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Conrad Messner und Markus Prackwieser: Die Wohnbauprofis

28.10.2013

Vor 20 Jahren gründeten vier junge Architekten (Markus Prackwieser, Conrad Messner, Andreas Scharmer, Othmar Zobl) ein gemeinsames Büro und nannten es Architekturwerkstatt DIN A4. Aufsehen erregten sie im Jahr nach der Gründung, als sie den Wettbewerb um ein Studentenheim auf dem Areal der Innsbrucker Technik vor ihren eigenen Lehrern Josef Lackner und Volker Giencke gewannen. Das Büro, heute von Markus Prackwieser und Conrad Messner mit 18 Mitarbeitern und hohem Frauenanteil geführt, wurde ein Erfolgsmodell, das den Tiroler Wohnbau entscheidend mitgeprägt hat.

Gretl Köfler im Gespräch mit Conrad Messner und Markus Prackwieser

Sie haben Ihr Büro mit Wettbewerben aufgebaut. Wie hat sich denn das Wettbewerbswesen in den vergangenen zwanzig Jahren verändert?

Markus Prackwieser (M. P.): Angeregt durch gesetzliche Vorgaben und Förderungen finden in Kommunen inzwischen wesentlich mehr Wettbewerbe statt. Es ist ein Bewusstsein entstanden, dass dadurch qualitätsvollere Ergebnisse zu erzielen sind.
 

Haben sich die Ansprüche der Wohnbaugesellschaften auch verändert?

M. P.: Im Wohnbau haben sich die Standards und damit die Kosten nach oben verschoben. Es wird immer schwieriger, einen Wohnbau in der Wohnbauförderung unterzubringen. Kostentreiber im sozialen Wohnbau ist zum Beispiel die Stellplatzverordnung. Stellplätze verursachen 80 Prozent der Tiefgaragenkosten, die Autos werden immer größer, und man kommt mit derselben Tiefgaragengröße wie vor zehn Jahren nicht mehr aus. Das müsste bei der Wohnbauförderung berücksichtigt werden. Es fragt sich auch, ob nicht ein zentraler Aufgang aus der Tiefgarage reicht, anstatt einer für jedes Haus. Oder die Forderung, „behindertengerecht" zu sein. 100 Prozent der Wohnungen sind für Ältere oder Behinderte ausgelegt. Eine andere Strategie wäre es, vom Baubudget einen bestimmten Betrag zur Seite zu legen und im Anlassfall – Alter oder Rollstuhl – zielgerichtet zu adaptieren, anstatt nach dem Gießkannenprinzip zu arbeiten. Das gilt auch für Lifte im dreigeschoßigen Wohnbau, sie erhöhen die Betriebskosten um 30 Prozent, wer unten wohnt, will sich ja nicht beteiligen

Conrad Messner (C. M.): Wir haben 2008 einen Wettbewerb in Graz gewonnen, bei dem ein Gesamtkonzept gefordert war, auch in Hinsicht auf die Mobilität. Die Zahl der Abstellplätze und Aufgänge aus der Tiefgarage wurden reduziert, Carsharing, die Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr und Radfahren gefördert; es gibt sogar eine Fahrradwerkstatt in Geviert. Das Konzept kommt ursprünglich aus der Schweiz. Es ist in Graz auf fruchtbaren Boden gefallen. Aber Graz hat mehr Einwohner und ist ein Stück weit urbaner, daher gibt es vielleicht mehr Interesse für alternative Konzepte. Mit Konzepten dieser Art könnte man jedenfalls Baukosten reduzieren.

Die Klage über die hohen Wohnungskosten ist jetzt allgegenwärtig.

M. P.: Es wird immer von den Baukosten gesprochen, aber die machen im privaten Bereich lediglich 30 Prozent aus, die reinen Baukosten etwa betragen 1.700 Euro pro Quadratmeter, der Verkaufspreis 5.000 Euro, inklusive Steuern, Grundstückskosten, Finanzierung, Nebenkosten usw.

Gibt es Qualitätsunterschiede zwischen privatem und genossenschaftlichem Wohnbau?

M. P.: Wenn man das Highend-Segment herausnimmt, also die traumhaften Lagen in Innsbruck etwa zwischen Mühlau und Arzl, liegt die Qualität der gemeinnützigen Wohnbauträger oft etwas über jener der privaten. Die einen müssen eben Gewinne machen, die anderen nicht. Der geförderte Wohnbau hat in Tirol einen hohen Stellenwert und hohes Niveau, was auch für die Stadtplanung gilt, wenn man Vergleiche mit anderen Städten anstellt. Die Innsbrucker Architekten sind sehr privilegiert, auch wenn manche von Fall zu Fall jammern.
 

Wie hoch ist der Anteil der Finanzinvestoren bei Immobilienkäufen?

C. M.: In Innsbruck fallen oft etwa 30 Prozent der privaten Neubauten in die Kategorie der privaten Anleger. Sie kaufen von privaten Bauträgern und vermieten weiter. Diese Investitionen sind seit 2008 rasant gestiegen. Es wird auch nicht mehr in Quadratmeterpreisen gerechnet, sondern in Einzelzimmereinheiten, für eine Zimmereinheit kann man etwa 300 Euro Miete verlangen.

Was bedeutet das für die wohnungssuchenden Studenten?

C. M.: Da wird man wohl überlegen müssen, ob die sich das Wohnen überhaupt noch leisten können, wenn in einer 70 Quadratmeter-WG für drei Personen von jedem 300 Euro Kaltmiete verlangt wird. Die Studiengebühren sind im Verhältnis dazu das geringere Problem. In anderen Großstädten ist es noch dringender. Von der Privatisierung ist der gesamte Wohnungsmarkt betroffen; die hohen Standards verteuern das Wohnen. Preiswerte Wohnungen mit geringerem Standard für Leute mit geringerem Einkommen gibt es nicht mehr. Hausbesitzer lassen oftmals Häuser verfallen, bis sie abbruchreif sind, oder es wird umgenutzt und teuer renoviert.
 

Ist Innsbruck anders?

C. M.: In Innsbruck wird zum Beispiel im Vergleich zu Graz sehr viel gebaut, das hängt mit höheren Grundstückspreisen zusammen. Die Nachfrage ist höher als das Angebot, Bauen rentiert sich eben. Daher wird vorbildlich nachverdichtet, was ein guter Weg ist bei beschränktem Raum. Es wird wenige mitteleuropäische Städte geben, wo so viel in schlecht genutzten oder ungenutzten Raum investiert wurde. Und an der Peripherie gibt es keine Ausweichmöglichkeiten. Im engeren Umland ist es bei Grundstückspreisen zwischen 800 und 1.000 Euro pro Quadratmeter für einen Normalverdiener unmöglich, sich ein Haus zu bauen. Da kann man höchstens den in der Familie vorhandenen Altbestand ausbauen oder auf elterlichem Grund neu bauen.
 

Und wie steht es mit den ökologischen Anforderungen?

M. P.: Da wir bei unseren Bauten von Anfang an auf Nachhaltigkeit geachtet haben, ist das Passivhaus nur ein logischer Schritt. Alle unsere Bauvorhaben sind passivhausnahe, das heißt, sie liegen zwischen Niedrigenergiehaus und Passivhaus. Wir versuchen 95 Prozent der Anforderungen zur Energieoptimierung einzuhalten, die letzten fünf Prozent sind so teuer, dass wir sie ignorieren. Bei einem zertifizierten Passivhaus liegen die Kosten um 30 Prozent höher. Wir schauen schon, dass die Details einfacher werden. Man kann mit einigen wenigen Maßnahmen aus jedem Haus einen passivhausnahen Bau machen, und es muss dennoch keine Kiste sein. Beim neuen Bezirksgericht in Korneuburg wollte die BIG eigentlich keine Diskussion über Passivhäuser, aber über die Betriebskostenberechnungen haben wir sie überzeugt. Die Zusatzkosten waren im Verhältnis sehr gering. Im Wohnbau gehen die Kosten für Passivhausstandard immer weiter nach unten, weil vieles bereits Standard und damit billiger wird.

C. M.: Mit Intelligenz und Erfahrung kann man sich schon recht gut daran herantasten, wie man etwa mit Dämmstärken oder Lüftungsführung umgeht. Es ist eigentlich Neuland, und jeder Architekt macht seine eigenen Erfahrungen. Bei den Wohnbaugenossenschaften hat die NHT (Neue Heimat Tirol) mit dem Lodenareal schon sehr viel Erfahrung im Passivhausbau gesammelt, sowohl theoretisch als auch praktisch. Und verglichen mit den Häusern aus den Sechziger- und Siebzigerjahren braucht es heute nur mehr einen Bruchteil der Heizkosten.

Wie kommen Sie zu Einsparungspotenzialen?

C. M.: Im Planungsprozess kann man viel herausholen, vor allem in Zusammenarbeit mit den Professionisten, wenn alle an einem Strang ziehen wohlgemerkt. Wir investieren viel Know-how in Statik und Haustechnik und sind bei Wohnbauten fast immer Generalplaner. Es gibt wahrscheinlich wenige Architekturbüros, die sich im Vorfeld konzeptionell so intensiv damit auseinandersetzen. Honoriert wird das durch Bauaufträge und Zuladungen zu Wettbewerben; an einem Wettbewerbsgewinn sind aber dann schon viele Faktoren beteiligt. M. P.: Es reicht heute nicht mehr, eine gute Idee zu haben, man muss sie auch gut präsentieren können. Bei der großen Zahl der Wettbewerbsteilnehmer muss man sich kurz und präg­nant fassen und das Projekt genau auf den Punkt bringen. Das ist eigentlich fast schon eine eigene Disziplin.

Wenn man schon so lange und so erfolgreich baut, kennt man dann auch die Jurys und deren Vorgehen?

C. M.: Das haben wir auch gedacht, aber sobald man anfängt zu spekulieren, geht es schief.
 

Haben Sie schon Erfahrung mit dem neuen Gestaltungsbeirat gemacht?

M. P.: Wir haben diesem bereits ein Projekt vorgelegt, das Produktionsgebäude für die MedE1 – eine weltweit tätige Tiroler Firma. Komplexe Projekte mit vielen internen produktionstechnischen Abläufen brauchen einen langen Planungsprozess, die sind einfach für einen Wettbewerb nicht geeignet. Das kann man nicht auf Zuruf ändern. Auf der anderen Seite ist man ja dem Bauherrn verpflichtet und reizt die Grenzen aus. Wenn der ein zusätzliches Geschoß braucht, kann der Architekt schlecht sagen: Das ist für die Stadt nicht verträglich. Der Gestaltungsbeirat ist da ein wirkungsvolles Regulativ.
 

Wie funktioniert die Zusammenarbeit in Ihrem Büro?

M. P.: Das hat sich im Laufe der Zeit eingespielt: Wir teilen zwar zwischen Wohnbau für mich und Gewerbebau für meinen Partner, aber ein sehr großer Teil unserer Projekte läuft über Wettbewerbe, die wir gemeinsam machen. Danach wird die Projektbetreuung getrennt. Grundsätzlich machen wir so viel wie möglich gemeinsam. Die zweite Meinung ist uns wichtig und gibt uns eine gewisse Sicherheit, auf dem richtigen Weg zu sein.
 

Ihr Büro ist relativ schnell gewachsen. Wie kam es dazu?

M. P.: Der Sprung begann 2006 mit dem gewonnenen Wettbewerb für die Universität für Chemie, Pharmazie und theoretische Medizin in Innsbruck. Da brauchten wir auf einmal mehr Mitarbeiter. Zwei Jahre später kam dann das Justizzentrum Korneuburg dazu. Das hat uns ein großes Büro beschert, was so eigentlich nicht geplant war, uns aber jetzt für große Projekte empfiehlt. Um sich für großvolumige Bauvorhaben zu bewerben, sind ja entsprechende Referenzen erforderlich. So sind wir zuletzt in Deutschland für drei Bewerbungsverfahren und zu den daraus folgenden Wettbewerben geladen worden.
 

Bauen Sie viele Einfamilienhäuser?

C. M.: Zu Beginn, vor 20 Jahren, haben wir viel für gleichaltrige Freunde gebaut. Eine sehr gute Schule, weil man sehr kostenbewusst bauen musste. Man will seine Freunde ja behalten und sie nicht in ein finanzielles Debakel stürzen. Daher haben wir schon damals die Folgekosten im Blick gehabt – dabei haben wir Qualitäts-, Termin- und Kostenbewusstsein gelernt.

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