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Delugan Meissl: Sozial, extravagant, individuell

28.09.2009

Delugan Meissl Associated Architects zählen zu den international bekanntesten Architekten. Mit ihrem bisher spektakulärsten Gebäude, dem Porsche­Museum in Zuffenhausen, werden sie weltweit gefeiert. Technisch komplex und räumlich ambitioniert zeigen sich ihre Bauwerke. Die Qualität ihrer Entwürfe entwickelt sich aus einer konsequenten Abfolge der Räume: einem Wechselspiel von Ruhe und Dynamik, einem Dialog von innen nach außen, von Intimität und Öffentlichkeit. ob sozialer Wohnbau, extravagante Dachausbauten oder futuristische Kulturbauten, die Individualität der Benutzer steht hier stets im Mittelpunkt.

Brigitte Amort im Gespräch mit Delugan Meissl Associated Architects

Delugan Meissl: "Ästhetik wird nicht ausschließlich durch die Hülle bestimmt, sondern gleichermaßen durch den Inhalt. Auch beim menschlichen ist es die Innere Ausstrahlung, die die Ästhetik ausmacht. Gleiches gilt auch für die Architektur."

Ihre erste Realisierung war ein Hochhaus, wie kommt man zu so einem Erstauftrag?
Elke Delugan-Meissl (E.D.M.): Wir hatten gemeinsam mit Michael Laudon den städtebaulichen Wettbewerb auf der Donauplatte gewonnen und in der Folge daraus zwei Aufträge erhalten: Den Mischek Tower und das Wohnbauprojekt Beam + lot 13. Erste tatsächliche Beauftragung war das Hochhaus.

Wie bewältigt man ein so umfangreiches Projekt als erste Bauaufgabe?
Roman Delugan (R.D.): Dieser Auftrag stellte für uns einen Sprung ins kalte Wasser dar, denn zu meiner Studienzeit war die Vorbereitung auf diese Art von Bauaufgabe nicht ausreichend. Wir konnten jedoch aus den Erfahrungen schöpfen, die Elke und ich in unterschiedlichen Aufgabenbereichen im Büro Holzbauer gemacht hatten.
E.D.M.: Die Herausforderung lag nicht in der Bauaufgabe selbst, sondern darin, diese mit Förderungsmittel zu realisieren. Wir sind mit viel Enthusiasmus an die Aufgabe herangegangen, haben versucht, neue Wege auf dem Gebiet des Wohnbaus im geförderten Segment weiterzudenken. Wir mussten aber auch schmerzlich erfahren, dass viele unserer Zugänge innerhalb des vorgegebenen wirtschaftlichen Rahmens nicht umsetzbar waren. Trotz allem hat der Bauträger Mut bewiesen, indem er uns als junges Büro mit wenig eigener Erfahrung beauftragt hat. Für uns bedeutete es eine große strukturelle und administrative Herausforderung, denn es galt dabei, den Bauherrn von unserer Kompetenz zu überzeugen.
Dietmar Feistel (D.F.): Ich denke, es war ein guter Start. Es ist nicht unbedingt richtig, dass man mit kleinen Projekten beginnen muss, um größeren Bauaufgaben gewachsen zu sein. Ich würde Studienabgängern empfehlen, gleich mit einem großen Wettbewerb zu beginnen, vielleicht gemeinsam mit einem Partnerbüro.

Beim Mischek Tower wurde letztendlich ein Großteil nicht umgesetzt, wie geht man als planer mit so einer Situation um?
R.D.:
Langfristig gesehen hat uns gerade dieses Projekt viel ermöglicht. Wir wurden aufgrund dieser Realisierung zu zahlreichen nationalen und internationalen Wettbewerben geladen und konnten dabei Erfolge erzielen.
E.D.M.: Wir hatten eine Infrastruktur aufgebaut und stellten uns die Frage, ob mit unseren konzeptuellen Vorstellungen und unserem architektonischen Gewissen eine Umsetzung überhaupt möglich sei. Es wurde schließlich ein gemeinsamer Weg gefunden, mit dem wir uns zum Teil doch identifizieren konnten.
D.F.: Ein heikles Thema: Es ist wichtig, den Punkt nicht zu überschreiten, ab dem man als Architekt nicht mehr hinter der Umsetzung seiner eigentlichen Entwurfsabsicht und seiner gestalterischen Überzeugung stehen kann.

Es war also eine Investition in die Zukunft?
R.D.: Richtig. Es war ein Prozess. Jetzt nach fünfzehn Jahren Bürozeit kommen wir langsam wieder dorthin, wo wir uns sehen und wie wir Raum verstehen.
E.D.M.: Damals wurden zwei Bauvorhaben parallel von uns betreut, wobei uns beim Balken zur Umsetzung unserer Entwurfsprinzipien größerer Handlungsspielraum eingeräumt wurde, daraus hatten wir wieder den Mut geschöpft, den Wohnbau ständig weiterzuentwickeln. Das Projekt Townhouse Wimbergergasse wurde schließlich von internationalen Medien wahrgenommen, was im Segment des geförderten Wohnbaus durchaus nicht selbstverständlich ist.

Ein lehrreicher Prozess?
E.D.M.: Ja absolut. Natürlich ist es spannend, ein Museum oder eine Konzerthalle zu entwerfen, uns ist es aber ein spezielles Anliegen, den Wohnbau dabei nicht zu vernachlässigen. Konsequent nehmen wir an Wohnbauwettbewerben teil, dies nicht nur aus einer sozialen Verantwortung heraus, sondern auch um aus der Erfahrung Potenzial für weitere Bauaufgaben zu schöpfen.
D.F.: In der Thematisierung des Raumes, im inhaltlichen Aufladen des städtischen Gefüges gilt es gleichermaßen, programmatische Initialzündungen zu erzeugen, um neue Nutzungen, Begegnungen und Symbiosen zuzulassen. Diese Parameter stehen bei unserer Arbeit im Vordergrund und gehen über die eigentliche Planung von Wohnbau hinaus.

In welche Richtung wird sich der Wohnbau entwickeln?
E.D.M.: Die Lebensgewohnheiten ändern sich kontinuierlich. Es gilt, sich an die sozialen Anforderungen der Zeit zu orientieren, Tendenzen gegenüber offen zu sein. Dieser Ansatz beginnt bereits im übergeordneten Kontext, beim Städtebau, der untrennbar mit Wohnbau verbunden ist. Die Vernetzung von Gebäuden mit ihrer Umgebung ist essenziell. Wohnbau verkörpert die Grundform der Behausung, die untrennbar mit dem Städtebau verbunden ist. Über das Schaffen von Wohnraum hinaus gilt es gleichermaßen jenen Raum zu gestalten, der sich im städtischen Gefüge daraus ergibt. Städtebau ist mit dem Skelett des Körpers vergleichbar, der das Rückgrat für alle weiteren Funktionen bildet. Unser Fokus auf diesem Tätigkeitsfeld entspringt der kreativen Herausforderung, neben wirtschaftlichen Parametern auch gesellschaftliche Entwicklungen und soziale Belange als integrative Elemente des Gesamtkonzeptes zu betrachten.
D.F.: Wir sehen die Architektur als Ritualisierung eines Dialogs. Unsere Intention zielt darauf ab, dass dieser mittels subjektiv erlebter Raumerfahrung verstanden und erwidert wird. Unterschiedlichste Parameter kommen dabei zum Einsatz, werden voneinander abgekoppelt, verändert und erneut zusammengefügt. Dabei entstehen neuartige Synergien, um Nutzeransprüchen gerecht zu werden.

Ihre Gebäude Ray 1 und das Porsche­Museum haben eine äußerst dynamische Form, ist diese aus einer Idee oder aus einem Prozess heraus entstanden?

R.D.: Wir sehen uns in unserer Arbeit der Wechselbeziehung zwischen Architektur und Wahrnehmung verpflichtet, verbunden mit dem Anspruch, diese zu verräumlichen und physiologisch wirksam zu machen. Im Gegensatz zu einer „dargestellten Form“ zeitgenössischer Architektur, die vorrangig auf das Auge und die Interpretation einer Bedeutung hin ausgerichtet ist, wird die „tatsächliche Form“ generiert, in ihrer physiologischen Wirkung auf Sinne und Körper mit dem Ziel, Regulator des Rhythmus des sozialen und individuellen Lebens zu sein. Natürlich gibt es auch eine Formensprache, eine Semantik, die aus diesen Inhalten entsteht. Die Umsetzung eines Museumsbaus in seiner Typologie war eine sehr reizvolle Herausforderung genauso wie die Aufgabe, durch eine Marke ausgelöste Emotionen in eine architektonische Sprache zu übersetzen. Das Museum ist ohne Zweifel neben Ray 1 eines unserer wichtigsten Projekte, denn stärker als bei vorangehenden Bauten hatten wir hier die Chance, unsere Auffassung von Architektur umzusetzen und Entwurfsideen in ihrer Gesamtheit zu entfalten.

Ihre Räume entstehen von innen nach außen?
E.D.M.:
Und von außen nach innen. Wir tragen neben der baulich-funktionalen Lösung in unseren Entwürfen auch einer individuellen Erlebbarkeit Rechnung und implementieren die sinnliche Raumwahrnehmung als relevanten und gleichberechtigten Aspekt des Entwurfsprozesses.
R.D.: Gebäude werden von uns als „Landschaft“ verstanden, als kontinuierliche und heterogene Räume, die Zonen unterschiedlicher Dichte und Nutzung aufweisen, deren Übergänge als Schwellen und Grenzen formuliert werden müssen. Die strikte Trennung von innen und außen wird in unseren Konzepten unterlaufen, sonst flache Fassaden entwickeln sich zu Räumen und werden benutzbar. Es geht um jene Gestaltung von Räumen, die individuelle Lebensgewohnheiten der Bewohner optimieren und über Standardlösungen hinausgehen. Unsere Projekte werden für einen spezifischen Ort entwickelt und erfüllen eine spezielle Funktion. Auf ebendieser Individualität basiert die Architektur, die wir verfolgen.
D.F.: Parallel dazu erforschen wir neue Materialien und versuchen, uns im Sinne einer optimalen Umsetzung ständig weiterzuentwickeln.

Sie nehmen an sehr vielen Wettbewerben teil, warum?
R.D.:
Wettbewerbe stellen die gängige Möglichkeit dar, Aufträge zu lukrieren. Bedauerlicherweise fehlt dabei die direkte Auseinandersetzung mit dem Bauherrn. Ein Gegenüber ist uns wichtig, um gemeinsam mit Enthusiasmus einen Entwurfsprozesse zu durchschreiten und ein optimales Ergebnis für eine spezifische Aufgabe zu erzielen. Diesen Weg durchlaufen wir derzeit etwa auf dem Gebiet des Industriedesigns mit einer Firma, die zur Entwicklung eines Designprojektes an uns herangetreten ist. Es kommt immer auf das persönliche Gegenüber an. Herrscht dabei Übereinstimmung und stimmen die Zielsetzungen beider Seiten überein, so führt das nicht selten zu einer Qualitätssteigerung beim Resultat.

Wo liegt der Unterschied im Entwurf von Architektur und Design?
R.D.:
Der Ansatz ist in beiden Disziplinen sehr ähnlich. Jede Aufgabe wird eingangs analysiert, um basierend auf neuen, daraus gewonnenen Erkenntnissen zu adäquaten gestalterischen Antworten zu gelangen. Dabei gehen Architekten ähnlich wie beim Entwurfsprozess von komplexen, räumlichen Zusammenhängen aus und setzten tatsächliche Struktur und Umsetzbarkeit eines Entwurfes bereits im frühen Entwicklungsstadium voran.

Das Porsche­Museum hat Sie noch mehr in die Öffentlichkeit gebracht, bringt Ihnen das konkrete Aufträge?
E.D.M.:
In der internationalen Wahrnehmung hat dieses Projekt zu größerer Bekanntheit unseres Namens geführt, was sich darin äußert, dass wir vermehrt zu internationalen Wettbewerben geladen werden. Neue Aufträge haben sich nicht unmittelbar daraus ergeben.

Gibt es Architektur für Publikationen und Architektur für Menschen, wie denken Sie?
D.F.:
Wir entwerfen sicher kein Haus, nur damit es sich gut publizieren lässt.
R.D.: Nein, sicher nicht, das wäre ja das Schlimmste. Unser Büro ist in verschiedenen Bereichen tätig, trotzdem haben wir uns und unsere Arbeit zu einem großen Teil dem sozialen Wohnbau verschrieben. Unabhängig von Funktion und Bestimmung ist es für uns wesentlich, stets inhaltlich befreit uns neuen Aufgaben zu nähern.
E.D.M.: Wenn man beispielsweise Ray 1, das Porsche-Museum, einen unserer Wohnbauten und den vor kurzem fertiggestellten FH Campus vergleicht, ist es nicht die spezifische Handschrift, sondern der Umgang mit der räumlichen Entsprechung, der Assoziationen mit dem Verfasser auslöst.

Was bedeutet für Sie Ästhetik?
R.D.: Ästhetik wird nicht ausschließlich durch die Hülle bestimmt, sondern gleichermaßen durch den Inhalt. Auch beim Menschen ist es die innere Ausstrahlung, die die Ästhetik ausmacht. Gleiches gilt auch für die Architektur.

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