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In der Ruhe fehlt die Kraft

29.05.2017

Philipp Buxbaum und Christian Kircher sind smartvoll Architekten. Aber das ­hören sie nicht gerne. Sie sehen sich lieber als großes Team; mit ihren Mitarbeitern, ihren Bauherrn – und Kollegen. Ihre Vorbilder sind daher eher im skandinavischen Raum zu suchen, wo es weniger Hierarchien und mehr ganzheitliche Architekturkonzepte gibt. Mit dem Projekt „Loft“ und „Markthalle“ in Salzburg sind sie gerade auf dem besten Weg, international Aufmerksamkeit zu erregen – und einen Architekturpreis nach den anderen zu bekommen. Mit dem FORUM sprachen sie über die digitale Generation, Kollegialität und Originalität.

Manuela Hötzl im Gespräch mit smartvoll Architekten

Ihr seid mit Ende 30 an sich schon ein junges Architekturteam – aber ihr seid bereits elf Jahre, seit 2006, selbstständig. Wie kam es zu ­einer so schnellen Bürogründung?
P.B.: Wir haben beide sehr früh angefangen, zusammenzuarbeiten. Nachdem wir Mitte 20 mit dem Studium fertig waren, haben wir einfach weitergemacht. Das war keine große Entscheidung. Aber ich persönlich wusste, dass ich mit Autoritäten nichts anfangen kann und nie in einem Architekturbüro arbeiten werde. Und ich glaube auch, dass es damals einen Paradigmenwechsel gab, keiner wollte mehr 90 Stunden pro Woche Selbstausbeutung betreiben. 

Woher kommt dann euer Berufsbild?
C.K.: Wir haben die Unwissenheit und sicher eine gewisse Naivität gebraucht, um ein eigenes Büro zu gründen. Es gab ja auch kein Know-how, auf das wir zurückgreifen konnten, weil wir kaum andere Bürostrukturen kennengelernt hatten. Außer aus der Ferne. In Wirklichkeit sind wir immer noch auf der Suche, aber so können wir uns schrittweise weiterentwickeln. 

Wie unterscheidet sich die Vorstellung von der Realität?
P.B.: Wir haben mit Bauchgefühl eine Absicht verfolgt, die mit jedem Projekt immer konkreter geworden ist. Viele Bereiche, von Bürostruktur bis zu PR, haben sich dann daraus entwickelt. Wir haben uns an alles langsam herangetastet – und versucht, unseren eigenen Weg zu finden. Für die Arbeit im Büro war sicher der größte Schritt, nicht mehr zu zweit zu sein, sondern mit Mitarbeitern.
C.K.: Ja, da konnte der Phillip plötzlich nicht mehr singen (lacht).

Heißt das auch, dass ihr von Beginn euren ­eigenen Stil verfolgt habt? 
P.B.: Unser Stil ist mehr eine Haltung. Das ist uns immer klarer geworden. Wir arbeiten an einem großen Tisch mit unseren Mitarbeitern und entwerfen nach inhaltlichen Schwerpunkten mit dem Potenzial der Partizipation. Am Anfang haben wir uns sicher an unseren Vorbildern orientiert, aber das ist längst vorbei.

Woher kamen eure Vorbilder?
C.K.: Wir wurden in der Blob-Phase sozialisiert und sind sicher Repräsentanten der digitalen Generation. Alles schien möglich. Im virtuellen Raum zumindest. Das einschneidenste Erlebnis aber war dann doch die – reale – Kunsthalle von Rem Koolhaas. Wie ich durch die Räume gegangen bin, dachte ich nur: „Mist, ich verstehe das Gebäude nicht.“ Man wandert durch, bekommt immer andere Eindrücke und wird stetig von neuen Räumen überrascht. Genauso war es mit der Villa VPRO von MVRDV. Wir denken in Räumen und versuchen, bei unseren Projekten keine Vorstellung zu haben, wie es am Ende aussieht. Die interessantesten Arbeiten sind immer die, die du dir am Anfang nicht vorstellen konntest. Ich glaube, wir versuchen in diesem Sinne, einen Prozess zu finden, immer weiter zu gehen und etwas zu finden, was wir davor noch nicht gesehen oder nicht erlebt haben. Und dabei hilft wieder das Experimentieren im virtuellen Raum. 

Die Markthalle ist ein gutes Beispiel dafür – und auch das Loft. Wie geht ihr jetzt an solche Aufgaben konkret heran?
C.K.: Wir sind Potenzialschnüffler und Vielprobierer bzw. Tester. Teilweise versuchen wir in hunderten Entwurfsiterationen verschiedenste Lösungsansätze miteinander zu verheiraten. Dieser Prozess eröffnet zwei aufregende Möglichkeiten für uns: Einerseits entwickelt man ein Gefühl für das Paradoxe, das einem erlaubt, scheinbar völlig gegensätzliche Dinge nicht nur nebenei­nander bestehen zu lassen, sondern aus ihnen eine distinktive Kraft zu schöpfen. Die Markthalle ist dafür ein perfektes Beispiel – sie ist komplett offen und dennoch kann man in ihr intime Momente erleben, sie ist ein Chaos, dennoch kann man sich in ihr gut orientieren, sie ist extrem pluralistisch gestaltet, dennoch hat man sofort das Gefühl, dass die Einzelteile Spieler einer Mannschaft sind. 

Und andererseits ...
C.K.: Andererseits kann man nach einer gewissen Anzahl an Experimenten nicht mehr auf sein Erfahrungswissen zurückgreifen – weil alles aus dem System geschwemmt ist, es gibt sozusagen kein Repertoire mehr, auf das man zurückgreifen kann – dann gibt es die Chance, Neuland zu betreten, dafür ist eventuell das Loft ein gutes Beispiel – nachdem wir uns entschlossen hatten, auf jedwedes traditionell obstruktives Element zur Raumzonierung zu verzichten (Wand, Decke etc...), mussten wir wohl oder übel etwas anderes austesten – das Resultat ist das Loft.
Ihr habt Lust an Komplexität?
P.B.: Prinzipiell sind wir dort am besten, wo die Antwort nicht nach drei Lösungsversuchen am Tisch liegt, je härter das Puzzle, desto mehr macht es uns Spaß, in dieses einzutauchen. Grundvoraussetzung für Vielprobieren ist Geschwindigkeit und die hat sich erst eröffnet, als wir nicht mehr physische Modelle, sondern digitale gebaut haben … Der amerikanische Unternehmer und Philan­throp August Heckscher hat das einmal so formuliert, dass in Zeiten voll Einfachheit und Geordnetsein der Rationalismus geboren wird, sich dieser aber in Zeiten der Umwälzung als unangemessen erweist – wir haben das starke Gefühl, dass wir Kinder einer der letzteren Phasen sind – und auch sein wollen.

Sucht ihr euch dann Wettbewerbe nach diesen Kriterien aus?
C.K.: Bei der Auswahl von Wettbewerben schauen wir definitiv darauf, was uns die Aufgabe bieten kann. Im Sinne von Freiheiten in der Ausschreibung. Das System ist einschränkend und ausschließend, wenn man nur ein paar Prozent von den Anforderungen an Flächen, Quadratmetern oder Kubaturen abweicht, springt die Ampel auf „Rot“. Somit wird die Architektur mit Excel-Tabellen gemacht. Gerade im Schulbau, aber auch bei Wohnbauten oder Altersheimen – wie kann man sich bei solchen Ausschreibungen mit etwas „Neuem“ durchsetzen? Die Parameter geben auf jeden Fall etwas anderes vor. Wir nehmen aber die Ist-Situation pragmatisch zur Kenntnis und versuchen, diese aktiv zu bereichern und – wo immer möglich – in eine andere Richtung zu beeinflussen.

Im Zeitalter der digitalen Medien und kurzen Aufmerksamkeitsspannen – fehlt es auch mehr an der Vermittlung für solche Projekte?
C.K.: Verkaufstechnisch? Ja klar. Natürlich ist es leichter, eine Box zu erklären. Wenn man aber das „Warum“ erklären kann, fällt der Zugang schon leichter. Das hängt sicher auch mit der kulturellen Basis zusammen. Wenn wie in Skandinavien auch eine liberale Gesellschaft da ist, die solche Projekte wertschätzt und fördert, ziehen auch Politik und Investoren nach.

Was muss passieren, damit mehr experimentelle Architektur entstehen kann?
C.K.: Das ist durchaus eine komplexe Frage bzw. verlangt eine komplexe Antwort. Wir verstehen grundsätzlich, dass man sich dafür auch unangenehmen Themen, wie dem Wettbewerbswesen, stellen muss. Was uns aber fehlt, ist ein Bekenntnis zur Architektur. Dafür braucht es natürlich den Nährboden, politischen Willen – und auch experimentierfreudige Investoren. Wir hatten bei der Panzerhalle so ein Bauherrn-Gegenüber. Aber wir brauchen auch ein Statement von Architektenseite. Da sind wir uns selbst der nächste. Wenn man bauen kann, wie viele unser Kollegen, fragt und hinterfragt man (sich) selten.

Aber die österreichische Architektur ist andererseits auch bekannt für expressive Formen ...
P.B.: Uns geht es weniger um expressive Formen als um das Gefühl, dass es in Österreich keine intakte Avantgarde gibt, die einen Gegenpol zur reaktionären, sich selbst wiederholenden Architektur“re“produktion bildet. Eine Gruppe Mutmacher und Visionäre, die inhaltlich gewillt ist, an der Kante zu operieren, experimentierfreudig ist und aus der Zukunft heraus handeln will, anstatt permanent bekannte Lösungen auf noch bekanntere Probleme anzubieten. Dokumentiertes Wissen und Erfahrungswissen sind die Wissensformen, derer sich die meisten Menschen bedienen – sie sind aber leider verdammt schlechte Ratgeber, wenn man versucht, Neuland zu beschreiten. Da braucht es mehr an „schöpferischem Wissen“, Mut zum Experiment und Menschen, die Risiko als Chance verstehen! Kollegen wie Hadid oder Delugan Meissl werden in Österreich zu oft in ihrem Potenzial beschnitten und auf ein Mittelmaß nivelliert – die aufregendsten Projekte dieser Büros werden unserer Meinung nach jedenfalls nicht in Österreich realisiert. Wir hätten gerne einen Wettbewerbsgewinner am Heumarkt, der ­William Alsop heißt. Diese Landschaft aus Pilzen wäre ein Statement gewesen. Schön wäre eine Diskussion, wie sich Wien städtebaulich und architektonisch weiterentwickelt – und nicht die Erhaltung des Status quo, der die nächsten 300 Jahre absichert. Wir wollen einfach diese Einfachheit aufbrechen. 

Auch eine einfache Form kann durchaus manchmal „richtig“ sein – oder eben im Inhalt komplex ...
P.B.: Definitiv. Uns geht es um Inhalt und nicht um Form.

Was wäre euer Wunschprojekt?
C.K.: Generell komplexere Aufgaben, die mit Freiheiten ausgestattet sind, Potenziale auszuloten und mehr Verantwortung beim Architekten belassen. Bei manchen Typologien, wie im Wohnbau, haben wir das noch nicht vorgefunden. Zumindest bis jetzt. So wie dänische oder holländische Büros Projekte entwickeln, neue Prototypen und Lebensmodelle – das würde uns natürlich interessieren. Experimente wären gefragt. In der Stadt, im Wohnbau – und dann kann man auch über Paragraphen sprechen, die das ermöglichen. Aber wenn man gar keine Vision hat, hört die Diskussion eben in der Excel-Tabelle auf. Jetzt sind die gestellten Aufgaben wie eine Entziehungskur von Architektur.

Fehlt die Lobby für gute, vielfältige Architektur in Österreich?
C.K.: Die fehlt sicher. Wir sind ein Land der Erbsenzähler. Wir brauchen mutige Bauherren und Architekturkollegen. Genügend „Best Practice-Beispiele“ wären hier förderlich. Diversität und Komplexität. Man muss sich wieder zutrauen, diese Aufgaben Experten zu übergeben – und nicht alles von vornherein auszuschließen – bzw. abzusichern. Man sieht ja schon an den Ausschreibungen, dass die Mehrheit von Angst getrieben ist.

Das klingt jetzt vielleicht etwas frustriert von der Situation in Österreich?
C.K.: Das wäre missverständlich. Wir haben sehr viel Spaß an unserer Arbeit – aber wir suchen die Projekte auch sehr gut aus. Wir wollen nicht „groß“ werden. Wir wollen Neues schaffen und neue Wege gehen, und dazu brauchen wir Menschen, die Spaß dabei haben, mit uns die weißen Flecken auf der Landkarte zu erforschen! 
P.B.: Es ist nur so, dass wir uns manchmal mit diesem Wunsch ein wenig alleingelassen fühlen.

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