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Chistoph Luchsinger: Die Stadt als Kollektiv

28.04.2015

Bei der Podiumsdiskussion „Die Entwicklung der Stadt – Die Stadt der Entwickler?” am 18. Februar im Architekturzentrum Wien wurde eines klar: Stadtplanung ist eine stete Verhandlungssache – und in erster Linie eine Frage des politischen Willens. Mit dem städtebaulichen Vertrag und verbesserten Hochhausleitlinien hat die Stadt Wien neue Instrumente in der Hand. Was die „Sache“ nicht leichter macht: 
Der Schweizer Architekt, Städteplaner und Publizist Christoph Luchsinger – seit 2009 Professor für Städtebau und Entwerfen an der TU Wien – hat die Hochhausleitlinien für Wien erstellt. Er steht, nicht zuletzt als Schweizer, für eine neue Transparenz im Planungsprozess und propagiert Stadt als kollektive Verantwortung. Im Gespräch mit dem FORUM klärt er die Fragen des Mehrwerts, der Öffentlichkeit und die Komplexität einer (nicht) planbaren Stadt.

Manuela Hötzl im Gespräch mit Christoph Luchsinger

Sie haben mit Ihrem Team ein neues Hochhauskonzept für die Stadt Wien erstellt. Was sind dessen wesentliche Punkte?
Drei zentrale Aspekte: Erstens haben wir diesem eine städtebaulich-morphologische Gesamtbetrachtung zugrunde gelegt, die verschiedene Bereiche morphologischen Zuschnitts darlegt. Zweitens haben wir uns zu den unterschiedlichen Nutzungen von Hochhäusern, von Dienstleistung bis Wohnungen, Gedanken gemacht, um daraus spezifische Mehrwerte zu formulieren. Der dritte Punkt gilt der Frage des Planungsprozesses – von den Anfängen bis zur Realisierung. Damit diese Prozesse im Interesse und in der Einbindung der Öffentlichkeit die Qualität sicherstellen. 

Wie lässt sich Mehrwert verhandeln und einfordern?
Das ist einerseits ein juristisches Thema – wobei die rechtliche Sicherstellung mit den in Kraft tretenden städtebaulichen Verträgen in Zukunft besser funktionieren könnte. Damit ist der Stadtplanung ein Instrument gegeben, das man in solchen Fragen anwenden kann. Die Entstehung dieses Vertrags war nicht einfach, da man sehr genau definieren musste, wann etwas gefordert oder gegeben wird – ohne dass es als Zwangsverordnung erscheint. Aber das ist jetzt möglich. Wenn nun ein privater Projektwerber etwas realisieren will – nicht nur Hochhäuser – muss er dafür Sorge tragen, dass etwas für das öffentliche Interesse geleistet wird.

Wie kann man öffentlichen Mehrwert definieren? 
Situationsabhängig – diese Logik der situations- oder ortsbedingten Entscheidungen unterliegt dem gesamten Hochhauskonzept. Wir unterstreichen immer wieder: Es geht um die Interpretation verschiedener einzelner Standorte und Kontexte, natürlich im Rahmen eines übergeordneten Werks – oder einer ganzheitlichen Betrachtungsweise. Aber die konkrete Situation ist gerade bei der Mehrwertdiskussion entscheidend.

Christian Kühn bezieht sich in seinem Artikel „Tanz der Türme“ (Die Presse, 30. 01. 2015) zu den Hochhausleitlinien direkt auf das Projekt Hotel InterCont. Wie bewerten Sie das Projekt?
Wenn ich die Entwicklung aus Sicht des Hochhauskonzepts anschaue, wird man nicht darum herumkommen festzustellen, dass man dort schon sehr viel unternommen hat im Sinne eines Angebots öffentlichen Mehrwerts und der vielgestaltigen Abwicklung eines kooperativen Planungsprozesses. Jetzt kann man sich überlegen, ob das alles zu einem guten Ende geführt werden wird. Die Sommernutzung des Eislaufplatzes etwa muss wirklich öffentlich und keiner privaten Vermarktung unterworfen sein, dass dann dort ein attraktiver öffentlicher Ort entstehen kann. Von der Architektur Isay Weinfelds bin ich ohnehin überzeugt. Als Schweizer ist man spröde Architektur ja auch gewöhnt (lacht). 

Wie beurteilen Sie die Kritik an der Höhe des Hochhauses?
Natürlich ist an diesem Standort, im Ringgebiet am Glacis, die Frage der Vorbildwirkung eines Hochhauses dieser Größenordnung ein Thema. Und natürlich lässt sich über die geplante Höhe trefflich streiten. Kompositorisch gesehen, geht es unter anderem um das Verhältnis zwischen Scheibe und Turm; städtebaulich um die Konfiguration des Raumkontexts, aber auch um Fragen der Fernwirkung. Letztere sollte man entwerferisch angehen, nicht einfach aus einer einzigen fixen Perspektive.

Welchen Einfluss hat das Weltkulturerbe auf die Hochhausleitlinien?
Bei der Formulierung des Hochhauskonzepts 2014 war der Konsens aller Beteiligten, dass es nicht unsere Aufgabe sein kann, das Weltkulturerbe zu verteidigen. Das ist Thema der Unesco beziehungsweise der Icomos. Deren Aufgabe wird es sein, wenn es nötig ist, die Argumente intelligent aufzusetzen, und diese gilt es dann zu diskutieren. Wir haben festgelegt, dass in den Schutzzonen der MA 19 und natürlich in der Zone des Weltkulturerbes allerhöchste Aufmerksamkeit gefordert ist. Sichtachsen zum Beispiel müssen nach wie vor berücksichtigt und beurteilt werden. Grundsätzlich muss man bei allen Projekten eine sehr kompetente städtebauliche Argumentation bereit haben, um ein Projekt umzusetzen. Das ist unsere Logik des Ganzen. Wir setzen viel mehr auf qualitative als auf quantitative Lösungen. 

Bei der Präsentation der Hochhausleitlinien wurde auch eine möglichst späte rechtliche Sicherstellung diskutiert, um einen Dialog mit den Investoren aufrechtzuerhalten. Das Wiener Publikum argumentierte für eine möglichst frühe Sicherstellung. 
Genau das ist der Punkt. Und tatsächlich eine andere Logik. Ich bin sehr froh, dass der Gemeinderat mit großer Mehrheit unserem Vorschlag gefolgt ist und sich dazu bekennt, die Dinge wirklich auszudiskutieren und dann erst die Sicherstellung zu leisten. Und nicht umgekehrt. Das ist schon ein Paradigmenwechsel. Wir hoffen, dass das jetzt auch umgesetzt wird. 

Wann und wie kann man die Öffentlichkeit einbinden beziehungsweise muss sie informiert werden. Die Schweiz wird dahingehend immer als Vorbild genannt. Haben Sie sich als Schweizer eingebracht?
Klar versuche ich mich als Schweizer einzubringen und Planungspraxen, die in der Schweiz funktionieren und alltäglich sind, hier zu elaborieren. Ich bin mir sehr bewusst, dass da unterschiedliche Kulturen aufeinandertreffen. Aber das ist ja durchaus reizvoll, in beiderseitiger Hinsicht. Ich probiere sozusagen die Rolle eines „go-between“ aus, das gefällt mir schon sehr. Beim Hochhauskonzept baut unser Prozessdesign darauf auf, dass man von einer übergeordneten Idee bis zur Realisierung stufenweise präziser wird. Je früher die Leute eingebunden sind, desto eher ist die Öffentlichkeit auch bereit, Dinge zu akzeptieren, die möglicherweise auf den ersten Blick gewisse Nachteile für sie bringen – aber auf der anderen Seite natürlich auch Mehrwerte. Diese frühe Einbeziehung der Öffentlichkeit ist ganz wichtig für ein Projekt und die Transparenz des Prozesses. 

Das Misstrauen gegenüber privaten Investoren ist besonders groß. Kann der Prozess Vertrauen fördern? 
Unser Prozessdesgin schlägt vier Stufen der Projektentwicklung vor. Erstens die Formulierung der Projektidee. Welche Vorteile und Mehrwerte bringt das Vorhaben für die Öffentlichkeit? Und natürlich muss klar sein, dass das Projekt auch ökonomisch untermauert ist und welche groben Dimensionen damit verbunden sein sollen. Erst wenn dieses Paket – das kann relativ knapp formuliert sein – transparent dargestellt ist, lässt man sich auf das Projekt ein. Das ist aber auch der erste Moment der Information für die Öffentlichkeit. Vor allem um zu vermeiden, dass falsche Gerüchte in die Welt gesetzt werden. In der zweiten, städtebaulichen Konzeptphase geht es darum, all diese Aspekte der Einbindung, die Erschließung, die Mehrwerte zu diskutieren und zu einem Gesamtpaket zu schnüren. Am Ende dieser zweiten Phase soll eine rechtliche Sicherstellung im Sinne eines städtebaulichen Vertrags erreicht sein.

Mit Flächenwidmung?
Noch ohne Flächenwidmung. Das ist ganz wichtig und eine Neuerung. Die Flächenwidmung muss auf die gewollten Parameter des Projekts maßgeschneidert sein. Nicht umgekehrt. Denn erst in der dritten Phase – und das ist die eigentliche Projektphase im Sinne von Objektplanung – muss das Projekt in einem qualitätssichernden Verfahren, einem Konkurrenzverfahren, entschieden werden. Zur Flächenwidmung kommt es, wenn man ganz genau weiß, was man erhält, dann wird gewidmet und realisiert.

Wer kontrolliert das Verfahren?
Idealerweise – und ich hoffe, das wird sich durchsetzen – eine Begleitinstanz oder Lenkungsgruppe, sodass von Stufe zu Stufe die eingeforderten Qualitäten auch weitergetragen werden. Das passiert jetzt etwa beim Areal Nordbahnhof. Beim Otto-Wagner-Spital versuchen wir genau das. Wir schicken nicht acht Architektenteams los und sagen dann, das ist das beste Projekt, sondern entwickeln das Projekt bis zum Schluss in einem kooperativen Verfahren. Solche Prozesse müssen vermehrt gefördert werden. 

Sie unterrichten an der Technischen Universität Wien. Welche Themen stellen sich für Sie als Professor?
Hier an der TU Wien halte ich eine Vorlesung im zweiten Semester, eine im fünften Semester, und parallel dazu leite ich im fünften Semester das Städtebau-Entwurfsstudio. Das ist überhaupt die erste und einzig wirklich verpflichtende Aufgabe im größeren Maßstab, die Studierende hier an der Technischen Universität bewältigen müssen. Das ist viel zu wenig. Offen gestanden finde ich die Frage nach dem Verhältnis von Architektur und Stadt strategisch wichtig, aber inhaltlich überflüssig, weil der native Bezug zwischen Architektur und Stadt absolut unbestritten ist, ein Diktum! Er entspannt sich auch, sobald die beiden Sphären nicht als Gegenseitigkeiten gesehen werden, ganz einfach: Ein Gang durch die Räume der Stadt erklärt uns ihre Architektur. Ungefähr so sollten auch die Stadtentwicklungs- und Architekturdiskussionen in Wien hinterlegt werden, nämlich durch konkrete Erfahrungen der städtischen Qualitäten und Defizite dieser Stadt. Die Fachausbildung im Bereich Städtebau ist in Wien verloren gegangen. Ich habe es mir zur Aufgabe gemacht, diese neu aufzubauen, allerdings anders als bisher.

Wie genau muss Stadtplanung sein. 
Genauigkeit in der Stadtplanung ist eine Strategie, der ich misstraue. Ich glaube nicht, dass das durchzuhalten ist; ich bin überzeugt, dass das keinen Sinn macht. Man kann Stadt beeinflussen, aber nicht wirklich kontrollieren. Nicht der allergescheiteste Entwurf hätte die Donauplatte „gelöst“, nie und nimmer. Diese Prozesse lassen sich nur lenken, nicht festlegen. Zwar ist das Resultat aus meiner Sicht problematisch, das liegt aber vermutlich an einigen Grundentscheidungen, nicht an der Frage der städtebaulichen Methode. Aspern ist natürlich ein anderes Beispiel zum Thema „Kontrolle durch den Plan“. Dieser Plan ist dermaßen stur – was jetzt entsteht, beweist es. Es ist alles möglich, aber nichts wirklich interessant. Es gibt keine Spannung, keine Dramaturgie. Mit städtischem Raum muss man anders umgehen – vielleicht nur bestimmte Dinge kontrollieren und andere wiederum bewusst nicht. 

Wer baut die Stadt?
Der größte Investor ist immer noch die öffentliche Hand, die Stadt, die verschiedenen Bauträger, die im Besitz der Stadt sind, die ÖBB, die Asfinag, der Bund usw. Die privaten Investoren sind eher zu vernachlässigen, werden aber schnell an den Pranger gestellt. Es ist wohl eher so, dass die Stadt immer noch vom Kollektiv gebaut wird. Die Frage ist nur, wie bewusst das passiert und wie aktiv – im weitesten Sinne – die Kontrolle über diese Prozesse wahrgenommen werden. Da gibt es sicher viel Handlunsgbedarf. Nicht nur in Wien.

 


Christoph Luchsinger
Christoph Luchsinger, Univ.-Prof. Dipl.-Arch. (*1954 in Rapperswil/Schweiz)
Architekturstudium an der ETH Zürich 1973–1979, Dipl. Architekt ETH
1980–1992 Wissenschaftlicher Mitarbeiter und Dozent für Städtebaugeschichte an der ETH Zürich bei Prof. André Corboz
1990–1999 Redaktor der Zeitschrift „Werk, Bauen+Wohnen“
1998–1999 Gastdozent für Entwurf an der ETHZ
2003 Gastprofessor an der TU Ljubljana
1992–2009 Dozent an der Architekturschule der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften in Winterthur, Zentrum Urban Landscape
Seit 1991 Architekturbüro zusammen mit Max Bosshard in Luzern
Seit 2009 Professor für Städtebau und Entwerfen an der TU Wien
2010–2012 Vorstand des Instituts für Städtebau, Landschaftsarchitektur und Entwerfen
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