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CoCo Architecture: Vom Teilen und Netzwerken

27.03.2019

Claudia Staubmann und Cédric Ramière, die Gründer des französischen Büros CoCo ­Architecture, waren Ende Februar Invited Speakers des Departure-Talk one und Gast von architektur in porgress im Architekturbüro von querkraft in der Wiener Börse. Claudia Staubmann, einst Mitglied des Wiener Architekturlabels „eisvogel“, und ihr Partner, Architekt Cédric Ramière, sind lebende Beispiele für transnationale Kooperation. Ihre Projekte realisierten sie bisher u. a. in Frankreich, Marokko und Neukaledonien. Wichtiger Aspekt von CoCos Selbstverständnis: Es gibt keine Grenzen.

Susanne Karr im Gespräch mit Claudia Staubmann und Cédric Ramière

"Wir müssen Architektur heute als kollektiven, partizipativen Prozess denken."

- Cédric Ramière

CoCos Projekte sind vielfältig und von einem modernen Architekturstil geprägt. Ihr habt Schulen und Universitäten ebenso designed wie Wohnhäuser, Logistikzentren und Gewerbebauten, habt Museen, Büros und Krankenhäuser geplant. Euer Büro ist auf drei Standorte im Süden Frankreichs aufgeteilt – wie seid Ihr zusammengekommen? Und welches Konzept steckt dahinter?
Claudia Staubmann (CS): Als wir beschlossen, unser Büro auf dem Land einzurichten, gab es in Frankreich gerade einen wahren Exodus in Richtung Stadt, noch ausgeprägter als in Österreich. Unsere Entscheidung war von den Vorarlberger Architekten beeinflusst, denn sie arbeiteten mit lokalen Materialien und lokalem Know-how, konnten aber auch außerhalb Vorarl­bergs tätig sein, weil sie die Haltung „think global, act local“ praktizierten. 
Cédric Ramière (CR): Dennoch dachten wir global, wie die Büros in der Stadt. Wir wollten uns aber auch nicht eingeengt fühlen und ausschließlich auf dem Land arbeiten. Als wir nach einigen Jahren an großen Wettbewerben teilgenommen haben, erkannten wir, dass wir eine  gewissse kritische Größe brauchten, um attraktiv zu bleiben und genügend Kompetenzen vorweisen zu können. Vor fünf Jahren wollten ­Emmanuelle Pichon and Jean-Baptiste Barbet, zwei unserer Angestellten, die viel zum Aufbau von CoCo beigetragen hatten, in die Nähe ihrer Familien und Freunde zurückziehen, wollten dabei aber weiterhin für CoCo arbeiten. So schlugen wir ihnen vor, die CoCo-Fahne in den Osten Frankreichs mitzunehmen. Mit dem dritten Partner, Pierre Enjalbal in Aveyron, hatten wir schon jahrelang kooperiert, und so beschlossen wir, die Büros zusammenzulegen und einen dezentralen Standort zu entwickeln. Jetzt sind wir in Cenac, Naucelle und Crest positioniert. Wir arbeiten als Netzwerk, teilen Projekte und Philosophie. Auch finanziell agieren wir als Einheit. Es ist eben ein Büro mit drei Standorten.

Wie arbeiten die Teams miteinander?
CS: Bei Wettbewerben arbeiten immer mindestens zwei Partner mit, die aber nicht aus demselben Bürostandort sein dürfen. Also etwa nicht Cédric mit mir gemeinsam, sondern einer von uns mit einem Partner aus Crest oder Naucelle. Die Netzwerk-Büro-Idee entspricht der Arbeitsweise der jüngeren Generation und inspiriert sich an früheren Erfahrungen, aus meiner Zeit mit den Büros eisvogel, später mit YEAN. 
CR: Unsere Erfahrungen als Erasmus-Studenten waren aufregend, dort haben wir gestartet – wir trafen interessante Architekten, es war die Zeit, als sich die Internet-Technologie entwickelte, die uns geholfen hat, Beziehungen aufrechtzuerhalten.
CS: 2000 veränderte sich extrem viel in der Architektur. Es war plötzlich leicht, sich auszutauschen, Erfahrungen zu teilen. Es war jetzt möglich, ein dezentrales Atelier, einen Thinktank, zu entwickeln. Durch eine gemeinsame Plattform konnten wir Dokumente teilen und so das Network-System und -Team schaffen. 

Kennt Ihr viele Architekturbüros, die so arbeiten wie Ihr?
CR: Wenn ich in die Stadt fahre, bin ich manchmal regelrecht geschockt, wenn ich sehe wie unflexibel manche Büros sind. Sie wollen nichts teilen und verstehen nichts vom Arbeiten in Netzwerken. Unser Arbeitsstil ist ein wirkliches Markenzeichen unseres Büros.

Euer Arbeitskonzept ist völlig anders. Viele Personen würden glauben, dass das Teilen von Ideen auf geistigen Diebstahl hinausläuft, Ihr hingegen nützt das, um konstruktiv mit anderen zusammenzuarbeiten.
CR: Ja, das ist unsere Philosophie, die sich auch im Namen zeigt. CoCo steht für Kollektiv, man spürt Kommunismus, aber auch Coco ­Chanel. Wir wollten das Büro einfach nicht nach uns selbst benennen, wir meinen, dass wir Architektur heute als kollektiven, partizipativen Prozess denken müssen.

Die Ästhetik Eurer Architektursprache zeigt sich inspiriert von lokalen Gegebenheiten, wie man beim modernen Wochenend-Holzhaus im Perigord sieht – es entlehnt Inspirationen von den typischen regionalen Tabakscheunen. 
CS: Uns ist es wichtig, das Know-how der Regionen und die traditionellen Materialien zu berücksichtigen, um ihnen ein zweites Leben zu geben. Aber wir behalten dabei im Auge, dass wir für die Zukunft arbeiten. Für eines unserer Wettbewerbssiegerprojekte, ein Gymnasium in Rabat in Marokko, haben wir eine ähnliche, natürliche Belüftungstechnik eingesetzt wie bei der Universität in Nouméa, Neukaledonien. Die Leute dort dachten zuerst, es sei absurd, keine Air Condition zu installieren – aber unser System funktionierte! In Rabat haben wir uns auf die typischen Innenhöfe der Medina, der Altstadt, bezogen. Über diese gelangt natürliches Licht und frische Luft in das Gebäudeinnere. Wir haben noch Pflanzen in die Planung integriert. Das war wichtig, weil es außerhalb des Baus keinen Platz dafür gab. Wir haben also den Garten in das Gebäude hi­neinverlegt, um die Qualität des Pausenbereichs zu garantieren. 

Welche Beziehung haben Nachhaltigkeit und Materialien in Euren Projekten?
CR: Diese Themen sind zentrale Anliegen. Materialien und Umsetzung wählen wir abhängig von Region und Situation. So haben wir auch für einen Business-Inkubator in Braud-et-St. Louis, einer kleinen Stadt mit Atomkraftwerk nahe Bordeaux, ein Passivhaus aus Holz geplant. Das Gebäude wird mit Erdwärme betrieben, hat natürliche Belüftung und Solarpaneele und wurde zu einem alternativen Statement. Für die Politiker war es wichtig, eine Balance zwischen dem Atomkraftwerk und einer ökologischen Umgebung herzustellen.

Welchen Projekten widmet Ihr Euch derzeit?
CR: Wir planen ein Gymnasium in Grenoble für 600 Schüler mit angeschlossener Turnhalle sowie eine Wohnanlage für die Lehrenden. Vor dem Gebäude wird es außerdem Restaurants geben, denn es ist eine Ganztagsschule.
CS: Vor Kurzem haben wir einen Wettbewerb für Wohnanlagen und Renovierung eines ganzen Viertels in Rodez/Aveyron gewonnen. Wir wollen dort begrünte Wohntürme errichten. Denn Lebens- und Umweltqualität sind für uns zen­tral. So wird jede Wohnung eine große Terrasse erhalten. Wir kooperieren mit einem Unternehmen, um mit Zink zu arbeiten – einem Material, das wir in dieser Gegend gerne verwenden. Und ganz in der Nähe planen wir auch die neue Bezirkshauptmannschaft. Dafür haben wir eine spezielle Gebäudehülle entwickelt, sie besteht aus Zink-Schindeln, die an Fisch-Schuppen erinnern. Hierfür wollten wir einen Rotton, der wie die eisenreiche Erde, die man in dieser Gegend vorfindet, aussieht. Diese Schindeln sollen ebenso am Dach wie an der Fassade eingesetzt werden. 
CR: Unser Projekt des Kulturzentrums bei ­Limoges wird Ende des Jahres fertig sein. Es steht auf einer Wiese, nahe am Wald und nahe des Flusses Vienne. Wir hatten die Idee, einen großen Fels an diesem Standort aufzustellen, der eigentlich ein recht urbanes Stück Natur ist. Das Dach wird aus glattem Flusskiesel gestaltet, denn der Bezug zur Landschaft soll vorrangig bleiben. Wir lassen uns hier ein wenig von der Land Art inspirieren. 

CoCo hat einen Thinktank mit 20 Beschäftigten. Welchen Einfluss haben hier andere Disziplinen?
CR: Der Thinktank besteht aus Personen mit interdisziplinärem Hintergrund, hauptsächlich mit Bezügen zu Architektur, Landschaftsarchitektur, Land Art und Design. Wir sind auch beeinflusst von Künstlern wie Lucio Fontana, Pierre Soulages, Gordon Matta Clark, Richard Long and Andy Goldsworthy. Für die Umsetzung der doch sehr unterschiedlichen Projekte benötigen wir auch unterschiedliche Kompetenzen – wie Nachhaltigkeit, Sicherheit, Barrierefreiheit usw.

Und wenn Ihr mit Designern arbeitet, übernehmt Ihr selbst dabei dennoch die Gestaltung der Innenräume?
CS: Die Gestaltung der Innenräume ist Teil des Architekturprozesses. Daher haben wir bei der Planung von Einfamilienhäusern auch das Interior Design realisiert. Für eine Filiale der französischen Postbank, ein Büro für 700 Personen, erfanden wir sogar ein neues Arbeitsplatz-Konzept. Dort ist ein großes Team von Ingenieuren an App-Entwicklungen tätig, etwa für Kreditansuchen per Smartphone. Die neue Unternehmergeneration möchte eine neuartige Innenraumgestaltung und ein gewissses Silicon Valley-Image. Sie denkt dabei an Vordilder wie Google oder Facebook mit deren Open Spaces und flexiblen Räumen.
CR: Wir haben also kleine Zellen geschaffen, von denen aus man mit Kollegen aus Büros an anderen Standorten kommunizieren kann. Beim Design haben wir uns an den Sitzplätzen in Zugabteilen inspirieren lassen.

Dieser Teil ist dann also CoCos Design.
CR: Genau, wir haben dafür Module kreiert, die man so aneinanderreihen kann, dass sie an einen Zug denken lassen. Sie haben Räder und sind leicht zu bewegen. Diese flexiblen Einzelmodule kann man dann für Einzelmeetings ebenso verwenden wie für eine Skype-Konferenz oder für Meetings mit 12–15 Personen. 
CR: Ein weiteres Projekt, dessen Innenraum wir gerade gestalten, ist ein Gourmetrestaurant in Angoulême, einer Stadt mit momentan wenig zeitgenössischer Architektur. Hinter der Baustelle liegt ein Wohngebiet, auf der anderen Seite erstreckt sich eine schöne Landschaft. Wir mussten eine Seite schließen, die andere öffnen. Das Gourmetrestaurant erhielt eine große Terrasse mit Aussicht, für das rasche Mittagessen gibt es ein Bistro. Im dunkel gestalteten Innenraum hat man eher das Gefühl, eine Felslandschaft zu durchqueren, hier gibt es viel Beton, selbst die Hülle ist dunkel. Es lässt fast an eine Grotte denken.

Welche Projekte sind Euch generell wichtig?
CR: Die Palette der Projekte, die wir planen, ist sehr weit gefasst. Darin liegt auch immer wieder aufs Neue die große Herausforderung. Wir haben keine strenge Ausrichtung auf spezielle Projekte, und es gibt keinen Bereich, von dem wir sagen könnten, er wäre unser Spezialgebiet. Wir sind einfach Spezialisten für den Prozess der Entstehung und Umsetzung von Architektur. Man könnte es so formulieren: CoCo sieht sich selbst als Katalysator des sozialen Wandels, denn wir achten auf die Umwelt und integrieren in unsere Entwürfe stets mögliche Fragen des Lebensstils. Auf diese Weise bleibt unsere Arbeit immer interessant und neu.

Könnte man sagen, Ihr startet jedes Mal aus einer neuen Position heraus?
CR: Wir haben keine Rezepte für unsere Arbeitsweise. Wenn wir ein Projekt starten, hinterfragen wir zuerst immer die Standorte und das vorliegende Programm eines Auftrags, also die Vorgaben des Bauherrn und die Grundlagen der Bauaufgabe selbst. Wir arbeiten sehr gerne mit verschiedenen Partnern, auch international – wie bereits zur Zeit von eisvogel – ebenso wie mit Landschaftsarchitekten. Wir sind überzeugt, dass Auseinandersetzung und Gespräche positive und befruchtende Elemente sind. Architektur an sich verändert sich, sie muss sich auch verändern, allein schon wegen der neuen Herausforderungen, die die wachsende Umweltproblematik  an sie stellt. 

Welches ist Euer Lieblingsprojekt?
CS: Das Pterosaurier Museum in Crayssac, Frankreich, ist uns besonders ans Herz gewachsen. Hier galt es, eine schützende Hülle für die 140 Millionen alten Fußabdrücke von Flugsauriern zu schaffen. Und es zeigt perfekt, wie Design im Prozess entsteht. Dieser Bau ist das Ergebnis von überwundenen Problemen und Herausforderungen. Die Umsetzung gelang nur durch Diskussionen und das Finden von Lösungen, obwohl wenig Geld zur Verfügung stand. 
CR: Bei Architektur geht es nicht um die eine geniale Zeichnung, die wie bei Frank Gehry als Skizze auf einer Serviette bereits genial ist. Es geht um leben, um reden, um das Interagieren mit Menschen. Es geht nicht darum, eine technische Lösung zu schaffen, sondern einen Mehrwert. Hierzu gibt es zwei Ansätze: einer ist der  skulpturale wie bei Gehry und Hadid. Und dann gibt es das funktionalistische, pragmatische datenbasierte Arbeiten. 
CS: CoCo muss beides sein, und noch mehr. Es muss aufregender sein.
 


CoCo Architecture
2005 von Claudia Staubmann und Cédric Ramière in Cenac (Dordogne) gegründet, verfügt CoCo Architecture heute über zwei weitere Bürostandorte in Naucelle (Aveyron) und Crest (Drôme). Das Team umfasst acht Architekten und zwei Assistenten für die Büroorganisation.
Das Büro versteht sich als Katalysator der sozialen Veränderung und stellt dabei den Menschen, den Respekt vor der Natur und deren Ressourcen in den Mittelpunkt.

Projekte (Auszug):
Kommunale Bibliothek, Gourdon (2007–2013); Universität von Neukaledonien (2008–2012); Mehrzweck- und Mehrgenerationen-Bau in Olemps (2012–2014); ­Zentrum für Intensivmedizin und Psychiatrie in ­Libourne (2009–2014); Krankenhaus von Rochefoucauld (2011–2014).

cocoarchitecture.fr

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