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Der Architekten neue Räume

05.11.2018

Wenn Architekten in die Rolle der Bauherren schlüpfen und Räume nicht nur zum Arbeiten, sondern auch zum kulturellen Austausch, zum Kochen, gemeinsamen Essen, zum Chillen, zum Präsentieren und zum Feiern bauen. 

von Volker Dienst

Es ist noch gar nicht so lange her, da kannten wir durchdesignte Architekturbüros nur aus Hollywoodfilmen. Die Arbeitsrealität war nicht selten düster. Vergilbte, Rauch geschwängerte Wände, stickige Lichtpausenkammern mit ätzendem Geruch, von Rollensesseln durchgescheuerte Klebeparkettböden, weiße Tischplatten auf Holzböcken, 24-Gramm-Aquafix-Rollen, Rapidographen und diese kleinen Besen, die die Radiergummifussel und die mit Rasierklingen abgekratzten Transparentpapierteilchen so behänd auf den Boden beförderten. Und überall Papierrollen, Materialmuster und übervolle Aschenbecher.

In den 1990er Jahren verdrängten die Computer nicht nur Reißschiene und Tuschestift, sie veränderten die Arbeitswelten der Architekturschaffenden nachhaltig. Und nicht nur die Arbeitswelten. Durch die Computer hatte eine neue Generation von Architekten die Möglichkeit, aufwendige Arbeiten in einem Bruchteil der Zeit zu bewerkstelligen und konnte daher auch mit dem Bruchteil des früheren Architektenhonorars das Auslangen finden. Kaum ein Architekturbüro, in dem nicht bis tief in die Nacht voller Betrieb herrschte. Wer vor 22 Uhr schon nach Hause wollte, war ein „Looser“ und erntete nicht selten die verächtlichen Blicke der Kollegenschaft. Und am Wochenende wurden die Wettbewerbe gezeichnet – für viele die einzige Chance, an größere Projekte zu gelangen. Und trotzdem, gerade ab der Mitte der 1990er Jahre gründeten sich so viele Architekturbüros wie selten zuvor. Lustige „boy group names“ – selbstverständlich klein geschrieben und Four-Letter-Kürzel wetteiferten um Aufmerksamkeit. Die Namensgebung sowie die Wahl der richtigen Typographie für die „brand names“ entfachten deutlich öfter hitzige Debatten innerhalb der Partnerteams als etwa Businesspläne.

Viribus Unitis! 
Retrospektiv betrachtet konnte sich das Teamwork vielerorts deutlich besser durchsetzen als die Einzelkämpfer und Hohepriester der Architektur. Wettbewerbe wurden mit Pragmatismus und verblüffend schlichten Konzepten gewonnen – „kein Gramm Fett zu viel“. Die Büros wuchsen und wuchsen und mit ihnen ihre Aufgaben. Loftartige Industriebauten boten ausreichend Platz für die wachsenden Büros. Niedrige Mieten und viele Quadratmeter – da störten die Eisblumen im Inneren der Einscheibenverglasung und die dunklen, asphaltierten Toiletten wenig. Die Bialettis verdrängten unbarmherzig die Filterkaffeemaschinen und verzierten mit mokkafarbenem Sprühnebel ihre Umgebung. Der einsame Kämpfer wurde zum Rudeltier, und das Rudel rückte ob der feindlichen Bauherrenschaft oder im Kampf gegen Kammer, Verwaltung und Sozialversicherung in sogenannten „Architektenburgen“ näher zusammen. Noch heute sind in Wien die Mariahilferstraße 101 oder die Schottenfeldgasse 72 beliebte Kreativorte mit einer auffallenden Dichte an Architekturbüros. Abgesehen von legendären Architektenfesten mit rekordverdächtigem Bierkonsum versuchten einige Büros durch atelierübergreifende Kooperationen gemeinsam an größere Bauaufgaben heranzukommen. Der Erfolg ließ nicht lange auf sich warten. Aus „Emerging Talents“ wuchsen in der letzten fünfzehn Jahren immer größere Büros mit immer mehr Mitarbeitern. Erste internationale Erfolge stellten sich ein, und die Einkommenssituation verbesserte sich zusehends – zumindest jene der Gründungspartner, die zuvor jahrelang ausschließlich in Wettbewerbe und das gemeinsame Unternehmen investierten. Und mit dem Erfolg stellen sich auch neue Herausforderungen ein. Einerseits der Bedarf nach mehr leistbaren Arbeitsflächen sowie einer Strukturierung der Büroorganisation. Wie schaffe ich es, gute Mitarbeiter zu halten, die die Grundlage jedes erfolgreichen Architektur­büros sind? Und wie kann ich mich von den Mitbewerbern abheben?

Unterscheidung ist gefragt
Wahrscheinlich nicht die Ersten, aber in der Erinnerung des Autors evident, setzte sich das Grazer Architekturbüro INNOCAD, gegründet 1999, bereits 2005 mit dem eigenen Bürogebäude ­„Golden Nugget“ Ecke Schönaugasse und Grazbachgasse in Graz in Szene. Da für INNOCAD laut Eigendefinition „der kreative Prozess nicht beim Gestalten und Entwerfen aufhört“, wollte man selbstbewusst und  „abseits des klassischen Berufsbildes von Architekten neue Möglichkeiten für die Realisierung von Projekten“ erschließen – „mit zeitgemäßem Selbstverständnis, aktivem Zugang zum Markt und ausgeprägtem Sinn sowohl für die gestalterische als auch die wirtschaftliche Relevanz“. Flugs wurde 2004 die Firma „99 PLUS, Projektentwicklung und Bauträger GmbH“ gegründet und mit dem sechsgeschoßigen Stahlbetonskelettbau eine „dreidimensionale Visitenkarte“ gebaut. Die Gold glänzende Metallfassade entspricht der CI-Farbe von INNOCAD, und die eigenen Arbeitsräume sind prestigeträchtig in Gold und Sichtbeton inszeniert.

Menschen Raum geben
Menschen Raum geben will das 1998 in Wien gegründete Architekturbüro querkraft. Für 30 Mitarbeiter wurde eine Kreativwerkstatt gesucht – die Auftragslage war erfreulich. Als den Architekten die Location an der Wiener Börse angeboten wurde, wollten sie sich diese zunächst nicht einmal ansehen. Aber die Kombination von ­Theophil Hansen, einer brutalen Beton-Rippendecke von Erich Boltenstern aus den 1950er Jahren und einer pragmatischen Industriegalerie aus Stahl reizte querkraft. Mit zirka 740 Quadratmetern fast doppelt so groß wie ursprünglich gesucht, konnte das Architekturtrio getreu seinem Leitsatz: „Nicht auf die Hierarchie der Strukturen kommt es an, sondern auf die Hierarchie der Argumente“, den Vermieter mit einer fünfjährigen Mietvorauszahlung überzeugen, den lichtdurchfluteten Raum im Ringstraßenbau zu leistbaren Konditionen zu vermieten. Und so hieß es schon bald „querkraft geht an die Börse“. Die Galerieplattform dient aber nicht nur bürointernen Besprechungen und Präsentationen. Sie wird von querkraft als lebendiger Ort der Begegnung für öffentliche Veranstaltungen zum Thema Architektur und Baukultur zur Verfügung gestellt. Gesellschaftliches Engagement und die Förderung ganz junger Kollegen als Quelle der Inspiration und Zeichen eines kulturellen Selbstverständnisses.

Seit März 2017, nur ein paar Häuserblocks weiter stadtauswärts, haben es sich Caramel ­architekten (gegründet 2001) in den „17 Türken“ im 9. Wiener Gemeindebezirk auf drei Etagen und auf insgesamt 468 Quadratmetern gemütlich eingerichtet. Mit effizienten, kompakten Arbeitsbereichen sowie flexiblen Bereichen zum Werken, Kochen, Feiern, Chillen und Kommunizieren – „so verlockend großzügig, dass die Mitarbeiter nie die Dringlichkeit verspüren, nach Hause zu gehen“, wie sie anmerken. Im Eingangsbereich, gut vom Straßenraum eingesehen, liegt die Kommunikationszone mit Gemeinschaftsküche und großem Esstisch, der Platz für alle Büromitarbeiter bietet. Daneben gibt es noch eine intime Besprechungskoje mit versteckter Schlaf- und Ruhezone, wohin zuweilen die Chefs verschwinden. Wer schnell vom Arbeitsbereich im ersten Stock in den Kommunikationsbereich zu ebener Erde gelangen will, kann dies über eine große Rutsche in Rekordzeit bewerkstelligen. Das gesamte Kellergeschoß ist als Partylocation mit eigener Bar eingerichtet. Ein Umstand, der den Auszug aus der der legendären Schottenfeldgasse 72 in das selbst umgebaute ­Eigentumsobjekt attraktiv gemacht hat.

Gemeinsam Feiern
Das gemeinsame Feiern ist offenbar ein ganz wesentliches Element dieser Architektengeneration, nicht nur in Wien. LOVE architecture & urbanism wurde 1998 in Graz gegründet und übersiedelte ebenfalls 2017 in den „Wilden Mann“ in zentraler Lage nahe dem Jakominiplatz; Ein geschichtsträchtiges Haus, das von den Architekten für einen Bauherrn mit viel Feingefühl saniert und adaptiert sowie mit modernen Dachbodenwohnungen ausgestattet wurde. Der großzügige, zweigeschoßige Raum, in dem nun die Architekten werken, diente bereits als Ballsaal, als Konzertbühne sowie als Boxarena. Im Zuge der Ausbauarbeiten hatten die Architekten den Raum so lieb gewonnen, dass sie diesen kurz entschlossen anmieteten. Über eine weitläufige Treppe gelangt man zur oberen Galerie, die von LOVE ebenfalls für öffentliche Architekturvorträge und Diskussionen zur Verfügung gestellt wird. Caramel hat für seine Mitarbeiter eine Rutsche, LOVE eine große Schaukel. Zum Eröffnungsfest wurden die Räume im Erdgeschoß durch kunstvolle Projektionen und Lichtobjekte in einen surrealen Dancefloor verwandelt.

Alles isst Gut
So heißt die 200 Quadratmeter große Kantine für 60 Mitarbeiter im Erdgeschoß des Wiener Bürogebäudes von AllesWirdGut (gegründet 1999). Auch hier ist die Verwandlung eines Leerstands, allerdings weniger durch Lichtprojektionen als durch schlichte, offene Möbel aus Seekiefer gelungen. Die Räume können nicht nur als Küche für Mitarbeiter, sondern auch für Besprechungen und Veranstaltungen multifunktional genutzt werden. Das im April 2018 fertiggestellte Ergebnis ist ein atmosphärisch entspannter Raum, der sich für kleine Gesprächsrunden genauso eignet, wie für große Essen, Vorträge oder Feste. Und auch hier ein kultureller Mehrwert ebenso wie ein Gewinn für die Bürogemeinschaft. Denn laut AWG entstehen die besten Ideen bei gemeinsamen Mittagspausen, beim Zusammensitzen mit Kaffee und Kuchen oder auch beim verdienten Afterwork-Wuzzeln. Für die junge Mitarbeitergeneration haben die Work-Life-Balance ebenso wie der Spaßfaktor beim Arbeiten wesentlich an Bedeutung gewonnen. Gutes Essen durch eine eigens angestellte Köchin und inspirierende Gemeinschaftsräume sind heute wichtige Motivationsfaktoren. Und weil auch Partizipation großgeschrieben wird, durfte jeder Mitarbeiter seinen Lieblingsstuhl beisteuern. Diese Art der Zuwendung schafft nicht nur Gemeinsamkeit, sie unterstützt auch ganz wesentlich die Markenbildung moderner Architekturbüros.

Wem das noch nicht reicht, der darf sich schon jetzt auf die Eröffnung des Kreativclusters im Sonnwendviertel im Dezember 2018 freuen. Aus einem Wettbewerb hervorgegangen wird ein achtgeschoßiges Büro- und Wohngebäude mit dem Namen „Stadtelefant“ errichtet. Unter der Federführung von Franz&Sue Architekten (2005 bzw. 2009 gegründet und erst 2017 fusioniert) und in Kooperation mit PLOV, SOLID und A-NULL sowie weiteren Protagonisten entsteht an der Bloch-Bauer-­Promenade 23, ganz ohne Gold, aber dafür in schlichter Sichtbetonoptik ein Herzensprojekt, mit dem die Architekten „in Österreich etwas Neues wagen wollen. Wir Architekten wollen selbst Auftraggeber sein und gemeinsam ein Bürohaus bauen, das wir auch selbst nutzen. Ein Haus zum Arbeiten, in dem wir diskutieren und Wissen teilen können, mit einer öffentlichen Kantine für gemeinsame Mittagessen und einem Raum für Veranstaltungen.“ Ein ambitioniertes Projekt, für das die Architekten nicht nur in die Rolle der Auftraggeber schlüpfen mussten. Von Anfang an wird auch auf eine professionelle Kommunikation größter Wert gelegt. Im Erdgeschoß wird künftig auf 200 Quadratmetern für 60 Mitarbeiter täglich frisch gekocht, aber ebenso für Gäste und Anrainer. Als Küchenchefin wurde Barbara Chira gewonnen, die sich in Wien bereits mit ihrem Mittagstisch auf der Lerchenfelderstraße einen Namen gemacht hat. Der exzellente Kaffee wird von der kaffeefabrik serviert, und abends treffen sich dort Grätzl­bewohner und Kollegen zum Feierabendbier.

Ab Frühjahr 2019 sind regelmäßig Veranstaltungen geplant. Eine interdisziplinäre Belebung der Erdgeschoßzone, zu der auch zahlreiche Gäste eingeladen werden. „Es wird ein buntes und lebendiges Haus. Wir werden dort leben und arbeiten, Kaffee trinken, gute Mittagessen zu uns nehmen, Feste feiern und noch viele, viele Pläne schmieden“, liest man im professionell aufbereiteten Booklet. Vergesst Hollywood und seine Regisseure! Die Realität hat uns längst schon überholt!
 

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