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Buchtipp: Irénée Scalbert - A Real Living Contact with the Things Themselves

09.06.2020

Dass Bemühungen über Architektur zu schreiben oft zum Scheitern verurteilt sind, hat jeder Schreibende wohl schon erfahren. Die neun Essays des Londoner Architekturkritikers Irénée Scalbert sind in dieser Hinsicht ein seltenes Gegenstück.

von Gabriele Kaiser

Irénée Scalbert: A Real Living Contact with the Things Themselves
Park Books, Zürich 2018
Paperback, Englisch
312 Seiten
ISBN 978-3-03860-111-1

Im Nacherzählen des Augenscheinlichen oder im Herbeizitieren von Theoriebausteinen gelingt es bisweilen, den Gegenstand (sei es ein Gebäude, sei es der Succus einer Epoche) zu streifen – doch die ersehnte „echte“ Durchdringung bleibt aus. Die neun ­Essays des Londoner Architekturkritikers Irénée Scalbert sind in dieser Hinsicht ein ebenso erfreuliches wie seltenes Gegenstück, in ihnen entfaltet sich das lebendige Denken Satz für Satz. So sind etwa die Reflexionen des Autors über die „Natur der Gotik“ zwar auch historisch gesättigt, aber die Argumentation wird aus der expliziten Jetzt-Per­spektive an konkreten Bauwerken und Baudetails entlanggeführt. Diese Neubeleuchtung des gotischen Kanons nimmt zwar 50 Seiten in Anspruch, ist aber aufgrund der klaren jargonlosen Sprache in keinem Abschnitt ermüdend. Die Bandbreite der in diesem Buch versammelten Themen ist erfrischend: An den Gotik-Essay schließt eine eingehende Analyse des Yokohama Airports von Foreign Office Architects an, gefolgt von Reflexionen über den Landschaftsbegriff von Claude Lorrain und Karl Friedrich Schinkel sowie über das ikonische „The Economist Building“ von Alison und Peter Smithson. Da das Buch auch noch unprätentiös gestaltet ist, nimmt man es gerne und immer wieder zur Hand.

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