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Braucht Österreich ein Architekturmuseum?

26.08.2013

Kein österreichisches Institut übernimmt im Moment die Verantwortung für systematisches Sammeln, Erhalten und Erforschen unseres architektonischen Erbes. Die Infrastruktur für die Digitalisierung und Inventarisierung fehlt. Es fehlen sogar geeignete Lagerräume, um architektonische Vor- und Nachlässe wenigstens für „spätere" Zeiten aufzubewahren und zu sichern. Von einer Vernetzung bestehender Archive ganz zu schweigen.
 
 

 

Das architektonische Erbe – eigentlich sollte man den Begriff auf alles Gebaute und die Dokumentation von unrealisiert gebliebenen Entwürfen sowie auf Bauingenieurwerke ausdehnen – ist immer ein Abbild der jeweiligen politischen, sozialen und ökonomischen Zeit und somit wesentlicher Bestandteil unserer Identität.

Seit den Achtzigerjahren gibt es kontinuierliche Bemühungen zur Gründung eines österreichischen Architekturmuseums. Bei einer Koordinationsbesprechung mit dem Bundesministerium für Unterricht, Kunst und Kultur im Sommer 2012 wurde vereinbart, dass das Architekturzentrums Wien nähere Grundlagen für ein zukünftiges Architekturmuseum – auch in Abstimmung mit anderen Bundesmuseen – erarbeiten soll.

Im Rahmen einer öffentlichen Enquete trafen sich nun am 27. Juni 2013 Vertreter zahlreicher Architekturinstitutionen, um über die Mission und Notwendigkeit eines künftigen Architekturmuseums zu diskutieren. Aus diesem Anlass sprach Forum mit dem Präsidenten des Az W, Dr. Hannes Pflaum, und mit Direktor Dietmar Steiner. Einig waren sich alle, dass es ein Bundesarchitekturmuseum oder -zentrum geben muss.

 

Hannes Pflaum:

Wunsch und Idee zu einem „Bundesarchitekturmuseum" sind nicht neu, mittlerweile aber geradezu zur Notwendigkeit geworden wie nicht zuletzt durch die letzte Ausstellung „das Gold des Az W" sichtbar wurde, mit der eine geradezu überbordende Menge an Material gezeigt wurde. Es ist dies das kulturelle Erbe Österreichs, das nicht nur bewahrt, dokumentiert und präsentiert, sondern vor allem auch wissenschaftlich bearbeitet und publiziert werden muss. Es ist dies auch kein auf Wien bezogenes, sondern ein österreichisches Archiv. Ziel ist die Schaffung eines Architekturmuseums, das sich inhaltlich nicht wesentlich von der jetzigen Aufgabenstellung des Az W unterscheidet. Wir haben überraschenderweise jetzt offene Ohren seitens der Politik, sowohl der Stadt als auch des Bundes, gefunden. Zuletzt gab es auch Gespräche mit Bundesministerin Claudia Schmied, die das Vorhaben realistisch erscheinen lassen. Das Az W hat ein erstes Konzept, eine Studie für die öffentliche Hand und alle Interessierten erarbeitet. Institutionen wie die Albertina und das Mak befürworten diese Ergänzung der Museumslandschaft. Weiters begünstigen Begleitumstände den Zeitpunkt, denn die Raumfrage könnte sich von selbst lösen.

 

Dietmar Steiner:

Die Idee zu einem Architekturmuseum ist nicht neu. Ein Konzept gab es bereits von Otto Kapfinger und Johannes Spalt in den Achtzigerjahren. 1999 vor Schwarz-Blau gab es eine Idee von Klaus Albrecht-Schröder zur Zusammenarbeit der Architektursammlungen der Moderne, die ich museologisch ab 1850 ansetzen würde. Die Gespräche wurden gestoppt. 2007 wurden sie wieder aufgenommen. Der damalige Rektor der Akademie der bildenden Künste war konkret an einer Einmietung eines Architekturmuseums in das Semper-Depot interessiert, und die BIG machte eine Evaluierung. Leider hatte Schmidt-Wulffen nach zwei Jahren Verhandlungen wieder davon Abstand genommen.

 

Pflaum:

Ich hatte vor kurzem ein Gespräch mit der jetzigen Rektorin Eva Blimlinger, die die Verortung eines Architekturmuseums im das Semper-Depot explizit ausschließt.

 

Steiner:

Nach einer mehrjährigen Nachdenkphase tritt das Vorhaben nun wieder in eine konkrete Phase, denn die Stadt Wien hat mündlich angefragt, ob – im Falle, dass das Wien Museum seinen jetzigen Standort am Karlsplatz aufgäbe – das Az W ein Interesse an der Nachnutzung hätte. Der Standort wäre optimal, jedoch nicht mit den momentanen budgetären Mitteln des Az W. Für den Bund könnte dies durchaus Sex-Appeal haben, denn die jetzigen Räume stünden dann für gewünschte Erweiterungen beispielsweise des Mumok zur Verfügung. Eine Win-win-Situation für alle Beteiligten.

 

Pflaum:

Das wäre sicher ein optimaler Standort, aber in erster Linie brauchen wir die politische Entscheidung, ein österreichisches Architekturmuseum zu gründen.

 

Steiner:

Inhaltlich haben sich die Schwerpunkte für ein Architekturmuseen generell seit der ersten Gründungswelle in den Dreißigerjahren, der zweiten in den Fünfziger- und Sechzigerjahren und der dritten Welle in den Achtzigerjahren des vorigen Jahrhunderts stark gewandelt. Diese waren stark auf Architekturschaffende als Klientel fokussiert und weniger auf eine breitere Öffentlichkeit. Wir bieten eine große Diversifikation des Programms mit Kinderworkshops, Touren, einer öffentlichen Bibliothek, einer Dauerausstellung und Wechselausstellungen.

 

Pflaum:

Das Architekturmuseum wird sicher nicht in Form eines Vereins oder Bundesmuseums betrieben, sondern durch eine Stiftung, in der die Stadt Wien, der Bund und möglicherweise auch andere Institutionen als Stifter fungieren.

 

Steiner:

Die Idee zur Gründung des Az W kam 1992 von Rudolf Scholten, der eine Initiative zur Vermittlung von Architektur in allen Bundesländern mit Beteiligung des Bundes und der jeweiligen Städte und Länder startete. In Wien fand er dafür in Ursula Pasterk und Hannes Swoboda kongeniale Partner. Für die Finanzierung des Bundes zu einem Drittel gab es leider nur mündliche Zusagen. Tatsache ist, dass es seit 1995 seitens des Bundes keine Budgeterhöhung gab, real liegt es jetzt bei einem Sechstel, und von der Stadt Wien seit 2000. Das bedeutet einen Realverlust des Budgets von 600.000 Euro jährlich.

 

Pflaum:

Wo ein politischer Wille ist, gibt es auch Geld. Es ist leichter, für ein neues Projekt oder Konzept Millionen zu bekommen als für ein bestehendes 200.000. Als ersten Schritt wollen wir, dass die Gründung eines Architekturmuseums in das kommende Regierungsprogramm aufgenommen wird. Die Gretchenfrage an die Politik lautet: Wie steht die öffentliche Hand zur Architektur? Die Zeit der inhaltslosen Lippenbekenntnisse ist vorbei. Jetzt muss die Politik entscheiden, welchen Stellenwert die Architektur in Österreich haben soll.

 

Steiner:

Zwei meiner Ziele bei der Gründung des Architekturzentrums Wien waren, einerseits eine von meiner Person unabhängige Institution zu entwickeln und andererseits ein selbstbewusstes, kompetentes Team aufzubauen, das qualitative, inhaltliche Kontinuität ermöglicht. Eine Architektursammlung der Moderne, beginnend mit 1850, ist museologisch und materiell anders zu behandeln als etwa eine historische Sammlung wie jene der Albertina, die vorwiegend aus Einzelzeichnungen besteht. Die Aufgaben und Rollen der Architekturschaffenden und der Architektur in der Gesellschaft haben sich wesentlich geändert und verlangen ganz andere archivarische und museologische Zugangsformen. Insofern würde eine Abkoppelung von Sammlungen der Zeit vor 1850 durchaus Sinn machen.

 

Pflaum:

Die Reaktionen aller Institutionen, die in ihren Sammlungen auch Architektur haben, auf die Gründung eines Architekturmuseums sind durchaus positiv, was nicht bedeutet, dass sie ihre Bestände einem Architekturmuseum überantworten sollen oder würden. Eine Vereinheitlichung der Datenbank wäre anstrebbar, damit man weiß, was wo liegt. Vielleicht könnte auch eine Definition der unterschiedlichen Sammlungsprofile gelingen.

 

Steiner:

International gibt es keinen Prototyp eines Architekturmuseums, alle sind unterschiedlich strukturiert. Die Sammlungsschwerpunkte eines österreichischen Architekturmuseums sollten eine breitere Architekturgeschichte Österreichs umfassen, natürlich Vor- und Nachlässe, eine Auswahl von Projekten und natürlich auch Sonderfälle wie etwa die von Klaus Steiner gesammelten Materialien der NS-Planung in Wien, die für die Kulturgeschichte Österreichs ein wichtiger Bestand sind. Weiteres Material über die Geschichte von Objekten und Projekten mit kulturgeschichtlichem Potenzial wie etwa die Geschichte Wiener Großprojekte wie der Uno-City oder Wien Mitte, die zu sensationellen Erkenntnissen führen und die politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse und Einflüsse der Zeit spiegeln.

Mehr Informationen online unter: www.bauforum.at

Text: Brigitte Groihofer

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