Höfe an ihrem Ort. Die von Nord nach Süd in der Höhe gestaffelten Neubauten reichen von E+3 bis E+6. Ein Turm setzt einen markanten Akzent an der städtebaulich diffusen Ecke zur Amraserstraße. Neue Durchgänge verbessern die Durchwegung, ein Teil des Baumbestandes bleibt erhalten. Die Tiefgarage wird bereits im ersten Bauabschnitt begonnen und, dem Baufortschritt entsprechend, kontinuierlich erweitert.

Aufgewerteter Grünraum

Äußerst ambitioniert ist die Neuinterpretation und Verdichtung im Pradler Saggen, der an zwei Seiten von verkehrsreichen Straßen und der Regionalbahn begrenzt wird und im Norden bis an das idyllische Sillufer reicht. Silvia Boday hat mit ihrem Siegerprojekt, eine mäandernde Linie in zwei Bauhöhen durch das Areal gezogen. Die Bebauung am westlichen Straßenzug bleibt erhalten, auch die Tiefgaragenabfahrt wird hier situiert. Das Sillufer wird autofrei und der bereits bestehende Grünbereich zum Park mit Freizeitanlagen aufgewertet. An fünf versetzt angeordneten Hochpunkten werden die viergeschoßigen Riegelbauten auf E+10 erhöht, abgesetzt durch Einschnürungen, die für Allgemeinräume genützt werden. Für die Durchgrünung sorgt die Gartenlandschaft auf den Dächern. Mit dem Turm an der Reichenauerstraße erhält die gegenüberliegende Pauluskirche und der neungeschoßige Wohnbau von Marte/Marte ein entsprechendes Pendant.

Die Wohnkosten insgesamt bleiben moderat. Sie steigen von derzeit fünf Euro kalt pro Quadratmeter im Altbau auf 7,80 Euro warm im Neubau, was nur die Hälfte der im privaten Wohnbau verlangten Mieten ausmacht. Im Einzelfall kann diese Erhöhung um 50 Prozent aber durchaus zu Problemen führen.

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