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Das ungleiche Paar

19.04.2010

Inhaltlich haben ein ägyptisches Museum und eine Hochschule für Film und Fernsehen kaum Gemeinsamkeiten. Dennoch wurden sie bei diesem Münchener Neubau in einer Baumaßnahme zusammengefasst.

Weitgehend unbemerkt von einer großen Öffentlichkeit hat sich in München im Lauf der Zeit ein Museumsquartier entwickelt, das zwar weder offiziell so heißt, noch für Touristen städtebaulich wahrnehmbar in Erscheinung tritt – und dennoch in der Weltliga der Kunstmuseen mitspielt. Den Grundstein hierfür legte Architekt Leo von Klenze mit der 1830 eröffneten Glyptothek und der Alten Pinakothek (1836). Später folgten in unmittelbarer Nähe die staatliche Antikensammlung (1848), das Lenbachhaus (1929/2012) mit Kunstbau (1994), die Neue Pinakothek (1853/1981), die Pinakothek der Moderne (2003) und zuletzt 2009 die Sammlung Brandhorst. Von der Antike bis zur Kunst des 21. Jahrhunderts gibt es kaum eine Epoche der Menschheitskultur, die sich hier nicht im Umkreis von wenigen hundert Metern erleben ließe. Doch damit sind die Entwicklungen keineswegs abgeschlossen. Zum einen existieren rund um die Pinakothek der Moderne noch immer Flächenreserven. Zum anderen wird die Kulturlandschaft mit der Eröffnung des neuen Ägyptischen Museums und der Hochschule für Film und Fernsehen (HHF) schon bald ein weiteres Mal erweitert werden.

 

Verantwortlich für die skurrile Nähe dieser Nutzungen ist freilich nicht der Wunsch nach inhaltlichen Überschneidungen als vielmehr die Absicht, mit dem Neubau auf einem ehemaligen Grundstück der Technischen Universität München die akute Raumnot gleich zweier Vorgängerstandorte zu beseitigen. Man durfte also gespannt sein, welche Ergebnisse der Anfang 2004 vom Freistaat Bayern ausgelobte Architektenwettbewerb erbringen würde. Um es vorwegzunehmen: Indem er das Ägyptische Museum vollständig unter den Vorplatz der HHF verlegte, ist es dem Kölner Architekt Peter Böhm als einzigem Preisträger gelungen, beiden Bauten zu einer jeweils ureigenen Identität jenseits der Fassadengestaltung zu verhelfen. Auf den ersten Blick scheint sich das Museum der HHF ergeben unterzuordnen. In Wirklichkeit aber liegt gerade in der unterirdischen Lösung eine einmalige Qualität. Erstens erfüllt das Museum durch den inszenierten Zugang nach unten sowie die ägyptisierende Form des mächtigen Eingangsportals die Erwartungshaltung der zukünftigen Besucher – und erinnert nebenbei an eine Ausgrabungsstätte. Und zweitens hätten die Ausstellungsräume ohnehin künstlich belichtet und klimatisiert werden müssen.

 

Zentraler Ausgangspunkt von Böhms städtebaulichen Überlegungen war die langgestreckte Alte Pinakothek mit ihren großen vorgelagerten Rasenflächen. Ihr wollte er im Süden kein kleinteiliges Ensemble aus orthogonalen oder dynamisierten Einzelbauten gegenüberstellen, sondern ein ruhiges, klar ge-gliedertes Gebäude, das mit seinen Proportionen erkennbare Bezüge herstellt und dennoch dezidiert zeitgenössisch ist – relativ unruhige Einzelbaukörper für Zusatznutzungen gibt es daher lediglich im rückwärtigen Hofbereich. Mit Blick auf Sockel- und Hauptgeschoß der Alten Pinakothek gliederte er auch den Bau der HHF in zwei unterschiedliche horizontale Bereiche. Im weitgehend geschlossenen, ein bis dreigeschoßigen Sockel befinden sich Eingangshalle mit Cafeteria, Hörsäle, Seminarräume, Kinos, Bibliothek sowie einige Filmstudios. Darüber liegt ein dreigeschoßiger, großflächig verglaster Glasbügel, in dem sich kleinere Räume für Studenten sowie Büros der Verwaltung befinden.

 

Der sandfarbene Sockel übernimmt vor allem zwei Aufgaben. Einerseits eignen sich die massiven Betonwände sehr gut, um die schalltechnisch hochempfindlichen Studios und Kinos nach außen akustisch abzuschirmen. Andererseits nehmen seine handwerklich bearbeiteten, unregelmäßigen Beton-Schüttlagen Bezug auf die wunderbaren Ziegelstrukturen Hans Döllgasts, mit denen in den 1950er-Jahren die kraterförmigen Kriegswunden der Alten Pinakothek geschlossen wurden. Die für dieses Verfahren typischen horizontalen Schichten entstanden durch die über mehrere Tage hinausgezögerten Betonierarbeiten. Resultat waren archaisch anmutende Oberflächen, die je nach Betonzusammensetzung, beigemengten Porphyranteilen und Austrocknungsgrad unterschiedliche Farbzusammensetzungen aufweisen. Dieses Sichtbarmachen der Arbeitsschritte relativiert die gewaltigen Abmessungen des Baukörpers und vermittelt Maßstäblichkeit und Wärme.

 

Der Hauptzugang zur HHF befindet sich – weit abgerückt von der Gabelsberger Straße – unverkennbar im östlichen Gebäudeteil, wo der schwere Sockel durch eine Glasfassade aufgebrochen wurde. Hinter der Verglasung liegt ein mit zahlreichen Treppen und Rampen als räumlicher Verteiler fungierendes Foyer, welches Kinobesucher und Studenten mit den gleichen, Werkstattatmosphäre vermittelnden Betonschüttlagen empfängt, wie sie bereits von den Außenwänden bekannt sind. Vom Foyer aus gelangen die Nutzer dann nicht nur in den südlichen Hofbereich, sondern über eine Himmelsleitertreppe auch unmittelbar ins Innere des Glasbügels. Eine Besonderheit der konventionell dreibündigen Regelgeschoße sind die in den Fluren sichtbaren, über alle drei Geschoße verlaufenden Sichtbeton-Fachwerkträger, welche im Verbund mit den Geschoßdecken eine überdimensionale Brücke ausbilden. Diese Konstruktion war erforderlich geworden, um sich von der nutzungsbedingt sehr unregelmäßigen Tragstruktur der unteren Ebenen unabhängig zu machen. Eine unaufgeregte, zweischalige Glasfassade mit flächigen, punktgehaltenen Paneelen bildet schließlich den oberen, mit dem massiven Sockel außen bündigen Gebäudeabschluss.

 

Im Zusammenspiel mit dem verglasten Foyer der HHF führt das Eingangsportal des Ägyptischen Museums zu einem gestalterisch insgesamt ausgewogenen Baukörper, der der Symmetrie der Alten Pinakothek Rechnung trägt. Jene mystisch sakrale Aura, die das Portal und der sanft abfallende Weg zum eigentlichen Museumseingang ausstrahlen, prägt auch die Ausstellungsräume. So gelangt man nach Passieren des Kassen- und Shopbereichs über eine Stufenrampe nach unten in den ersten Ausstellungsraum, den Skulpturensaal. Während sich die Besucher auf dem Weg dorthin einen ersten Überblick über das erstaunlich weitläufige Museum machen, entdecken sie einen Lichthof, dessen Einschnitt auf dem als weitläufige Rasenfläche konzipierten Vorplatz viele zuvor glatt übersehen haben dürften. Angesichts dieser Überraschungen umso überwältigender ist der Raumeindruck, der durch das gedämpfte Licht entsteht, das zwischen den im Grundriss dreieckigen, ebenso wuchtigen wie fragilen Sichtbetonstützen in den Innenraum eindringt. Böhm konzipierte diese Stützenreihe als Reminiszenz auf die dicht stehenden Säulenreihen ägyptischer Tempel. Und tatsächlich erzeugen sie ein sinnlich-subtiles Licht- und Schattenspiel, das je nach Standpunkt des Betrachters für immer wieder veränderte Raumeindrücke sorgt. Nach Umrunden des (frei zugänglichen) Lichthofes und einem verzweigten Rundgang durch insgesamt rund 4.000 Quadratmeter Ausstellungsfläche werden die Besucher aus der Unterwelt wieder in die gleißend helle Stadt aufsteigen.

 

Ägyptisches Museum und Hochschule für Film und Fernsehen werden zwar auf einer gemeinsamen Baustelle errichtet, sind gestalterisch und baulich jedoch vollkommen unabhängig. Lediglich im Westen gibt es einen Bereich, der im Unterschoß unter der HHF hindurch zu einem der Einzelbaukörper der Südseite führt – dort befindet sich die Museumsverwaltung. Was sie hingegen eng miteinander verbindet, ist eine grundsätzliche Zurückhaltung, die sich beispielsweise darin äußert, dass es neben dem immer wiederkehrenden Motiv der Beton-Schüttlagen keinerlei aufdringliche, grelle oder flirrende Hinweise auf die Gebäudenutzungen gibt. Die einst geplante Medienfassade an der HHF sei gestrichen worden, weil die Filmschaffenden nicht auf das flimmernd Kurzlebige und Ausschnitthafte Wert legen, sondern auf die Rezeption ganzer Filme, sagt Peter Böhm. Und beim Museum empfinden Verantwortliche wie Architekt das Portal als ausreichend prägnantes Landmark. Angesichts der unbegrenzten Möglichkeiten des Medienzeitalters könnte das HHF-Gebäude von manchem Kritiker als unangemessen zurückhaltend oder gar langweilig bezeichnet werden. Ihnen würde Böhm entgegenhalten, dass es im Film auch heute nicht nur um schnelle Schnitte, schrille Farben und laute Töne geht, sondern auch um so etwas wie „stille Poesie“. Und die hat mit den hyperaktiven Auswüchsen unserer Zeit nun wirklich nichts zu tun.

 

Roland Pawlitschko

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