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Caramel: Süße Erfolgsquote im Serviettenformat

21.11.2003

Günther Katherl, Martin Haller und Ulrich Aspetsberger von caramel setzen auf Wettbewerbe. Seit der Bürogründung 2001 können sie mit einer stolzen Liste an preisgekrönten Wettbewerbsteilnahmen aufwarten. Wettbewerbe sind nicht von Natur aus die Garantie für Erfolg: Immer weniger Verfahren, viele Teilnehmer, organisatorisch erschwerte Abläufe kennt man zur Genüge – doch davon lassen sich caramel nicht abschrecken, und ihre Erfolgsquote gibt ihnen Recht. Mit viel Lust, Effektivität und Strategie werden die Projekte abgehandelt – glatt und nicht mit einer schweren, zähen Süße (caramel). Und jetzt muss auch gebaut werden, was nicht wenig ist. Mit FORUM sprachen sie über – logisch – Wettbewerbsverfahren, die Kunst, die richtigen Fragen zu stellen, und die Etabliertheit als junge Architekten.

Manuela Hötzl im Gespräch mit caramel

Caramel: „Das wesentliche bei einem Wettbewerb ist eine gute Jury, die sich auf die dargebotenen Ideen, auf die tatsächliche Sache konzentriert und nicht von anderen Eventualitäten beeinflusst ist, andere Denkansätze zulässt – und eine ganz konkrete und prägnante Ausschreibung.“

Ihr habt gleich zu Beginn eurer Laufbahn zwei Wettbewerbe gewonnen: Was ist aus den ersten Preisen „Glasbau Seele“ und „Botanischer Garten 1998“ geworden?
Es wurden jeweils andere Projekte gebaut. Die Firma Seele hat zwar den Wettbewerb mit viel Aufwand inszeniert, aber als wir nach einem halben Jahr nachgefragt haben, kam die Antwort: „Was wollt ihr denn, ihr seid doch ohnehin in jeder Zeitung auf dem Titelbild!“. Also war klar, dass der Wettbewerb eine reine PR-Sache war – und zwar nicht nur für uns. Beim Projekt „Botanischer Garten“ entschied die Jury nicht im Sinne der Bauherrschaft. Zusätzlich wurde das Budget am Tag nach der Jury um die Hälfte gekürzt: Was dieses Projekt – und wahrscheinlich auch viele andere – unmöglich gemacht hat.

Ich gebe zu, dass meine erste Frage etwas hinterhältig war. Natürlich werden dauernd Wettbewerbe gewonnen und dann doch nicht realisiert, oder sie scheitern am Verfahren, den Bauherren, dem Budget. Die Frage ist vielmehr: Warum investiert ihr trotz dieser anfänglichen Erfahrungen so viel Energie wie kein anderes Büro in Wettbewerbe?
Wir haben sicher im Laufe der Zeit viele negative Erfahrungen gemacht, auch mit der Stadt Wien – vor allem mit der Bibliothek am Gürtel, die kürzlich fertiggestellt wurde. Über diesen Bau, das gebe ich zu, ärgere ich mich jeden Tag, wenn ich daran vorbeifahre. Ich denke mir immer: Eigentlich wäre das unser Haus. Aber wir haben schon immer auf Wettbewerbe gesetzt. Das interessiert uns, und das wollen wir machen. Als junge Architekten sahen wir darin die einzige Chance, zu einem größeren Auftrag zu kommen.

Wann hattet ihr euren ersten wirklichen Erfolg, also erster Preis und Bauen?
Das war eigentlich der Neubau für die MA 48, der einer der ersten gewonnenen Wettbewerbe war. Es hat aber sehr lange gedauert, bis wir zur Realisierung kamen. Inzwischen haben wir mehrere Wettbewerbe gewonnen, immer schneller hintereinander – und nichts ist passiert. Plötzlich wollten dann doch alle bauen, und es sah kurz so aus, als ob wir 2003 gleichzeitig mit der Realisierung von fünf größeren Wettbewerbsprojekten beginnen sollten – aber Verzögerungen gibt es immer wieder. Also beginnen wir dieses Jahr mit zwei, ein, zwei weitere folgen vielleicht nächstes Jahr. Aber wir sind durch eine harte Schule gegangen und vor allem immer noch etwas erstaunt, dass man uns wirklich überhaupt bauen lässt.

Und habt ihr euch die Erfolgsquote ausgerechnet?
Da gibt es keine Statistiken …

Ungefähr?
Natürlich waren es oft keine ersten Preise. Momentan haben wir gerade die Zweiter-Platz-Phase – was meistens ohnehin ehrenhafter ist und bequemer sowieso!

Inflationär ist die Lage trotzdem?
Ja, sicher. Aber damit haben wir überhaupt kein Problem. Wir sehen es als Teil unseres Jobs, Studien und Projekte zu machen mit dem Bewusstsein, dass nicht alles realisiert wird. Seit wir etwas größer geworden sind und uns empfohlen wurde, eine Art Controlling einzuführen, haben wir festgestellt, dass wir bei den Wettbewerben gar nicht so schlecht abschneiden – auch finanziell. Genau genommen sind Wettbewerbe das einzige, was sich zurzeit bei uns halbwegs rechnet!

Also seid ihr jung und etabliert. Wie fühlt man sich?
Was, wir sind etabliert?

Sagen wir so: Hat sich euer Erfolg nicht schon herumgesprochen?
In Wien sicher nicht – kein Mensch interessiert sich hierfür In Wien sicher nicht – kein Mensch interessiert sich hier für uns: Mit einer Ausnahme wurden wir noch nie zu einem Wettbewerb eingeladen. Andere Büros, die in unserer Situation sind, machen nur geladene Wettbewerbe, und wir, obwohl wir es genau über diese Wettbewerbsschiene geschafft haben, ein Büro aufzubauen, ein Büro, das bewiesen hat, dass es im Wettbewerbswesen stark ist – genau wir werden nie irgendwo berücksichtigt. Weder bei Ladungen noch in Jurys. Die Kammer bekundet sowieso überhaupt kein Interesse an uns – eher im Gegenteil. Wahrscheinlich, weil wir irgendwann einmal Kammerflüchtlinge waren.

Das sind andere auch. Vielleicht seid ihr zu vielfältig?
Jedenfalls ist es ein gutes Gefühl, dass speziell die ganz großen Projekte, die wir gewonnen haben, immer offene Wettbewerbe waren – das ist eine ganz besondere Herausforderung und eben ein gutes Gefühl, vielleicht doch ein besseres Projekt als alle Konkurrenten entwickelt zu haben. Wir setzen nicht auf kleine Projekte, die dann irgendwann einmal zu einem geladenen Wettbewerb führen. Wir wollen auch nicht ständig bei der Stadt Wien als Bittsteller daherkommen – unsere Technik ist eine andere.

Wie wickelt ihr eure Wettbewerbe ab?
Wir machen die Wettbewerbe sehr schnell, zumindest das, was wir zu Papier bringen. 95 Prozent der Zeit verwenden wir dafür, selbst die Fragen zu formulieren, da die meisten Ausschreibungen zu kompliziert sind und sich nicht auf das Wesentliche beschränken. Wenn wir diese Fragen haben, sind wir in der Lage, auch eine Lösung zu finden, die dann relativ rasch umgesetzt wird. Die Idee muss so einfach wie möglich sein und auf eine Serviette passen – sie sollte einfach wirtshauskompatibel sein!

Ihr arbeitet auch schon im Wettbewerbsstadium mit Konsulenten zusammen. Was bedeutet das für diese Fachleute?
In dem Moment, wo Fachleute uns bei einem Wettbewerb helfen, sind sie leider meistens auch draußen, weil sie im schlimmsten Fall sogar vom nachfolgenden Verhandlungsverfahren ausgeschlossen bleiben. In dieser Situation wird es schwierig, Konsulenten immer wieder zu motivieren, im Teamwork ein Konzept auf die Beine zu stellen, von dem im Erfolgsfall höchstens einer, und zwar der Architekt, profitiert.

Wie würde eurer Meinung nach ein Wettbewerb ideal ablaufen?
Wir haben natürlich bei weitem nicht nur schlechte Erfahrungen gemacht. Das Wesentliche bei einem Wettbewerb ist eine gute Jury, die sich auf die dargebotenen Ideen, auf die tatsächliche Sache konzentriert und nicht von anderen Eventualitäten beeinflusst ist, andere Denkansätze zulässt – und eine ganz konkrete und prägnante Ausschreibung. Eine gute Wettbewerbsausschreibung passt auf vier Seiten, zusätzlich Raumprogramm. Dazu bedarf es allerdings einer perfekten Wettbewerbsvorbereitung, und genau daran mangelt es in den meisten Fällen.

Stellen die öffentlichen Stellen bei der Ausschreibung und Abwicklung von Wettbewerben eine Vorbildrolle dar?
Sehr verschieden. Die Stadt Wien macht es hauptsächlich so, dass sie vor allem extrem bürokratisch vorgeht. Der Papierkrieg verschlingt oft mehr Zeit als der eigentliche Wettbewerb. Diesbezüglicher Spitzenreiter war wohl das Verfahren zum Stadionumbau: Eine ordnungsgemäße Bewerbung zu diesem Wettbewerb hat sicher mehrere Tage in Anspruch genommen. Viel lieber würden wir uns, statt der vielen sinnlos vergeudeten Stunden, auf das konzentrieren, worum es wirklich gehen sollte: den eigentlichen Entwurf.

Die Stadt Wien hat voller Stolz kürzlich ihre Wettbewerbs-Richtlinien vorgestellt, hält sich aber selbst nicht daran …
Wir haben versucht, bei dieser Broschüre mitzuarbeiten, aber es war nicht erwünscht. Aber schon am Tag nach der Präsentation, wurde bei Wien-Mitte das, was sie sich die Stadt Wien selbst vorgeschrieben hatte, nicht eingehalten.

Das wäre doch eine Aufgabe für dich als Sprecher der Wettbewerbsgruppe der IG-Architektur?
Ich fürchte, diese Bezeichnung ist leider nicht mehr ganz aktuell: Es ist nie wirklich gelungen, eine schlagkräftige Truppe für den Bereich Wettbewerbe auf die Beine zu stellen. Und wo es keine Gruppe gibt, braucht es auch eigentlich auch keinen Sprecher! Was ich persönlich bei diesem spannenden Themenbereich schade finde.

Ihr glaubt also immer noch an die Qualitätssicherung durch Wettbewerbsverfahren? Aber, aus eigener Erfahrung: Nicht immer gewinnt der Beste!
Außer uns!

Gehört ihr also auch zu den Architekten, die ihr eigenes Projekt immer für das beste halten?
Nein, sicher nicht. Wir spielen nach den Spielregeln. Man stellt fast immer fest, dass es auch andere und vor allem bessere Ansätze gibt. Ernüchternd ist es nur, wenn man nach einem Wettbewerb erkennt, dass keiner zu einer Lösung gekommen ist. Eigentlich ist es erfreulich, wenn er so ausgeht, dass man sagen kann: Der erste Preis überzeugt. Auch wenn es nicht das eigene Projekt ist, glaubt man dann wieder an dieses Verfahren.

Also seid ihr auch gute Verlierer?
Na ja, und schon sind wir wieder bei dem Wettbewerb zur Hauptbibliothek am Gürtel: Wir hätten gute Gründe gehabt, an die Öffentlichkeit zu gehen, weil wir als Zweitplatzierte genau wussten, was dort abgelaufen ist. Wir haben es nicht gemacht, da wir sonst als schlechte Verlierer gegolten hätten. Gerade als Zweiter muss man die Entscheidung akzeptieren, auch wenn man es, wie in diesem Fall, nicht einsieht. Grundsätzlich muss man aber bei großen Wettbewerben damit rechnen, dass ein anderes Projekt besser als das eigene ist, und auch Juryentscheidungen akzeptieren, wie auch immer sie zustande gekommen sind.

Und wie war das in Krems? Als ihr das legendäre Telefongespräch mitgehört habt?
Das ist ein Einzelthema …

Ich glaube nicht, dass das ein Einzelthema war …
Man begibt sich auf Glatteis, wenn man unbegründet oder unbewiesen irgendwelche Gerüchte öffentlich in den Raum stellt. Und in diesem Fall ging der Schuss Richtung Vorprüfer los, und der Architekt war aus dem Schneider. Natürlich passiert es, dass bestimmte Institutionen die eigenen Leute bis zu einem gewissen Grad ins Boot holen und die anderen dann aufschreien. Idealerweise sollte aber ein Wettbewerb davon frei sein. Nachdem wir so viele Wettbewerbe machen, haben wir immer weniger das Gefühl, dass das über Seilschaften funktioniert, sondern eigentlich immer besser wird. Für uns war Krems eine Ausnahme – nichtsdestotrotz gibt es erstaunlich viele Kollegen, die nicht gewinnen und trotzdem bauen. Aber grundsätzlich bessert sich die allgemeine Lage, und das macht wieder gute Stimmung.

Welche Ansprüche stellt ihr an eure Architektur?
Schlechte Frage. Keine Ahnung. Die Ansprüche entwickeln sich je nach Projekt. Wir formulieren diese Ansprüche aber jedenfalls selbst – und nicht nach Ausschreibung. Unseren eigenen Anspruch zu finden, ist die Hauptarbeit.

Eben!
Ja schon, aber man definiert ja keinen Anspruch, das ist viel zu theoretisch. Man kommt zu einem Ergebnis, und das erfüllt die Aufgabe. Bei unseren Projekten gab es noch nie einen Erläuterungsbericht. Das Projekt muss für sich stehen. Nichts ist langweiliger, als rund um ein Projekt zu philosophieren. Man muss alles am Ergebnis sehen!

Was erwartet ihr von der Architekturpublizistik?
Dass sie alle unsere Projekte publiziert.

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