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Das Tagebuch des Otto Wagner

13.12.2019

Ein neues Buch gibt nun Einblick in die Gefühlswelt des großen Architekten.  Erstmals werden seine Tagebücher publiziert, die Einblicke in seine obsessive Leidenschaft für seine um 18 Jahre jüngere Frau Louise geben.

von Brigitte Groihofer

Meine angebetete Louise! –
Das Tagebuch des Architekten Otto Wagner 1915-1918
Hg: A. Nierhaus, A. Pfoser
Residenz Verlag, Salzburg 2019
ISBN: 978-370-173-4900

Um diese Ehe musste er lange kämpfen. Denn Louise Stiffel war als Kindermädchen in den Wagnerschen Haushalt gekommen. Und die sogenannte höhere Gesellschaft gutierte diese Verbindung keinesfalls. Der 26. Oktober 1915 wurde dann zum Schicksalstag für Otto Wagner. Louise starb nach 35 Ehejahren nur 56jährig an Krebs. Schon nach der Diagnose hat der Architekt ein Tagebuch zu führen begonnen das er regelmäßig mit Erinnerungen an bessere Tage und Notizen über die Gegenwart füllte.

Es war keine Beziehung auf Augenhöhe, sondern eine patriarchalische Beziehung, die wie eine Firma funktionierte. Luise diente ihm und hielt ihm den Rücken frei. Wagner betont immer wieder, dass Louise unauffällig für ihn gesorgt, ihn mit Liebe und Aufmerksamkeit umhegt hat und ihm so seine genialen architektonischen Höhenflüge ermöglichte. Diese konnten jedoch in den letzten Jahren kriegsbedingt nicht mehr umgesetzt werden und Wagner selbst blieben nach Louises Tod nur mehr zweieinhalb Jahre bis zu seinem eigenen Tod, die der damals 75-jährige fast ausschließlich dem Gedenken und der feierlichen Überhöhung seines „angebeteten Louiserls“ widmete.

Er wollte seiner unvergleichlichen Liebe ein Denkmal setzen. Der Louisenkult geriet völlig außer Rand und Band. Wagner hatte dazu reichlich Ideen, wie einen Louisenbrunnen im Garten, ein Goldfischbecken, in dem eine nackte Leda mit dem Schwan schwimmen sollte. Doch durch den kriegsbedingten Mangel an Materialien blieb es bei schriftlichen Huldigungen und einem häuslichen Andachtsraum mit einem Altar bestückt mit Fotografien und Erinnerungsstücken.

Das Tagebuch enthüllt auch die misanthropische Verzweiflung des großen Künstlers. Er glaubt sich am Höhepunkt seines Schaffens, wittert Habsburgs Sieg und Morgenluft für seine Pläne, während das Alter seinem Körper zusetzt und das Weltkriegselend auch in seinen Alltag einbricht. Krankhafter Antisemitismus, Leid und Paranoia bestimmen mehr und mehr sein Denken. Der Tod eines Patriarchen fällt zusammen mit dem Ende des Habsburgerreichs.

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