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Claus en Kaan: Die richtige Entscheidung

16.06.2011

Nach Jahren erfolgreicher Praxis und der Realisierung einer Vielzahl von richtungsweisenden Gebäuden weiß Kees Kaan heute, dass man gute Architektur per se nicht entwerfen kann, sondern dass es in erster Linie entscheidend ist, mit diesem Anspruch vor Augen zu arbeiten. Gute Gebäude entstehen seiner Meinung nach durch konzentriertes Arbeiten und durch das permanente Treffen von (richtigen) Entscheidungen. Ob ein Gebäude als beispielhafte Architektur bewertet wird, erweist sich später.

Michael Koller im Gespräch mit Kees Kaan

Kees Kaan: "Wir Architekten arbeiten heute in einem Planungskontext, der durch eine unsichere politische Machtbeständigkeit und der daraus ­resultierenden kurzen Entwurfszeitspannen gekennzeichnet ist."

Wenn sich die Lifttüren zu eurem Büro öffnen, fällt der erste Blick auf ein prächtiges Foto deines Segelschiffes mit seiner Bemannung. Wenn man danach die unterschiedlichen Büroräume betritt, wird die Aufmerksamkeit immer wieder auf diesen fantastischen Ausblick über die Maas und die Transportschiffe gezogen, die ununterbrochen stromauf und -abwärts fahren. Deine Verbindung zum Wasser und zu Schiffen ist offensichtlich sehr stark.
Segeln ist mein Hobby. Ich habe sehr früh zu segeln begonnen und betreibe es heute als Sport, um an Wettkämpfen teilzunehmen. Es erfordert eine enorme Konzentration, wodurch man darin völlig aufgeht. Segeln kann man natürlich nicht direkt mit meiner Arbeit als Architekt vergleichen. Das Anziehende und Interessante dabei ist allerdings, dass man es mit einer ähnlichen Komplexität zu tun hat wie bei einem Entwurf, wo es sehr viele Randbedingungen und Parameter zu bedenken gibt. Gleichzeitig schafft es eine große Distanz zu allem, was mit Architektur und Stadt zu tun hat, wodurch ich mich mental völlig von meiner täglichen Arbeit als Architekt frei machen kann.

Immer wieder Abstand zu deiner täglichen Arbeit zu bekommen ist also wichtig für dich?
Für uns beide, also auch für Felix Claus, war es immer wichtig, einen sicheren Abstand zu unserem Beruf zu wahren, um nicht einem Selbstverwirklichungsdrang zu verfallen. Ich denke, dass man durch den Abstand die generischen Qualitäten der Dinge findet. Und es hilft auch bei der Zusammenarbeit, auf der unsere Arbeitsphilosophie aufbaut. Wir haben aber nicht nur innerhalb unseres Büros das Zusammenarbeiten angestrebt, sondern auch außerhalb, was vor allem für die Arbeit des Architekten so wichtig ist. Das sind Qualitäten, die mir nun zugute kommen, vor allem bei Projekten in unterschiedlichen Planungskulturen.

Architektur war eigentlich deine zweite Wahl.
Die Berufswahl hat natürlich mit persönlichen Referenzen zu tun. Meine Referenz waren nicht große Städte, sondern die Landschaft von Zeeland, einer Region im Südwesten der Niederlande, die durch ihr ausgedehntes Delta mit Dämmen und Deichen geprägt ist. Ich war sehr früh von diesen ingenieursmäßigen Konstruktionen fasziniert und wollte bei der Konstruktion solcher Ingenieurlandschaften mitmachen. Also schon bauen, aber eher das Bauen von Infrastruktur. An der Universität fand ich die Arbeitsmethoden und die Inhalte des Architekturstudiums dann aber doch interessanter und wechselte deshalb von den Bauingenieuren zu den Architekten.

Die neueste Publikation eurer Arbeiten trägt den Titel „Der Ideale Standard”. Standard wird sehr oft negativ gesehen.
Standard sehe ich hier als Maßstab, als Richtlinie, als etwas, was bereits ein hohes qualitatives und funktionelles Niveau besitzt. Es beschreibt etwas, das so gut und universell einsetzbar ist, dass es zu einem Standard werden kann, weil es die Qualitäten besitzt, die einen Standard per se ausmachen.

Ein Beispiel?
Nehmen wir als Beispiel den Anzug: Bei der morgentlichen Auswahl der Kleidung kann man etwas anziehen, das auf eine sehr spezifische Gelegenheit zugeschnitten ist. Der Anzug hingegen ist beinahe ein Ideal, weil er bei unterschiedlichsten Gelegenheiten gleichermaßen passt: bei der täglichen Arbeit, bei repräsentativen Gelegenheiten oder beim Unterrichten. Er ist immer komplett, korrekt, schön, komfortabel und gleichzeitig aufgrund seiner Universalität ein Standard. Dadurch, dass der Anzug also an sich schon ein ideales Kleidungsstück ist, kann man beginnen, über seine Perfektionierung nachzudenken.

Und wie kann man das nun in der Architektur verstehen?
Die Erreichung eines idealen architektonischen Standards ist definitiv nicht das Motiv oder die Motivation unserer Arbeit. Das wäre eine völlige Fehlinterpretation.
Wir arbeiten heute in einem Planungskontext, der durch eine unsichere politische Machtbeständigkeit und der daraus resultierenden kurzen Entwurfszeitspannen gekennzeichnet ist. Darauf können wir entweder mit spezifischen, auf den Moment zugeschnittenen Lösungen antworten oder mit allgemeineren Antworten, also mit Gebäuden, die einen eigenständigen Charakter besitzen, die ihre Bedeutung durch ihren Gebrauch und ihrer Funktion innerhalb der Stadt erlangen. Solche Gebäude sind von den alltäglichen Unsicherheiten befreit.
Ein Gebäude kann sich unserer Meinung nach von den programmatischen Anforderungen, aus denen es ursprünglich entstanden ist, befreien und zu einer Matrize werden. „Idealer Standard“ ist also der Wert, der die konkreten und alltäglichen Anforderungen und Wünsche des Auftraggebers noch übersteigt. Man könnte auch sagen, dass sich das Gebäude vom Geist seines Schöpfers befreit.

Das Schwierigste als Entwerfer ist demnach, zwischen all den verschiedenen Möglichkeiten die richtigen Entscheidungen zu treffen.
Der Entwurfsprozess besteht im Suchen nach den allgemeinen Werten und dem Ausschließen von Willkür und persönlichen Vorlieben. Je bewusster man dieses Auswählen betreibt, desto stärker wird das Bild eines Gebäudes. Aber wie radikal man sich an die Aufgabe begibt, ist eine Entscheidung, die bei jedem Auftrag neu abgewogen werden muss. Manchmal ist auch Willkür angemessen. Jedes Projekt besitzt einige Haupt­elemente und prioritäre Aspekte, und um diese wird das Gebäude entwickelt. Das kann eine bestimmte Materialwahl sein, eine bestimmte räumliche Organisation, ein Spiel mit dem Maßstab. Diese Hauptthemen werden zur Essenz und zur treibenden Kraft des Projekts und verleihen ihm seinen Charakter. Hat man das einmal definiert, entwickelt sich das Projekt kontinuierlich weiter, ohne dass der Architekt viel daran tun muss. Die Arbeit des Architekten ist primär, Hierarchien zwischen wichtigen Elementen aufzustellen und demgemäß den Entwurf zu entwickeln.

Das heißt, je weniger Themen es gibt, desto kraftvoller wird die Ausstrahlung eines Gebäudes?
Ein Entwurf entsteht nicht von selbst. Wenn es für einen Entwurf dutzende Randbedingungen und Voraussetzungen gibt, die man versucht, alle hineinzupacken, so wie in einem Puzzle, dann kommt bei dem Entwurf nichts heraus. Das Entscheidende ist zuerst, eine Grundhaltung gegenüber der Planungsaufgabe einzunehmen.
Die Kombination zwischen der Grundhaltung des Architekten und der Wahl der prioritären Randbedingungen bringt das Projekt Schritt für Schritt voran, bis das Gebäude fertig ist. So zu arbeiten und unser Fach nicht für unseren eigenen Ruhm und unsere Glorie zu missbrauchen, sind Teil unserer persönlichen Haltung und gehören zu den wichtigsten Entscheidungen, die wir als Architekten zu treffen haben.

International hat man in den vergangenen zwei Jahrzehnten immer wieder Vergleiche mit den niederländischen Architekten gezogen. Was ist deiner Meinung nach so herausragend an ihnen?
In den Niederlanden gibt es eine lange Planungstradition, in der die Architekten sehr stark in die Entwicklung von Stadtbauplänen, von Infrastruktur-, von Landschaftsplanung etc. involviert sind. Die Kompetenzen des Architekten waren sehr gefragt, eben auch, weil Architektur als etwas gesehen wird, das für die Gesellschaft sehr wesentlich ist, und vom Staat Planung und Architektur dazu benutzt werden, um sich selbst sichtbar zu machen.

Hat es deiner Erfahrung nach Verschiebungen in den Aufgabenbereichen des Architekten gegeben?
Ich denke, dass es eine klare Verschiebung der Bedeutung der einzelnen Phasen innerhalb des Bauprozesses gibt vor allem in Richtung Entwurfsphase. Wir werden als Architekten immer mehr bei der Umsetzung von anderen Bauaufgaben, namentlich Infrastrukturprojekten, hinzugezogen und sind viel stärker im Vorfeld des eigentlichen Planungsprozesses gefragt.

Aber worin besteht da die Aufgaben des Architekten?
Einerseits kann da der Architekt als Entwickler von Initiativen und Ideen seinen Beitrag leisten. Andererseits kann er durch das Darstellen von Szenarien und Konsequenzen, sei das nun in städtebaulicher Hinsicht oder beim Bau eines Gebäudekomplexes, die Gespräche der betroffenen Planungsparteien vorantreiben und effizienter machen. Er kann durch das Erstellen von Entwicklungsmodellen das sonst nicht Greifbare sichtbar machen und die Suche nach Kompromissen zwischen den Parteien erleichtern. Gerade Stadtentwicklungsprojekte sind so komplex, dass die Planungsinstanzen und Entscheidungsträger Werkzeuge benötigen, um ihre Anliegen zu kommunizieren, und da sind Architekten sehr wichtig und können viel dazu beitragen. Das geht zum Teil so weit, dass die Darstellungen Teile der Projektverträge werden.

Auf der anderen Seite gibt es viele niederländische Architekten, die wieder stärker beim Bau selbst involviert sein wollen.
Der Architekt spielt am anderen Ende des Bauprozesses, an der Umsetzung und Ausführung, eine andere Rolle. Er ist nicht marginalisiert worden, aber seine Rolle hat sich verändert, weil sich der Bauplatz selbst zu einem Ort des Zusammensetzens von andernorts produzierten Einzelteilen entwickelt. Das heißt, der Architekt ist in der Ingenieursphase sehr wichtig, in der Vorbereitungs- und Produktionsphase, weil er vor Ort die Dinge nicht mehr verändern kann.

Worin besteht für dich der Reiz und die Motivation, auf europäischem Niveau zu arbeiten?
Unsere Arbeitshaltung ist auf die Verpflichtung unseren Arbeitgebern gegenüber und dem Engagement am Projekt aufgebaut. Wir wollen nicht, dass das etwas Abstraktes bleibt und versuchen daher immer die Projektentwicklung so genau wie nur möglich mitzuverfolgen. Das, aber auch die Projektentwicklung selbst, benötigt viel Zeit, und diese Zeit hat man bei der Arbeit in Europa noch. Zusätzlich gibt es für mich da eine kulturelle und ideologische Motivation: Wenn wir schon täglich über Europa sprechen, dann sollten wir uns auch als Europäer verhalten und versuchen, in Deutschland, Spanien, Italien etc. Projekte zu realisieren, auch um tief in diese Baukulturen einzutauchen.

Claus en Kaan ist aufgrund seiner Mitarbeiterstruktur ja schon ein europäisches Büro, wie kommt das?
Wenn man als niederländisches Büro die Möglichkeit hat im eigenen Land viel zu bauen, erfüllt man meist die Voraussetzungen, um an internationalen Wettbewerben teilzunehmen. Außerdem hat der niederländische Bauboom seit den 1990er-Jahren sehr viele internationale Architekten angezogen, die in großen Büros wie dem unsrigen gearbeitet haben und über die wir dann wieder die Kontakte ins Ausland knüpfen. Diese internationale Orientierung ist also für mich etwas sehr Normales und nichts Außergewöhnliches, vielleicht einfach auch deswegen, weil es schon immer Teil der niederländischen Kultur war. Für mich ist es auch eine logische Konsequenz der Entwicklungen und Veränderungen unserer Gesellschaft.

Ihr habt bereits eine unglaubliche Vielzahl unterschiedlichster Gebäudetypen realisiert. Welche zukünftigen Herausforderungen siehst du da noch für dich?
Programmatisch gesehen interessieren mich aufgrund ihres öffentlichen Charakters vor allem Infrastrukturprojekte wie Brücken oder Bahnhöfe, also Gebäude, in denen der öffentliche Raum Teil des Gebäudes ist. Daneben liegt mir die Arbeit auf internationalem Niveau sehr am Herzen, das ist ein Bereich, in den ich noch weiter investieren will. Das ist uns zum Teil bereits in Spanien und Frankreich geglückt, steckt aber trotzdem noch ein bisschen in den Kinderschuhen.

Willst du da eher auf architektonischem oder städtebaulichem Niveau arbeiten?
Mit El Prat in Barcelona haben wir nun ein sehr großes Städtebauprojekt, das wir gewonnen haben und an dem wir nun ­arbeiten. Ich denke, dass die Niederlande noch mehr für die Städtebauplanung bekannt sind als für die Architektur und dass es da eine echte Chance gibt, auch verstärkt im Ausland zu arbeiten.

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