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Buwog Verwaltungszentrum: Das Haus mit dem gewissen Knick

08.01.2020

Am Rande des gründerzeitlichen Rathauskarrees inmitten imposanter Baustrukturen des 19. Jahrhunderts wird derzeit eine Baulücke geschlossen. Anstelle des hier einst errichteten, nach außen abweisenden Rechenzentrums der Stadt Wien von Harry Glück entsteht nun der neue Verwaltungssitz der Buwog Group. FORUM hat die Baustelle gemeinsam mit Johanna und Gregor Schuberth aus der Planergemeinschaft besucht. 

von Christine Müller

Eine lange Bau- und Planungsgeschichte kennzeichnet dieses Projekt. Anstelle des 1980 errichteten sogenannten Glaspalasts sollte ein zeitgemäßer Büro- und Verwaltungsbau entstehen. Den 2013 ausgelobten zweistufigen internationalen Wettbewerb gewann die Arge Schuberth und Schu­berth Wien, Stadler Prenn Architekten Berlin und Ostertag Architects Wien. Langwierige Diskussionen über Neubau oder Sanierung samt Erhaltung des Stephansdomblicks waren dem Neubau vorausgegangen. Nach dem Verkauf des Baurechts und des bereits baugenehmigten Projekts durch die WSE Wiener Stadtentwicklung, einer Tochter der Wien Holding, an die Buwog Group wird das Siegerprojekt nun mit minimalen Anpassungen umgesetzt. 

Mit Rücksichtnahme

Als zeitgenössisches Zeichen erkennbar, orientiert sich die Gliederung der sieben Geschoße an den Nachbargebäuden wie etwa das Sockelgeschoß mit Arkade und Mezzanin.Die Traufenhöhe liegt bei 52 Meter über Wiener Null, wie jene der Gründerzeitbebauung. Die zwei darüber befindlichen Attikageschoße knicken an jeder Front schräg zur Mitte um zwei Meter ein. Dieses Motiv der einspringenden Fassade ist eine gestalterische Antwort auf die Gründerzeit und auf Achsensprünge im unmittelbaren Umfeld, wie der hier abknickende Verlauf der 2er-Linie oder der Knick der Einmündung von Josefstädter Straße und Stadiongasse. Auch der für repräsentative Bauten des 19. Jahrhunderts übliche Innenhof findet sich im Neubau wieder. Angesichts der schmalen Hüften relativ klein geraten, gewährleistet er zusätzliche Tageslichtqualität in der Kernzone. Aktuell befinden sich hier Erschließungsflächen, Begegnungszonen, Küchen, Sanitär- und Nebenräume. Die Bauhöhe war im Rahmen des Wettbewerbs, an dem sich 144 Büros beteiligt hatten, noch offen, eine Landmarke mittels Hochhauses an dieser durch den Straßenknick speziellen Position schien möglich. „Wir waren uns schnell sicher, uns hier städtebaulich einzupassen und dies am Projekt ablesbar machen zu wollen“, sagt Johanna Schuberth. Die Blickachsen und die strenge Ausrichtung der Gebäudeflucht nehmen Bezug zu den Nachbarbauten. Auch die Idee der markanten Rücksprünge ist eine Antwort auf die umliegenden Attikageschoße. Im Vergleich zum Vorgängerbau überwiegt der Eindruck einer geringeren Ausnützung des Bauplatzes, wenn auch die Baulinie ident verläuft, so ließen ihn die erkerartigen Auskragungen wuchtig und gedrungen erscheinen. Die einst zur Sicherung der Baugrube errichtete Schlitzwand wurde für den neuen Stahlbetonbau verwendet. Flachdecken sind ohne Unterzüge ausgeführt, die Elemente zur vertikalen und horizontalen Lastab­tragung sind aus Stahlbeton. 

Perfekte Details

Den nötigen Schallschutz gewährleistet straßenseitig eine Doppelfassade mit zweigeschoßigen Fassadenmodulen von 2,5 x 6,4 Metern, innen mit dreifach isolierverglasten Alu-Glas-Fensterkon­struktionen und einer außenliegenden paralellen Scheibe. Die Stahltragunterkonstruktionen sind an den Stahlbetonstützen und -Decken thermisch getrennt befestigt. Pfeiler und Bänder der Tragkonstruktion sind mit Edelstahlplatten verkleidet. Jedes Einzelbüro hat sein eigenes Fenster, das auch gekippt und zur Reinigung ganz geöffnet werden kann. Versetzt angeordnete vertikale und horizontale Durchströmungsöffnungen be- und entlüften den Fassadenzwischenraum, in dem auch der Sonennschutz befestigt ist. In der unteren Ebene jedes zweigeschoßigen Elements ist der öffenbare Flügel zusätzlich brandfallgesteuert, um Rauchüberschlag zu verhindern. Zwei Geschoße werden optisch zusammengezogen, die Trennung der einzelnen Ebenen ist von außen kaum wahrnehmbar. Mit dem Champagnerton der Edelstahlhülle möchte man sich auch farblich der Umgebung anpassen. Je nach Tageszeit changiert die Farbe in Ton und Helligkeit. „Perfekte Details sind uns wichtig, daher Edelstahl, das einen Alterungsprozess zeigt, ohne schäbig zu wirken“, betont Gregor Schuberth. Im Innenhof wird die Fassade mit großformatigen vorgehängten Keramikplatten verkleidet. Arkaden soll mehr Platz für Fußgeher und Radfahrer schaffen. Auch die Gebäudeecken wurden in Anlehnung an die Platzgestaltungen des 19. Jahrhunderts abgeschrägt, hier läuft die Fassadengliederung im Gegensatz zu den Längsseiten bis nach oben in einem dreigeschoßigen Doppelmotiv durch. Die Hülle zeigt sich generell als glatte spiegelnde Fläche. Erst wenn man im rechten Winkel davor steht, geht der Blick in die Tiefe und die konstruktionsbedingten Pfeiler werden sichtbar. Um die Idee der Spiegelungen und der Offenheit umzusetzen, wird eisenoxydarmes Weißglas verwendet. Die Edelstahlverkleidung zieht sich bis in die Laibung hinein und erhält abends mit entsprechender Beleuchtung auch eine gewisse Tiefe. 

Hohe Nutzungsflexibilität

Gewonnen hat dieser Entwurf – wie Johanna Schuberth meint – nicht zuletzt durch seine Einfachheit: Es gibt den Innenhof, zwei Stiegenhauskerne, die auch als druckbelüftete Fluchstiegenhäuser dienen, und vier Lifte, deren Foyers Schleusen zu den rundherum angeordneten Büros und Zugang zu den Sanitärbereichen bilden. Im Erdgeschoß befinden sich Cafeteria und Kundenzentrum, im Mezzanin bietet ein Vortragssaal auch Raum für Veranstaltungen. An der Ecke Stadiongasse gelangt man zum Eingang einer unterirdischen Billa-Filiale. Das durchgesteckte großzügige, zweigeschoßige zentrale Foyer ist zum Innenhof hin mit einem Glasdach versehen, das den Raum auch von oben mit Tageslicht versorgt. Die vordere Hüfte ist in allen Geschoßen für Zellenbüros abgeteilt, der innenliegende Bereich kann flexibel genutzt werden. Eine hohe Nutzungsflexibilität bei gleicher Raumqualität sicherzustellen war von Anfang ein Hauptziel. Über die Zwischendecke erfolgt die Zu- und Abluft, die Konditionierung der Räume über gelochte Heiz-Kühl-Decken. 
Steht man vor dem Bau, verselbstständigt sich der Knick in der Fassade und scheint den Gebäudeumriss in Bewegung zu setzen. Mit seiner ausgeklügelten, dynamisch geknickten Hülle und eleganten geschoßübergreifenden Fassadengestaltung steht der im Vergleich zu seinen Nachbarn mit einer Fläche von 30 x 60 Metern eher klein dimensionierte Bau im dezenten Dialog mit dem umgebenden Bestand. Es gelingt ein ausgewogenes Gesamterscheinunsgbild ohne marktschreierisches Getue, das sich bei aller Bescheidenheit durchaus vor allem auch städtebaulich zu behaupten und in die historische Stadtgestalt einzugliedern weiß. Zurückhaltend und dennoch selbstbewusst, wird das Gebäude mit seiner zeitgenössischen Formensprache, die in ihrer filigranen Feingliedrigkeit an gelungene Bauten der 1950er-Jahre denken lässt, zum deutlichen zeitgenössischen Statement für ein gefühlvolles und wohlüberlegtes Bauen im Bestand. 

 


 

PROJEKTDATEN

Buwog Kunden- und Verwaltungszentrum

Bauherr BUWOG Rathausstraße GmbH
Architektur ARGE Schuberth und Schuberth/Stadler Prenn/Ostertag
Interior-Planung Atelier Heiss ZT-GmbH
Statik/Tragewerkplanung/Bauphysik Gmeiner & Haferl Zivilingenieure ZT GmbH
Fassadenplanung AFC Aluminium Fassaden Consulting GmbH
Lichtplanung Podgorschek & Podgorschek Lighting Design OEG
Techn. Gebäudeausrüstung TA TB Ing. Heiling GesmbH
Rückbaukonzept Architekt Thomas Matthias ROMM ZT
Freianlagengestaltung Lindle + Bukor atelier für landschaft
ÖBA Unterirdischer Abbruch & Neubau Conspeed Bamanagement GmbH
Generalunternehmer STRABAG AG (Direktion AR)
Abbruch / Rückbau Prajo & Co GmbH
Fenster- und Fassadenbau Strabag Bau GmbH (Dir AO) "Metallica"
Wettbewerb 08-11 2013
Planungszeit 2014-2018
Baubeginn 04/2018
Fertigstellung 04/2020
BGF oberirdisch 12.000 m2
BGF gesamt 21.900 m2
Bebaute Fläche 1.743 m2
Nutzfläche Büro 8.800 m2 oberirdisch
Nutzfläche Gewerbe 1.220 m2 unterirdisch

 

ARCHITEKTEN

Die Geschwister Johanna und Gregor Schuberth von SCHUBERTH UND SCHUBERTH planen und entwerfen in unterschiedlichen Bereichen der Gestaltung. Das Tätigkeitsfeld reicht von innerstädtischen Würstelständen („Bitzinger“, „Das goldene Würstel“), Büro- und Wohngebäuden zur Ausstellungs­gestaltung und eigenen künstlerischen Projekten (Ausstellung O&O Depot Berlin, 2017). Derzeit sind im jüdischen Museum zwei aktuell gestaltete Ausstellungen zu sehen: „Die Ephrussis. Eine Zeitreise“ und „Lady Bluetooth. Hedy Lamarr“.

www.schuberthundschuberth.at

Das Büro STADLER PRENN ARCHITEKTEN wurde 2005 von Thomas Stadler und Martin Prenn in Berlin gegründet. Nach dem Erfolg der Rathausstraße 1 in Wien war das Team bei zahlreichen Wettbewerben erfolgreich unterwegs. Zur Realisierung kamen in dieser Zeit Projekte im Bereich Wohnungs- und Bildungsbau sowie Ausstellungsarchitektur.

www.stadlerprenn.com

ostertag ARCHITECTS wurde im Jahr 2000 von Markus Ostertag in Wien gegründet. Das breite Spektrum der Bauaufträge umfasst die Planung von Wohn-, Büro- und Gewerbebauten öffentlicher und privater Auftraggeber ebenso wie Kultur- und Bildungsbauten und Verkehrsprojekte. 

www.ostertagarchitekten.at

 

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