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C. Vezzoni et Associés: Die Vielschichtigkeit nachhaltiger Architektur

07.02.2011

Corinne Vezzoni und Pascal Laporte setzen sich seit der Gründung ihres Büros intensiv mit den Grundlagen des nachhaltigen Bauens auseinander. Seit Beginn ihrer Arbeit fordern sie, dass der Entwurf eines nachhaltigen ­Gebäudes nicht auf Kosten der Architektur gehen darf, was sie auch konsequent in ihren Bauwerken umsetzen. Im Mittelmeerraum verwurzelt, sind sie stets auf der Suche nach einer Nachhaltigkeit, die den topografischen, klimatischen und kulturellen Gegebenheiten in Südfrankreich gerecht werden kann.

Michael Koller im Gespräch mit Corinne Vezzoni und Pascal Laporte

C. Vezzoni et Associés: "Paradoxerweise spricht man in der Architektur immer von der Form, ­obwohl es hauptsächlich um ihre ­Tiefgründigkeit geht."

Ihr habt 1999 zusammen euer Büro C. Vezzoni et Associés in Marseille gegründet, kommt aber eigentlich aus zwei sehr unterschiedlichen Kulturen.
Laporte: Corinne ist in Casablanca geboren und repräsentiert eigentlich den Mittelmeerraum, während ich aus Paris kommend eher die Kultur des Nordens in unsere Arbeit einbringe. Wir haben uns am Ende unseres Architekturstudiums in Marseille kennengelernt und damals zusammen zu arbeiten begonnen.

Ihr habt beide aber nicht nur eine Architekturausbildung hinter euch?
Laporte: Corinne hat im Anschluss an das Architekturstudium noch eine Spezialisierung im Städtebau gemacht. Ich hatte schon vor dem Architekturstudium eine Ausbildung zum Bildhauer an einer Kunsthochschule in Paris gemacht. Durch das Bildhauerstudium wurde mir eigentlich bewusst, wie wichtig es in der Architektur ist, den Dingen auf den Grund zu gehen und unterschiedliche Disziplinen zu kennen, um komplementäre und differenzierte Visionen entwickeln zu können.

Warum bist du dann von der Bildhauerei zur Architektur gewechselt?
Laporte: Im Leben gibt es immer wieder diese Kreuzungspunkte, an denen man sich entscheiden muss, in welche Richtung man sich weiterentwickeln will. Ich bin während meiner Bildhauerausbildung auf einen Architekten gestoßen, der mich zur Architektur brachte. Das hat mich begeistert, weil das Fach interessant und komplex ist und sich Architektur um den Kontext, den Inhalt und die Dauerhaftigkeit dreht. Paradoxerweise spricht man in der Architektur immer von der Form, obwohl es hauptsächlich um ihre Tiefgründigkeit geht. Der Architekt produziert für die Gesellschaft, die ein Bauwerk in Auftrag gibt, gewissermaßen ein Bild von sich selbst. So sind die Architekturstile immer ein Spiegel ihrer Zeit.

Diese vielfältigen Arbeitsbereiche des Architekten findet man auch in euren Projekten wieder.
Laporte: Unsere Arbeit lässt sich in vier Bereiche unterteilen: die Planung von öffentlichen und kulturellen Bauten, die künstlerisch-technische Gestaltung von Infrastruktureinrichtungen wie den neuen Straßenbahnlinien bzw. der Planung der P&R-Station La Fourragere in Marseille, die Realisierung von Einfamilienhäusern und nicht zuletzt der Bau von nachhaltigen Schulen, die den Anforderungen der HQE-Zertifizierung (Haute Qualité Environnementale) entsprechen.

Ihr habt viele öffentliche Bauten realisiert und nehmt häufig an Wettbewerben für Schulen, Archive, Universitäten und dergleichen Teil. Die meisten Architekturbüros beginnen dagegen mit Einfamilienhäusern.
Laporte: Wir hatten die Möglichkeit, unter der Regie eines dritten Architekten am Wettbewerb für zwei öffentliche Gebäude teilzunehmen und gewannen dann auch. Das war für uns natürlich sehr motivierend, in dem Bereich weiterzumachen. Bis heute liegt unsere Hauptaktivität in der Teilnahme an öffentlichen, regionalen oder nationalen Wettbewerben. Im Grunde sind wir eine private Firma, die fast ausschließlich für die öffentliche Hand arbeitet. Das führt sicherlich zu einer ganz speziellen Arbeitsethik. Das Schwierigste ist, dem roten Faden, der sich vom ersten Konzept bis zur Übergabe des fertigen Gebäudes spannt, über diesen langen Planungszeitraum treu zu bleiben und auch zu verteidigen.

In letzter Zeit habt ihr aber auch begonnen, Villen zu entwerfen.
Laporte:
Diese Villen erlauben unserem Büro, unsere Architektursprache in einer unkomplizierten Art und Weise zu kommunizieren. Öffentliche Projekte interessieren die Bevölkerung relativ wenig. Jeder Mensch beschäftigt sich aber zu einem bestimmten Zeitpunkt seines Lebens mit einem Einfamilienhaus. Das bedeutet nicht nur einen sicheren Markt für Architekten, sondern auch, dass dieser Gebäudetyp als Visitenkarte der Architektur eines Büros fungieren kann.
Vezzoni: Ich bin außerdem überzeugt, dass man bereits einen gewissen Ruf haben muss, damit sich private Auftraggeber mit anderen Projekten an einen wenden. Wir haben bereits gebaut, und unsere Arbeit wurde vielfach anerkannt. Der Bauherr kann sich also ein ziemlich gutes Bild davon machen, was er von uns erwarten kann.

Im Bereich des nachhaltigen Bauens habt ihr immer eine spezifische Gesetzgebung gefordert, die auf die außergewöhnlichen Rahmenbedingungen des Mittelmeerraumes eingeht.
Laporte: In der Tat ist es so, dass wir gerade eine Schule, ein Lycée, nach den regionalen Empfehlungen des BDM (Bâtiment Durable Meditterranéen) planen. Das Gebäude wird mit dem deutschen Passivhausstandard vergleichbar sein.

Es gibt für euch also so etwas wie eine typische Mittelmeerarchitektur. Wodurch ist diese gekennzeichnet?
Vezzoni: Fast alle Städte an der Mittelmeerküste sind auf mehr oder weniger steil ins Wasser abfallenden Hügeln gebaut. Das heißt, es gibt immer ein wichtiges und prägendes Relief, das in den meisten Fällen zu einer linearen, entlang der Küstenlinie verlaufenden Stadtentwicklung führt. Das ist eines der Hauptmerkmale in der mediterranen Architektur. Die meisten der zentral organisierten städtebaulichen Konzepte funktionieren hier nicht. Durch diese topografische Situation orientieren sich die Küstenstädte zum Meer hin und betrachten immer den Horizont. Die Städte bestehen nur zur Hälfte aus einer städtischen Struktur, weil die zweite Hälfte das Meer selbst ist.

Und das beeinflusst wiederum die Architektur?
Vezzoni: Die Haltung gegenüber dem Ort, der Landschaft und die Positionierung des Gebäudes verändern sich dadurch. Marseille ist eine Stadt der Horizonte, während Paris eine Stadt der Perspektiven ist. Marseille besitzt so wie viele andere Mittelmeerstädte verschiedenste städtische Balkone, die sich zum Horizont hin öffnen und nicht gegenüber einem anderen Stadtteil. Man betrachtet gewissermaßen die Unendlichkeit, das Nichts.

Was heißt das konkret für eure Gebäude?
Vezzoni: Unsere Projekte in der Region sind immer am Hang gelegen und spielen mit dieser Qualität der Ausblicke. Wir versuchen, den Horizont zu verstärken, ihn in Szene zu setzten und unsere Gebäude zum Horizont hin zu öffnen. Es ist also eine Frage der Öffnung und nicht der Schließung des Gebäudes.

Schon Le Corbusier sprach von der Einzigartigkeit des Sonnenlichts im Mittelmeerraum.
Vezzoni: Der Umgang mit dem Sonnenlicht muss in den hiesigen Regionen ein völlig anderer sein als zum Beispiel der in Deutschland. Das zeigt schon die traditionelle Architektur. Die Intensität und Härte des Lichts erlaubt es, ganz gezielt damit zu arbeiten. Wie fängt man das Licht ein? Wie schützt man sich vor der Sonne? Wie lenkt man das Sonnenlicht im Gebäude, wie kann man es kanalisieren und filtern? Wie können die Orientierung, die Masse und die Haut des Bauwerks selbst den nötigen Sonnenschutz bilden? Das sind Fragen, die das Konzept des Entwurfs stark beeinflussen und automatisch zu einer spezifischen Mittelmeerarchitektur führen. Mit dem Entwurf und der Architektursprache auf den Ort zu reagieren ist für mich das essenzielle der HQE. Die thermischen Anforderungen lassen sich immer erfüllen.

Was ist für dich das wichtigste Element der HQE?
Vezzoni: Für mich ist es nicht nur eine simple Frage von Kriterien, sondern zuallererst eine Positionierung und grundsätzliche Haltung gegenüber dem Ort selbst. Das ist die essenzielle Arbeit eines Architekten. Welche Spuren der Vergangenheit existieren vor Ort? Welche Hinweise und Elemente verleihen dem Ort seine Eigenart? Die Vergangenheit erlaubt uns zu verstehen, warum die Menschen sich an einem Ort niedergelassen haben und ihre Häuser in einer ganz spezifischen Art und Weise gebaut haben. Ich bin überzeugt, dass wir dieses kulturelle Erbe ganz tief in uns mittragen und dass genau das die Differenz ausmacht. Ich glaube, dass wir diese Geschichte gerade im Mittelmeerraum nicht vergessen dürfen und sie auch kultivieren sollten, da wir sonst den Raum uniformisieren und völlig austauschbare Architektur produzieren, die nicht nur eine ästhetische, sondern auch eine funktionelle Katastrophe darstellt.

Das könnte nun als sehr konservativer Diskurs interpretiert werden.
Vezzoni: Ganz im Gegenteil, wir vertreten auf jeden Fall eine zeitgenössische Architektursprache. Die Räume und Orte, an denen wir bauen, haben sich grundlegend verändert, genauso wie die persönlichen Bedürfnisse der Menschen. Damit verändern sich auch die Anforderungen an ein Gebäude bezüglich des Lichts, der Ventilation, des Komforts allgemein.

Die essenzielle Frage für euch ist also, wie ihr traditionelle Bauweisen in zeitgenössische Architektur und Konstruktionsmethoden übersetzen könnt?
Vezzoni: Genau. Im Gegensatz zur nordeuropäischen Architektur, die meist von einer Leichtigkeit und maximalen Transparenz der Fassade gekennzeichnet ist, arbeiten wir mit der Masse eines Gebäudes und schweren Baustoffen, selten mit Stahl, da das kein Material des südlichen Klimas ist. Wir arbeiten vor allem mit der Dicke, dem Gewicht und Dichte der Gebäudehülle und eben nicht mit der Dünnheit. Das sind Elemente, denen wir sehr stark verbunden sind.

Ihr arbeitet sehr viel in suburbanen Gebieten, also genau in den Zonen, die sich heute am stärksten verändern und denen es meist an jeglicher Identität fehlt. Wie geht ihr damit um?
Vezzoni: Viele der Schulen oder Universitäten werden in solchen Gebieten gebaut. Für uns gibt es zwei Möglichkeiten, wie man sich dem Ort gegenüber positionieren kann: Wenn der Ort selbst schon sehr gebrechlich ist, sowohl was sein natürliches als auch bereits bebautes Umfeld angeht, versuchen wir ihn aufzuwerten und zu verstärken, indem wir uns mit unserem Entwurf zurücknehmen. Wenn allerdings der Charakter und die Bebauung des Ortes stark genug sind, provozieren wir mit unserer Architektur schon einmal. Das ist ein entscheidender Entwurfsfaktor: Zu wissen, wann man sich gegenüber dem Ort hervortut oder zurücknimmt. Das bezieht sich natürlich nicht nur auf städtische Randzonen, sondern auch auf Bauplätze innerhalb der Stadt, so wie wir das bei den Archives et bibliothèque départementales des Bouches-du-Rhône in Marseille gemacht haben. Wir haben die Möglichkeit, an die maximale Gebäudehöhe zu gehen, ausgeschöpft, um eben dem Bauwerk eine klare Präsenz und Silhouette im urbanen Kontext zu verleihen.

Seht ihr euch selbst als Architekten, die eine typisch mediterrane Architektur entwerfen, oder spielt die Frage für euch keine Rolle?
Vezzoni: Natürlich ist das eine zentrale Frage in unserer Arbeit und unseren Projekten. Wir sind dieser Frage zutiefst verbunden. Ich bin überzeugt, dass unsere Herangehensweise an einen Entwurf ganz tief in der Mittelmeerkultur verwurzelt ist. So auch die räumliche Gestaltung und Entwicklung von Gebäuden, die man sukzessive und Schritt für Schritt entdeckt. Das Entwerfen von Filtern, die konstruktiv und materiell sehr leicht sein können, und das Arbeiten mit unterschiedlichen farblichen Tonalitäten und Graden von Licht und Schatten sind essenzielle Gestaltungselemente in der Architektur des Mittelmeerraumes. Die Konstruktion eines räumlichen Mysteriums und einer Dramaturgie, das heißt, dass sich ein Gebäude nicht gleich beim ersten Anblick völlig offenlegt – das ist ein ganz typisches Merkmal der Mittelmeerarchitektur, aber auch unserer Entwürfe.

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